Worauf es ankommt… (1)

Eine Menge Freunde von mir stecken gerade in den Examensprüfungen. Mein Bruder macht gerade das Physikum. Mein eigenes Examen ist wenige Monate her.

Wenn man nicht mitten drin steckt, vergisst man leicht, wie viele schlaflose Nächte, welche Bauchschmerzen und was für furchtbare Gedanken einen durch diese Zeit begleiten.

Welche Fragen stellen die Prüfer? Was werden meine Freunde sagen, wenn ich durchfalle? Von dem Thema habe ich gar keine Ahnung! Die anderen haben soviel gelernt und ich hocke hier nur rum…! Wie stehe ich da, wenn ich durchfalle? Lieber Gott, ich verspreche dir, ich werde […], wenn ich nur durch diese Prüfung komme. Was werden meine Eltern / Geschwister / Kommilitonen denken, wenn ich durchfalle?

Wenn man in diesem Sumpf steckt, verliert man oft die Weitsicht. Wenn meine Studienkollegen durchs Examen fallen, verändert sich mein Bild von ihnen nicht. Und wenn mein Bruder durchs Physikum fällt, ändert dass nichts an meinem Respekt und meiner Liebe zu ihm.

Vor kurzem las ich die Geschichte von Joshua Bell, einem Violinisten. Vielleicht dem Violinisten schlechthin. Als er vier Jahre alt war, bemerkten seine Eltern, dass Joshua außergewöhnlich war. Schon in dem Alter liebte er Musik so sehr, dass er Gummibänder an einer Kommode befestigte und (in simpler Form) klassische Musik darauf spielte. Er veränderte die Tonhöhe durch das Herausziehen und Hineinschieben der Schubladen.

Heute ist Joshua Bell wohl einer der größten Violinisten der Welt, so sehr gefeiert, dass er eine Stradivari besitzt – eine 3 Millionen Euro teure Violine aus dem Jahr 1730 die wohl zu den besten, je gebauten Violinen gehört.

Eines Tages hatte jemand diese verrückte Idee.  “Was wäre, wenn Joshua Bell seine Stradivari nehmen würde und das Ave Maria spielen würde, eines der bekanntesten, bezauberndsten und schönsten klassischen Stücke der Welt. Und was wäre, wenn er das kostenlos täte, in einer U-Bahn-Station in Washington D.C.? Vielleicht mit einem Hut vor sich. Was würde passieren?”

Es wurden zunächst große Musiker, Meister ihrer Kunst gefragt, was sie erwarteten. “Wisst ihr”, sagten sie im Grunde, “selbst wenn Joshua keinen Eintritt verlangt, die Leute werden von dem Stück angerührt. Wenn der großartigste Violinist der Welt auf der besten Violine der Welt eines der schönsten Stücke der Welt spielt, dann wird das die Herzen der Menschen erreichen und sie werden freiwillig Geld in den Hut werfen. Massenhaft Geld.”

Also probierten sie es aus.

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