“Schläge? Geschadet hat es mir nicht.”

“Schläge? Geschadet hat es mir nicht.”

Immer wieder gerate ich – ob als Pädagoge, als Vater oder als Internet-Surfer – in Diskussionen über die Frage nach der Berechtigung von Schlägen in der Erziehung.

Dabei fällt (mir) auf, dass sich zum einen oft Menschen an der Diskussion beteiligen, die selbst keine Kinder haben und dass die Art des Argumentierens oft an religiöse Foren erinnert: Es werden vor allem Gesetze zitiert und andere Diskutanten angeschnauzt:

“Wenn ich im Jugendamt sitzen würde, würde ich wirklich dafür sorgen, dass solchen Müttern die Kinder weggenommen werden.“  “Bei manchen Sachen,z.B. wenn er sich mal wieder absichtlich in die Hose gepinkelt hat,können das dann auch schonmal so 30-35 feste Klapse sein.” “Aber spinnst du? Son nen scheiß hab ich noch NIE gehört.Ich könnte bei deiner erzihung das blanke KOTZEN kriegen…” (Quelle)

Zunächst einmal ist die Gesetztesgrundlage relativ klar: Nach BGB §1631 “Inhalt und Grenzen der Personensorge” gilt

(1) Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.

(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

imageGrundsätzlich gilt also erstmal: Nein, Kinder dürfen nicht geschlagen werden. Und doch gibt es diese immer wieder kehrenden Diskussionen – die mit krasser Intensität ausgelebt werden. Und je deutlicher jemand seinen Standpunkt vertritt, desto mißtrauischer werde ich (meistens):  Wer kann sich schon ein zynisches Grinsen verkneifen, wenn wieder ein konservativer und “Homosexuelle heilender” Prediger dabei erwischt wird, wie er sich einen Callboy bestellt. Je konservativer und ereifernder, desto größer sind oft die eigenen Mißstände im Leben – zumindest meiner Erfahrung nach.

So schreibt beispielsweise Natascha Kampusch, die in einem alltäglichen kleinen Vorort aufwuchs in ihrem (bemerkenswerten) Buch, dass auch sie von ihrer Mutter geschlagen wurde.

Es war in dieser Zeit und in dieser Gegend nicht ungewöhnlich, mit Kindern so umzugehen: Im Gegenteil, ich hatte ein sehr viel »leichteres« Leben als manch andere Kinder in der Nachbarschaft. Im Hof konnte ich immer wieder Mütter beobachten, die ihre Kinder anbrüllten, zu Boden stießen und auf sie einprügelten. Das hätte meine Mutter nie getan, und ihre Art, mich nebenbei zu ohrfeigen, stieß nirgends auf Unverständnis. Selbst wenn sie mir in der Öffentlichkeit ins Gesicht schlug, mischte sich nie jemand ein.

Es scheint also ein Konsens darüber zu herrschen, dass Schlagen offiziell verboten, aber im Grunde schon okay sei. Und gerade im Kleinbürgertum („Was sollen die Nachbarn denken!“) scheint mir der Vordergarten oft wichtiger, als die Hinterfragung der eigenen Erziehung.
Wenn ich mich im Freundeskreis umschaue, entdecke ich unterschiedliche Erfahrungen – bei jenen, die als Kinder geschlagen wurden höre ich aber bemerkenswert oft den Satz: “Naja, geschadet hat es mir ja nicht, oder?”
An anderer Stelle schreibt Frau Kampusch übrigens:

Dazu kam eine alltägliche Form von Gewalt – nicht brutal genug, um als Misshandlung zu gelten, und doch so voll nebensächlicher Missachtung, dass sie mein Selbstwertgefühl langsam zerstörte. Unter Gewalt an Kindern stellt man sich systematische schwere Prügel vor, die zu körperlichen Verletzungen führen. Nichts davon habe ich in meiner
Kindheit erlebt. Es war diese fatale Mischung aus verbaler Unterdrückung und »klassischen« Ohrfeigen, die mir zeigte, dass ich als Kind die Schwächere war.

Ich selbst bin grundsätzlich (!) gegen jede Form von Gewalt in der Erziehung – allerdings bin ich auch in der glücklichen Situation, eine (von meiner Frau) toll erzogene Tochter zu haben, die mich bisher nie auch nur an den Rand meiner Geduld gebracht hat (nichtmal, als sie bewusst und wiederholt ihre Klamotten zerschnitten und die Wände angemalt hat). Ich habe meine Tochter noch nie geschlagen. Und ich beabsichtige nicht, dass zu tun. Trotzdem würde ich, um mal die besorgte Dame von oben zu zitieren keiner “Mutter die Kinder wegnehmen”, wenn es denn doch mal passiert.
Bill Cosby erzählt in seinem Buch “Fatherhood” die Geschichte seines Sohnes Ennis, der sich im Alter von 12 Jahren angewöhnte, seine Eltern zu belügen und Schulbriefe zu unterschlagen. Trotz der Beschwichtigung, er werde sich bessern, wurde die Situation eher schlimmer. “Warum hast du nicht getan, was deine Mutter dir aufgetragen hat?”, fragte Cosby seinen Sohn seinerzeit. “Ich hatte halt keine Lust”, rechtfertigte der sich am Telefon. “Alles klar”, erwiderte Cosby, “wie gefällt dir das? Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich dir ordentlich den Hintern versohlen!”
Wenig später war er wieder zu Hause und spät am Abend kam Ennis heim. Cosby schreibt, dass er durchaus von Zweifeln geprägt war.

I was a father with absolutely no batting average: I had never before hit him or any of the other children. Was I making a mistake now? If so, it would just be mistake number nine thousand, seven hundred, and sixty-three.

Sein Sohn beginnt zu betteln und gelobt Besserung. “Ich freue mich, dass du das so siehst”, erwidert Cosby, “aber ich habe dir ein Versprechen gegeben und du würdest den Respekt vor mir verlieren, wenn ich das jetzt bräche.

„Just turn around,“ I said. „I want you to know that this is a form of punishment I truly do not believe in.“
„I hate to see you go against your principles, Dad.“
„I can make an exception. I also won’t say that this will hurt me more than it will hurt you. That would be true only if I turned around and let you hit me. This is simply a barbaric form of punishment, but it happens to match your barbaric behavior.“

Und dann schlägt Cosby Ennis, der daraufhin anfängt zu weinen. ”Verstehst du jetzt, dass ich nicht will, dass du mich anlügst?” ”Oh ja, Dad”, schluchzt sein Sohn, “ich habe es nie besser verstanden!”
”Gut. Dann kannst du jetzt gehen.”
Ennis wendet sich ab, aber in diesem Moment schlägt Cosby ihn nochmal. Ennis schaut ihn entsetzt an, mit dem Blick eines Betrogenen. (“… with a look of having been betrayed…).
”Es tut mir leid. Ich habe dich angelogen… Willst du mich je wieder anlügen?”

Cosby schreibt, dass er auch im Nachhinein von Zweifeln geplagt war.

Could I have done anything else to put him on the road to righteousness? My wife and I spent long hours pondering this question. The problem was that the reservoir was empty: we had tried all the civilized ways to redirect him, but he kept feeling he could wait us out and get away with anything. And we loved him too much to let him go on thinking that.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was Natascha Kampusch erleiden musste und dem, was Ennis Cosby erfahren hat. Schläge gegen Kinder halte ich für grundsätzlich falsch und gehören nicht in die Erziehung – aber ich bin zu sehr Vater, als dass ich die Geschichte von Bill Cosby nicht nachempfinden könnte. (Buchtipp)

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