#25: Abstand

#25: Abstand

20141127_160431Wenn man sich mit einer Sache beschäftigt, ist etwas Abstand davon ganz wichtig. Auch bei der Bibel. Man kann einen Vers lesen und die einzelnen Worte studieren. Man kann einen Satz wirken lassen. Oder nach Aussage und Sinn in einem ganzen Abschnitt suchen. Einen Absatz oder ein Kapitel aufnehmen.

Oder man tritt einen Schritt zurück und blickt auf das gesamte Buch.

Man kann die Bibel aus verschiedenen Höhen betrachten – von der Bedeutung eines einzelnen Wortes hin bis zum 5000-Meter-über-den-Dingen-Blick auf das ganze Werk. Und wenn man so großen Abstand hat, dann erkennt man oft Aspekte, die man vorher übersehen hat.

Wie in der Apostelgeschichte.

Wie beginnt sie? Jesus sagt seinen Jüngern, sie seien ermächtigt, bis ans Ende der Welt zu reisen um seine Botschaft zu verbreiten, angefangen mit Jerusalem und über Judäa nach Samarien. Jesus, der ein Jude ist, spricht zu seinen jüdischen Anhängern, sie sollen ihr jüdisches Heimatland verlassen um an die endlegendsten Orte zu reisen.
(Eine kleine Randnotiz: Was lernen wir aus Kapitel 8? Dass sie immer noch in Jerusalem sind! Merkwürdig, oder? Er sagt ihnen, dass sie ihre Heimatoase verlassen sollen aber in Kapitel 8 sind sie immer noch an genau den Orten, die sie seit Jahren schon kennen. Wir lesen dann, dass sie unter einer brutalen Verfolgung litten und zerstreut wurden nach… Moment… Judäa und Samarien! Es braucht wohl manchmal etwas Leid und Ärger, um jemanden aus seiner Komfortzone herauszureißen…hm?)

Nun.. rasch vorwärts zum Ende der Apostelgeschichte: Worum geht’s? Der Apostel Paulus ist in…Rom. Rom war für einen Juden des ersten Jahrhunderts wirklich das Ende der Welt. Er hat sich dort ein Haus gemietet und freut sich über Besucher und erzählt ihnen von Jesus und dem anbrechenden Königreich.

Es gibt einen roten Faden, einen Bogen in diesem Buch, den man nur erkennt, wenn man etwas Abstand nimmt und das Buch als durchgehende Erzählung nimmt. Man sieht dann, dass die Botschaft nicht mehr von einer kleinen Gruppe (egal ob religiöser oder ethnischer Art) behütet werden kann. Diese “Gottes Königreich ist angebrochen”-Nachricht ist zu groß, um sie auf einen kleinen Fleck und wenige Menschen zu beschränken.

Sie bewegt sich von Jerusalem nach Rom.

Von der bekannten Welt ins Unbekannte Land.

Vom Lokalen ins Globale.

Von wenigen Menschen zu allen Menschen.

Es beginnt mit einer ausgewählten Gruppe von Leuten (ein ausgewählter Stamm) aber es breitet sich aus bis ins Zentrum der Welt und beeinflusst alle möglichen Menschen mit allen möglichen Hintergründen. Der einfachste Nenner dieser Botschaft über Gottes Liebe lässt sich nicht mehr einfangen.

Nun ein kurzer Sprung ins Buch Rut.

Ein Ehemann stirbt. Die Witwe (Rut) reist in ein neues Land, umwirbt einen neuen Mann, der sie schließlich heiratet.
Diese Geschichte scheint auf den ersten Blick von einer merkwürdigen Familie und einer verbitterten Schwiegermutter zu handeln. ..bis man die letzten zwei Verse liest, in denen erwähnt wird, dass Ruts neu geborenes Baby Obed genannt wird, der wiederum der Vater von Isai ist, welcher wiederum David zeugt.

Okay…und!?

Das Alte Testament handelt von einem Mann namens Abraham und seinem Stamm die mit Gott ringen und schimpfen und auch leiden. Abraham ist dazu berufen, der Vater einer neuen Art Stamm zu sein – eines, der der Welt die Liebe Gottes zeigt. Abraham ist gesegnet worden und soll nun zum Segen für die Welt werden. Aber kurz danach entschließen sich Abraham und sein Neffe Lot unterschiedlicher Wege zu gehen. Beide sind so wohlhabend, dass das Land unmöglich beide ernähren kann. Zu viele Leute und Schafe und Ansprüche in zu wenig Raum. Ihr Reichtum bringt sie dazu, sich zu trennen.

Wenn es darum ginge, eine neue Gemeinschaft, einen neuen Stamm zu präsentieren, dann würde diese Geschichte sehr tragisch beginnen – denn schon nach einem Kapitel ist diese neue Gemeinschaft schon zersplittert.

Lot geht den einen Weg.

Abraham den anderen.

Bis zum Buch Rut.

Warum? Weil Ruth aus Moab ist und die Moabiter waren Nachkommen von Lot. Wenn Rut im Verlauf der Geschichte darauf besteht, bei ihrer Schwiegermutter zu bleiben um nach Israel zurückzukehren, dann wird aus der Erzählung über eine skurrile Familie die Geschichte zweier Stämme (Lot und Abraham) die sich wieder vereinen. Es geht um das Heilwerden einer Familie. Es geht darum, zusammenzuführen, was einst getrennt wurde.
(Im hebräischen Original wird der gleiche Begriff benutzt um Lots Trennung und Ruts Rückkehr zu beschreiben. Offensichtlich kannte der Verfasser den größeren, weiteren Rahmen dieser Erzählung ganz genau.)

Und aus diesem Grund endet das Buch Rut auch mit einem kleinen Exkurs in Genealogie: Der Stamm ist gerade rechtzeitig geheilt worden, um David im Leben begrüßen zu können. Jenen König, der Israels Identität neu schärft und die Hoffnung auf einen Messias erweckt.

Okay..noch ein Sprung: Exodus.

Wie geht es los? Mit den Hebräern, die in einem fremden Land in Sklaverei leben, unterdrückt von einem Pharao mit einem Gott, der sich nicht blicken lässt.

Und wie endet es? Mit eben diesen befreiten Sklaven in der Wildnis und einem kleinen Heiligtum in ihrer Mitte und Gott der…

..vor den Augen des ganzen Hauses Israel [war], solange sie auf der Wanderung waren. [Exodus 40, 38]

Die Geschichte beginnt in Dunkelheit aber endet im Licht.
Sie beginnt in Sklaverei aber endet mit Freiheit.
Beginnt mit der Abwesenheit von Gott und endet mit seiner Gegenwart.

Na gut.. einer noch: Epheser.

Paulus schreibt einen Brief an seine Freunde in Ephesus und in den ersten drei Kapiteln trägt er ihnen keine Aufgaben auf. Er sagt ihnen schlicht, wer sie in der Gegenwart Jesu sind. Paulus schreibt, dass sie gesegnet seien und geheilt und befreit  und erlöst und gekennzeichnet und lebendig und geheiligt und er hört gar nicht mehr auf zu schreiben, was Gott für sie getan hat und wie der Heilige Geist in ihrer Mitte wirkt.

Und dann, in Kapitel 4, schreibt er, wie sich das praktisch äußert, wenn man jeden Tag so lebt.

Erst schreibt er, wer sie sind,
dann schreibt er ihnen, was sie zu tun haben.

Warum?

Weil die frohe Botschaft von Jesus zu allererst ein Bekenntnis darüber ist, wer man ist. Es geht um die eigene Identität, über das neue Wort, das über einen gesprochen wird. Darüber, dass man geliebt ist.

Wenn man mit Anweisungen und Befehlen beginnt, dann lässt sich das leicht missinterpretieren: Man könnte zu der Erkenntnis gelangen, Gott würde uns lieben, weil wir besonders religiös oder gut und rechtschaffend sind. Aber das ist nicht das Evangelium. Das Evangelium sagt aus, dass man geliebt ist. Grundsätzlich.

Liest man das Buch Satz für Satz oder Kapitel für Kapitel dann entgeht einem womöglich dieser rote Faden. Der Abstand bewirkt, dass man das Werk als Ganzes sieht.

Nun aber wirklich der letzte (und auch ganz kurz): Matthäus.

Jesus wird geboren und wird nach Ägypten gebracht. Dann kommt er zurück nach Israel, wird getauft und verbringt 40 Tage in der Wüste.

Moment… die Israeliten waren in Ägypten, oder? Und dann sind sie durch Wasser zurückgekommen und haben 40 Jahre in der Wüste verbracht..!?

Matthäus schreibt an ein jüdisches Publikum. Er beginnt damit, Jesus mit der Geschichte dieser Menschen zu verknüpfen.

Wir könnten ewig so weitermachen.

Ob Apostelgeschichte oder Rut oder Exodus. Man liest diese Geschichten mit etwas Abstand und ganz plötzlich sieht man die Brillanz der Erzählung, die tieferen Ebenen der Bücher. Man erkennt, dass es eine Geschichte hinter der Geschichte gibt. Einen roten Faden. Der oft der entscheidende Punkt der Geschichte ist. (Und es mag sein, dass das auch für unser Leben gilt: Einzelne Abschnitte, ganze Kapitel mögen manchmal furchtbar erscheinen, aber der Blick auf das Ganze verändert vielleicht manches…)

Wenn wir also das nächste Mal frustriert oder verwirrt von etwas sind, das wir in der Bibel finden, dann sollten wir uns fragen: Verpasse ich etwas? Sehe ich vielleicht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr? Brauche ich etwas Abstand?

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