Ukobach und Ribesehl

Ukobach und Ribesehl

Ich bin ein Hörspiel-Fanatiker.

Ganz im Sinne Pavlovs bin ich seit frühester Kindheit darauf abgerichtet konditioniert, beim Klang eines Hörbuchs einzuschlafen. Und sehr zum Bedauern meiner Frau funktioniert das auch sehr gut. Kaum geht die Geschichte los, bin ich auch schon eingeschlafen – was zur Folge hat, dass ich am nächsten Abend alles nochmal hören muss. “Die Stelle hatten wir doch schon fünfmal”, stöhnt meine Frau regelmäßig.

IMG_0211Aus der Masse an Hörbüchern und Hörspielen stechen nur ganz wenige so sehr heraus, dass ich sie wieder und wieder höre. Eines davon ist “RUMO & Die Wunder im Dunkeln”. Obwohl ich eigentlich kein Fan von Dirk Bach bin, möchte ich ihm für die Lesung der Zamonien-Hörbücher die Füße küssen. Zamonien ist ein fiktiver, von Walter Moers erdachter Kontinent, der von einer Vielzahl aus der Weltliteratur entliehener Geschöpfe und eigener Fabelwesen bevölkert wird.

Und obwohl ich einen eReader besitze und eine Techniknutte begeisterter Anhänger digitaler Medien bin, habe ich mir dieses Buch und die anderen Zamonien-Bücher in der Hardcover-Version gekauft. Einfach so. Weil sie gut sind.

Rumo sticht als “Abenteuerroman” dabei besonders heraus, weil die Geschichte mittendrin und zwischendurch und am Ende aufgreift, was am Anfang mal irgendwo erwähnt wurde.  Weil es einen silbernen roten Faden gibt, dem man immer weiter folgen möchte und natürlich wegen des Humors. Besonders liebe ich Ukobach und Ribesehl, zwei kindliche (und feige) Einwohner von Untenwelt. Der eine Adlessproß, der andere Leibeigener und Sklave, die sich beide mit der gräßlichen Stadt Hel nicht anfreunden mögen.

Nach außen hin hielten sie den Anschein des Herren-Diener-Verhältnisses sorgfältig aufrecht, denn eine Freundschaft zwischen einem Helling und einem Homunkel war eines der größten Tabus von Hel, und deren Aufdeckung hätte Ribesehl den Kopf gekostet.

Wenn sie unter sich waren, wurden aus den beiden Freunden gefährliche staatsfeindliche Revolutionäre. Sie zweifelten an der Allmächtigkeit und Unfehlbarkeit der Gaunabs; sie schätzten die Vorgänge im Theater der Schönen Tode nicht als Kunst, sondern als Barbarei ein […]. Ukobach malte heimlich kleine Bilder, auf denen Hel lichterloh brannte, und Ribesehl verfaßte subversive Gedichte, in denen der König verspottet wurde. Stolz tauschten sie ihre Wekte aus, um sie danach ängstlich zu verstecken. Sie waren also nicht nur Rebellen, sondern auch Künstler und Philosophen, Freidenker und Visionäre.

Ich liebe diese Mischung aus Fantasy und moderner Sprache. “Subversive Gedichte”. Smiley mit geöffnetem Mund Noch deutlicher wird dies in der Geschichte über die Entstehung der Wolpertinger.

“Eines Tages aber kam Prinzessin Silbermilch an diesen Ort. Sie war ein junges Reh, das bereits einschlägige Erfahrungen mit bösartigen Daseinsformen hatte, denn sie war ursprünglich ein Menschenkind, das von einer heimtückischen Haselhexe in ein Reh verwandelt und am Saum des großen Waldes ausgesetzt worden war.”

Die Mädchen im Klassenraum seufzten. Die Jungs grinsten. Dieses Reh würde bald in Schwierigkeiten geraten.

“Prinzessin Silbermilch wußte nichts von der Mume mit den hundert Fingern, von dem Immerhungrigen Allesfresser, dem Mann ohne Gesicht, dem Bösen, Bösen Wolf oder der Waldspinnenhexe, also lief sie nichtsahnend in das schwarze Gehölz.”

[…]

“Die betagte Dame freute sich über den unerwarteten Besuch und bot dem Gast ein köstliches Gulalsch an, das über dem Kaminfeuer in einem Topf brodelte. Prinzessin Silbermilch lehnte dankend ab, weil sie seit ihrer Verwandlung Vegetarier war, aber sie nahm gerne Platz am wärmenden Feuer. Kein Problem, sagte die Großmutter, sie könne im Handumdrehen ein paar leckere Gemüsefrikadellen zubereiten, und machte sich gleich an den Herd.”

Vegetarier! Gemüsefrikadellen! Dazu Andeutungen wie die Leidener Männlein, kleine seelenlose Tonmännchen, die zu alchemistischen Zwecken in einer Nährlösung in kleinen Flaschen treiben und stets von innen an das Glas klopfen. Ich liebe die Wortschöpfungen von Walter Moers. Frostfratte. Fünkelzwerge. Roggenmume.
Dabei ist RUMO & Die Wunder im Dunkeln kein Kinderbuch – dazu ist es zu blutig. Da werden Arme abgehauen und Schädel gespalten, eine Menge Charaktere sterben im Verlauf der Geschichte.

Und trotzdem (oder gerade deswegen) ist RUMO eines der besten Bücher, die ich je gelesen/gehört habe. Großartig und ein tolles Buch zum Genießen über die Ferien.

(Wer es friedliebender mag dem sei “Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär” empfohlen und allen Deutschlehrern, Literaturkritikern und Universalgelehrten sei unbedingt “Die Stadt der Träumenden Bücher” ans Herz gelegt – eine Liebeserklärung an die Literatur!)

2 Replies to “Ukobach und Ribesehl”

  1. Da muss ich dir mal wieder voll und ganz zustimmen, Rumo ist mit Abstand das beste Buch vom Moers! (steht hier auch als Hardcover im Regal 😉 )
    Den Schrecksenmeister kann ich auch empfehlen, wunderbare Bilder eines bösen Wissenschaftlers 🙂

    1. Entgegen der allgemeinen Übereinkunft bin ich ein großer Fan von „Ensel und Krete“ – insbesondere die Lesung von Dirk Bach ist ein Meisterwerk. („Brummli Brummli Brummli…“ 🙂 )

      Der Schrecksenmeister hat mir nicht mehr sooooo zugesagt – obwohl es immer noch unbestritten toll zu lesen war.

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