Faktenwissen und Kompetenzen (Part II)

6. Juli 2010 4 Von Jan-Martin Klinge

Bei Maik Riecken habe ich heute einen Hinweis gefunden auf ein Interview bei fr-online.de. Der interviewte Didaktikprofessor Hans Peter Klein wird dort zitiert:

Ich werde heute eine empirische Untersuchung vorstellen, nach der wir in der neunten Jahrgangsstufe eines nordrhein-westfälischen Gymnasiums eine Abitur-Leistungskursarbeit Biologie haben schreiben lassen – ohne jede inhaltliche Vorbereitung. Das Ergebnis war erschreckend, denn zwei Drittel Schüler hätten die Abiturarbeit bestanden, einer sogar mit einer Eins.

Auch Herr Rau hat sich dieses Themas angenommen, wägt zwischen Faktenwissen und Kompetenzen ab und kommt zu dem Schluß, dass Faktenwissen bedeutsam ist, die Kompetenzorientierung aber in den Fremdsprachen durchaus vernünftig ist.

Ich würde beides sogar noch schärfer formulieren: Faktenwissen ist unabdingbar! Nicht unbedingt um Scherze und Andeutungen in Filmen und Büchern zu verstehen (was bedeutet 42?), sondern weil das Ziel der Schule sein muss, unsere Schüler zu mündigen Bürgern heranzuziehen. Mündigkeit aber setzt eine Allgemeinbildung voraus. Ich muss wissen welche Privilegien eine Demokratie mit sich bringt. Ich muss wissen welche Partei für welches Programm steht.

Ich vertrat früher auch die Meinung es reiche “zu wissen, wo es steht” – heute nicht mehr. Als Lehrer kann ich die Entwicklung an einzelnen Schülern beobachten, angefangen bei der Verweigerung, die einfachsten Dinge auswendig zu lernen bis zu der Beschwerde über die “unglaublich komplizierten Aufgaben”, weil sie die 81 nicht als Quadratzahl identifizieren können, was einen unendlichen Rattenschwanz an Problemen nach sich zieht.

Und erst wenn ich weiß, welche Auswirkungen der dauerhafte Konsum von Internet und Fernsehen auf meine Bildung und meinen Verstand haben, kann ich angemessen damit umgehen. Man muß einfach viel wissen. Erst wenn ich weiß, was ein Handy samt Vertrag kostet, kann ich angemessen über Kauf oder Nichtkauf entscheiden.

Aber.

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Aber: Die Kompetenzorientierung ist ebenfalls unabdingbar.
Kompetenzen sind im Bildungsjargon “Fähigkeiten und Fertigkeiten um etwas zu beherschen”. Der Inhalt rückt dabei in den Hintergrund, die Kompetenz in den Vordergrund. In der Mathematik geht es heute nicht mehr so sehr darum, dass die Kinder die Rechenregeln des Logarithmus beherrschen, sondern darum, die Kompetenzen Modellieren, Problemlösen und Argumentieren zu beherrschen.

Was uns zu der Leistungskursarbeit in Biologie zurückführt. Wenn zwei Drittel der Schüler die Arbeit bestanden hätten, lässt sich daraus schließen, dass die Arbeit viel zu leicht war.

Oder.

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Oder dass die Abiturarbeit Kompetenzen abfragt und kein Wissen, also Fertigkeiten und keine Fakten. Aus dem Ergebnis kann man auch zu dem Schluss kommen, dass die Schüler offenbar die nötigen Kompetenzen erworben haben, um die Aufgabenstellungen zu lösen. Ich finde das großartig – denn es impliziert, dass die Schüler nachdenken können. (Kritisch wäre es nur, wenn auch Nicht-Biologen die Abiturarbeit bestehen könnten – aber hier fehlen weitere empirische Daten (“jede Statistik” und so…))

Ich jedenfalls bin ein großer Anhänger von beidem: Faktenwissen und Kompetenzen. Ich setze schon bei meinen 6ern voraus, dass sie bestimmte Definitionen im Kopf haben aber ich bin um einen kompetenzorientierten Unterricht bemüht. Mir ist es langfristig wichtiger, dass die Schüler allgemein Probleme analysieren und in ihre Bestandteile zerlegen können, als dass sie die Antwort auf ganz spezielle Problemstellungen auswendig kennen.