Inklusion im Hühnerkäfig

Über den Lehrerfreund wurde ich auf eine ganz spannende Dokumentation des WDR aufmerksam gemacht: Ein Kamerateam hat die “Offene Schule Köln” ein Jahr lang besucht und den Werdegang der Schule gezeichnet. Hier der Link zum Videobericht (45 Minuten).  Man kann den engagierten Eltern und Lehrern gar nicht genug Hochachtung für ihre Leistung entgegenbringen.
Die Einbindung von Menschen mit verschiedenen Behinderungen und Lernstörungen in den normalen Schulalltag ist eine ganz gewaltige Herausforderung, die diese Schule anscheinend sehr gut meistert. Die Lehrer arbeiten sehr differenziert und ganz viel mit offenen Unterrichtsformen – mehr noch als ich das mit meinen Lerntheken schaffe. Ein wichtiger Faktor wird in dem Bericht angesprochen: Inklusion zum Nulltarif gibt es nicht.

Zwei Bilder können das verdeutlichen. Zunächst eines aus der Dokumentation.

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Und nun eines aus meinem Klassenraum:

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Auch ich arbeite gerne mit offenen Unterrichtsformen. Auch bei mir bilden sich dann 2er und 3er-Grüppchen von Schülern, die sich im Raum verteilen und lernen. Aber ich habe für 28+3 Personen nur knapp 100m² zur Verfügung. Zieht man noch den Platz für Heizung, Schränke, Tafel und Tische ab, bleiben nur wenige Quadratmeter übrig, in denen sich die Schüler frei bewegen können. Die Problematik, auf diesem engen Feld mit Rollstühlen klarkommen zu müssen, lasse ich mal außen vor.

Ich möchte mich gar nicht beschweren. Wie sacht der Kölner? Es gibt nicht zu eng, es gibt nur gemütlich!
Aber ich habe auch disziplinierte Kinder – selbst meine Chaotenjungs sind eigentlich brave Sonntagsschüler. Sitzen in solch engen Verhältnissen aber verhaltensauffällige oder gewalttätige Kinder, dann kann das nicht gut ausgehen. Trotzdem werden – über kurz oder lang – auch diese Kinder mit in solche Hühnerkäfige gesteckt, in der Hoffnung, es würde schon irgendwie hinhauen.
Eine Lösung dafür gibt es aber nicht: Man kann in unserer Schule weder die Klassenräume vergrößern, noch ernsthaft diskutieren die Schülerzahl zu halbieren um mehr Platz zu schaffen.

Wohin wird das führen?

Zwei Diskussionen werden in diesem Land geführt: Ein Leistungsvergleich zwischen den Ländern hat gezeigt, dass die Fach-Kollegen aus dem Osten scheinbar besser ausgebildet sind – ich muss mich also fachlich fortbilden. Gleichzeitig muss ich nicht nur die besten Schüler besser machen, sondern auch die einbinden, die nicht ins Raster passen – ich muss also eigentlich auch eine sonderpädagogische Fortbildung machen, um zu wissen wie ich Kinder mit  sensorischen Störungen in Mathematik fördere oder gewalttätige Kinder bändige und außerdem die Kinder und Eltern in der Mitte nicht vergesse. Alles auf 100m².

Lehrersein ist wirklich ein spannender Beruf.

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11 Responses to Inklusion im Hühnerkäfig

  1. Christian W. says:

    100m²? Ich glaub du würdest jubeln, wenn du diese hättest. (Zumindest sieht es auf dem zweiten Foto eher nach einem 60m² Raum aus.)

    Wenn man nach „Klassenzimmergröße“ googelt, kommt ein interessantes PDF zum Thema „Rahmen und Richtlinien für einen
    leistungsfähigen Schulbau in Deutschland“ zum Vorschein. So ist z.B. bei Klassenzimmerplanungen in Baden-Württemberg eine maximale Größe von 66 m² vorgesehen. (Leider steht nicht dabei wie alt dieses Dokument ist)

    3 Ergebnisse weiter dann: „[…] 2m² pro Schüler im Klassenzimmer, bis zu 10m² für den Hund im Zwinger“.

  2. Mich beschäftigt dieses Thema auch sehr. Nummer eins: Ich habe an verschiedenen Unis studiert, unter anderem auch in Ostdeutschland und dort habe ich tatsächlich eine fundiertere Ausbildung für den Schulalltag schon an der Uni erfahren. An den Westunis hieß es immer: Dafür ist das Referandariat zuständig – das geht uns nichts an! Aber wenn ich mir unsere Referendare heute angucke, muss ich sagen, die kennen schon viele Methoden – dafür hapert es leider eher beim Fachwissen…
    Aber nun zu Nummer zwei, den Weiterbildungen. Mein RP bietet kaum etwas dahingehend an. Einmal habe ich dennoch einen Platz ergattert und das war eine Farce. Die nette Dame von der Weiterbildung machte mit uns ein Spielchen nach dem anderen, sagte dabei vorher, wir sollten uns verhalten wie Schüler („gerne auch wie pubertierende Hauptschüler“) und als meine Kollegin und ich genau das dann machten, wurden wir angeraunzt, wir sollten jetzt doch mal endlich ordentlich mitmachen, wir würden den ordungsgemäßen Ablauf der Fortbildung stören. Wir zwei passten nicht ins Raster – aber genau wegen dieser Schüler waren wir ja da!
    In meinem Kollegium fehlt es vielen nicht am Willen, aber an Angeboten.

    viele Grüße aus der Provinz

    • *lach*
      Das kann ich mir genau vorstellen (also, dass man dann angeraunzt wird). Und ich bin absolut sicher, dass ihr euch – verglichen mit der Realität – immer noch arg höflich benommen habt 😉

  3. Ich möchte noch einmal auf das bessere Fachwissen der Ost-Kollegen zurückkommen. Ich habe mir dieses Wochenende viel Zeit genommen, noch einmal darüber nachzudenken. Die Essenz findet sich auf meinem Blog (Beitrag: Überholen ohne Einzuholen?). Da ich nicht alles noch einmal schreiben kann, verweise ich einfach mal dorthin. Denn ich freue mich sehr auf eine anregende Diskussion. Zwischen Ost und West :)!

  4. Pingback: Inklusion im Hühnerkäfig - ...ein Hal...

  5. Pingback: Schul-Debatte “Klassengröße” [SiS]

  6. Klemens says:

    Hallo,
    Also das finde ich einen wirklich guten Artikel, bin von dem etwas aktuelleren Blogeintrag „Große Klassen“ etc. hierher gekommen.

    Das ist auch so mein Problem, ich will gerne in der Förderschule mehr offene Lernformen machen, diese müssen ich aber (unter anderem wegen ausgeprägter Gruppendynamik) gaaaanz lange einüben und selbst dann klappen sie nicht immer. Finde es übrigens sehr schön und mutig von dir selbst zu sagen, dass du eine Fortbildung in Sonderpädagogische Förderung gebrauchen könntest. Klar bei dir „auf dem Land“ werden so schnell nicht so viele ESE-Schüler auftauchen, aber in der Grundschule ist das ganz normal geworden! Die paar Stunden die ein Sonderpädagoge in der Schule bekommt sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein…

    Hoffe mehr Kollegen an allgemeinen Schulen denken da Mal in diese Richtung…

    LG Klee
    (noch im Ref Sonderpädagogik)

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