Das Ringelmann-Experiment

So öde sich Sozialwissenschaft im Studium manchmal anhört, muss ich doch zugeben, dass gerade die Sozialwissenschaften mit die spannensten Experimente durchgeführt hat, die mir je begegnet sind. Man denke nur an das schaurige Milgram-Experiment, Walter Pahnke und Timothy Leary ließen Studenten einen Karfreitags-Gottesdienst unter dem Einfluß bewusstseinserweiternder Drogen erleben und das Stanford-Prison-Experiment ist nicht nur verfilmt, sondern auch durch die Folterungen in irakischen Gefängnissen wieder in greifbare Nähe gerückt.
Als ebenso aufschlussreich, wenn auch weniger morbide und moralisch fragwürdig erwies sich das Ringelmann-Experiment. Dazu ein kurzer Abstecher in die Mathematik.

Wenn ein Knecht in einer Stunde ein Feld bestellen kann, wie viele Felder schaffen dann acht Knechte in einer Stunde? (Dies ist keine Fangfrage). Natürlich acht Felder. Achtmal mehr Knechte schaffen achtmal mehr Felder.

So ist die Mathematik. Sauber. Klar. Und hat nichts mit der Realität zu tun.
Denn in Wirklichkeit schaffen die fünf Knechte keine fünf Felder. Sondern weniger. Deutlich weniger.

Ringelmann untersuchte Ende des 19. Jahrhunderts das Drückebergertum an einem ganz einfachen Prinzip: Er ließ zwanzig Studenten erst alleine und dann in Gruppen an einem fünf Meter langen Seil ziehen, dessen anderes Ende zu einem Kraftmessgerät führte – mit erstaunlichen Ergebnissen. Wenn zwei Studenten gleichzeitig an einem Seil zogen, leistete jeder durchschnittlich nur 93 Prozent von dem, was er vorher allein geschafft hatte. Bei dreien waren es noch 85%, bei vier 77%.
Und bei acht Studenten zog jeder nur noch etwa mit der Hälfte seiner Kraft. Dieses Experiment wurde vor einigen Jahren noch einmal wiederholt – nur der erste in der Reihe zog tatsächlich, die hinteren waren eingeweihte Komplizen und gaben nur vor, mitzuziehen. Und tatsächlich – abhängig von der Zahl der vermeintlichen Mitstreiter, reduzierte sich die Leistung des Probanden.

So etwas hat doch ganz tiefe Konsequenzen für unseren Alltag, nicht wahr?

Wieviel Leistung bringt den ein einzelner Spieler in einer Fußballmannschaft? Wie sehr strengen sich Schüler in einer dreißigköpfigen Klasse an? Wie verhält es sich mit den Mitarbeitern einer Gemeinde? Oder anders gefragt: Wie schaffe ich es, dass meine Mannschaft, meine Gemeinde, meine Schüler nicht nur mit 30% Leistung dahinvegetieren, sondern sich richtig reinhängen?  Das sich jeder Einzelne diese (unbewußten?) Drückebergerhaltung klar macht und dagegen ankämpft. Vielleicht sollten wir mal Jürgen Klopp fragen?
Ein alter Witz lautet: Team – Toll, ein anderer machts!

Ringelmanns Fazit seinerzeit ist heute wohl ebenso gültig: “Der Mensch ist faul. Besonders, wenn er glaubt, es wird nicht bemerkt.”

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3 Responses to Das Ringelmann-Experiment

  1. cspannagel says:

    „Man denke nur an das schaurige Milgram-Experiment“ – Ich dachte bis vor kurzem auch, dass man sich von dieser Art Experiment in der Psychologie aus ethischen Gründen verabschiedet hat. Nicht schlecht habe ich gestaunt, als ich in einer der letzten „Gehirn & Geist“ gelesen habe, dass es praktisch analog jetzt wieder durchgeführt wurde, im Kontext einer „Spielshow“: http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1040867

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