Arbeitsklima.

2013-10-02 12.24.37

Vor einigen Tagen unterhielt ich mich mit einem Freund über sein Arbeitsumfeld. Er möchte Arzt werden und wechselt während seines PJs alle sechs Wochen die Station. Auf diese Weise sieht er in kurzer Zeit sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen.
Zuletzt war er nicht besonders glücklich: Die Schwestern waren chronisch überarbeitet und hatten wenig Zeit; wann immer er irgendwo dabei stand, wurde er angeranzt sich doch “wenigstens mal vorzustellen” – und wenn er sich dann ständig vorstellte hieß es “wissen wir längst!”.

Seit einer Woche ist er eine Station weitergezogen und erlebt ein völlig anderes Arbeitsklima: Die Schwestern sind sehr nett und aufgeschlossen – wenn sie eine Pause brauchen, nehmen sie sie sich. Ein Oberarzt bat ihn zuletzt, etwas länger zu bleiben und mein Freund kam 5 Stunden später nach Hause, als eigentlich geplant. Erschöpft, aber glücklich.

Wir haben uns länger über dieses Phänomen unterhalten. Auch über mein eigenes Arbeitsklima.

2013-10-04 12.31.59

Wie ich an anderer Stelle schon erwähnte, wird sich bei uns geduzt. Von der Sekretärin bis zum Schulleiter. Zu Beginn dieses Schuljahres haben wir zwölf neue Kollegen bekommen und – soweit ich mit ihnen gesprochen habe – sprachen sie alle davon, wie wohl sie sich an unserer Schule fühlen würden, wie einfach ihnen der Einstieg gelungen sei.

Ich kenne eine Menge Lehrer, denen es nicht so geht und frage mich manchmal, wie viel Geld man mir bieten müsste, das ich diesen Arbeitsplatz aufgäbe.
Und wie hoch der volkswirtschaftliche “Schaden” wohl ist, der durch unglückliche Arbeitnehmer jährlich entsteht.

Einmal im Jahr geht das Kollegium wandern (und grillen) und einmal im Jahr wird eine Art “Klassenfahrt” fürs uns angeboten. Beides wird von einem Großteil der Lehrer dankbar angenommen.
Meine eigenen Empfindungen versuche ich auf den Schüler-Alltag zu übertragen: Auch hier bin ich davon überzeugt, das alle Kinder in bestimmten Bereichen gerne 120% bringen, wenn sie sich wohl fühlen. Das kann man bei Theaterprojekten gut beobachten, in Ansätzen auch bei meinem Physikkurs. Für meine eigene Klasse gilt das sowieso; der Jungs-Mädchen-Tag war so ein pädagogisches Ding, das nur auf das Klassenklima ausgerichtet war.

Heute dann: Schul-Fußball-Turnier.
Wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Ganz viele Schulen aus dem Siegener Umland treffen sich, um in einem kleinen Turnier gegeneinander anzutreten und ich bin – mehr zufällig – als Betreuer unserer Schulmannschaft da hineingerutscht. Obwohl das Wetter gut war, hielt sich der Spaß doch in Grenzen.
Kennt ihr das Gefühl, wenn man gegen jemanden am Computer spielt oder zum Schach antritt, und das Gegenüber ist einfach um Welten besser? Irgendwann bekommt das Spiel einen bitteren Beigeschmack.

Fußball-Turnier.

Während die anderen Mannschaften z.T. mit Jugendbundesligaspielern antraten, waren wir eine zusammengewürfelte Gurkentruppe, die untereinander nicht mal die Namen aller Mitspieler kannte. Aus Bitterkeit wurde irgendwann Galgenhumor: Unser Ziel war es, zumindest ein Tor zu erzielen und der Notfallplan war (wenn das nicht klappen sollte), in der letzten Minute ein Eigentor zu schießen. Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht – aber ich kann mir denken, warum zwei der angemeldeten Schulen gar nicht erst erschienen sind.
Irritierend empfinde ich die fließende Grenze zwischen sportlichem Wettkampf und übermäßigem Ehrgeiz: Hier und da wurden Bälle weggeschlagen oder Gegner unsanft angegangen – so richtiges Fairplay war nicht zu erkennen und ich hätte mir von Seiten der Kollegen ein bisschen mehr Engagement gewünscht.

Aber ich bin ja auch kein Sport- sondern Physiklehrer Zwinkerndes Smiley.

Was mich zu einer Freundin (aus einer anderen Stadt) führt. Sie erzählte mir neulich, sie hätte zwei ihrer Kunststunden für Mathematik verwandt, woraufhin ein Jahrgangsstufen-Kollege ihr ein “na, dass ist aber unfair!” hinwarf. Unfair? Ist der Konkurrenzdruck so groß, dass man… ich meine… was?

Ich bin ein ganz großer Freund vom Streben nach Mehr, vom Arbeiten, Denken und Besser werden. Aber dieses bissige Wettkampf-Gedöns zwischen Kollegen oder Jahrgängen oder zwischen Schulen ist mir total fremd.

Ich merke, ich habe wirklich Glück gehabt. Und das wünsche ich euch auch!

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9 Responses to Arbeitsklima.

  1. KC says:

    Ich denke manchmal, dass viele Leute, sich ihren Arbeitsplatz auch einfach selber vermiesen. Und wenn dann noch die richtigen Sauertöpfe aufeinandertreffen, dann gute Nacht. (Das fängt ja schon damit an, wenn man im Dienstleistungsbereich aufschlägt, freundlich als Kunde grüßt und nur eisige Ablehnung erntet und manchmal schlägt einem die Freundlichkeit nur so entgegen). Wenn da jeder persönlich mal auf sich achten würde, wäre man da wahrscheinlich auch weiter.

    Es freut mich aber für dich, dass du an einer Schule bist, wo das mit der „EA Kooperation“ so gut klappt!!!
    Bei uns an der Uni ist es grade nach Jahren endlich mal so weit, dass die Hilfskräfte von unserem Seminar mal ansatzweise als Team auftreten können. Das ist auch sehr angenehm, weil wir uns so endlich mal untereinander austauschen, was in wessen Tutorium läuft oder eben nicht. Ganz unabhängig vom zentralen Qualifikationsangebot, die uns auf der fachspezifischen Ebene eh nicht helfen können.

  2. Friederike says:

    Ich habe da auch schon manche Erfahrungen mit gemacht.
    Wir sind auf der Arbeit ein zusammengewürfeltes Team. Man verträgt sich zwar nicht mit jedem, aber ich fühle mich hier sehr wohl.

    Ich habe mal (wenn auch nicht lange) im Altenheim gearbeitet.
    im ersten Heim war das Team sehr schrecklich. Ich kam auf meine Station zum ersten mal, und wurde sofort angeraunzt, dass ich dem einen mal die Bettpfanne wechseln sollte. bis da hin noch nie gemacht, da ich grade erst mit meiner Ausbildung begonnen hatte.

    Im 2. Jahr der Ausbildung musste ich noch mal ein Praktikum im Altenheim machen. Ich habe mir ein anderes ausgesucht, und kam wieder auf die Demenzstation. Doch dieses mal machte es mir sehr viel Spaß. Wir sangen zusammen und spielten zusammen. Einziger Knickpunkt war, dass ich nur Betreuung und Hauswirtschaftliche Tätigkeiten machen durfte.

    Mein großes Glück war bis jetzt immer, dass ich nicht so weit weg musste, um tolle Arbeitsstellen zu finden. eines meiner Praktiker war in einem Behindertenwohnheim was gegenüber dem liegt, in dem ich nun Arbeite. Das Team war genauso wie das, in dem ich nun bin. Und auch da bekam ich einen sehr tollen Anleiter.

    Dabei wurde ich immer gewarnt, das ich nie, wirklich NIE in diesen Häusern arbeiten sollte, da sie schrecklich währen.
    Meine Schwester (die nun auch noch meine Arbeitskollegin ist) bekam genau die gleichen Warnungen zu hören, und hatte viel Angst als sie hier anfing. Nun sagt sie, dass es unheimlich besser währe als in ihrer alten Arbeitsstelle

    • Friederike says:

      Übrigens wegen Fußballspielen.
      Hier in Sennestadt (Stadtteil von Bielefeld) treten die Schulen auch gegeneinander an. Und naja, nach ein Paar Ausschreitungen auf dem Spielfeld (ein Nachbar von mir bekam von Spielern einer anderen Schule die Nase gebrochen) ist das nur noch ein reines Frauenfußballtournier. (vorher nur reiner Männerfußball)

  3. Pingback: Burow: Positive Pädagogik | GedanKenSpieLe

  4. Als ich die Stelle in der Provinz angeboten bekam, musste ich erst einmal im Atlas nachschlagen, wo das liegt. Jetzt will ich hier nicht mehr weg. Die Atmosphäre bei uns ist bis auf wenige Ausnahmen einfach gut. Es wechseln sogar Schüler aus benachbarten Gymnasien zu uns und auch Lehrer – sofern man sie lässt.

    Das hat viele Gründe. Einer ist unser Direktor, der auf Ausgleich und Harmonie bedacht ist. (Was wird, wenn er in Pension geht?) Ein andere Grund sind die vielen Alteingesessenen, die sich mit der Schule und dem Ort identifizieren, hier leben. (Leider gehen von denen in den nächsten Jahren nahezu hundert Prozent! Viele der neuen Kollegen wollen nicht aufs Land ziehen und nehmen lange Anfahrten in Kauf.) Ein dritter Grund sind die Eltern – die meisten sind nicht auf Konfrontationskurs und unterstützen unsere Arbeit. Viele waren hier selbst Schüler. Auf dem Land ist die Welt noch klein.

    Eigentlich ist das ein recht einfaches Rezept: Ausgleich, Identifikation und Unterstützung. Kein innovatives Süppchen, aber ein sehr schmackhaftes. Hoffentlich können wir es noch ein Weilchen so kochen.

    viele Grüße aus der Provinz!

  5. Julia Auer says:

    Ich finde deinen Beitrag sehr interessant, anhand dieses Beispiels im Krankenhaus erkennt man wie wichtig ein gutes Arbeitsklima für die eigene Zufriedenheit im Job ist. Wenn ich schon jeden Tag mit einem mulmigen Gefühl in die Arbeit gehen muss, wird mich dieser Zustand dauerhaft sicher unglücklich und möglicherweise auch krank machen. Da kann man mir noch so viel zahlen, würde ich trotzdem früher oder später die Stelle an den Nagel hängen. Umgekehrt bindet ein gutes Arbeitsklima an die Firma/ die Organisation und sorgt möglicherweise sogar für eine Leistungssteigerung durch erhöhte Motivation.

  6. Dieses Thema ist so unendlich wichtig, und erfährt dennoch so sträfliche Missachtung. – Obwohl im Gesundheitssystem, das sage ich nach einigen Jahren Berufspraxis in medizinischen Kliniken, mitunter der Verdacht nahe liegt, hinter dem weit verbreiteten schlechten kollegialen Umgang liege ein (unbewusstes) System: namentlich ein Drehtürsystem. Denn je mehr Leidende es gibt, desto besser sind die Helfer(-Institutionen) ausgelastet. Eine heile Arbeitswelt wäre der Arbeitsauslastung wohl eher schädlich.

  7. Pingback: Hurra! Oh weh! Die Schullandschaft. - ...ein Halbtagsblog...

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