#28 Wir sollen was tun? Mit was?

#28 Wir sollen was tun? Mit was?

IMAG0030Ich bin selbst ganz aufgeregt über unserer Bibelreihe. Einige Texte liegen schon hinter uns, aber da ist noch mehr auf dem Weg. Am spannendsten finde ich die abstrusesten Texte – diejenigen, mit denen ich am wenigsten anfangen kann – und heute kommt wieder so einer: Wir wollen Gott heute in einem rauchenden Ofen suchen (ich meine – jeder kann Gott in einem brennenden Busch finden – aber ein oller Ofen? Kommt schon!).

Zunächst ein Vers aus der Bibel
dann eine Geschichte.

Hier ist der Vers:

Die Sonne war inzwischen untergegangen, und es war dunkel geworden. Da sah Abram einen rauchenden Ofen, und eine Feuerflamme fuhr zwischen den Fleischstücken hindurch.
(Genesis 15)

Und jetzt die Geschichte:

Stellen wir uns vor, wir wollten unseren alten 1985er VW Golf aus Studentenzeiten verkaufen und eines Tages klingelt das Telefon. Ein Typ namens Robert. Er habe das Auto auf Ebay Kleinanzeigen gesehen und er würde es sich gerne ansehen. Wir sind ganz aufgeregt, denn wir wollen das Auto schon eine ganze Weile loswerden, um uns einen kleinen SMART zuzulegen.

Wir geben eine Zeit an, Robert taucht auf, schaut sich das Auto an und fragt, ob er eine kurze Runde fahren kann. Wir geben ihm die Schlüssel und als er sich hinter das Lenkrad setzt, fragen wir ihn, wo denn sein Auto sei weil wir bemerken, dass er jetzt einfach wegfahren könnte. Er beruhigt uns und sagt, er hätte hinter der nächsten Ecke geparkt – das reicht uns. Er fährt davon und wir sitzen vor unserer Einfahrt mit der neuen Gartentraktor-Zeitschrift und warten auf ihn.

Und warten auf ihn.

Und warten auf ihn.

Nach einer halben Stunde ist er immer noch nicht da.

Wir beruhigen uns innerlich und reden uns ein, Robert sei wohl der gründliche Typ.

Aber nach eine Stunde riecht das Ganze verdächtig und als wir um die nächste Ecke gehen, um nach seinem Auto zu sehen, wissen wir gar nicht, wonach wir suchen sollen, weil wir nicht weiter gefragt haben. Wir gehen zurück in unsere Einfahrt.

Und nach einer weiteren Weile (in der wir eine Runde um den Block gegangen sind) sind wir davon überzeugt, dass Robert unser Auto gestohlen hat.

Was machen wir nun?

Wir rufen die Polizei.

Warum?

Weil das das ist, was man tut, wenn das eigene Auto geklaut wird.

Wir wollen an dieser Stelle kurz innehalten: Wir rufen die Polizei.

Bemerkenswert, wie selbstverständlich und unaufgeregt uns diese Antwort über die Lippen kommt – und wie außergewöhnlich sie ist. Wir rufen eine Nummer an und ein Polizist taucht auf, der uns Fragen stellt und uns ein Formular ausfüllen lässt und dann ein paar Kollegen informiert und binnen Minuten steht ein gewaltiges Netzwerk aus Experten und Fachwissen auf den Beinen, um nach unserem Auto zu suchen.

Das sie auch finden. Fünf Kilometer von unserem Haus entfernt, vor dem nächsten Supermarkt. Der Polizei zufolge haben sie Robert aufgegriffen, wie er gerade den Kofferraum mit seinem Wocheneinkauf und einigen Duftbäumchen füllte.

Und jetzt kommt der verrückte Teil: Als sie Robert fragten, warum er unser Auto führe, erwiderte er, wir hätten ihm die Schlüssel gegeben.

Das war seine Antwort: „Ich dachte, das wäre okay, weil dieser nette Mann mir die Schlüssel zu seinem Auto gegeben hat.“

Als uns der Polizist das sagt, sind wir wie vor den Kopf gestoßen. Bitte was?

„Aber er hat das Auto nicht bezahlt!“ antworten wir.

Und als der Polizist Robert erklärt, man müsse für das Auto schon eine passende Summe Geld bezahlen, sagt der

„Davon habe ich noch nie gehört. Klingt nach einer vernünftigen Idee!“

Eine absurde Geschichte, nicht wahr?

Wir empfinden sie als absurd und konstruiert, weil wir mit dem System aufgewachsen sind, wie Handel funktioniert: Man einigt sich auf bestimmte Rahmenbedingungen, bringt zusammen, was man anbietet (Geld, Auto, etc.) und wenn einer seinen Teil der Abmachung bricht, dann hat das rechtliche Konsequenzen.

Aus diesem Grunde haben wir Verträge und darum unterschreiben wir, wenn wir mit EC-Karte bezahlen – wir bestätigen, unseren Teil der Abmachung einzuhalten und zu bezahlen. Das gilt für den Kauf von Häusern, den Tausch von Pferden oder die Packung Chips von der Tankstelle, wenn ich von meinem wöchentlichen Ambu Jitsu Abend komme.

Zwei Parteien einigen sich auf einen Deal: Ich gebe dir vierzig Euro und du gibst mir sechs Ausgaben von ‘Partner & Hund’.

Das ganze System existiert und funktioniert den größten Teil der Zeit, weil es durch Gesetze und eine Justiz getragen wird, die Leute bestraft, die sich nicht daran halten. Wenn ich meine Zeitschrift nicht bezahle, ruft der Laden die Polizei und so weiter.

Jetzt eine Frage, die uns dem heuten Punkt etwas näher bringt:

Viertausend Jahre früher in der menschlichen Geschichte – wen hat man da gerufen, wenn irgendwer sich nicht an seinen Teil des Handels gehalten hat?

Was uns zu einer weiteren Frage führt: Bevor es dieses gewaltige System aus Gesetzbüchern und Rechtsanwälten und Polizisten und Girokonten und Scheckbüchern gab – wir konnten die Leute dem Gegenüber je trauen, dass der seinen Teil wohl halten würde?

Wie hat echter Handel je funktioniert, wenn man niemanden um Hilfe rufen konnte?

Nun – natürlich habe ich hier einige Dinge vereinfacht – aber eine Antwort ist diese: Verpflichtung.

In der antiken Welt schloss man eine Verpflichtung (so etwas wie ein Bund) ab und versprach so, seinen Teil des Deals einzuhalten.

Als erstes besorgte man sich ein Tier – eine Kuh oder ein Schaf oder eine Ziege oder eine Taube.

Danach zerhackte man es in zwei Stücke. (Ja! In zwei!)

Als drittes legte man die beiden Hälften etwas auseinander, dass sie einen Gang bildeten.

Anschließend stand man Seite an Seite mit dem Vertragspartner an einem Ende und formulierte seinen Teil des Handels.

(Wir: Wir werden unseren VW Golf anbieten, der ein fürchterliches Rattern macht, sobald man schneller als 40 km/h fährt)

(Robert: Ich werde 2500 € dafür bezahlen, solch ein majestätisches Fahrzeug zu besitzen)

Warum all das? Wegen des nächsten Teils:

Zuletzt ging man Seite an Seite durch die Gasse zwischen den toten Tierhälften durch und formulierte etwas wie:

Möge ich wie dieses Tier enden, wenn ich diese Verpflichtung breche.

Mal abgesehen von der Gewalt gegen Tiere (ich bin Vegetarier): Können wir die Kraft eines solchen Rituals erahnen?

So etwas machte man nicht einfach so.

In früheren Kulturen, wo die Rechtssysteme (wenn überhaupt vorhanden) primitiver waren, war unser Wort entscheidend. Rituale wie dieses waren der Leim, der Bund, die Versicherung dafür, dass man einander trauen konnte.

Möge ich wie dieses Tier enden, wenn ich diese Verpflichtung breche.

(Übrigens kommt daher der englische Ausdruck für „ein Geschäft machen“: „cut a deal“)

All das führt uns zu Genesis 15, wo wir von einem Gott lesen, der Abraham große Versprechungen macht über die Sippe, die aus seinen Lenden kommt (wir kommen im nächsten Teil zum Lenden-Teil und sehen uns das genauer an *scnr*) und die eine neue Art von Sippe sein soll. Abraham zweifelt daran, dass er Gott zu irgendetwas nutze sein könnte, was sich darin äußert, dass er sagt:

Was kannst du mir geben, solange ich kinderlos verbleibe?

(Das ist die Art von Story, die die Bibel in Fahrt bringt: Gott erzählt einem Mann, er würde der Vater einer ganzen Nation und dann hat der Mann für eine lange, sehr lange Zeit keine Kinder. Es ist von Anfang an verrückt! Wer die Reihe schon länger verfolgt, wird dieses Muster wiedererkennen.)

Gott nimmt Abraham also nach draußen, zeigt ihm die Sterne und sagt ihm

so zahlreich sollen deine Nachfahren sein.

Mit anderen Worten: Du wirst eine Menge, Menge Kinder haben. Glaub mir in dem Punkt.

Was Abraham tut. Der nächste Vers sagt:

Abram glaubte der Zusage des Herrn, und der Herr rechnete ihm dies als Beweis der Treue an.

Haltet mit mir einen Moment inne, denn hier geht die Achterbahnfahrt los: In der antiken Welt ging man davon aus, das die Götter unerreichbar, losgelöst und launisch, einzig darauf wartend von den Menschen Opfer entgegen zu nehmen um sie gnädig zu stimmen. Opfere was du kannst, biete an, was nötig ist, strecke dich so weit wie möglich, um den Zorn der Götter zu beruhigen.

Aber in dieser Geschichte handelt von einem Gott, der eine Menge Zeit mit Abraham verbringt, um dem seine Pläne zu offenbaren.

Diese Geschichte ist komplett auf den Kopf gestellt. Sie ist so neu und frisch, dass wir keine richtigen Kategorien mehr dafür haben, was sie damals bewirkt haben muss.

Ein Gott, der einem Menschen Gutes tun will? Was?

Und Abraham glaubt das. Er vertraut darauf.
Das ist revolutionär und wir kommen in einer Minute darauf zurück. Aber zunächst noch etwas Text:

Gott sagt Abraham, er würde ihm Land geben und der fragt zurück:

Woher weiß ich, dass ich das Land, was du mir gibst, annehmen kann?

Woraufhin Gott antwortet:

Bring mir eine Kuh, ein Schaf, eine Ziege und eine Taube.

Ihr ahnt, wo das hinführen wird! Denn die nächsten Verse beschreiben

Abram holte die Tiere, zerteilte jedes der Länge nach in zwei Hälften und legte die Teile einander gegenüber…

Wie kommt es, dass Gott Abraham keine Anweisungen gibt, was er mit den Tieren tun soll?
Weil der natürlich weiß, was er zu tun hat. Er und Gott beschließen einen Handel. Eine Verpflichtung. Und so tat Abraham, was die Leute damals eben so taten.

Gott erzählt Abraham dann bis zum Abend von allen möglichen Dingen die noch passieren werden und als es schließlich dunkel wird

…da fuhr ein rauchender Ofen und eine brennende Fackel zwischen den Teilen hindurch.

Gott bestätigt anschließend noch einmal seine Versprechen und die Geschichte ist zu Ende.

Punkt.

Aus.

Moment. Was? Das ist das Ende der Geschichte?

Yep. Ein rauchender Ofen fährt zwischen den toten Tieren durch.

Was hat es mit diesem Ofen auf sich?

Es ist ein Zeichen der Gegenwart Gottes.

Also.. Läuft Gott alleine zwischen den Tieren durch?

Ja.

Aber wenn Gott und Abraham einen Handel beschließen, warum gehen sie dann nicht zusammen dadurch? War das nicht die Art, wie so etwas lief? BEIDE Seiten stimmten dem Handel zu?

Ja, genau so lief es. Aber in dieser Geschichte läuft nur Gott.

Ist das wieder so ein Beispiel für bekannte aber irgendwie verdrehte Dinge in der Bibel?

Genau. Die Geschichte beginnt mit etwas, dass die Menschen damals wiedererkannten (wie, dass Abraham seinen Sohn opferte, der Flut-Geschichte etc.) aber dann nimmt sie eine unerwartete Wendung.

Okay – aber was ist der Punkt?

Gott trägt den Handel allein. Auch, wenn Abraham versagen sollte, wird Gott seinen Teil einhalten.

Gibt es noch etwas größeres, was hier abläuft?

Ja. Abraham wird eingeladen, Gott zu glauben, darauf zu vertrauen, dass Gott nur das Beste im Sinn hat – sogar wenn Abraham alles versaut.

Eine Geschichte über die Beziehung zu einem lebendigen Gott. Das war seinerzeit eine brandneue Idee.

Aber es geht doch nicht nur um eine Beziehung?

Exakt. Es geht um eine besondere Form der Beziehung mit einem bestimmten Gott, einem, der gut ist und verschwenderisch. Einem, dem man trauen kann. Einem, der immer wieder sagt: „Vertrau mir!“

Also sind all die Stereotypen über den rachsüchtigen Gott des Alten Testaments… eher Vorurteile?

Wir haben zumindest schon einige Beispiele kennengelernt, die dafür sprechen. Diese Geschichte hier handelt von Gnade, Vertrauen, Liebe und Hoffnung.

Okay – was ist der Punkt?

Es gibt eine Menge, aber wir wollen uns auf einen konzentrieren: Diese „Abraham und der rauchende Ofen“-Story handelt von einem neuen Gottesverständnis, einem Gott, der Abraham und seiner Sippe eine glorreiche Zukunft verheißt.

Und wir alle wissen, wie man eine Sippe gründet.

Tun wir das?

Nächstes Mal: Wie man eine Sippe gründet.

4 Replies to “#28 Wir sollen was tun? Mit was?”

  1. Wenn man dann noch bedenkt, was Jesus (Gottes Sohn) am Kreuz tut, wird die Geschichte (und das Versprechen Gottes) noch mal etwas heftiger …

    Aber wahrscheinlich greife ich vor …. 😉

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