Perspektivwechsel

Schule HeaderAlle paar Wochen wechsle ich in meiner Klasse die Sitzordnung, etwa alle 6 Wochen wird rotiert. Grobe Richtschnur: Immer nach meinen Klassenarbeiten. Den genauen Plan gebe ich komplett vor, die Wünsche der Schüler werden ignoriert. Vorherrschendes Muster ist Junge-Mädchen-Junge-Mädchen mit besonderem Schwerpunkt auf der gleichmäßigen Verteilung der Klassenclowns im Raum.

Diese von mir bestimmte Rotation hat (in meinen Augen) mehrere Vorteile:

  • es sitzen nicht immer nur die Cliquen und beste Freunde zusammen. Anders ausgedrückt: Die Außenseiter sitzen nicht immer allein.
  • es sitzen nicht immer die gleichen Leute in der ersten bzw. letzten Reihe.
  • da ich die Sitzordnung bestimme bin ich auch schuld. Anders: Es gibt keine Streitereien in der Klasse um die Sitzordnung, weil ich allein alles entscheide.
  • der begrenzte Zeitraum hat den Vorteil, dass die Kinder auch mit (für sie) ätzenden Plätzen leben können. 6 Wochen hält man das mal aus.
  • dadurch, dass jeder mal neben jedem sitzt, lernt man jeden auch mal kennen und stellt fest: Och.. so doof ist der/die gar nicht.

Im Berufsleben kann man sich seine Kollegen auch nicht aussuchen, das verstehen die Schüler. Besonders der letzten Punkt macht sich – in meinen Augen – stark bemerkbar. Ein, zwei Leute sind immer anfangs mit ihren Plätzen unglücklich (“Neben der… das geht gar nicht, Herr Klinge!”) und es ist schön zu sehen, wie daraus nach wenigen Tagen eine wirklich gute Zusammenarbeit wird.

Ich wünsche mir manchmal, dass die Eltern der Kinder sehen könnten, was ich sehe, denn es sind oft die Details, die man als Lehrer zu würdigen weiß, die die Eltern aber nie erreichen.

Heute zum Beispiel dreht sich einer meiner Jungs um, greift in das Mäppchen eines Mädchens und holt sich einen Tintenkiller raus. Sie ignoriert das und arbeitet weiter. Zwei Schüler stehen/sitzen/liegen an/auf der Fensterbank und lösen zusammen eine Mathematikaufgabe. Eine Schülerin ist damit beschäftigt, zwei anderen den Rechenweg eines Problems zu erklären.

Zu Hause erzählen die Kinder oft nur, mit wem sie in er Pause gespielt und mit wem sie sich gestritten haben.
Ich aber würde erzählen: “Die Kinder verstehen sich so wahnsinnig gut, dass sie einander in die Mäppchen greifen, ohne sich gegenseitig anzupampen. Sucht irgendwer einen Folienstift (um sich auf dem Expertenplakat einzutragen), bekommt er von Jungs wie Mädchen einen geliehen. Die Kinder kommen so gut miteinander klar, dass jeder mit jedem im NW-Projekt arbeiten kann. Wenn ich nach Freiwilligen frage, um nach der Mittagspause die Mensa aufzuräumen – dann melden sich 3/4 der Klasse.”

Es sind diese Details, hunderte von Augenblicken, diese Kleinigkeiten die ich an diesem Beruf so sehr liebe. Ich bin so stolz auf ‘meine Babys’ – ich wünschte, ich könnte den Eltern das zeigen, was ich sehe.

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15 Responses to Perspektivwechsel

  1. rebis says:

    Wir – meine Co-Klassenlehrerin und ich – führen genau dieses Sitzplanwechselprinzip durch, aus den gleichen Gründen, in verschiedenen Klassen nun schon. Meist haben wir genau das beobachtet – und waren darüber ebenso glücklich wie hier beschrieben.
    Nun aber haben wir eine neue Klasse, bei der will und will nichts fruchten. Die Schüler schweigen und schweigen sich an, die Außenseiter vom Anfang sind dies immer noch, viele Kinder weinen und sind unglücklich einsam. Dabei sind wir schon in der dritten Sitzordnung, haben ein Landheim hinter uns, arbeiten in den Klassenlehrerstunden genau wie sonst – oder sogar intensiver in diese Richtung hin — und es tut sich: nichts.
    Klassen sind eben auch Individuen. Und wir werden mal nicht ungeduldig, wir haben ja noch ein paar Schuljahre …
    LG, Uta

  2. ixsi says:

    Den 6-Wochen-Rhythmus nutze ich auch in meiner 5. Klasse. Ich wechsle aber ab zwischen einer Sitzordnung, die vollständig durch mich gesetzt wurde, und einer, in der die Schüler Wünsche äußern dürfen, neben wem sie sitzen möchten. Auf diese Art bekomme ich auch mit, wie sich die sozialen Strukturen ändern, wo sich Freundschaften aus verschiedenen Grundschulen gebildet haben etc.

  3. herr_mess says:

    Sehr schön. Vielleicht mache ich das ähnlich. Wenn du sagst, dass du wünsche ignorierst, heißt das, dass die Schüler trotzdem welche äußern können oder ist das kategorisch ausgeschlossen?

    • Sie äußern gar keine, weil sie wissen, dass ich grundsätzlich die Entscheidungen treffe.
      Einzige Ausnahme: Es kommt vor, dass Schüler beim neu einteilen sagen: „Oh, neben Odin Jens Junior saß ich schon vorletztes Mal“ – dann ändert sich etwas.
      Direkt vor den Sommerferien dürfen sie sich dann die letzten zwei Wochen setzen, wie sie mögen.

  4. Sächsin says:

    Hm, das wollte ich auch durchziehen, als ich deinen letzten Eintrag dazu gelesen habe. 🙁
    Die Schüler sitzen immer noch so, wie zum Schulanfang. … Mhmpf …
    Dynamik hat sich durch Schulwechsler und Sitzenbleiber ergeben. Manche sitzen an ihren Tischen sooo weit auseinander, dass sie fast runterrutschen, andere haben sich „gefunden“.
    Sitzpläne zu erstellen find ich so schwierig, dass ich eigentlich froh bin, wenn ich einen, der für mich und die Fachlehrer funktioniert, „zusammengeschustert“ habe. Klingt das jetzt zu lehrerzentriert?
    Ich werde mich mal wieder ransetzen (müssen). … Mhmpf …

  5. 'ne mama says:

    Und nachdem mein kleiner Autist mal frustriert seufzte „Ach, ich war heute schon wieder in einer aneren Klasse. Das war ein anderer Raum und die Kinder waren auch anders“, wurde er netterweise von den Sitzplatzwechseln ausgenommen und durfte als einziges Kind am selben Ort bleiben 😉

    Diese kleine Momente – ich als Mutter freue mich auch riesig, wenn ich so etwas erfahre. Im Kindergarten meiner Kinder haben die Erzieherinnen fast jeden Tag irgendeine von diesen kleinen Begebenheiten auf einen Zettel notiert und an die Pinnwand gehängt. Da konnte man beim Bringen/Abholen draufgucken und das war wirklich ganz was anderes als „Was hast du gemacht?“ – „Ach, nix“ / „Na, immer nur mit meinen Feinden gekämpft“ / „Gelangweilt“:

  6. Jürgen says:

    Wir wechseln auch sehr oft durch, berücksichtigen aber Kinder wie beispielsweise den Sohn von „`ne Mama“.

  7. Frau Henner frauhenner.blogspot.com says:

    In meiner letzten Fünften habe ich das auch gemacht, damit die Kindern aus den Dörfern sich besser kennen lernen, und die, die ganz allein aus ihrem Dorf kamen schnellen Anschluss finden. Der Clou: eine Mutter hat sich bitterböse beschwert, dass ihr Sohn nicht neben seinem Grundschulfreund sitzen darf und das Attest eines Psychologen gebracht! Der Witz daran: besagter Freund war froh, endlich mal woanders zu sitzen und das Muttersöhnchen loszusein. Das Problem: Mutter und Sohn bestanden auf einer von ihnen ausgearbeiteten Sitzordung… Die Lösung des Konflikts: setzt euch wie ihr wollt. Da blieb der Junge allein auf seiner Bank. Aber der Rest war glücklich. Und wir konnten anfangen, Unterricht zu machen.

  8. Decker says:

    Also ich […] kann diese Variante von Herrn Klinge nur unterstützen, obwohl ich anfangs auch etwas zu meckern hatte. Naja jeder lernt ja. Dem Kind/ den Kindern tut es wirklich gut. Das Sozialverhalten ist wirklich beeindruckend.

    Wichtig ist doch, dass es insbesondere für die KINDER gut ist und das ist es.

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