Sommergeschichten (2)

Sommergeschichten (2)

(Fortsetzung von Teil 1)

Meine Tochter war bereit, ihr Lieblingskuscheltier zu opfern, um uns zu helfen. Ich fragte mich kurz, ob ich bereit wäre, mein Handy zu opfern, nur weil meine Frau zu dämlich beschäftigt war, um an ein Kuscheltier zu denken.

Schäfi wurde zerschnitten. Carolina weinte bitterlich. Stofffetzen flogen umher. Beine, Ohren, ein Auge.

“STOP!”, donnerte ich (was in dem kleinen Hotelzimmer eher peinlich als beeindruckend klang). Meine Frau hatte das Schaf nichtmal angefasst. Es lag noch bei meiner Tochter. Puuhh.
Mit einem Blick auf die Uhr stand ich auf. Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff der neuen Bundesliga-Saison. Dortmund gegen Hamburg. Das würde was geben! “Ich gehe, und suche ein neues Kuscheltier. Ein Ersatz für Schäfi.”

“Wo willst du um diese Zeit jetzt ein Kuscheltier kaufen?” “Keine Ahnung”, grummelte ich missmutig, “aber wir können auf keinen Fall Schäfi zerfetzen.” Carolina sah mich dankbar an.

Und also ging ich.

In einer Tankstelle fand ich ein Ersatz-Schaf. Es war klein und süß und schnuffig – und es musste geopfert werden. Denn ohne zerfleddertes Schaf würde es keine Hochzeit geben. Das war völlig klar. Also kaufte ich es, trat aus der Tankstelle an die frische Luft… und warf das Schaf in den Dreck.

IMAG0262Ich trampelte darauf und sprang und kicherte irre und hörte erst auf, als ich aus den Augenwinkeln sah, dass der Tankwärter nervös telefonierte und mit dem Finger auf mich zeigte. Rasch packte ich das Schaf Opfer Kuscheltier und rannte davon. Hinter mir jaulte leises Sirenengeheul durch die Straßen.

Erschöpft kam ich im Hotel an und drückte meiner Frau das Schaf in die Hand. “Hier”, keuchte ich. Dankbar nahm sie es. “Das sieht ja schon ganz schön fertig aus”; meinte sie. “Aber das reicht leider nicht.”

Es gibt so Momente in einer Ehe, die einen innehalten und nachdenklich werden lassen, nicht wahr?
Der Augenblick, als meine Frau diesem armen Geschöpf ein Bein ausriß und ein Loch ins Ohr schnitt, ist so jemand. Seitdem lasse ich sie nicht mehr aus den Augen und habe stets ein ungutes Gefühl, wenn ich sie mit einer Schere sehe. Ein Bild des zerrupften Schäfchens kann und will ich meinen Lesern nicht zumuten. Es ist zu grausam. Seit jedoch versichert, es brach uns beiden das Herz.

Aber zumindest war die Hochzeit gerettet. So dachten wir jedenfalls.

(Fortsetzung folgt…)

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