Reise in eine andere Welt

Reise in eine andere Welt

Am Montag war ich mit zwei Freunden in einer anderen Welt. Einem so fantastischen und rätselhaften Ort, dass ich – obwohl ich dort früher oft verkehrte – gedacht habe, ich würde ihn nie wieder sehen.

Bis Gestern.

Wir waren wirklich da.

In einem RPG-Tabletop-Fantasy-Comic-Laden.comic-book-guy-the-simpsons-406x600

Jeder kennt diese Läden.  Sogar bei den Simpsons gibt es sie. Im Schaufenster stehen hin und wieder komplette Ritterrüstungen, zumindest aber Pappaufsteller von Commander Riker, Gandalf und Darth Vader. Lilafarbene, irgendwie mittelalterliche (oder was man sich darunter vorstellt) Vorhänge fließen links und rechts hinunter und verteilen sich auf dem Boden. Nicht selten liegen zwanzigseitige Würfel in bunten Farben dort und zuweilen ist auch eine wüste Schlacht kleiner Fantasyminiaturen in einer atemberaubenden Miniaturlandschaft in vollem Gange.

Ich habe solche Geschäfte geliebt. Das Rom kleiner Jungs. Das Mekka aller Rollenspieler. Ein heiliger Ort. Unfassbar viel Geld habe ich den wenigen Auserwählten, die in diesen Shops arbeiten durften, geopfert in den Rachen geworfen. Beneidet habe ich diese Götter hinter der Theke, die alles kannten, alles spielten und genug Geld für jedes noch so seltsame Spielt hatten.

DSA, Star Trek CCG, HdR RPG. Ich hatte alles und wusste alles.

„Wann kommt der neue Supersonderband mit Extraregeln für Belagerungen im aventurischen Winter mit Sonderkarten des bornischen Waldes für Stadt und Burgen rund um Festum heraus?”

Solche Dinge kamen aus meinem Mund. Obwohl ich die Antwort natürlich kannte.

Jetzt, wo die auf DSA 4 umgestellt haben und FanPro die Produktion abgegeben hat, dauert das alles länger. Kann dir da leider keine Antwort geben.”

Zerknirschte Miene des Verkäufers.

Ich weiß es. Und er weiß, dass ich das weiß. Ich habe gestern erst gefragt. Aber es war cool, dass der Verkäufer mit mir geredet hat, wie mit einem Erwachsenen. Von Profi Nerd zu Profi Nerd. Und sonst hatte ich wohl auch niemanden zum Reden. Mädchen beeindruckt man mit Vermutungen über den Fortgang der Borbarad-Kampagne und Rohezals Schicksal eher nicht.

Und das “Kann dir da leider keine Antwort geben” des Verkäufers war nichts anderes als ein versteckter Code für: “Schau morgen wieder rein.”

Diese Dinge sind lange vorbei. Ich habe alles aus meiner DSA Sammlung verkauft. Alle meine Star Trek TCG Karten sind bei ebay vertickt worden.

Und gestern stand ich dann wieder in einem solchen Laden.

Die gleiche düstere Luft. Die gleichen abstrusen Comic-Hefte in den Auslagen. Ganze Wände voll winziger Miniaturen zum Selber-Anmalen. Auf einem Tisch lagen Spock-Ohren und Hobbit-Füße. Ich muss ein Prusten unterdrücken.

Wer würde sowas je anziehen?, denke ich. Und die Antwort schießt mir prompt ins Bewusstsein: Ich, einige Jahre jünger.

Ein Verkäufer, Mitte zwanzig lächelte uns irritiert an.

Kann ich euch helfen?”

Hier wird sich grundsätzlich geduzt. Erzähl niemandem, dass ich hier war, denke ich. Sagte aber nichts und schüttelte nur den Kopf. Der zweite Verkäufer, etwa vierzig, behält uns im Auge. Aus dem Kerker Keller dringt das Gejohle und Gekeife von Kindern. Den Klängen nach eine Warhammer 40K Schlacht. Der jüngere Verkäufer eilt nach unten.

Die ganze Zeit bin ich hin und hergerissen zwischen diesem vertrauten Gefühl von “Wow! Kenne ich! Hier war ich mal zu Hause!” und loslachen über Elfenohren, Hobbitfüßen und Dingen, die nicht mal ich kenne.

Schnell haben wir unseren Kram geschnappt und sind verschwunden.

Zum Abschied bekommen wir vom Verkäufer noch einen Flyer in die Hand gedrückt.

Ü30 Party – Samstag 24.10.09

“Sucht euch ne Freundin” denkt der Mann wahrscheinlich.

Und dankbar, wirklich dankbar, kehre ich zu meiner Frau und meiner Tochter zurück. Es gibt Reisen, fantastische Reisen, die möchte ich nicht mehr machen.

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