Deshalb investieren wir in Wissenschaft.

Deshalb investieren wir in Wissenschaft.

imageVor kurzem brachte der SPIEGEL einen groß aufgemachten Artikel über die (kostenintensive) Suche nach dem Higgs-Teilchen. Daraufhin waren im nächsten SPIEGEL einige Leserbriefe zu lesen, unter anderem auch folgender:

„Na toll, da werden Milliarden für Technik und hochbezahlte Forscher ausgegeben, um theoretische Physik zu suchen. Ergebnis: Sie haben das Higgs-Teilchen entdeckt! Na und? Helfen diese Milliarden, die Welt besser zu machen, Klimaveränderungen zu beeinflussen, Atomwaffen abzuschaffen, die Wirtschaft zu stabilisieren, den Hunger und die Armut der Welt zu bekämpfen? Was bringt den Menschen diese Entdeckung?“

Hendrik Mosel, Tinizara, La Palma (Spanien)

Ein berechtigter Gedanke, nicht wahr?

Und dazu eine Frage, die immer und immer und immer wieder aufkommt. Eine Frage, die ich auch Schülern immer wieder beantworten muss. Warum investieren wir Milliarden von Euro in die Grundlagenforschung der Physik oder die Erforschung des Weltalls?

Doch die Forderung, das Geld lieber in die Erde zu investieren, ist falsch. Und zwar in jeder Hinsicht. Und auch, wenn man die Tatsache außer acht lässt, dass bspw. die USA pro Jahr mehr Geld für klimagekühlte Zelte in Afghanistan als für die NASA ausgeben, oder wenn man ignoriert, dass der Umsatz der Zigarettenindustrie (allein in Nordamerika) mehr als fünfmal so groß ist wie das Budget für die Erforschung des Weltalls und auch wenn man weglässt, dass die GEZ pro Jahr fast achtmal soviel Geld  zur Verfügung hat, wie das CERN – selbst dann ist diese Forderung falsch.

Warum?

Weil jeder Cent, denn wir in die Wissenschaft, in die Grundlagenforschung oder in die NASA stecken zigfach zurückkommt. Und nicht nur in Euro und Cent. Und weil Teflon und Golfbälle als Nebenprodukte schon einige Male durch die Medien gedreht wurden („Aber funktioniert die Welt nicht auch ohne teflonbeschichtete Pfannen und Tiger Woods?“) ein Beispiel, welches deutlich seinen Nutzen zeigt:

Das Bild zeigt einen relativ neu entwickelten Typus einer Antriebsrakete, entwickelt von der Firma Orbitec, die der NASA zuarbeitet.

Normalerweise wird dabei Kraftstoff in eine Brennkammer eingeblasen. In dem entwickelten Typ wird dies jedoch auf so geschickte Weise getan, dass dabei ein Wirbel entsteht, der die entstehenden Strömungen auf die Mitte der Brennkammer lenkt. Dadurch bleiben die Wände der Kammer kühler.

Ja.. und?

Diese Technologie lässt sich nun für die Brandbekämpfung einsetzen: Mit neu entwickelten Düsen waren weniger Feuerwehrmänner imstande mit deutlich weniger Litern in deutlich kürzerer Zeit einen großen Brand zu löschen (1 min 45 Sekunden & 830 Liter Wasser vs. 17 Sekunden & 50 Liter Wasser). Dies macht die Brandbekämpfung schneller und sicherer.

Vor vierzig Jahren diskutierte man über den Sinn der bemannten Mondlandung mit den gleichen Argumenten und heute bestimmen Computer und Internet die ganze Welt.

Vor wenigen Tagen haben deutsche Forscher einen Transistor aus Graphen entwickelt – Graphen ist sozusagen ein mikroskopischer Honigstock aus Kohlenstoff – was uns ziemlich coole Möglichkeiten eröffnet, Computer weiterzuentwickeln. Für die Entdeckung von Graphen gab es erst 2010 den Physik-Nobelpreis.
Die NFI in Livermore hat vor wenigen Wochen einen Laser entwickelt, der in seiner Leistungsfähigkeit alles bisher gesehene in den Schatten stellt. Solche Leistungen braucht man u.a. für die Entwicklung der Kernfusion.

Letzten Endes aber geht es doch um das Wissen selbst, oder? Hätten die Spanier 1490 nicht viel Geld in ihre Seeflotte investiert, wäre Kolumbus nicht nach Amerika vorgedrungen. Sollen wir wirklich am Ufer stehen bleiben? Wollen wir tatsächlich in Platons Höhle sitzen bleiben, aus Angst vor dem, was uns draußen erwartet?

Nicht im Ernst!

Diese Welt will erforscht und verstanden werden. Von kleinen Kindern im heimischen Garten genauso wie von großen Kindern in gigantischen Teilchenbeschleunigern.

Und zum Schluss: Wer ganz gut englisch versteht und wissen möchte, warum das Higgs-Teilchen so wichtig ist, dem sei dieses 3-Minuten-Video anempfohlen: [Link]

Und wer noch tiefer verstehen will, was das Higgs-Feld genau macht, eine kurze Fortsetzung hier: [Link]

Einfach großartig. Ich wünschte, ich würde es verstehen 😉

3 Replies to “Deshalb investieren wir in Wissenschaft.”

  1. Hej,

    Der Horizont ist so weit, wie man blicken kann.

    Ich stimme dir voll zu, ohne das Verstehen der Grundlagen würden wir nur nach Probieren und Irrtum etwas umsetzen, aber nicht verstehen wieso. Schönes Beispiel ist die Entwicklung des (Kirchen)baus im Mittelalter. Die Leute konnten die Gebäude bauen, aber vielfach hat sich erst beim Bau herausgestellt, dass es fehlerhaft geplant war. Und warum? Die Berechnungen beruhten auf Annahmen und Vermutungen und nicht auf die Grundsätze der Baustatik. Erst diese Systematik ermöglicht es uns ja, so etwas wie den Gotthart-Basistunnel zu konstrukieren.
    Persönlich denke ich, dass Grundlagenforschung alleine nichts bringt, es muss der Transfer stattfinden, denn Wissenschaft sollte immer zum Wohle der Menschen sein. Durch den Transfer nützt es den Menschen und wird auch wertgeschätzt (wie das berühmt Teflon (Hat sich auch langsam durch die Keramik überholt …)).
    Dies kann der Wissenschaft angekreidet werden. Solange Sie es nicht schafft, ihre „Produkte“/“Botschaften“ zu „verkaufen“, solange werden auch solche Leserbriefe veröffentlicht. Deswegen trägt jeder, er, die Wissenschaft, die Medien, du, ich, …. seinen Teil an dieser Informationspolitik und Meinungsbildung.
    Ein ganz anderes Feld ist ja die Firmenforschung, wo Studien mit negativen Ergebnissen weggeschlossen werden.
    Oder auch, dass Wissen Macht ist. Aber wenn die Konsumenten schön die Produkte kaufen, möchte man sie ja nicht mit negativen Studien oder unnötigen Wissen, wie verständlichen Kalorientabellen verwirren… (Ok ich schweife ab, dies ist schon Anwendung von Wissen & Forschung)

    Also in diesem Sinne, für unabhängige, transparente (Grundlagen/Transfer)-Forschung!

    Grüße Sven

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