Internet-Abstinenz – und täglich grüßt das…

Alle paar Monate Wochen wiederholt sich in den immer gleichen Zeitschriften ein bizarres Ritual: Einer der Journalisten entdeckt die wahnwitzige Möglichkeit, für ein paar Tage oder Wochen auf das Internet zu verzichten und einen Artikel oder gar Buch darüber zu schreiben. Der SPIEGEL widmete sogar Heft 29/2010 diesem Metier: “Ich bin dann mal off”. Sozusagen Rüdiger Nehberg light.
Aber wo letzterer beschreibt, wie man im Dschungel Beine amputiert und mit einem Esslöffel einen Blinddarm entfernen kann (bei jeder Pausenaufsicht sitze ich bereit…), sitzen sie nervös zitternd vor dem PC, weil sie schon drei Minuten lang nicht mehr den Posteingang auf neue Mails überprüft haben. Was ein Abenteuer!

Fazit eines jeden Berichts: “Ja, es geht. Und – ohhh – es tat sogar gut!”

Im Zuge meines Dänemark-Urlaubs durfte ich selbiges erfahren. EIn Häuschen am Fjord. Mit Garten. Ohne Internet. Und – ohhh – es tut überhaupt nicht gut. Im Gegenteil. Es nervt.

Nun mögen Journalisten eine besondere Berufsgruppe sein, die womöglich dankbar ist, einmal fernab von Computer, Internet und Handy zu existieren. Ich mag das gar nicht beurteilen – empfinde jedoch sowohl das Internet als auch Handy bzw. Computer als nützliche Werkzeuge im Alltag.

Auf sie verzichten? Wozu?
Mit der gleichen Motivation verzichte ich auf warmes Wasser, ein weiches Bett oder den elektrischen Strom.

Neulich las ich im SPIEGEL den romantisch verklärten Artikel einer einsamen Irin, die allein auf einer Insel irgendwo vor der britischen Küste lebt. Kein Strom. Kein Telefon. Kein fließend Wasser. Kein Klopapier.
Herrlich. Das pure Leben! Ohh – tut das gut! So gut, dass es ihr… niemand nachmacht. Außer vielleicht Rüdiger Nehberg.

Zu m(einem) Glück habe ich in Dänemark einige offene WiFi-Hotspots gefunden. So konnte ich meinen Geschwistern zumindest einige Fotos schicken und meinen RSS-Reader aktualisieren. Morgens beim Frühstück die neuen Artikel meiner Lieblingsblogs zu lesen fehlte mir ganz besonders.
Aber mal schnell googlen, ob und was es so in der Nähe gibt? Fehlanzeige. Schnell das Wetter für die nächsten Tage herausfinden? “Du kan tage af sted nu” grellt die Stimme der automatischen, dänischen Wettervorhersage aus dem Telefon. Vielleicht habe ich das aber auch missverstanden.

Insofern können mir die Journalisten mit ihren wöchentlichen “Ach herrlich, es geht auch ohne Internet”-Berichten gerne gestohlen bleiben.

Ja! Verzichtet! Verzichtet auf das Internet.
Und verzichtet am besten auch auf solche inhaltsleeren Berichte.

Und – ohhh – DAS würde gut tun!

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2 Responses to Internet-Abstinenz – und täglich grüßt das…

  1. Alexander Berger says:

    Sehr schön geschrieben. Mir geht’s ähnlich

  2. Jan-Martin Klinge says:

    Kaum geschrieben, schon tanzt der nächste Artikel herein…
    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,717384,00.html

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