Aus dem Lehreralltag..?!

Ich bin eigentlich ein positiv gestimmter Mensch. Die meiste Zeit bemühe ich mich, die guten Seiten dieser und jener Aspekte zu betonen und das Potential in Menschen zu sehen, nicht so sehr die Probleme.
Aber es gibt Situationen, die mich dann doch vom Hocker hauen. Wie heute zum Beispiel.

Ich komme in “meine” Klasse rein und gebe nach der Begrüßung Termin und Inhalt der kommenden Klassenarbeit bekannt. Die Schüler nicken zufrieden. Ein, zwei Rückfragen ob dieses oder jenes abgefragt wird.

"Und hey”, schwöre ich die Schüler schließlich ein, “das wird die erste Klassenarbeit, die ich als Lehrer schreiben lassen darf und es wäre ja soooo cool, wenn ihr so richtig zeigen würdet, was ihr so alles drauf habt!”

Die Klasse fängt Feuer.

Denkt an die schriftlichen Übungen, die wir geschrieben haben”, erinnere ich sie, “ich hatte euch genau gesagt, was ich erwarte und diejenigen, die sich darauf vorbereitet haben, konnten mit dem Ergebnis auch echt zufrieden sein! Wir haben jetzt noch ein paar Tage Zeit und ich werde euch wieder genau sagen, was ich erwarte und was dran kommen wird.”

Strahlende Gesichter. Ja, die Schüler sind stolz. Sie empfinden die Klassenarbeit nicht als Notendruck, sondern als Chance, sich selbst und mir zu beweisen, dass sie richtig gut gelernt haben.

“Aber Herr Klinge”, meldet sich plötzlich ein Schüler, “wenn wir es schaffen, in der ganzen Klasse alle eine drei oder besser zu schreiben, feiern wir dann eine Party?”

Zwei Dutzend Augenpaare richten sich gespannt auf mich. Ich zögere bedeutungsschwanger zwei, drei Sekunden, als müsste ich die Entscheidung arg abwägen.

“Alles klar. Wenn ihr euch so reinhängt, dass ihr alle so gute Noten schreibt – dann feiern wir hier ein ordentliches Fest!”

Die Klasse jubelt.

Es sind Stunden wie diese, die einem den ganzen Tag verzaubern. Obwohl speziell diese Klasse wirklich konzentriert arbeiten kann, hohe soziale Kompetenzen aufweist und insgesamt leicht zu führen ist, haben sie heute noch eifriger, noch intensiver und noch konzentrierter mitgearbeitet als sonst. Ich habe den Eindruck, dass jeder einzelne Schüler erwartungsvoll und konzentriert in die nächsten Tage geht, der Blick auf die Klassenarbeit ist sehr positiv. Das ist… wow!
Natürlich gab, gibt und wird es auch andere Tage geben. Mit dieser Klasse und mit anderen.
Aber wenn die Kinder Schule nicht als gemeinen Institution begreifen, sondern als einen unglaublichen, fantastischen und manchmal merkwürdigen Weg ins Leben und wenn sie die Lehrer nicht als Handlanger des Bösen sondern als Stützen und Führer auf diesem Weg empfinden – dann ist Schule der großartigste Ort auf der Welt.

Positives.

In letzter Zeit muss ich viel an einen guten Freund aus Tübinger Tagen denken – denn dieser Freund hat mich unwahrscheinlich tief geprägt. Und je mehr Zeit verstreicht, je öfter ich darüber nachdenke, desto intensiver wird sein Einfluss auf mich.

Denn er hatte eine unwahrscheinlich konstruktive Art, mit Menschen umzugehen. Wann immer in seiner Gegenwart Dritte zum Gesprächsinhalt wurden, wann immer gelästert oder anderweitig schlecht geredet wurde, dann hatte dieser Freund eine sanfte, aber bestimmte Art, Gespräche in eine andere, positive Richtung zu lenken. Ohne die Lästerer bloßzustellen. Ohne das Lästern als solches anzuprangern.

Sanft.

Aber bestimmt.

Dabei war er kein lustiger Kasper, der in allem ganz naiv nur Tolles sah. Ganz im Gegenteil setzte er sich sehr kritisch mit Themen und Menschen meiner Gemeinde auseinander. Aber er tat das stets so, dass er das Ansehen Anderer respektierte.

Ich habe arge Mühe, ihm nachzueifern. Aber ich merke, dass der bewusste Verzicht auf Lästern, auf Schlechtmachen von Diesem und Jenem nicht einfach eine Kalenderweisheit ist. Oder ein moralisches Gebot. Es verändert mich. Und es verändert mein Umfeld.
Diesem Freund habe ich viel zu verdanken. Nur sehr wenige Menschen haben mich so sehr verändert, wie er.

 

Wo Menschen zusammenkommen, gibt es Reibungspunkte. Immer. Überall. In der Gemeinde. Der Schule. Auf pädagogischen Halbwochen. Immer sind Leute für unseren Geschmack zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu hässlich, zu dumm, zu merkwürdig, zu laut, zu leise, zu still, zu vorlaut.
Rob Bell schrieb einmal, dass der Tod Jesu uns dazu einlädt, bestimmte Aspekte unseres Lebens sterben zu lassen. Wir werden eingeladen, die zerstörerischen Teile zu begraben, damit neues Leben entstehen kann.

Lästern über andere.
Diesen Teil will ich in mir sterben lassen. Damit etwas neues entsteht. Etwas Positives.

Negatives.

Immer und immer wieder begegnen uns Menschen, die uns Kraft kosten. Nach deren Begegnung wir ausgelaugt sind und uns schlecht fühlen.

Und es gibt Orte, die uns abschrecken. Mit denen wir eigentlich nur Negatives verbinden. Gebäude. Situationen. Geschichte.

Ich bin wirklich schlecht darin, solche Dinge von mir fernzuhalten. Unliebsame Gespräche verfolgen mich oft bis tief in die Nacht und ich wünschte, ich hätte dieses oder jenes gesagt. Es fällt mir schwer, Orte und Situationen hinter mir zu lassen.

Warum ich das schreibe?

Weil es um Positives geht.

Pädagogische Halbwoche

Die vergangenen drei Tage haben wir, d.h. alle Lehramtsanwärter (LAAs) der Sek.1 aus dem Kreis Siegen gemeinsam verbracht.

Jugendherberge Freusburg
Jugendherberge Freusburg

Ein befreundeter Lehrer sagte mal, man solle Fazits (bei großen Gruppen) immer im Ausmaß einer SMS formulieren. Also dann:

Ich empfand die Zeit, die KollegInnen und die Erfahrung als unschätzbar wertvoll.

Nach nun knapp drei Monaten in diesem unglaublich geilen tollen Beruf empfinde ich einige Aspekte als entscheidend für meine Erfahrung. Das gute Verhältnis zum Kollegium ist so ein Beispiel. An der Schule bin ich da sehr gesegnet und dankbar – erfahren wir als Referendare dort doch jede Unterstützung, die man sich nur erträumen kann. Wir dürfen hospitieren, fragen, experimentieren, mitarbeiten, zugucken, reden, lernen, austauschen und und und. Alles, ohne dass ich auch nur einmal das Gefühl gehabt hätte, jemanden genervt zu haben.

Für die versammelte LAA-gruppe ist das etwas schwieriger: Wir sehen uns nur einmal die Woche, wir haben zwei getrennte Hauptseminare und unterschiedliche Fachseminare. Auch nach drei Monaten kennt man noch nicht alle Namen, was zu der immer gleichen skurrilen Szene führt:

Eine Gruppe von uns sitzt bunt zusammengewürfelt am Tisch. Alle gucken sich etwas unsicher ein, bis sich endlich einer traut: “Ey, sorry. Können wir einfach nochmal kurz unsere Namen sagen?” Alle grinsen erleichtert auf und nicken. Wie in der Schule gibt es in unserem Kopf immer diese Hemmschwelle, sich bloß nicht lächerlich machen zu wollen.

Ein wichtiges Ziel (vielleicht sogar das wichtigste überhaupt) dieser drei Tage waren sicher, genau diese Hemmschwelle zu senken. Und ich denke, dass ist auch gelungen.

Es wurde unendlich viel gelacht und Erfahrung ausgetauscht, Zeit verbracht und Sorgen geteilt. “Cliquen” wurden dezent aber deutlich immer wieder aufgebrochen und neu zusammengesetzt und am Ende habe ich unwahrscheinlich viel mitgenommen.

Zweifellos gab es auch kritisches, ausbaufähiges. Mit dazu gehört sicher auch die Leitung der Jugendherberge, die vermutlich einfach einen schlechten Tag hatte :-). Angesichts der Kunden Gäste (und wir vierzig Lehrer wären womöglich mit vierzig Schulklassen á 20 Schülern in den nächsten vierzig Jahren insgesamt zwanzig mal für drei, vier Tage vorbeigekommen – das sind dann zwei Millionen entgangene Übernachtungen…) hätte man sich da allerdings ein kooperativeres Verhältnis gewünscht.

Dies war jedoch keine Werbung für die Freusburg – schade, denn das Gebäude ist toll. :-(
(Update: Mittlerweile hat die Freusburg eine andere Leitung – wen wunderts…)