“Papa, was ist ein Negerkönig?”

Aus aktuellem Anlass.

Neulich sahen Carolina und ich ihrem großen Vorbild Pippi Langstrumpf bei allerhand Unsinn zu. Pippi vereinigt alle Eigenschaften in sich, die sich Kinder wünschen. So hat sie ein eigenes Pferd, das sie auch hochheben kann, da sie das stärkste Mädchen der Welt ist. Sie lebt ohne Eltern in der Villa Kunterbunt und kann tun und lassen, was sie möchte. Und sie hat einen Vater, Ephraim Langstrumpf, den König von Taka-Tuka-Land.

“Papa, was ist ein Negerkönig?”, fragt mich meine Tochter.

Was soll man darauf antworten?

Kurz erwog ich, alle Pippi Langstrumpf Episoden samt Bücher in den Müll zu werfen – konnte mich aber nicht wirklich durchringen. Ist das rassistisch? Ich denke ja. Aber wie soll man damit umgehen? Es sind ja trotzdem liebevolle Kinderbücher. Oder?
Wenig später las ich meiner Tochter völlig unbedarft das Buch “Die kleine Hexe” von Otfried Preussler vor.

“Die kleine Hexe freute sich über den prächtigen Schneemann und über die Kinder. Am liebsten hätte sie mitgetanzt. Aber da kamen mit einemmal aus dem nahen Wald ein paar große Jungen hervorgestürmt,  sieben an der Zahl. Die stürzten sich mit Geschrei auf den Schneemann und warfen ihn um.
[…]
Wer weiß, was sie sonst noch mit ihnen getrieben hätten, wenn nicht die kleine Hexe dazwischengefahren wäre.
„He!“ rief sie zornig den Bengeln zu. „Wollt ihr die Kinder in Ruhe lassen! Ich wichse euch mit dem Besen durch, wenn ihr nicht aufhört!“

Bitte… was?
Hier haben wir zumindest ein anschauliches Beispiel einer Pejoration für den Deutschunterricht. Ich kann mir nichtmal im Ansatz vorstellen, was die kleine Hexe mit dem Besen anstellen wollte Winking smile.

All diese Beispiele führen mich aber zu einer berechtigten Frage: Müssten all diese Kinderbücher einer Generalüberholung unterzogen werden? Oder muss man sie im zeitlichen Kontext lesen? Gilt der Rassismus-Vorwurf in gleicher Weise Star Wars? Oder auch hier die historische Entstehung? Was ist mit der Bibel?

Dem “kleinen Wassermann” wird von seinem Vater zwischendurch ordentlich der Hintern versohlt. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht mehr zeitgemäß. Sollte der kleine Wassermann in einer überarbeiteten Version lieber zwei Wochen Facebookverbot bekommen? Sollte Ephraim Langstrumpf der demokratisch gewählte Präsident der freien Republik Taka-Tuka werden? (Die kleine Hexe lassen wir einfach mal raus Winking smile)

Ich glaube nicht, dass man es je allen wird rechtmachen können – unterschiedliche Empfindsamkeiten diesbezüglich finden sich wohl unabhängig von der Hautfarbe – aber ein Bewußtsein auch für leichte Formen des Rassismus ist sicher vernünftig. Inzwischen streichen die Verlage ja missverständliche Worte. Das aber wirft bei alten Hasen wie mir die Frage auf: Wird es irgendwann (auf dem ‚Schwarz’markt) eine „Neger-Edition“ von Pippi Langstrumpf geben? Und eine Wichs-Edition von der kleinen Hexe? Für Fans der alten Schule?

kleine Hexe

Carolina habe ich schließlich das einzig Vernünftige geantwortet, was mir in dem Moment eingefallen ist.

“Wollen wir gleich Bibi und Tina gucken?”

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22 Responses to “Papa, was ist ein Negerkönig?”

  1. Jörg S says:

    Schöner Artikel 🙂 Im Hinblick auf die Diskussion um die Negerküsse, könnte man doch Pipis Papa einfach zum „Schaumkönig“ ernennen, damit hätte man dann auch die eigentliche „märchenhafte“, „romantische“ Vorstellung des Negerkönigs besser getroffen…
    Aber ernsthaft: Ich denke, dass „Pipi Langstrumpf“ die Botschaft, dass alle Menschen gleich sind und man respektvoll miteinander umgehen sollte, äußerst gut ‚rüberbringt. Die Frage nach dem Negerkönig würde ich daher eher als Chance für die Gegenwart sehen, über solche Veränderungen zu sprechen.
    Als weiteres Beispiel fällt mir da „Huckleberry Finn“ ein, da ist es noch etwas krasser…
    Schöne Grüße
    Jörg

  2. doncish says:

    Das mit der Wichse ist sogar noch gebräuchlich, zum Beispiel bei meinen Großeltern und Tanten/Onkeln: http://de.wikipedia.org/wiki/Wichse. Würd‘ ich den Lütten also vielleicht doch noch mal bei Gelegenheit erklären 😉

    • Jan-Martin Klinge says:

      Im Zusammenhang mit Schuhen kenne ich das auch noch.
      Unvergessen, als Werner Hansch vor einem LiveSpiel in der Kabine der Münchener saß und darüber philosophierte, dass die Schüler sich gleich aus dem Eimer Wichse unter ihm die Schuhe einschmieren würden… 😀

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  4. Ulrike Beudgen says:

    Hallo, ich kenne den Begriff w… auch als „verwackeln“ (kommt wahrscheinlich von dem Wort „Wachs“) und bedeutet ganz grob eine Prügelei oder Prügelstrafe … Verhauen wurde als zu mild angesehen … Habe ich glücklicherweise nie erlebt …

  5. Lea says:

    Auch dazu:

    Ronja Räubertochter.
    Die Borkasippe ist in die Burg eingedrungen. Mattis schimpft. (frei aus meinem Gedächtnis)
    „Was gibt es noch für Hinterfotzigkeiten, von denen mir keiner erzählt hat?

  6. TTH says:

    Neusprech lässt grüßen.
    Furchtbar.
    Übrigens kann man sowas Kindern,vor allem in Vorschulalter recht einfach näher bringen, in dem man einfach die Wahrheit sagt. Kinder vertragen die Wahrheit besser als man denkt.
    Die Verlage und Politiker sollten sich lieber mal um Wichtiges kümmern, anstatt zu versuchen mit Nebelkerzen ihr Versagen zu verschleiern.

  7. Friederike says:

    Ich finde, man sollte Kindern einfach alles erklären, auch wenn es schwer ist, die richtigen Worte zu finden, oder es ein Thema ist, was selbst für einen Schwer ist.
    Ein Beispiel: Ich wurde von klein auf aufgeklärt, ich weiß noch nicht mal, seit wann ich genau weiß, wie Kinder entstehen.
    Irgendwann kam ich vom Kindergarten nach hause, und fragte meine Mutter was F***en heißt. Nur weil ich dieses Wort nicht kannte. Meine Mutter ist aber etwas Prüde. Sie erklärte mir das Wort dennoch, wenn auch mit tomatenroten Kopf.

    Beim Wort „Neger“ hat meine Mutter mir gesagt, dass es sich dort um Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe handelt, aber dass man dieses nicht mehr sagt, da dieses für diese Menschen sehr verletzend ist.

  8. Ellen says:

    Ich finde die Wörter per se nicht schlimm. Das ist Kultur und es ist einfach die Sprache einer Zeit. In den USA gab es dieses Diskussion bezüglich Huckleberry Finn, wo immer von „Nigger“ die Rede ist. Aber das ist schlicht die Sprache von Mark Twain, und das kann man thematisieren. Und man kann auch thematisieren, dass es früher üblich war, Kinder durch Schläge zu bestrafen und dass das zum Glück nicht mehr so ist.

    Diese ganze Sprachbereinigung finde ich persönlich viel, viel schlimmer als jedes „Neger“ oder „wichsen“. Irgendwann landen wir dann bei Neusprech wie in „1984“.

  9. b1ackadder says:

    Die Beleidigung macht nicht das Wort, sondern der Zusammenhang.

    Und auch bei mir „aufm Dorf“ ist es durchaus gebräuchlich, wenn jemand mal etwas wirklich Dummes getan hat, zu fragen ob derjenige nicht „einen Schlag mit der Wichsbürste“ abbekommen hätte.

    Insofern bin ich trotz meines zarten Alters von 30 mit beiden Bedeutungen des Wichsens aufgewachsen – und finde es (gerade auch noch als Deutschlehrer und Sprachliebhaber^^) wichtig, dass man auch diese alten Bedeutungen der Worte noch vermittelt.

    „Ficken“ hieß auch mal nur „reiben“.
    Eine Kotze war auch mal ein Kleidungsstück (auch: Kotte).
    „Geil“… und so weiter. Es gibt so viele Beispiele… aber dass da jetzt Verlage rote Ohren bekommen… wie traurig.

  10. maaeli says:

    Ich stehe Textänderungen eher skeptisch gegenüber, über bei Büchern, die sich an ein Teenager/Erwachsenen Publikum richten, sehe ich sie wirklich nicht ein. Bei Kinderbüchern ist die Lage eventuell anders: Hier geht es nicht nur um die politische Korrektheit des Wortes, sondern darum, ob ein Kind ein Wort kennt und richtig assoziiert. Schließlich lebt Sprache, und das Lesen von Kinderbüchern sollte nicht zur sprachhistorischen Studie verkommen. Eine Übersetzung in modernes deutsch kann also durchaus angebracht sein. Meines Wissens wurde z.B. Harry Potter ins amerikanische übersetzt.
    Das Problem mit wichsen ist doch im wesentlichen, dass die Verwendung des Wortes, so wie sie sich in der kleinen Hexe findet, in weiten Teilen der deutschsprachigen Welt eher ungebräuchlich bis hin zu unbekannt ist, oder. Das die zweite Bedeutung für (einige) Eltern eher peinlich ist, ist da für mich eher sekundär. Im Fremdspachenunterricht werden seltene Worte gerne mit Fußnoten versehen, vielleicht wäre das hier auch eine Lösung? Dann kann die Bedeutung des Wortes problemlos geklärt werden, und der Text muss nicht geändert werden.

    Schöne Grüße,
    maaeli

  11. Steffi says:

    Zum Thema Trottelsprache fällt mir spontan auch noch der Kevinismus (auch Chantalismus) ein…

    Schakkeline, komm wech von die Regale du
    Arsch!

    Änriko, du solls nisch imma Schlampe nach die
    Omma rufen!

    Schanaia, tu das Maul weg von dem Papa sein
    Korn!

    Schakkeline, Schastin, Schantall, Käwinn – tu
    die Omma ma winken!

    Patzkal komm beim Haus, et fängt am Reschnen
    an!

    Schastin, du solls der Schanina nich imma mit
    die Schüppe aufn Kopp kloppen!

    Käwinn, mach dat Mäh mal ei!

    Zementha, tu dir mal dat Schlawannzuch
    anziehen!

    Dschärimie, komm wech da bei die Assis!

    Dat Daffne is schwanga und der wo die dat
    gemacht hat is wech!

    Traurig aber wahr…….

    Siehe auch http://de.webfail.at/image/warum-viele-unserer-kinder-kein-richtiges-deutsch-mehr-sprechen-win-bild.html

    🙂 🙂 🙂

  12. Pingback: Fernsehtipp, Negerkönige und eine Prüfstelle

  13. trati says:

    da empfehle ich Ihnen den Kommentar eines Herrn Uli Fricker von der Zeitung Südkurier vom 25.1.13 zu genau diesem Thema. Dem ist nichts hinzuzufügen!

    [Link]

  14. „Wichs-Edition der kleinen Hexe“ – sehr schön 🙂 Tatsächlich bin ich sehr dafür, dass es beim Wichsen in der Kleinen Hexe und beim Negerkönig in Pippi Langstrumpf bleibt. Nicht weil ich meinen Kindern rassistische oder missverständliche Begriffe beibringen will, sondern weil das historische Texte sind, die an einigen Stellen erklärungsbedürftig sind, und dazu gehört auch, mit ihnen darüber zu reden, warum da „Neger“ steht und warum man das heute nicht mehr sagt. Wer das nicht will, soll neuere Bücher verwenden, in den letzten 50 Jahren sind ja ein paar erschienen, aber nicht die alten dem heutigen Zeitgeist anpassen. Bei mir im Blog gibt’s dazu auch ein paar Gedanken: https://buggisch.wordpress.com/2013/01/26/der-negerkoenig-und-die-hosenmaler/

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