Die große Erschöpfung!?

Die große Erschöpfung!?

2010-08-09 13.46.42Ich bin ein ganz großer Fan von Bill Cosby. Ich liebe seine Fernsehserie wegen ihres durchweg positiven Familienbildes, ich liebe Cosbys Humor und seine Art, über Familie und Ehe zu sprechen. Ich liebe das, weil ich Familie liebe. Weil ich meine Ehe liebe. Und weil ich meine Tochter liebe und auch noch das Vergnügen habe, beruflich mit Kindern arbeiten zu dürfen.
Neulich bin ich über einen lustigen Test für werdende Eltern gestoßen. Er stammt aus dem Buch “A beginners guide to fatherhood” von Colin Falconer. Ich finde den Test ganz lustig, weil ich Familie liebe und weil ich kleine Babys süß finde und gerne mit Kindern arbeite.

Ein Auszug:

Punkt 1:
Geburtsvorbereitung für Frauen:

  1. Zieh einen Morgenmantel an und binde dir einen Sitzsack um den Bauch.
  2. Lass beides dort.
  3. Nach 9 Monaten darfst du 5% der Bohnen aus dem Sitzsack entfernen.

Geburtsvorbereitung für Männer:

  1. Geh in die nächste Drogerie, lege all dein Bargeld auf den Tresen und kaufe alles, was irgendwie nach Hilfe aussieht. Alles.
  2. Geh zum nächsten Supermarkt und bitte den Filialleiter, ob dein Gehalt auch direkt an ihn überwiesen werden kann.
  3. Geh nach Hause. Lies die Zeitung. Zum letzten Mal.

Punkt 2:
Finde ein Paar, das bereits Kinder hat und gib ihnen Tipps bezüglich Erziehung, Disziplin, Geduld und wann man Kindern auch mal Freiheiten gönnen muss. Schlage außerdem Wege vor, wie das Kind besser durchschlafen kann, zudem Tipps für das Klotraining und Tischmanieren. Vielleicht auch etwas allgemein zu gutem Benehmen.

Genieß es! Zum letzten Mal in deinem Leben, hast du alle Antworten parat!

Punkt 3:
Um ein Gefühl für die Nächte zu bekommen, laufe von 22 Uhr abends bis 5 Uhr morgens mit einem klatschnassen Kopfkissen im Arm im Kreis.

Punkt 4:

  1. Kauf dir einen lebenden Tintenfisch.
  2. Versuche, den Tintenfisch in eine Handtasche zu bekommen, ohne dass auch nur ein Arm heraushängen darf. Du hast dafür 5 Minuten Zeit.


Insgesamt 14 Punkte.

Ich habe hier und da zumindest geschmunzelt.
P1050171Aber es gibt so Augenblicke, da wird aus einem lustigen Spruch eine bittere Bemerkung, nicht wahr? Wenn man immer und immer wieder über ein bestimmtes Thema Sprüche kloppt, werden sie irgendwann schal und schließlich ungenießbar.
Sprüche über Kindererziehung gehen einem leicht von der Hand, nicht wahr? Die FAZ publizierte Montag einen Artikel mit dem Titel “Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen.” Der SPIEGEL in seiner Printausgabe einen mit dem Titel “Die große Erschöpfung.” Das, der ZEIT unterstellte, Magazin The Germans einen mit “Ich liebe mein Kind – Ich hasse mein Leben.”

Die Liste setzt sich endlos fort.

Das hat bei mir dazu geführt, dass es mir zunehmend schwerfällt, zu differenzieren, welche Position ein Sprecher vertritt. Und das hat dazu geführt, dass ich Sprüche über Kinder nicht mehr so richtig lustig finde.
Als Vater will ich nicht bedauert werden, sondern höchstens beneidet. Kinder zu haben ist großartig.

Großartig!

G-R-O-ß-A-R-T-I-G!

Zweifellos ist das ganze manchmal anstrengend und doof und überhaupt. Aber zuweilen habe ich den Eindruck, wir zerreden in diesem Land alles. Und in den Medien der Öffentlichkeit am liebsten negativ. Klar: Die ätzendsten Kinder der Welt sind natürlich spannender, als die 98% normal-langweiligen. Und überspitzte Artikel die von genervten, überforderten Eltern handeln generieren mehr Klicks, als ein Vater der sagt: Hey! Ich find’s cool! Ich liebe Kinder.

Aber: Hey! Ich find’s cool! Ich liebe Kinder.

Himmel. Guckt mehr Bill Cosby.

2010-11-11 17.23.48

5 Replies to “Die große Erschöpfung!?”

  1. Hallo Herr Klinge,

    das ist schön für Sie, das Sie es so empfinden können. Und Sie haben sicher Recht sich das einmal ausführlich bewusst zu machen.

    Dass andere Eltern Schwierigkeiten haben sich das häufiger bewusst zu machen, kann daran liegen, dass denen einige Dinge fehlen und sie dadurch unruhig machen und gereizt machen.

    Ich vermute jetzt mal ganz einfach, dass ihre Frau nicht Vollzeit arbeitet? Und Sie auf Lebenszeit verbeamtet sind?

    In meinem Bekanntenkreis sind viele Paare, deren Jobs ständig auf der Kippe stehen. Zumindest wird denen das so kommuniziert. Sie stehen beständig unter Druck und entwickeln Krankheiten (Einer hat Burn-Out und Depressionen, ein Anderer hat ein völlig gestörtes Immunsystem und mindest einmal im Jahr Gürtelrose und zwischendrin Bandscheibenvorfall und was man so alles bekommt. Wegen der Fehlzeiten machen die Arbeitsgeber dann noch mehr Druck) Daswegen arbeiten auch die Frauen und wie das in Teilzeitjobs so ist, muss dann doch regelmäßig länger bleiben als vorgesehen und Verantwortung übernehmen, die in der bloßen Anwesenheitszeit nicht zu bewerkstelligen ist. Die Kinder haben durch die schlechte Familienstimmung auch Probleme und man rennt von einem Heilsversprechen zum Anderen.

    Und das ist leider in allen Familien so, die ich kenne,

    Ich persönlich habe 10 Jahre Vollzeit gearbeitet, weil mein Mann nur sehr wenig Geld verdient und nur auf selbsständiger Basis bezahlt wird. In dieser Zeit hatte ich permanenten Schlafmangel und keine Zeit mich um mich zu kümmern (gesundes Leben oder so etwas) und in den Monaten bevor ich mich ins rettende Schiff „Beamtenstatus“ retten konnte war mir schon sehr klar, dass ich sehr krank bin. Schlußendlich ist es ein Krebs geworden, wovon zumindest die Ärzte, die an einem der rennomiertesten Institute Deutschlands eine Studie zu den „Auslösern“ durchführen, an der ich teilnehme vermuten, dass Schlafgewohnheiten, Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel sowie Stress einen großen Beitrag leisten.

    Und so sehr ich meine drei Kinder liebe, halte ich es doch für sehr wahrscheinlich, dass ich (und viele meiner Eltern-Bekannten) weniger krank wären, wenn es für Eltern mehr Unterstützung gäbe. Und die Folgen für die Kinder muss ich Ihnen nicht beschreiben, die sehen Sie ja selber jeden Tag.

    Viele Grüße
    Coreli

  2. Gelungene Replik. Familie ist toll, Kinder sind toll. Das Leben ist hart – aber es ist das Einzige, das wir haben. Somit für hadern und jammern zu schade.

  3. Ich liebe meine Familie – und beobachte doch viele erschöpfte Familien. Der Druck steigt.
    Da ist die Freundin, die neben ihren beiden Kleinkindern einen tollen Abschluss machen will und die Kinder schon mit dem Gedanken hinlegt, schlaft bitte schön lange, damit ich lernen kann. Wenn dann ein Kind „vorzeitig“ aufwacht, hat sie weniger positive Gefühle… Da ist die junge Mutter mit zwei Kindern, die keine Unterstützung hat, aber der Kindergarten macht Punkt 13 Uhr zu… Und ich sehe viele Männer, die Kinder als Stress empfinden, weil sie nicht so funktionieren wie eine Maschine, es ist eben vieles nicht planbar… Und da ist die Mutter, die alle drei Kinder zu Hochbegabter fördern will – oder zumindest zu Gymnasiasten, und dabei den Blick fürs Leben verliert.
    All diese Menschen verlieren zeitweilig das Schöne aus dem Blick – leider. Und das schöne ist oft das einfache.

    viele Grüße aus der Provinz von Frau Henner

  4. Ich bin alleinerziehend, arbeite Vollzeit, ein Kind. Wie ich das machen sollte, wenn ich nicht Lehrerin wäre, ist mir völlig schleierhaft. Ich konnte meine Tochter schon immer um halb vier aus der Kita abholen, hatte immer Ferien, wenn sie auch Ferien hatte, konnte auch mal ein Jahr eine 3/4-Stelle schieben, ohne Angst haben zu müssen, ersetzt zu werden. Kinder zu haben ist das Tollste auf der Welt – wenn man Zeit und Kraft und Geld hat.

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