#14: Heikel

#14: Heikel

2014-05-24 10.12.10Obwohl wir schon einige Teile unserer Reihe hinter uns haben, stecken wir immer noch ganz am Anfang.
Heute möchte ich mit einer Geschichte anfangen – einer Geschichte, die mir hilft sich über Wesentlichkeit, Inspiration und Offenbarung Gedanken zu machen.

Vor einigen Jahren schrieb Rob Bell ein Buch namens „Love Wins“ (dt. „Das letzte Wort hat die Liebe„). Zu jener Zeit, als das Buch erschien, meldete sich ein sehr bekannter, amerikanischer Pastor mit großer Anhängerschaft zu Wort, er wolle mit Bell sprechen, weil er große Bedenken ob des Buches habe (Bell erwähnte, dass er zu jener Zeit gelernt habe, dass „große Bedenken“ im Kirchensprech bedeutet, dass jemand richtig angepisst ist..). Bell unterhielt sich mit dem Pastor und fand schnell heraus, dass, wann immer er etwas darüber sagte, wie gut Gott sei, von jenem Pastor eine Erwiderung darüber kam, wie gewaltsam und schrecklich Gott sein könnte.

Beispielsweise sagte Bell: “Jesus sprach über die Erneuerung aller Dinge”
und dann wurde entgegnet: “Aber Gott kann auch ein ganzes Dorf auslöschen wie es im Buch der Richter geschrieben steht.”

Solche Dinge.

Alles was Bell sagte, wurde mit einem Vers oder einer Geschichte widerlegt, wie grausam ein strafender Gott sein kann – inklusive der Folgerung, dass Gott jedermann in die Hölle verbannen könnte, auf dass man ewig brenne. Rob Bell entgegnete, ob ein Gott, der so entscheiden könne, nicht auch entscheiden könne, einfach jedermann nicht in die Hölle zu schicken. Wenn Gott so willkürlich sei, wie der Pastor beharrte, warum muss er immer willkürlich grausam sein? Könnte er nicht willkürlich großartig sein – so wie Jesus diesen Gott beschrieb? Einen, der Menschen gleich bezahlt, egal ob sie viele oder wenige Stunden gearbeitet haben? Einer, der die Loser der Gesellschaft zu Partys einlädt? (Das ist übrigens der zentrale Ausgangspunkt von Jesus: Immer und immer und immer wieder! Gott gibt nicht jedem, was er verdient.)

Natürlich sagte der Pastor an dieser Stelle, dass man solcher Interpretation nicht trauen kann und dies mit einer brutalen Geschichten aus dem Alten Testament unterlegt.

Ein ermüdendes Gespräch.

Die Unterhaltung ging vor und zurück und vor und zurück, bis Rob Bell sagte:

„Ich lese die Bibel nicht wie einen Roman. Ich glaube nicht, dass man alle Passagen der Bibel nebeneinander legen kann um sich dann diese oder jene rauszupicken und sie dann gegen eine andere zu verrechnen um immer wieder vor und zurück zu stolpern und letztlich bei Gottes Willkür zu landen.
Ich verstehe die Bibel als eine sich entfaltende Geschichte mit einem Bogen, einer Bahn, einer Bewegung und einer Dynamik, die alle großen Geschichten haben. Es gibt die frühen Teile der Geschichte und die späteren. Die Geschichte bewegt sich in eine ganz bestimmte Richtung und als Christ denke ich, dass sie auf Jesus zuläuft. Und deswegen lese ich die Bibel durch einen Jesus-Filter – ganz besonders die Teile, die vor der Jesus-Story zu finden sind.“

Der Pastor erwiderte, er habe keine Ahnung, wovon Bell sprach.

Autsch.

Nochmal in kurz: Die Bibel ist von Menschen geschrieben worden.

Menschen schrieben diese Dinge über eine lange, lange Zeit hinweg auf.

Die Sachen, die sie aufschrieben waren ursprünglich mündlich überlieferte Geschichten, die allmählich die Gestalt der Bibel von heute annahmen. Einige Bücher wurden ausgelassen, Schriften verändert, Details hinzugefügt und Entscheidungen getroffen darüber, welche Bücher relevant sind und welche nicht und irgendwann wurde aus einer Zusammenstellung von Büchern die Bibel.

Die Dinge, die die Menschen aufschrieben, reflektieren, wie sie die Welt in ihrer Zeit und ihrem Kontext sahen. Die Geschichten, die sie erzählen und die Erklärungen die sie für Geschehnisse fanden sind durch ihr Selbst- und ihr Weltbild gefiltert.

Wenn wir die Bibel lesen, dann lesen wir eine Geschichte über das zunehmende und wachsende Bewusstsein der Menschheit. Wenn wir sie als eine Entwicklungsgeschichte lesen, dann lässt man keine Teile aus oder tut so, als gäbe es sie nicht – sondern man liest sie im Licht dessen, wohin sich die Geschichte entwickelt. Das bedeutet nicht, dass die frühen Teile schlecht sind oder wertlos – sie sind einfach die frühen Teile. So verstanden die Menschen seinerzeit die Welt aber die Geschichte geht (Gott sei Dank) weiter.

Und das ist der Grund, warum wir (ich!) Bauchschmerzen bekomme, wenn ich während einer Predigt eine jener grausamen Geschichten des Alten Testaments zu hören bekomme und der Prediger versucht, sie so zu deuten, dass sich alle Knoten und Merkwürdigkeiten darin auflösen. Denn der Prediger behandelt die Bibel in dem Moment als einen

statischen Bericht

anstatt sie als

fortschreitende Erzählung

zu betrachten, die sie ist.

Wenn man die Bibel als festen Bericht betrachtet, dann muss man Gott ständig verteidigen und erklären, dass Gott nicht wirklich so böse und grausam ist, wie er immer wieder erscheint. Immer wieder versucht man die frühen Teile der Bibel mit den späten in Einklang zu bringen, stellt sie Seite an Seite nebeneinander und verzweifelt. Es lässt einen frustriert zurück und jene gestelzte Wörtlichkeit beraubt die Bibel ihrer Lebendigkeit. (Übrigens sprechen die allerwenigsten der Artikel, Umfragen und Kolumnen über die rückläufigen Kirchenbesucher darüber, dass sich unser Selbstbild verändert hat – was der wahre Grund sein dürfte, warum keiner mehr in den Gottesdienst geht: Menschen haben sich vom Sippenbewusstsein, vom gewalttätigen, magischen, mystischen Selbstbild weiterentwickelt. Und Gottesdienste und Lehren davon empfinden sie als Schritt zurück.)

Aus welchen Gründen auch immer – die Bibel entstammt direkt der menschlichen Geschichte und Kultur und spiegelt die fehlerhafte, brillante, sprunghafte, frustrierende, liebevolle Natur der Menschen wieder, die die einzelnen Bücher schrieben – ganz ähnlich wie auch ein einzelner Mensch wächst und sich entwickelt. Bin ich stolz auf alles, was ich je sagte? Gibt es nicht auch Dinge die ich gesagt und getan habe, für die ich mich heute schämen würde?

Natürlich.

Warum also sollte es uns verwundern, dass es in dieser sehr menschlichen Bibel Stellen gibt, die heute erschreckend und abstoßend sind?

Es sind die frühen Teile der Geschichte
und frühe Teile einer Geschichte sind oft so.
(Was natürlich die Frage aufwirft, warum wir in unserer modernen Gesellschaft in vielerlei Hinsicht keine Fortschritte gemacht haben und an vielen Stellen mit den gleichen Fragen und Problemen ringen – aber dazu kommen wir noch.)

Gott hat diese lustige Angewohnheit, normale Menschen für seine Pläne zu benutzen. Und diese Menschen haben Tagesordnungspunkte, Perspektiven und ein bestimmtes Selbstbild. Menschen treffen Entscheidungen, lassen Aspekte aus und erwähnen andere, die vorher nicht da waren und während sie die Bibel schrieben, entschieden Menschen, was Gott sagte und was nicht.

Das ist die Bibel.

Für wie göttlich oder inspiriert oder aufschlussreich auch immer wir die Bibel halten – wir kommen ihr nur auf die Spur, wenn wir mit der Menschlichkeit des Buches beginnen. Wenn wir dort loslegen, dann finden wir womöglich etwas Göttliches.

 

Nächstes Mal: Annahmen und AA-Treffen.

Teil #1 der Reihe.

Dank geht an Rob Bell.

5 Replies to “#14: Heikel”

  1. Entwicklung ist anscheinend das Zauberwort. Menschen entwickeln sich, die Menschheit entwickelt sich, aber entwickelt sich Gott? Das widerspräche dem Konstrukt der Vollkommenheit – vielleicht ist das der Grund, warum ich es nie geschafft habe, an ihn zu glauben.

  2. Schöner Artikel – ich seh es eigentlich genauso, und irgendwie freut es mich, dass irgendwelche mir völlig unbekannten Leute das ähnlich sehen :-)

    Was ich mich frage:
    Wie können wir es schaffen, dass aus dem “Jesus-Filter”, mit dem wir die Bibel lesen können, kein völlig beliebiger “so-hätte-ich-Gott-gerne-Filter” wird?
    Haben Sie da Ideen?

    @nanu: Ich kann natürlich nur für mich selbst sprechen, aber mir geht es nicht um die Entwicklung Gottes, sondern um die Entwicklung des menschlichen Denkens über Gott. Können Sie damit was anfangen?

    1. Komplizierte Frage. Wenn ich an Gott glauben würde, ginge es mir in erster Linie um ihn (und mich), da ich es nicht tue, interessiert mich, wie andere über ihn denken und wie sich dieses Denken entwickelt hat.

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