Unsterblich

Unsterblich

Meine Tochter hat ein Lieblingslied.

Unsterblich.

Von den Toten Hosen.

Das Lied läuft im Auto rauf und runter. Und von hinten kräht begeistert eine kleine Kinderstimme:

Ich will mit dir für immer leben,
wenigstens in dieser einen Nacht.

Mit dir hab ich dieses Gefühl,
dass wir heut Nacht unsterblich sind.
Egal, was uns jetzt noch geschieht,
ich weiß, dass wir unsterblich sind.

Am Dienstag dann plötzlich die Frage:

“Papa? Was heißt unsterblich?”

Ich denke nach. Es gibt so Vater-Tochter-Gespräche, bei denen man viel falsch machen kann. Hier ein Beispiel dafür.

“Weißt du, was sterben heißt?”, frage ich.

Nein.”

Wenn jemand tot ist.”

Verständnisloser Blick einer Dreijährigen. Sie denkt vermutlich an die Ameisen. Ich atme tief durch und entschließe mich, meiner Tochter den Tod ihres Lieblingshundes Tinka zu offenbahren. Dreimal hat sie ihn gesehen. Zuletzt vor einem halben Jahr. Und unbändig ins Herz geschlossen. Jedem gegenüber erzählt sie von “ihrem” Hund. Eine Woche ist Tinka jetzt tot und ich habe mich bisher nicht getraut, es ihr zu erzählen.

“Weißt du, Tinka ist tot. Die ist gestorben.”

Schweigen.

Ich fühle mich unwohl. Es dauert einen Moment, aber schließlich versteht meine Tochter die Bedeutung des Wortes. Und fängt leise an zu schluchzen.

“Kommt die Tinka wieder?”

Nein, mein Schatz. Nie mehr.”

Eltern können meist die verschiedenen Arten zu Weinen bei ihren Kindern unterscheiden. Es gibt genervtes Weinen, hungriges Jammern und Schmerzens-Heulen. Auf dieser Fahrt habe ich eine neue Art kennengelernt. Ein Kummer, der tief aus der Seele kommt. Tränen kullern ihre Wangen hinunter. Echte Trauer.

“Kann ich etwas für dich tun, mein Schatz?”

Kopfschütteln. Dann:

“Kannst du Unsterblich anmachen?”

Kann ich. Immer und immer wieder. Die ganze Fahrt.

 

Aber diesmal singt sie nicht mit.

2 Replies to “Unsterblich”

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