Freiheit contra Sicherheit contra Zivilcourage

Vor wenigen Tagen beschützte ein 50jähriger vier Jugendliche davor, von drei jungen Männern erpresst zu werden – und wurde dafür von ihnen totgeprügelt.

Solche Ereignisse wiederholen sich.  Und auch die anschließende Diskussion.

Brauchen wir mehr Überwachung? Mehr Kameras? Mehr Sicherheitspersonal? Mehr Polizei? Oder höhere Strafen? Wie können wir verhindern, dass so etwas zukünftig wieder geschieht?

Die Wahrheit ist wohl eben so pessimistisch, wie realistisch: Vermutlich gar nicht.

Es ist belegt, dass höhere Strafen keinerlei abschreckende Wirkung haben. Es ist ja auch nicht so, dass sich die drei gesagt haben “Ach, dat gibt ja maximal 10 Jahre, wenn wir den tot schlagen, dat iset uns wert!”

Und die Sicherheitsdiskussion? Mehr Polizisten? Kameras?

Für mich ist die Frage nicht “Wie können wir verhindern, dass Unschuldige totgeprügelt werden”, sondern “Wie können wir verhindern, dass junge Männer überhaupt auf die Idee kommen, Kinder zu erpressen und andere Menschen zu verprügeln.”

Ich bin der Meinung, dass in der öffentlichen Diskussion am falschen Punkt angesetzt wird, nämlich den Konsequenzen. Diese jungen Männer sind aber nicht per se Totschläger, sondern sie haben eine Vorgeschichte: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit. Die Ursache. Hier gilt es, anzusetzen.

Wie?

Ich glaube, dass soziale Netzwerke heute weit wichtiger sind, als wir oft wahrhaben wollen. Engagement in einem Verein, der Kirche oder Ehrenamt sind nicht nur wichtig, um Verein/Kirche/… auszuhelfen. Es geht auch um uns. Um Perspektive. Einen Ort, an dem man seinen Platz kennt.

Bill Hybels, der Pastor einer Gemeinde in Chicago, hat dazu einmal geschrieben:

In unseren Kirchen lernen wir Menschen kennen, die zehn Stunden am Tag, fünf oder sechs Tage in der Woche einen Presslufthammer bedienen. Wenn sie abends nach Hause kommen, haben die wenigsten von ihnen das Gefühl von Vergnügen, Bedeutsamkeit oder Erfüllung erlebt, das ihnen in der Werbung versprochen wird. Es sind gute, gewissenhafte Menschen, und sie sind dankbar, dass sie ihre Jobs haben. Aber tiefe Befriedigung finden sie darin nicht!

Wir begegnen Autohändlern und Börsenmaklern und Maurern und Polizisten und Klempnern, die zwar ihre Jobs ernst nehmen und gut machen, aber ehrlich genug sind, zuzugeben, dass diese ihnen nicht das geben, was ihnen echte Befriedigung schenkt.

Manche von ihnen lieben ihre Arbeit richtiggehend; der Job spornt sie an und verleiht ihnen Energie. Doch die wenigsten von ihnen würden sagen: ,Genau darum geht’s im Leben: um diese Arbeit.‘

Durch die Gemeinde, durch unser Leben mit Gott können wir diese Menschen dazu einladen, sich von Gott in einer Art und Weise gebrauchen zu lassen, die sie sich nie erträumt hätten. Wir haben die unglaubliche Gelegenheit, ihnen dabei zu helfen, Gaben zu entdecken und zu entwickeln, von denen sie gar nicht wussten, dass sie sie haben. Wir können sie anfeuern, wenn sie mutig neue Herausforderungen anpacken und Aufgaben im Reich Gottes übernehmen, die ihre Herzen bis zum Überfließen füllen. Und wir dürfen den Ausdruck in ihrem Gesicht sehen, wenn ihnen klar wird, dass Gott sie gebraucht hat, um einen anderen Menschen zu erreichen.

 

Ich glaube, darum geht es letztendlich. Wir brauchen einen Platz, einen festen Ort, der uns entspricht, uns Perspektive und Erfüllung gibt. Ob in einer Gemeinde oder ehren-amtlich bei der Tafel, ob als Jugendtrainer im Fußballverein oder beim blauen Kreuz. Unsere Gesellschaft hat jetzt vierzig Jahre Individualität und Unabhängigkeit ausgelebt. Vielleicht ist es Zeit, nach Hause zu kommen. 

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  1. GENAU richtig! Unterschreibe ich gerne!

    Jedoch würde ich gerne noch einen Aspekt ergänzen:

    Welche Staatsanwaltschaft, welcher Richter in Deutschland traut sich endlich mal unterlassene Hilfeleistung mit Signalwirkung abzustrafen?

    Das weiteres Problem des erwähnten Falles liegt darin, dass er starb, weil andere nicht agiert haben, sondern sich nur abgewandt – oder besser schnell verdrückt haben – oder vielleicht sogar die Sache nur heimlich beobachtet haben.
    Sind wir so sehr ans Zuschauen gewohnt – als ob das Leben anderer wie an einem Fernseher vorbeizieht?

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