Mathematik & SI-Störungen

Mathematik & SI-Störungen

2013-03-12 08.43.16Seit knapp einem Jahr unterrichte ich zwei Kinder mit der Glasknochenkrankheit und mit Erlaubnis der Eltern darf ich immer wieder darüber berichten.
An diese Aufgabe bin ich – ebenso wie die meisten Kollegen – recht blauäugig herangegangen, mit wenig mehr als einer gesunden Portion Menschenverstand, vermischt mit naivem Optimismus. Ich möchte heute auch weniger über die Herausforderungen des schulischen Alltags für Kinder mit Glasknochen beschreiben – das habe ich an anderer Stelle mehrfach getan – sondern einen (von einem Laien verfassten) Überblick über die mathematische Fähigkeit bestimmter Kinder in Kombination mit körperlicher Beeinträchtigung ermöglichen.

Warum?
Weil durch die zunehmende Inklusion an Schulen in den kommenden Jahren immer mehr Kinder mit einer SI-Störung im Mathematikunterricht sitzen werden.

Und?
Weil es im Internet (soweit das Google reicht) nur wenig Informationen darüber gibt und nicht jeder Kollege Zeit und Lust hat, Fachliteratur zu wälzen oder sich einzuarbeiten.

Und dich qualifiziert…?!
Gar nichts. Aber für eine Einführung sollte es reichen. Und alles, was im Internet steht, ist wahr – das hat schon Abraham Lincoln gesagt.

Die folgenden Zeilen sind explizit nicht über meine beiden Schülerinnen geschrieben. Wenn ich auch einige der im Folgenden genannten Beobachtungen selbst gemacht habe, ist der Artikel recht allgemein gehalten, um einer möglichst breiten Leserschaft Informationen zu bieten.

Der Mensch ist (zumindest räumlich gesehen, je nach Ego aber auch sonst) immer das Zentrum seiner eigenen Welt und nimmt Gegenstände als hinter, vor, neben oder über sich wahr. Hat ein Kind Probleme in der Raumlage-Wahrnehmung, erkennt es Gegenstände oder Buchstaben zuweilen nicht in der richtigen Beziehung zu sich selbst. Es ist dann unsicher und ungeschickt in seinen Bewegungen und hat Schwierigkeiten, Wörter wie innen, außen, neben, hinter, rechts oder links zu verstehen oder zuzuordnen.
Kindern mit Schwierigkeiten in diesem Bereich können z.B. nur schwer Perlen auffädeln oder Muster nachlegen. Puzzlen vermeiden sie, weil ihnen das räumliche Vorstellungsvermögen fehlt.
Solche visuellen Wahrnehmungsstörungen stehen sehr häufig in engem Zusammenhang mit Störungen der sensorischen Integration (SI-Störung) oder Motorik. Dies betrifft z.B. Kinder, die in frühen Jahren nicht frei umher krabbeln können, um ihre Umwelt zu erforschen. Bewegung hat einen sehr engen Bezug zum Mathematik lernen. Je unterschiedlichere Bewegungen ein Kind beherrscht, umso besser lernt es seinen Körper kennen und dieses Körperschema ist eine gute Voraussetzung für räumliche Orientierung. Mathematisches Denken baut auf der räumlichen Vorstellung auf: Wir zerlegen Zahlen oder Mengen, messen Strecken und Zeiten, gruppieren Objekte.

imageIn der Mathematik haben es diese Kinder besonders im Bereich der Geometrie schwer, wenn sie z.B. symmetrische Figuren zeichnen sollen (vgl. Bild; das halbe Blatt war im Buch vorgegeben und soll ergänzt werden. Oben ist es dem Kind gelungen – unten traten Schwierigkeiten auf).
In der Regel können wir aus einer großen Anzahl auf uns einströmender Reize denjenigen ausfiltern, der für uns in der jeweiligen Situation von Bedeutung ist. Dieser Reiz steht dann im Zentrum unserer Aufmerksamkeit: Wir sehen/hören/fühlen ihn deutlich und scharf, während all die anderen vielen Reize nur den ungenau wahrgenommenen Hintergrund bilden. Im Fall rechts: Die Eckpunkte der Blätter sind anhand des Kästchenmusters abzuzählen und auf die Spiegelseite zu übertragen. Form, Farbe und Verlauf des Blattes spielen im Grunde keine Rolle.
Ein Kind mit einer schlechten Figur-Grund-Wahrnehmung kann nicht ausfiltern, welcher Reiz für sein jeweiliges Vorhaben, für seine jeweilige Aufgabe, wichtig oder unwichtig ist.

tl;dr:
Kinder die in frühen Jahren ihre Umwelt nicht erforschen (können), sind oft schlecht in Mathematik.

Was hat das nun für Auswirkungen auf den Schulalltag?
Für Kinder mit “sonderpädagogischem Förderbedarf” und solche mit Behinderungen/chronischen Krankheiten kann in Deutschland der sogenannte “Nachteilsausgleich” gewährt werden (hier). Am häufigsten tritt die Zeitzugabe auf – bei gleicher Aufgabenstellung können z.B. Kinder mit (LRS oder) Sehschädigungen einfach mehr Zeit zur Verfügung gestellt bekommen, um eine Klassenarbeit zu bearbeiten. Hier stellt sich auch die Frage, ob die Kinder zielgleich unterrichtet werden.
Bei Kindern mit SI-Störungen und damit verbundenen Schwächen im Fachbereich Mathematik ist eine Zeitzugabe jedoch unsinnig. Offensichtlich haben sie eine (fundierte) Beeinträchtigung, die es Ihnen fast unmöglich macht, eine bestimmte Art von Aufgaben zu lösen. An dieser Stelle ist es schlichtweg nicht möglich, alle Kinder zielgleich zu unterrichten und gleich zu bewerten.

In der Unterstufe kann man so etwas schulintern lösen – aber wie gehe ich die Bewertung bei zentralen Arbeiten an? Tja…

Literaturhinweise

  • Renate Zimmer; Handbuch der Sinneswahrnehmung
  • alles von Marianne Frostig; sie hat in verschiedenen Büchern auch Übungen für Kinder erarbeitet

 

Anmerkung:
Ich bin weder Arzt, noch Wissenschaftler an der Uni oder arbeite als Experte im Dezernat 41. Etwaige Fehler und Ungenauigkeiten bitte ich zu entschuldigen – hier soll nicht viel mehr als ein kleiner Einblick in das Thema ermöglicht werden. 

6 Replies to “Mathematik & SI-Störungen”

  1. Wow, danke. Das ist mal wirklich informativ. Ich studiere zwar noch, aber über sowas wurde mein ganzes Studium lang noch nicht gesprochen. Das sollte viel öfter Thema sein.

  2. Ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag! Er war höchst informativ und hat mir in aktuellen Problemfällen die Augen geöffnet bzw. weitergeholfen.

  3. Was mir bei jeglichen Lernbeeinträchtigungen immer zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass es zwar schön und gut ist, dass ich als Lehrer in diesem Fall die Möglichkeit habe, eine Differenzierung in der Bewertung vorzunehmen, aber das löst das Problem ja nicht.
    Man muss ja auch versuchen, die betroffenen Kinder trotz der teilweise sicherlich frustrierenden Erfahrungen weiterhin zu motivieren, es zu versuchen (und wenn ich die beiden Beispielbilder sehe, glaube ich gern, dass es für das Kind, dass die Aufgabe nicht lösen konnte, ein frustrierendes Gefühl sein muss, wenn seine Sitznachbarn diese Aufgabe mit Leichtigkeit lösen können).
    Leider wird, meiner Meinung nach, viel zu häufig auch von seiten der Eltern, sobald es eine ärztliche Diagnose gibt, darauf beharrt, dass man da ja eh nichts dran machen kann.
    Ich hatte in einem meiner Praktika zum Beispiel ein Kind mit Asperger, was nicht in der Lage war, sich selbst zu organisieren bzw. auch immer wieder Aggressionsausbrüche gegenüber Mitschülern hatte. Wenn man es darauf ansprach, verschränkte es die Arme, zuckte mit den Schultern und gab zurück, es sei ja krank, da könnte es nichts für. Es muss auch dringend gewährleistet sein, dass trotz Lernbehinderungen, diese nicht zum Vorwand genommen werden, es nicht wenigstens zu versuchen. Auch wenn das im Einzelfall harte Arbeit bedeutet. Aber wichtig ist ja auch, dass die betroffenen Schüler eine Möglichkeit finden, ihre Defizite auszugleichen.

    1. Volle Zustimmung!
      Der Handwerker kann sich später auch nicht mit ADS für schiefe und krumme Fliesen entschuldigen – am Ende zählt nur, was rauskommt. Das sollte aber hier nicht Thema sein – ich habe mich hier jedoch deutlich zur „Überförderung“ von solchen Kindern geäußert.

  4. Ich bin froh zu lesen, dass sich überhaupt jemand mal Gedanken macht den Unterricht für SI Kinder zu verbessern. Mein Sohn mit SI Störung ist mittlerweile erwachsen. Er hat ein gutes Abitur gemacht und ich kann nur sagen, dass die Qualität des Unterrichtes ganz entscheidend dabei war. Mehr Zeit bei den Klassenarbeiten ist durchaus hilfreich!!! Noch wichtiger ist ein sehr gut strukturierter Unterricht, der auch zu Hause nachvollziehbar ist. Ebenso wichtig ist die Akzeptanz solcher Kinder, sie sind eben ein bißchen anders und das ist in Ordnung so. Sie sollen nichts Besonderes sein, sondern akzeptiert in ihrem Anderssein. Wenn sie erst einmal herausgefunden haben, wie sie lernen, dann bringen sie es genauso weit wie andere. Wichtig ist die Unterstützung und nicht die Betonung des Defizites!

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