Anekdoten aus dem Unterricht #15

Anekdoten aus dem Unterricht #15

2013-04-29 11.31.44Während einer ruhigen Arbeitsphase in der 8. Stunde entsteht in einer Ecke meiner 5 plötzlich Getuschel. Carstens Radiergummi ist verschwunden und es entsteht Unruhe. “Wo ist mein Radiergummi?” “Keine Ahnung!” “Einer von euch hat ihn doch!” “Schau mal im Mülleimer, ganz unten!” … “Da ist er nicht.” “Dann ist er da hinten beim Sofa!”

Das geht minutenlang so. Irgendwann habe ich die Faxen dicke. Die ganzen Tipps zum Suchen kommen natürlich von Stefan, dem Klassenclown, der – wie sollte es anders sein – völlig unschuldig ist. Zornig breite ich vor meiner Klasse aus, wie sehr mich dieses Kindergarten-Theater nervt – wer auch immer diesen verdammten Radiergummi wo-auch-immer hingeworfen hat, er soll ihn augenblicklich zurückgeben.

Doch niemand regt sich.

Zornig blicke ich den Klassenclown an. “Beweg deinen Hintern!”, zische ich ihn an. Doch er tut unschuldig. “Ich weiß doch nicht, wo er ist!” Klar! Und woher kommen die ganzen Tipps?

Ich hole tief Luft. Da meldet sich Carsten wieder.

“Upppssi.”

Alles erstarrt. “Hab ihn gefunden. War in meiner Tasche”

Hinten brechen die Integrationshelfer in schallendes Gelächter aus. Die ganze Klasse stöhnt genervt. Nur Stefan ist angefressen. Mal wieder er. Na klar! Auch ich habe ein schlechtes Gewissen.
Um die Gemüter zu beruhigen, lese ich am Schluss extralang Zottelkralle vor. Als die Schüler endlich einpacken, meldet sich Sonja, Carstens Banknachbarin. “Herr Klinge, meine Brotdose ist weg!” Sie durchwühlt theatralisch ihre Tasche und schaut auch unter ihrem Tisch nochmal nach.

“Stopp!”, rufe ich in die Klasse und tatsächlich hören alle mit dem Kramen auf. “Bevor jetzt irgendwer irgendwas tut, guckst du, Carsten, in deine verdammte Tasche. Vorher suchen wir nirgendwo!”

Carsten sucht. “Upppssi! Hab aus Versehen zwei Brotdosen eingepackt!”

Und das war der Moment, in dem ich wirklich (und ich meine wirklich) sprachlos war. Irgendwann verliere ich noch meinen Verstand. Tatsächlich kann man Carsten gar nicht böse sein. Er ist ein herzensguter Schüler, wie ich ihn selten erlebt habe – aber zwischendurch gerät er mit sich und dem Leben durcheinander.

Nachmittags fand schließlich ein ganz interessantes Treffen zwischen den alten Grundschullehrern der jetzigen Fünfer und uns neuen Klassenlehrern statt.
Besonders spannend war dies für die alten Lehrerinnen meiner Glasknochen-Kinder, die sich sehr darüber freuten, wie gut es den Zwillingen an unserer Schule geht. Leichte Differenzen hatten wir beim Thema ‘födern’ oder ‘fordern’, das ich hier bereits ausführlich dargelegt habe. Klar, dass eine Grundschule mit Förderschwerpunkten da eine andere Meinung vertritt. Nach wie vor bin ich jedoch der Meinung, dass man Kinder auch überfördern kann. Bei Gelegenheit werde ich mich demnächst mal ausführlicher mit dem Thema “Mathematik & SI-Störungen” hier auseinandersetzen. Da lese ich mich gerade ein. Google gibt leider nicht viel her.
Insgesamt ein äußerst positiver Nachmittag, der meine hohe Meinung von den Grundschulkollegen nur bestärkt hat. Gerne hätte ich mehr Zeit zum quatschen und Lernen gehabt. Welche Methoden benutzen sie? Wie lehren sie was? Nicht die pädagogischen Grundsätze – sondern die Taschenspielertricks erfahrener Kollegen.

4 Replies to “Anekdoten aus dem Unterricht #15”

  1. Hallo Jan-Martin,

    ich kenne diese Nachmittagstermine – bei uns heißen sie Erprobungsstufen-Koordinationstreffen – und gehe meistens gefrustet nach Hause.

    Wir üben mit den Grundschülern vier Jahre lang verschiedene Methoden und Techniken ein, sie können im Kreis, im Halbkreis, im U, im L und in verschiedensten anderen Buchstabenformen sitzen, liegen, stehen und arbeiten. Sie kommen miteinaner, ohneeinander, (durcheinander ja sowieso) und überhaupt ganz gut klar. Sie können sich Wissen selbstständig aneignen und im Gruppenpuzzle austauschen, halten Referate, lieben Rollenspiele und Projektarbeit. Dann kommen sie in die weiterführende Schule und was passiert immer noch in den meisten Fällen? Sitzreihen und Frontalunterricht. Sechs Stunden am Tag.

    Und die KollegInnen wundern sich allen Ernstes, dass die Kinder in den letzten Stunden immer so unruhig sind.

    Manchmal wünsche ich mir mehr Besuch von KollegInnen bei uns.

    Herzliche Grüße von
    Frau Weh

      1. Ich hatte das Glück, das in der Hauptschule, wie auch in der Ausbildung und dem Abi meist keine Sitzreihen da waren. meist eine U Form usw. (Ausname Prüfungen und Arbeiten)

        Frontalunterricht geb es natürlich auch. Aber überwiegend gab es Gruppenarbeit. (selbst wenn der Lehrer versuchte Frontalunterricht zu machen XD)

        Und egal wie, es war nie Ruhig, und wurde auch immer Laut. Das ging so weit, das ich gar nicht mehr lernen konnte, ohne Hintergrundbeschallung

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