Klassenarbeitstrainer und die soziale Schere

Klassenarbeitstrainer und die soziale Schere

[Tell] Meine Tochter ist 15 und Schülerin der 9. Klasse. Wenn ein neues Schuljahr beginnt, dann kaufe ich Stifte, Hefte, Umschläge usw. im Schreibwarenladen meines Vertrauens, macht rundum vielleicht 40 €. Die Blöcke sind die Teuren, weil man darauf so schön schreiben kann, denn das Papier hat eine glatte Oberfläche. Wir bestellen Schulbücher.
Zu Hause setze ich mich dann an den PC und durchstöbere die Verlagsseiten nach Zusatzmaterial zu den Lehrwerken, die meine Tochter benutzen wird. Ich bestelle also den Wordmaster, den Klassenarbeitstrainer (für Englisch und Französisch), 99 grammatische Übungen und ein nettes Kartenspiel zum Französischlernen. Macht 50 €.
Jetzt endet das Jahr und für 2014 bestelle ich Sprachkalender. Einen fürs Klo und einen für den Esstisch, damit jeden Tag zwei kleine Sprachlektionen zu sich genommen und verdaut werden. Steht ein Englischarbeit an, schauen wir am Abend vorher noch eine bekannte DVD in Englisch mit englischen Untertiteln.

Ich bin genauso gruselig, wie die ganzen anderen bildungsbürgerlichen Muttis und Papis, die ihre Kinder an die Poleposition schieben und sich dabei …(das was ich im Kopf habe, wäre jetzt zu derbe…sagen wir mal) ausleben. Natürlich ist meine Tochter eine gute Schülerin, weil sie meine Ansprüche internalisiert hat und sich über Leistung definiert. Und was, wenn sie krank wird? Wenn´s mal nicht klappt?

In der ZEIT habe ich mal gelesen, dass sich die Mittelschicht (von Bildungsbürgertum mag man ja bei den Titeln auf den Bestsellerlisten gar nicht mehr reden) vehement gegen die Arbeiterschicht abgrenzt. Ich vermute, dass wir eine Mauer aus Klassenarbeitstrainern, Geigen und Hockeyschlägern bauen. Was wäre bloß, wenn Spike auch auf einmal auf teurem Papier schriebe und mit Klassenarbeitstrainern arbeiten würde? Was wenn er eine Klassenlehrerin hätte, die gutes Lernmaterial für alle Fächer in der Klasse hätte und alle dürften reinschauen und damit arbeiten? Was würde ich sagen, wenn meine Tochter mir erzählte, dass sie sehr gut ist – genau wie alle anderen? Was wenn Spike die Ausbildung zum Sparkassenbetriebswirt macht und nicht Charlotte? Wer wird noch im Textilgeschäft für 6,50€ arbeiten, wenn auf einmal alle richtig gut ausgebildet sind und auch die Harzvierempfänger wüssten, dass ihre Kinder selbstverständlich ein Studium bezahlen können und meistern werden?

Unsere Gesellschaft hat kein Interesse daran, alle Kinder zu fördern. Wir brauchen einen beständigen Bodensatz an billigen Arbeitskräften. Und wer das liest und seiner Putzfrau nicht mal 10€ die Stunde zahlt, muss sich mal fragen, ob er es ernst meint mit der Förderung von allen Kindern in der Schule.

3 Replies to “Klassenarbeitstrainer und die soziale Schere”

  1. Klar, es fehlt nur ein wenig Geld um aus Spike den nächsten Einstein zu machen. Die schwachsinnigen und primitiven Zusatzangebote der Bildungsverlage (die man guten Gewissens eigentlich niemanden empfehlen kann dem man schulischen Erfolg wünscht) und hochfeines Schreibpapier machen den Unterschied. Sich mit diesem Weltbild selbst dem „Bildungsbürgertum“ zuzurechnen finde ich, nun ja, gewagt.
    Die Idee das Ihr eigenes Bemühen um den schulischen Erfolg Ihrer Tochter, das Übertragen der eigenen Ansprüche und Wertvorstellungen auf das Kind den Unterschied machen wäre vermutlich zu revolutionär und gegen den Zeitgeist. Individuelle Voraussetzungen sind unterschiedlich, nicht jeder hat seine persönlichen Stärken vorwiegend im kognitiven Bereich. Daran ändern unbegrenzte finanzielle Mittel gar nichts, auch wenn Sozialromantiker oder „Bildungsbürger“ mit naivem Schwarz-Weiß-Weltbild diese Gleichmacherei als ultimative Wahrheit verkaufen wollen.
    Ihrer Tochter bleibt nur zu wünschen, dass sie sich dank womöglich engagierter Lehrkräfte von den Dogmen des Elternhauses lösen kann und ein differenzierteres, eigenes Verständnis der Welt um sie herum entwickeln kann und nicht herablassend auf die Spikes dieser Welt schaut und sie um ihre magere finanzielle Ausstattung bemitleidet. Der in diesem Artikel skizzierte Lebensentwurf für Sie und Ihre Familie ist möglicherweise nicht der eines Jeden und Spezialisierung und Arbeitsteilung sind nicht zuletzt Grundlage des ökonomischen und gesellschaftlichen „Erfolgs“ der Mittelschicht. Gleichmacherei und Negierung individueller Unterschiede haben bislang nirgendwohin geführt außer in den ökonomischen Ruin und den gesellschaftlichen Ausnahmezustand.

  2. „Gleichmacherei und Negierung individueller Unterschiede haben bislang nirgendwohin geführt außer in den ökonomischen Ruin und den gesellschaftlichen Ausnahmezustand.“
    Wenn diese Prämisse gelten würde, dann lieber Anonymus, müssten wir schon längst im „ökonomischen Ruin “ geendet sein, denn nichts anderes, als das real existierende bundesrepublikanische Bildungssystem, betreibe mittels pseudowissenschaftlicher Standardtests und obsessiver Selektion, eine grössere Gleichmacherei und Negierung individueller Unterschiede.
    Ihre Vorstellung von individuellen Voraussetzungen entspricht dem längst überholten Weltbild des letzen Jahrtausend und hinkt dem aktuellen Stand der Bildungsforschung um 100 Jahre hinterher.

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