MINT on Tour

MINT on Tour

20140311_090856Die Universität Siegen hat ein Projekt gestartet, um “junge Menschen für die MINT-Fächer zu begeistern”. Dabei kommen Lehramts-Studenten drei Tage lang an die Schulen und betreuen jeweils 20 Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse um mit ihnen zu experimentieren und zu…

…helfen, die physikalischen oder chemischen Hintergründe zu verstehen oder selber zu entdecken.

(Siegener Zeitung)

Der Dekan der Fakultät IV setzt auf eine “multiplizierende Wirkung” des Projekts. Die Schüler sollen ihre Begeisterung aus dem Unterricht mit nach Hause nehmen und dort auch die Eltern und Geschwister “anstecken”.

Das sind hehre Ziele.
Die Wirtschaft lechzt nach ausgebildeten Naturwissenschaftlern, die Berufsaussichten für Chemiker und Physiker sind großartig. Viele Eltern finden solche Aktionen gut. Für die Schule ist es Auszeichnung und Werbung, mit der großen Schwester “Universität” zusammenarbeiten zu dürfen und die Schüler freuen sich immer über Projekttage.

Also alles gut?

Nein.

(An dieser Stelle sollte ich sehr deutlich betonen, dass dieser Eintrag nur meine Meinung darstellt, die nicht repräsentativ ist und nicht die Meinung der Schule ist!)

Ganz zu Beginn stellte sich die Professorin den Schülern vor und fragte, wer denn Physik scheußlich fände. Zwei, drei Hände gingen hoch – die meisten finden das Fach okay. Wer denn Chemie scheußlich fände. Hat noch niemand. Und Mathematik? Wieder meldet sich nur eine kleine Minderheit. Die meisten gehen gerne zur Schule und mögen die Fächer auch. Ein unerwartetes Ergebnis – also erzählt sie, wie furchtbar sie besagte Fächer früher gefunden hätte. Danach ein Vortrag über die Vorzüge der Wissenschaft und die Forschung an der Universität (“…wir könnten dann die Energie von 1013 Autos einsparen”), gefolgt von dem Apell an die Kinder, später nicht einen Beruf auszuwählen, der Spaß mache, sondern einen, mit dem man Geld verdienen könne. Zum Beispiel Chemiker. Die Schüler verstehen kein Wort.

Ich atme an dieser Stelle tief durch.

Während der drei Tage saß ich als stummer Beobachter bei einer Projektklasse und habe mir angeschaut, wie die Schüler Stunde um Stunde z.B. eine Schütteltaschenlampe gebaut haben. Die funktioniert, weil sich ein mit Gummibändern fixierter Magnet im Inneren eines Pappröhrchens durch einen außen zu einer Spule aufgewickelten Draht bewegt und dabei einen Strom induziert.

Bitte was?

Spielt keine Rolle – denn wie die Taschenlampe funktioniert, wird mit keinem Wort erklärt. Es wird nur gebastelt. Schritt für Schritt für Schritt. Ohne Sinn und Verstand. Die Studenten erzählen mir, dass sich einzelne Schulen in der Vergangenheit beschwert hätten, wenn zu viel Theorie gemacht worden sei. Man wolle nur noch experimentieren.

Hm.

Auch in dem Begleitheft wird nichts erklärt. Dort findet man statt dessen den Sprung vom historischen wir-legen-Strom-an-Froschschenkel-an zu Halbleiterkristallen – auf weniger als vier Seiten. Kristallstruktur. Valenzelektronen.

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Hm.

Am Ende bleiben für die Schüler drei unterrichtsfreie Projekttage. Sie haben gebastelt und experimentiert  und im Feedback an die Studenten äußern sie, dass allen die drei Tage Spaß gemacht haben.

Das Ziel der Aktion, Kinder für die MINT-Fächer zu begeistern, ist aber (in meinen Augen) völlig verfehlt. Denn die Schüler haben nichts gelernt. Gar nichts. Sie haben gebastelt. Schütteltaschenlampen und Teelichtboote. Und Aufwindturbinen (die einige Schüler als meine tibetischen Gedankenräder wiedererkennen). Das alles hat nicht viel mit dem naturwissenschaftlichen Unterricht zu tun, in dem ich bestimmte Inhalte in vorgegebener Zeit durcharbeiten muss. Und es hat noch viel weniger mit dem Physikstudium an der Uni zu tun. Es ist wie fernsehgucken: man schaut und staunt und hat keine Ahnung. (Vielleicht lief das in den anderen Gruppen besser?)

Die Siegener Zeitung titelt “Lehrerbildung muss sich ändern” – und da bin ich absolut einverstanden. Aber sie muss sich nicht zu lustigen Basteltagen hin verändern, sondern zum normalen Schulalltag. Zum Ende hin werden die Schüler gelangweilter und mutiger. Die Zahl der frechen unverschämten Sprüche häuft sich. Die Studenten müssten lernen, mit Unterrichtsstörung umzugehen. Mit ätzenden Zwischenrufen. Mit Kindern, die ihre Autorität untergraben. Und sie müssten etwas von “Phasenwechsel” verstehen – man kann nicht von 8 bis 13 Uhr basteln experimentieren. Es bräuchte eine methodische und didaktische und inhaltliche Begleitung.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man begeisternden, großartigen Physikunterricht machen kann. Mit Experimenten. Mit Theorie. Mit Aha-Effekten. Mit Partner- und Gruppenarbeit. Mit Stationen und Lehrervorträgen. Und mit Schülern, die sich später gern an den naturwissenschaftlichen Unterricht erinnern. Fragt mal meinen alten Physiklehrer. Oder Martin Kramer vom Uhland-Gymnasium in Tübingen, dessen Bücher ich jedem Physiklehrer empfehlen kann.

Es geht.

Nur nicht so.

13 Replies to “MINT on Tour”

  1. Da stimme ich dir zu. Ich kenne solche Situationen auch von anderen Lehrstühlen aus Siegen, bzw habe davon gehört wenn Forschungsprojekte an Schulen vorgenommen werden. Dass es die Schüler z.B. nicht interessiert, oder dass die Schüler sich entgegen der Erwartungen verhalten, was ja total doof ist für die Forschungsergebnisse etc.
    Das ist halt der Unterschied zwischen der Sichtweise der „Unipädagogen“ die ja letztlich maßgeblich die Kultusminister beeinflussen und so gruselige Dinge wie G8 produzieren.
    Im Gegensatz zu dem, was man als Lehrer so im Alltag erstellen und umsetzen muß.

  2. Allein der Start lässt einen ja schon erschaudern. … wer Physik scheußlich fände? Hallo? Diese Herangehensweise ist ja mehr als fragwürdig und bestätigt meine Meinung, dass es Gründe gibt, warum Professoren maximal an der Universität mit anderen Menschen in Kontakt kommen sollten.
    Kooperationen mit Universitäten machen sich in der Öffentlichkeit sicher gut, lassen sich aber vor der Oberstufe oft nur selten nutzen.

    Um auf den Bastelcharakter noch kurz einzugehen: Natürlich haben Schüler Spaß am Basteln und niemand wird den Studenten am Ende sagen „Entschuldigung, aber ab Tag 2 war es langweilig“, zu befürchten steht aber, dass solche unergiebigen Einheiten dann auch noch „positiv evaluiert“ werden und sich im Zweifel verbreiten. Für den richtigen Unterricht lernen Studenten in dieser Zeit zudem eh nichts. Es ist reine Publicity.

    Wie kann man so etwas stattdessen nutzen? Als AG? Als freiwillige Veranstaltung für interessierte Schüler? Ist es wirklich gerechtfertigt, dass dann Unterricht für so etwas ausfällt, zumal, wenn die Kinder dort wirklich nichts lernen? Universitäten sollten dafür sorgen, dass Schüler in der Oberstufe einen (realistischen!) in ein entsprechendes Studium bekommen und nicht für Beschäftigungstherapieren bei Kindern sorgen.

  3. Danke. Meine Kinder sagen zu solchen Projekttagen immer: „Das war total prima, wir haben nämlich keine Hausaufgaben aufbekommen!“ – das ist alles, was bleibt. Und ich ärgere mich dann, wenn ich zu Hause plötzlich fürs Supervisieren all der Dinge zuständig bin, für die „im Unterricht ja leider keine Zeit bleibt“.

  4. Also diese Professorin sagt genau das Gegenteil von dem, was uns zu Beginn des Studiums geraten wurde: „Studiert etwas, was euch interessiert und woran ihr Spaß habt, denn Geld macht nicht glücklich.“ Ich wage mal zu behaupten, dass unser Prof damals Recht hatte, was ist dass denn für eine kaputte Welst, in der schon Siebtklässlern von gut gebildeten Menschen vermittelt wird, das materielle Dinge über dem persönlichen liegen…

    1. Ich finde beides zu radikal. Kein Geld macht nämlich auch nicht glücklich. Der gesunde Mittelweg ist es wohl, der vermittelt werden sollte. (Allerdings auch nicht auf so schnöde Weise.)

  5. Mich würde ja mal die Evaluation genauer interessieren. An deren Gestaltung lässt sich dann schon deutlich a) das echte Ansinnen und b) die grundsätzliche Qualität des Projektes erkennen.
    Waren denn auch inhaltliche Fragen enthalten, oder ging es tatsächlich nur um den Spaß an der Sache.
    Wenn man das Inhaltliche völlig außen vor lässt, zeigt das, zumindest meinem Empfinden nach, schon sehr deutlich, dass es nie in erster Linie auf eine verbesserte Motivation bei gleichzeitigem messbarem Lern-Outcome ging. Es zeigt dann, dass die rein der Spaß (den ich hier nicht mit Motivation gleichsetzen möchte, wenn gleich im Ansinnen sicher von Motivation gesprochen würde) im Vordergrund stand. Und da liegt die Krux. Zumindest für mich.
    Spaß ist das eine. Wenn es aber nur um Spaß ginge hätte wir kein verstaatlichtes Schulwesen mit Pflichtlehrplänen und staatlichen Prüfungen zum Nachweis allgemeiner BIldung. Jeder würde sich wirklich individuell seinen Vorlieben widmen.
    Aber Spaß, oder wenn man wirklich so will, Motivation kann auch durch Faszination entstehen. Faszination an der Komplexität scheinbar einfacher Probleme oder genau umgekehrt, der Einfachheit des scheinbar Komplexen. In diesem Spannungsfeld lässt sich meiner Meinung nach mehr erreichen, weil man Kindern zeigen kann, dass sich der genaue Blick immer lohnt!

    1. Ich glaube nicht, dass es eine echte Evaluation gibt.
      Fragen waren natürlich zugelassen – aber der Inhalt ist halt gar nicht in den aktuellen Schulplan eingebunden (z.B. Elektromotoren & Induktion in Klasse 7..?!) und darum kann es am Ende nur um die Naturphänomene gehen. Und solche Phänomene begeistern zwei Stunden, aber nicht ernsthaft drei Tage. :-/

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