Tagebücher zweier Krebserkrankungen

Tagebücher zweier Krebserkrankungen

Ich habe im letzten Jahr zwei Bücher von zwei Autoren gelesen, die beide an Krebs erkrankten, beide ein Buch darüber schrieben und beide schließlich an ihrer Erkrankung starben.

Die Rede ist von Randy Pauschs “Last Lecture – Die Lehren meines Lebens” und Christoph Schlingensiefs “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein”.
Randy Pausch war Hochschulprofessor und erlangte insbesondere durch die Aufzeichung seiner letzten Vorlesung Berühmtheit: Dort stand ein sterbenskranker Mann auf der ‘Bühne’, vollführte Liegestütze und demonstrierte der Welt seine Freude am Leben. In seinem Buch geht es – dem Titel entsprechend – viel um Kalenderweisheiten Lehren und Ratschläge, die Pausch uns vermitteln möchte. Selten erwähnt er seine Trauer und Angst, zum größten Teil wird alles mit einem Schmunzeln abgehandelt. Kern des Buches ist dabei das Motto von Walt Disney: “Wenn du es träumen kannst, kannst du es tun!”
Pausch will Mut machen seine Träume zu verwirklichen, volles und intensives Leben auszukosten und jeden Moment zu genießen. Dabei begegnet er seinem eigenen Tod durchaus mit der ein oder anderen Anekdote. Ja, habe ich gedacht, so müsste man der eigenen Sterblichkeit gegenübertreten: Mit einem Augenzwinkern und einem flotten Spruch auf den Lippen.
Diese Ruhe und Akzeptanz nehme ich Pausch in weiten Teilen ab. Ich glaube tatsächlich, dass er mit seinem eigenen Tod weitgehend rational umging und das diese “Lehren seines Lebens” ein aufrichtiger Versuch sind, ‘uns’ etwas mitzuteilen. Pausch widmet das Buch seinen Kindern, mit denen er gerne mehr Zeit verbracht hätte und denen er so viel mitgeben möchte, wie möglich.

Mir hat das Buch nicht gefallen. Aber dazu später mehr.

Gegen Ende des Jahres dann das “Tagebuch einer Krebserkrankung” von Christoph Schlingensief. Als digital Immigrant Nerd bin ich Schlingensief bisher gar nicht begegnet. Ich habe nie einen Film, ein Theaterstück oder eine Oper von ihm gesehen und kenne seinen Namen nur von jener Aktion, als er 1998 alle vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland dazu aufrief, gleichzeitig im Wolfgangsee zu baden um Helmut Kohls Feriendomizil zu überfluten.
Schlingensiefs Buch ist anders. Ganz anders. Deutlich direkter zum Beispiel. “Ach, Mann, ist das alles eine Kacke. So eine unendliche Kacke.”
Wer, wie ich, einen lieben Menschen an den Krebs verloren hat, der weiß, dass da nichts bleibt von Kalenderweisheiten. Oder Träumen. Da bleibt nur Kacke. Eine unendliche Kacke!
Schlingensief schreibt deutlich profaner, mehr über seinen Alltag, und wirkt für mich dadurch authentischer. Angst. Hoffnung. Bangen. Angst. Wut. Hoffnung. Erschöpfung. Frust. Angst. Keine romantischen Anekdoten und Weisheiten. Keine schöne Geschichte. Aber eine echte. Und immer wieder sind es einzelne Sätze, die besonders hervorstechen, die mir die Tragik der Erkrankung vor Augen führen. “Und ich lebe doch so gerne.”  Oder wenn er immer wieder mit Gott ringt und ihn anklagt wie damals Hiob: „Und das lieber, Gott, ist die größte Enttäuschung, dass du ein Glückskind einfach so zertrittst.“  Schlingensief ringt und kämpft und spuckt und hofft und bangt.

Beide Bücher haben sicher ihren Wert und sprechen mit ihrer unterschiedlichen Herangehensweise sicher verschiedene Typen an. Pauschs Buch war amüsant und tragisch zu lesen, ließ mich aber seltsam unberührt, distanziert zurück. Eine Sammlung von Hinweisen und Ratschlägen – nichts, was ich nicht schon hundertmal gelesen oder gehört hätte.
Schlingensief hingegen weckt bei mir die Erinnerung an die letzten Jahre. Das Hoffen und Bangen. Er schreibt, wie isoliert er sich fühlt, abgeschnitten vom Normalen, vom Alltag. Wie wir, die Gesunden, mit ihm, dem Kranken, umgehen. Ausweichen. Angst haben. Unsicher sind. Wie er von Tag zu Tag zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, guten und schlechten Tagen, Freude und Wut wechselt, ohne, dass er etwas dagegen tun kann. Wie er Pläne schmiedet und sie doch wieder verwirft. Sein Leben hinterfragt.

Meine Frau hat mich gefragt, warum ich es lese.

Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Es ist anstrengend und hässlich zu lesen, es weckt böse Erinnerungen und läßt einen traurig und wütend zurück. Vieleicht eine Form von Therapie. Eine Form von “sich erinnern”.

Ein grandioses Buch, weil es echt ist. Denn am Ende ist diese Krankheit vor allem eines: Kacke. Eine unendliche Kacke!

4 Replies to “Tagebücher zweier Krebserkrankungen”

  1. Ich kenne die beiden beschriebenen Bücher nur aus dem Feuilleton. Aber vllt. interessiert jemanden noch eines der folgenden Bücher:
    – Peter Noll: Diktate über Sterben und Tod.
    Ein Freund von Max Frisch. Erfährt, dass er Krebs hat und entschließt sich recht bald zum Verzicht auf Apparatemedizin. Zweifelnd, Selbstsicher, reflektierend, wertschätzend. Als Jurist kommen immer wieder auch berufliche Diktate dazu, die sich um das Leben im Allgemeinen drehen.

    (http://www.amazon.de/Diktate-%C3%BCber-Sterben-Peter-Noll/dp/3492257232/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1293885013&sr=8-1)

    – Sanftes Sterben: Was der Tod für das Leben bedeutet: Was der Tod für das Leben bedeutet. (sachbuch) von Anne-Marie Tausch und Reinhard Tausch (Taschenbuch – 1. März 1991)

    Das sind die beiden Tauschs, die man aus den Psycholoogie-Seminaren ggf. kennt. Die Frau verstarb an Krebs, ihr Mann forschte danach immer wieder zum Thema Sterben, Tod, Sterbebegleitung. Liest sich streckenweise wie Abstrakte verschiedener Diplomarbeiten, nichtsdestotrotz bewegend.

    Ein gutes neues Jahr!
    J

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: