Nennt mich konservativ…

Nennt mich konservativ…

2012-06-22 12.03.55Wie es der Zufall so will, war ich in den vergangenen Wochen auf mehreren Abschlussfeiern – und mir bot sich ein reiches Spektrum verschiedener (und doch immer gleicher) Varianten dieses Rituals.
Der Abschlussjahrgang meiner Schule hat eine vernünftige Feier über die Bühne gebracht. Keine richtig spektakulären Showeinlagen, aber vernünftig vorgebrachte Darbietungen: Zwei Musikstücke, ein Theaterstück und eine Präsentation. Davor und dazwischen und danach die Reden von allen möglichen wichtigen Leuten, am Schluss die Zeugnisse. Eine Abschlussfeier wie eine solide Folge von “Wetten, dass…!?” möchte man sagen.

Weil ich vor kurzem einen alten Studienfreund im Saarland besuchte, bin ich dann (eher zufällig) auf die Feier seiner Schule geraten. Und dieser Abschluss beschäftigt mich auch heute noch. Dabei hat mich nicht nur die Masse an niveaulosen lieblos gestalteten Beiträgen erschrocken, sondern z.T. auch der Inhalt.
In einem Videobeitrag wurde der Schulalltag nachgestellt und ein Lehrer der Schule bloßgestellt nachgeäfft. Und es gibt ja zwei Arten von Humor, nicht wahr? Dies war die böse Form. Nennt mich konservativ, aber so etwas geht gar nicht! Ich wäre am liebsten aufgestanden und gegangen. Das dann weitere Kollegen in dem Film auch noch mitgespielt haben, hat die Sache nicht besser gemacht. Wie kann man einen Kollegen in der Öffentlichkeit so bloßstellen? Egal wie viel Wahrheit da drin steckt. Und dies dann als Kollegium tolerieren bzw. unterstützen? [Man stelle sich bspw. einmal vor, eine Klasse würde einem Lehrer in einem solchen Beitrag ein Alkoholproblem andichten…]
Ein anderer Beitrag wurde vermutlich mit einem Siemens S71-Handy gefilmt – zumindest ließ Bild- und Tonqualität darauf schließen. Gefühlte 15 Minuten eine Aneinanderreihung von… ja, was eigentlich? Nichts. Schüler saßen da und machten lustige peinliche Geräusche und Grimassen. Das ganze dann mit verschiedenen Farbfiltern garniert. Und in verschiedenen Geschwindigkeiten. Weil eine Micky-Maus-Stimme so lustig ist. Und als wäre das nicht anstrengend genug, gab es am Schluss noch 5 Minuten Outtakes dazu.
Eine PowerPoint-Präsentation, in der jeder einzelne Schüler vorgestellt wurde. “Ja, dass ist der Sowiso, der ist total sympathisch und immer für einen Spruch gut.”  Das ganze dann 20 Mal. Danke!
Ein Theaterstück völlig ohne Inhalt. Völlig ohne Inhalt! Völlig. Schülerinnen standen herum und unterhielten sich über ihren Lippenstift.
Und nebenher und anschließend wurden die (nun ehemaligen) Lehrer frei heraus geduzt.
Ich frage mich, ob die sich nicht ein einziges Mal Feedback geholt haben? Ob denen nicht ein einziges Mal irgend jemand gesagt hat, dass sie sich deutlich unter Wert verkaufen.

Ich habe an meine Klassen gedacht. Jetzt und während des Referendariats. Nennt mich konservativ, aber ich hätte meinen Klassen “die Hölle heißgemacht”, wenn die einen Kollegen so vorführen oder solch besonders “lustige” Videos zeigen würden. Oder unvorbereitet ihre Klasse vorstellen und jeden als “sympathisch” bezeichnen. Warum keine Anekdote zu jedem? Oder irgendwas persönliches? Nennt mich konservativ, aber mich wird keine Abschlussklasse jemals frei heraus “duzen”. Das ist respektlos.
Natürlich war nicht alles so schlimm. Gelungene Tanzeinlagen und Lieder waren dabei. Tolle Choreografien, eine Einrad-Fahrerin mit unglaublichem Tempo und wirklich gut vorbereitete Reden. Aber am Ende bleibt bei mir vor allem das Negative hängen.

Dabei geht es ja gar nicht um eine Riesenshow. Ein gemeinsam gesungenes Lied. Ein witziges (!) Theaterstück. Ja, zieht die Lehrer durch den Kakao – aber liebevoll. Wertschätzend. Es ist wie in der Erziehung – das gemalte Bild des eigenen Kindes ist immer besser, als etwas Gekauftes.
Aber halbherzige Videos und PPPs… Spart es euch.

Oder bin ich zu konservativ? Bin ich zu anspruchsvoll?

12 Replies to “Nennt mich konservativ…”

  1. Du bist konservativ. Gut so.

    Oder anders gesagt: du bist im strengen Sinne gar nicht konservativ. Der aktuelle Trend geht nur Richtung „Stillosigkeit“.

    Ich bin auch konservativ (im o.g. Sinn). Und ich habe das Gefühl, dass viele meiner SuS das wertschätzen. Wertschätzung wertschätzen, sozusagen 😉

  2. Abschlussfeier … so blöd es klingt, die Schüler werden ins „Leben“ entlassen …
    Und das sollte gebührend gefeiert werden und mit dem nötigen Respekt. Niveaulosigkeiten sind da völlig fehl am Platz!!! Da bin ich dann wohl auch MEGA konservativ.
    Bei uns wird der offizielle Teil im Rathaus veranstaltet und dann gehen die Klassen … wohin auch immer. Ich war bei einer Klasse dabei, die hatten eine Fahrt in einem alten Bus zu den jeweiligen Grundschulen(!), die Lehrerin hatte für jeden Schüler eine Mappe gestaltet mit Schülerarbeiten, Bildern etc. Die haben sich gefreut wie kleine Kinder und es gab eine Menge Gesprächsstoff und die Feier im Fährgarten war dann ausgelassen aber völlig im Rahmen. Ein toller Tag und eine schöne Feier. Daran denke ich noch gern zurück.
    LG Annett

  3. Zu anspruchsvoll: nein. Herzblut hat bei uns die letzten Jahre gefehlt. Eine Zweiteilung in offiziellen und anderen Teil ist vielelicht hilfreich, wünsche ich mir jedenfalls.

  4. Das klingt ja grauenhaft.
    Da erinnere ich mich lieber an meine eigene Abschlussfeier zurück, bei der wir vom Schulleiter mit ernsten und optimistischen Worten auf unsere Zukunft eingestimmt wurden, in der uns eingebläut wurde wie wichtig es im stressigen Berufsleben ist sich „Freundschaften als konstante im Leben zu bewahren“. Dazu wurden von der Moderation noch Pleiten und Pannen von Schülern und Lehrern zwischen den verschiedenen Reden und Gesangsdarstellung eines Musikkurses eingespielt. (Hinterher fand immer eine anständige Party bis ca 4 Uhr statt.)
    Das was sie da geschildert haben ist allerdings respektlos.
    Allerdings als ich dieses jahr in meiner alten Schule zum Abschlussball ging gab es da Lehrer die mir explizit das Du angeboten haben und mich sogar gesiezt haben wenn ich einmal (aufgrund der Gewohnheit) wieder ins sie gefallen bin. Also beim duzen von Lehrern bin ich anderer Meinung, allerdings sollte der Lehrer einem das Du anbieten, alles andere ist unhöflich.

    1. Und das ist der entscheidende Punkt: hier ging das von den Schülern aus und das empfinde ich als unhöflich.
      Das ich irgendwann einigen Schülern das ‚Du‘ anbieten werde, kann ich mir vorstellen, aber nicht, wenn ich plötzlich geduzt werde. Da reagiere ich empfindlich. 🙂

      1. Naja, ich würde da mal nachfragen, ob das „Du“ wirklich einseitig von den Schülern ausging. Als ich 88 mein Abi gemacht habe, waren wir schon mit einigen Lehrern per Du.
        Einige hatten beim Eintritt in die Oberstufe die Kurse wählen lassen, ob sich Lehrer und Schüler Duzen oder Siezen, andere hatten schon vorher klar gesagt „Und sobald Du Dein Abi hast, bin ich auch Du!“.
        Ich denke mal, dass das mal wieder so eine unserer typisch saarländischen Eigenarten ist, die im restlichen Deutschland eher für Kopfschütteln sorgen 😉

  5. Es gibt doch diesen Spruch „Niveau ist keine Creme, und Stil ist nicht das Ende des Besens“.
    Getreu dem Motto „Es sinngt für Sie : Das Niveau“ sind doch die allgemeinen, völlig grundlegenden Umgangsformen flöten gegangen: Man grüßt nicht mehr beim Betreten eines Raumes, man hält dem Hintermann nicht die Tür auf oder hebt jemanden, der voll gepackt ist, den gerade heruntergefallenen Gegenstand auf oder macht einem älteren, gebrechlcihen in Zug oder Bus Platz. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich bin Mitte 30, liebe Hardrock und Heavymetal, trinke das Bier aus der Flasche – aber trotzdem habe ich mir ein Mindestmaß an zwischenmenschlichen Umgangsformen behalten, die ich heute meist bei volljährigen Mitbürgern überhaupt nicht mehr sehe.
    Wie soll dann mit einer „Mir doch egal“-Einstellung etwas auch nur ansatzweise akzeptables herauskommen ?

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