Du musst so nicht leben!

Vor einigen Jahren habe ich habe eine echt schwierige Zeit durchlebt: arbeiten, arbeiten, arbeiten, hetzen, arbeiten, andere Leute beeindrucken, arbeiten, hetzen, arbeiten. Hierhin, dorthin, dieses, jenes. Machen, machen, machen.

Ich musste jedem zeigen, dass ich besser, schneller, klüger, härter arbeitend war. Bis ich irgendwann kurz vor dem Burn-Out stand.

Und solange man nicht anhält und einen Schritt zu Seite geht, durchblickt man dieses Tempo nicht. Man hinterfragt sich nicht, warum man tut, was man da tut.

Ich verlor langsam aber sicher den Spaß an allem und jeden Sinn für die Leidenschaften meines Lebens. Ein Freund von mir – der die Art von Freund ist, den man sich nur erträumen kann –, lud mich zum Essen ein.

Und nach einer Weile sagte er “Du musst so nicht leben.”

Ich sagte: “Ja, klar. Weiß ich, weiß ich.”

“Nein, du musst so nicht leben!”

“Neee, im Ernst. Nächste Woche läuft es ruhiger, dann wird es wieder besser laufen. Ich meine.. ich habe einen Plan, um das wieder hinzukriegen.”

Und er: “Nein, du musst so nicht leben!”

Ich erwiderte genervt: “Ja, okay! Ich habe es gehört. Ist angekommen!”

“Du musst so nicht leben!”

“Alter…”, antwortete ich. “Ist ja gut jetzt!” Und dann sagte er es wieder.

“Du musst so nicht leben!” Und wieder.

“Du musst so nicht leben.”

Ich versuchte noch eine Weile ihm klarzumachen, dass ich seinen Standpunkt begriffen habe, aber er machte immer weiter und weiter. Irgendwann dann habe ich aufgehört, ihm zu widersprechen und habe angefangen, ihm zuzuhören.

Und er sagte es wieder. Und wieder. Und wieder.

„Du musst so nicht leben! Du musst so nicht leben. Du

musst

so

nicht

leben.”

Und noch während er es immer und immer wieder sagte, wurde es zu einer Art Mantra für mich.

“Du musst so nicht leben!”

Heute weiß ich, dass mein Freund für mich gekämpft hat.

Hast du so jemanden? Wir müssen nicht so leben!

Rob Bell.

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6 Responses to Du musst so nicht leben!

  1. Tamar says:

    Ich glaube, diesen Rob Bell muss ich mir mal zu Gemüte führen.

  2. Roland Bart says:

    Und wie lebt er jetzt? Was macht man, wenn es darum geht, den Job zu behalten oder zu verlieren? Wenn man nicht Lehrer im Staatsdienst ist, sondern Freiberufler? Wenn man die 50 überschritten hat, die Müdigkeit spürt und eine Familie zu ernähren hat?

    • Jan-Martin Klinge says:

      Bell hält bspw. konsequent einen Ruhetag in der Woche. Ohne Handy, Computer, Termine. Was man meiner Meinung nach tun sollte, wenn man müde wird? Etwas ändern.

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  4. Angela says:

    Allein die Überschrift macht mir Mut: „Du musst nicht so leben!“. Das ist ja das Problem, dass wir es meistens tun, weil wir uns selbst so wichtig nehmen oder uns treiben lassen, keine vernünftigen Konsequenzen ziehen. Ich kann auch ohne Probleme 60 und mehr Stunden arbeiten. Aber wem nützt das was?! Mal im Ernst. Auch Freiberufler können Nein sagen lernen. Pastorinnen auch.
    Das es scheiss schwer ist – keine Frage.

  5. rebis says:

    Danke – das passt genau zu diesen meinen Tagen!
    Es sich immer wieder vor Augen führen, dass ich nicht und niemals von außen dazu gezwungen werde, zu einem solchen Leben – dass ich „dagegenleben“ kann. Damit überhaupt erst ein Leben aus dem wird, was ich täglich treibe.
    In den Vorzeugniswochen immer schwer, sehr schwer. Aber es hier zu lesen, erinnert und ermutigt mich.

    Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig,
    ausser, wenn man sehr beschäftigt ist,
    dann braucht man eine ganze Stunde.

    (Franz von Sales)

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