Gnade vor Recht…?!

Gnade vor Recht…?!

halbtagsblog - 2SppRNlB4gVor einigen Jahren gab es da in meiner Stufe diesen Jungen: In der Grundschule als Klassenkasper stets im Mittelpunkt. Alle paar Monate Elterngespräche wegen Raufereien, ungebührlichen Betragens und vergessener Hausaufgaben. Eine Karriere, die sich nahtlos an der weiterführenden Schule fortsetzte: Marginale Fremdsprachenkenntnisse in Kombination mit einer Sauklaue und praktizierter Faulheit. Viele flotte Sprüche statt gemachter Hausaufgaben. Bestimmt ein netter Kerl und – typischer Lehrerspruch – mit “so viel Potenzial!”

Obwohl ich meine Behauptung nie belegen könnte, bin ich mir sicher, dass die Lehrer seinerzeit hier und da ein Auge zugedrückt haben. “Komm, der Jan ist zwar in Französisch ne Pfeife, aber ich glaube, aus dem kann trotzdem noch was werden.” Meine mündliche Prüfung in der Uni in Psychologie war – gelinde gesagt – eine Katastrophe. Das ich bestanden habe, verdanke ich ausschließlich der Gnade der Prüfungskommission.

An vielen Stellen hätten meine Lehrer, Dozenten und Ausbildungskoordinatoren mir einen völlig anderen Lebenslauf verpassen können. Mehr als einmal haben sie Gnade vor Recht ergehen lassen. Zurecht?

Aus mir ist etwas geworden. Ich habe das Abitur geschafft, ein Hochschulstudium absolviert, bin verheiratet, habe wunderbare Kinder und darf einen fantastischen Beruf ausüben. Wenn man so will, haben meine Lehrer mir an den richtigen Stellen Tritte versetzt und an den richtigen Stellen weggesehen.

Heute bin ich Lehrer.
Auf meinem Schreibtisch liegen die Leistungen von Jungen und Mädchen mit – ihr habt es kommen sehen – “so viel Potenzial!”
Tendenziell gehöre ich wohl eher zu den strengen Kollegen: Ich reagiere allergisch, wenn Schüler fürs Nichtstun noch eine 4 geschenkt haben wollen. Man darf gerne faul sein – muss dann aber mit den Konsequenzen leben.

Und doch.

Eine 5 im Nebenfach Physik kann in der 10 über Schulabschlüsse und Ausbildungsverträge entscheiden. Ich frage mich, an welchen Stellen ich Gnade vor Recht ergehen lassen sollte. Bei wem wäre es richtig, womöglich mal ein Auge zudrücken?

Aber ist das nicht wiederum ungerecht?

Aber habe andererseits ich nicht von dieser Ungerechtigkeit profitiert? Wäre die Welt besser, wenn auch ich womöglich gerecht behandelt worden wäre – aber heute im IKEA Regale einräumen würde?

Ich wüsste gerne eure Gedanken dazu – sowohl von den mitlesenden Lehrern, als auch von den (noch idealistischen) Lehramtsstudenten und Referendaren, aber auch von mitlesenden Eltern:

Darf ein Bewertungskriterium bei Noten “das Potenzial” sein, was der Lehrer in einem Schüler (euren Kindern?) sieht?

Kann es sein, dass es ungerecht manchmal richtig ist?

24 Replies to “Gnade vor Recht…?!”

  1. bei mir lief es ähnlich wie bei dir, ich hatte 8 Jahre Volksschule und musste anschließend eine Lehre als Bürokauffrau über mich ergehen lassen. Mir war bald klar, dass ich in einem Bürojob nicht glücklich würde, aber der dritte Bildungsweg war mir verwehrt, da ich im Abschlußzeugnis der Berufsschule eine 4 in Wirtschaftsrechnen (einem Hauptfach) hatte. Der Schulleiter der Berufsaufbauschule gab mir dennoch eine Chance, er machte mir das Angebot eine „Aufnahmeprüfung“ zu machen. Ich musste eine 3 schaffen! Allerdings prüfte er mich nur in Deutsch da war ich eh gut! Dieser Lehrer hat mich dann noch einmal gerettet, als ich (natürlich wieder in Wirtschtsrechnen) in der Abschlußprüfung versuchte zu spicken und prompt von ihm erwischt wurde!! Mit einem erhobenen Zeigefinger meinte er nur: „Angelika, lassen sie das Zettelchen verschwinden, das haben Sie doch nicht nötig“ . Ich bin ihm heute noch mehr als dankbar für seine Milde!! Nun bin ich bereits 30 Jahre Lehrerin! Was ich allerdings sehr bereue, ist, dass ich es versäumt habe meinem ehemaligen Lehrer zu sagen wie dankbar ich ihm bin und dass er damals die richtige Entscheidung getroffen hat, denn ich liebe meinen Beruf sehr!

  2. Hallo.

    Bei mir eigentlich auch meistens Gnade vor Recht. Ich bin eh nicht so der Regel-Fan. Das liegt aber hauptsächlich daran, dass ich mir die 1000 Regeln und Vereinbarungen und die damit einhergehenden Strafen gar nicht merken kann.

    Und: In der Grundschule prophezeite mir eine Karriere im „Zuchthaus“. Nicht einfach Gefängnis. Nein: Zuchthaus. Meine Eltern waren entsetzt. Zu Hause war ich doch „so ein guter Junge“. Wirklich.

    Und wie bei dir gab es auch bei mir an vielen Stellen Menschen, die es gut mir mir meinten und Regeln nicht bis zum letzten Punkt auslegten. Vielleicht bin ich auch deshalb oft großzügig.

    Und genau wie bei dir gelte ich als strenger Lehrer. Die Schülerinnen und Schüler wissen aber auch genau (so hoffe ich), dass man mit kleinen Gesten und mit Entgegenkommen bei mir viel erreichen kann.

    Außerdem zeigen mir Klassentreffen, dass aus den meisten Schülerinnen und Schülern trotz „Mathe 4“ etwas tolles geworden ist.

    Ich finde es auch toll, dass (im Großen und Ganzen) diese Einstellung auch die meisten meiner Kollegen an unserer kleinen Schule teilen. Bei den Notenkonferenzen denke ich mir oft: „Hoffentlich haben meine Kinder auch so großzügige Lehrer.“ 🙂

    Ich weiß nicht, ob es mit der Größe der Schule zu tun hat, aber an dem Mega-Gymnasium, an dem meine Kinder lernen geht alles sehr bürokratisch zu. Und ich denke ab einer bestimmten Größe (Schule, Unternehmen, …) müssen Regeln da sein und auch strikt eingehalten werden.

    Andererseits: Je freier man entscheidet, um so schneller kommt das Thema Ungerechtigkeit auf, da man halt nicht alle über einen Kamm schert, sondern feiner Unterscheidet.

    1. Ist das dein Ernst?
      „… dass man mit kleinen Gesten und mit Entgegenkommen bei mir viel erreichen kann“?
      Das heißt, du bewertest nicht die Leistung, sondern Kriechen und Schleimen?
      Wer nett, freundlich und höflich ist, bekommt die besseren Noten, wer das nicht schafft oder noch nicht gelernt hat, die schlechteren?

  3. Ich finde eine Ungerechtigkeit mit Lenkungswirkung sehr gut – differenziert je nach Alter ist einfach die Weitsicht unterschiedlich ausgeprägt und braucht auch mal externe Lenkung. Nicht nur positiv bei Kindern mit Potenzial, sondern auch bei guten Schülern ein Dämpfer an Stellen, wo bei anderen nichts gesagt wird.
    Wir haben die Klassenlehrerin unseres Sohnes extra darum gebeten schärfer zu kontrollieren damit eben nicht alles so beliebig einfach wirkt. Nicht unfair, aber eben bewusst mal kein Auge zudrücken, schwer lesbares nicht entziffern usw.

    Und siehe da: es hilft!

  4. In der Regel wird es wohl so sein, dass sich schon früh einfach das Leben durchsetzt, blind für so etwas wie Gerechtigkeit. Auf fiese folgen nette Lehrer, wobei sich an der Tatsache, dass sich ein gutes Elternhaus und eine coole Ausstrahlung (was ich bei dir vermute) generell „ungerecht“ positiv auswirken, nicht rütteln lassen wird. Dafür kämpft sich aber vielleicht jemand mit einem schwierigeren Päckchen besonders erfolgreich „nach oben“. Letztendlich wirst du niemals wissen, ob du da oder dort richtig entschieden hast, selbst wenn du von einigen ehemaligen Schülern Feedback bekommst. Hier noch eine kritische Beleuchtung unseres Schul- und Gesellschaftssystems vorzunehmen, sprengt meinen Rahmen. Vielleicht sollte man aber auch im Umgang mit den Schülern weniger auf das Morgen gucken. Ich bin überzeugt davon, dass auch deine lernschwachen oder eher -unwilligen Schüler bei dir lernen und Spaß haben – einige davon werden dann vielleicht in ein paar Jahren Französisch unterrichten 😉

  5. Ein Auge zudrücken ist ungerecht gegen die, bei denen kein Auge zugedrückt wird. So sind die Gedanken von Eltern im ersten Moment. Erst im Nachhinein kann man sehen, wann es richtig war das Potenzial und nicht die auf dem Blatt stehende Leistung zu beurteilen.
    In unserer Realschule wurde auch manches Mal ein Auge zugedrückt, damit der Schüler (vor allem die Eltern) nicht noch ein Jahr länger rumnerven konnten. Aus diesen Schülern ist leider auch „nichts“ geworden, ohne dass sie auf den Berufsbildenden Schulen noch Warteschleifen fahren mussten in Form von Berufsvorbereitungen.
    Allerdings hat die Mathelehrerin von Sohn Nummer Zwei sein Potenzial erkannt, im Gegensatz zu einer großen Firma, die ihn mit 15 1/2 nicht für ausbildungswürdig hielt.
    Die Mathezensur brachte ihn trotz einer Vier in Deutsch und in Englisch an ein Technisches Gymnasium, zum Abi und ins Studium.
    Im Laufe von 18 Jahren Elternarbeit habe ich erfahren, dass Schüler erst einmal durch die Pubertät durch sein müssen, bevor man ihren Lebensweg einigermaßen realistisch vorhersagen kann.
    Deswegen… Bitte in der 10. ein Auge zudrücken, auch wenn es mal ungerecht gegenüber den anderen sein sollte

  6. Eine Story vorweg: ein Mitschüler, Mitglied der Jungen Union ich kam aus einem Arbeiterhaushalt, der Deutschlehrer war SPD. Unter meiner Arbeit stand: es ist ein Wunder, dass du den roten Faden wiederfindest und ich bekam eine zwei. Unter seiner Arbeit stand: vom Thema abgekommen, vom Thema abgekommen, vom…. etc. und er hatte eine fünf. Das erfuhren wir voneinander beim 25jährigen Klassentreffen. Mein Klassenkamerad machte eine Bäckerlehre …und übernahm den elterlichen Betrieb und baute ihn erfolgreich aus. Ich ging auf die Höha und bin mit meinem Beruf auch sehr zufrieden. Wäre aus dem Bäcker mehr geworden? Nein, aber mal ein Auge zudrücken, wenn das weitere Leben nicht so klar vorgezeichnet ist, das sollte sein. Und wenn ich mir heute die Noten meines Sohnes und seiner Mitschüler ansehe, dann ist ein Warnschuss immer noch gut, aber es darf nicht erkennbar sein, dass die Mädchen es leichter haben….

  7. bin Unternehmensgründer und Vorstand einer MedTechfirma und Großvater von 4 noch nicht Schulpflichtigen Enkeln. Hoffe ich darf hier auch was sagen, auch wenn ich nicht Lehrer bin.
    Gute und sehr gute Schulnoten korrelieren erfahrungsgemäß mit guten Arbeits-leistungen und -Ergebnissen und vice versa.

    Spannend sind die Nichtsoeindeutigen, die nicht linearen Biografien. Wie reagieren sie in Grenzsituationen; welche Grundwerte sind ihnen wichtig; welche Potenziale haben sie? Das kann man schwer in Schulnoten abbilden.

    Wenn Lehrer/innen das erkennen und bewerten können, dann ein uneingeschränktes: JA bitte!

    Auch für meine Enkel hoffe ich auf Lehrer, die ihre Potenziale sehen und fördern und den Menschen höher bewerten als Notenwillkür.

  8. Naja, unser Bildungssystem (zumindest hier in Sachsen) ist so hart, dass wir Schüler eigentlich nur mithalten können, wenn sich die Lehrer uns gegenüber kulant verhalten.

    Ein Beispiel: Der NC für Psychologie an der TU Dresden liegt momentan bei 1,0 (Ja, Komma NULL!!!!).
    Eine Bekannte von mir ist überdurchschnittlich intelligent (IQ ~ 120), lernt durchschnittlich 2h täglich effektiv für die Schule, besucht die 10. Klasse eines Gymnasiums und steht auf 1,4.

    Weil ihre Lehrer sagen, dass sie es einfach nicht verdient, immer „nur“ überall eine 2+ zu bekommen und eben ein Auge zudrücken.

    (Das ist zwar ein Positivbeispiel, zeigt aber auch, dass unser Bildungssystem nicht auf die Leute ausgelegt ist, die es eigentlich hervorbringen will)

  9. Augenzudrücken in begründeten Ausnahmefällen kann, glaube ich, Wunder wirken. Ich habe bei meinen Kindern bereits mehrere Varianten erlebt:
    ach-er-ist-ja-so-intelligent-Augenzudrücken von Lehrern, die nicht bemerkt haben, dass der faule Spross den Stoff leider überhaupt nicht verstanden und auch nichts dagegen unternommen hatte; ganz fatal, weil dann von der Schule das Signal „alles ok“ kommt und Muttern zu Hause mit ihrem „nee, mein Lieber, das übst du nochmal“ recht verloren dasteht. Da hätte ich mir weniger Laschheit gewünscht.
    Augenzudrücken, weil das Kind sich enorme Mühe gibt, aber dennoch die gewünschte Leistung nicht bringt: könnte vielleicht manchmal gut sein, wenn dann nicht beim nächsten Lehrerwechsel der Absturz vorprogrammiert wäre, zumal das Kind halt bisher dachte, es sei wirklich gut.
    Und das Gegenbeispiel: dem Kind gegenüber begründetes Augenzudrücken, erlebt nach Schulwechsel eine Kindes in desolatem Gesundheitszustand mit enormen Fehlzeiten, das zu Auffassung gelangt war, es sei ohnehin der Dummen Dümmster: Klassenarbeit mit der Bemerkung: „Du hast viel gefehlt, aber die Aufgaben, die du in der Schule hast üben können, hast du zum größten Teil richtig gemacht. Das ist prima und deshalb bekommst du eine 2“. Resultat war ein enormer Motivationsschub und in der Folge auch „echte“ gute Noten.

    Was ich übrigens in meiner Schulzeit genial fand: ein Klassenlehrer, der am Schuljahresende, wenn die Buchpreise an die besten Schüler verteilt wurden, immer dem Schüler / der Schülerin, der/die sich vom ersten zum zweiten Halbjahr am meisten verbessert hat, einen Preis verlieh. Der ging in der Regel an Schüler, die sonst kaum je ein Lob kassierten und hatte bei einigen eine wirklich durchschlagende Wirkung.

  10. Disclaimer: Bin kein Lehrer

    Ich würde niemals auch nur im Traum daran denken, einen Schüler nicht gemäß seiner Leistung zu bewerten. Alles andere führt zu Intransparenz, Willkür und Unfairness, da die Schüler nicht mit dem gleichen Maßstab bewertet werden – das heißt zu genau dem, was oftmals an der Notengebung kritisiert wird. Dem bewusst Vorschub zu leisten, halte ich für ganz und gar falsch.

    Des Weiteren muss eine absichtlich unfaire Bewertung ja nicht nur eine positive Wirkung haben: Der Schüler bekommt bescheinigt, dass er bessere Leistungen erbringt, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Negative Folgen könnten sein:
    – Selbstüberschätzung, weshalb man sein Lernverhalten nicht ändert, was jedoch eigentlich nötig wäre
    – „Durchschleppen“ von Schülern – etwa auf dem Gymnasium –, für die eigentlich der weitere Besuch dieser Schulform ungeeignet ist, die evtl. auch nie das Abitur schaffen werden
    – Gefühl in der Klasse, dass der Lehrer nicht nach Leistung bewertet (was ja auch der Fall wäre), weshalb die Leistungsbereitschaft einbricht.

    Gewiss, all das muss nicht zwangsläufig geschehen, doch sollte man diese Möglichkeiten zumindest im Auge behalten.

    Daher mein Vorschlag: Ohne Unterschiede alle Schüler gleich bewerten, alles andere ist offensichtlich unfair. Die Motivation von schlechten Schülern sollte man eher durch Gespräche etc. heben, nicht aber durch gefälschte Noten.

  11. Ich war während der Schulzeit „Sport-Legasthenikerin“: die Letzte, die aufgerufen bei der Mannschaftswahl, diejenige, bei der die Sportlehrer die Augen verdrehten, diejenige, die sich die dummen Sprüche der Sportlichen anhören musste. Diejenige, die mit Bauchschmerzen zum Sportunterricht ging.
    Bis… ich in der Oberstufe einen Sportlehrer hatte, der a) erkannte, worin mein Problem lag und b) mir 11 Punkte gab mit der Begründung, dass ich, im Gegensatz zu den tollen Typen, es immer versucht habe, mich zu verbessern und immer bei der Sache war.
    Ich trug danach den Kopf viel höher und lernte, dass Sport nicht gleichbedeutend ist mit in aller Öffentlichkeit blamieren.
    Deswegen ein pro für den Beitrag von „ne’mama“ und zu MK: Leistungen kann man so in „Schwarz/Weiß“ messen, aber Schule funktioniert m.E. so nicht.

    1. Oh ja, Sport…ich bekam immer meine Gnaden-Vier. Von den Leistungen her hatte ich sie nie verdient – ich habe es einfach nicht hinbekommen, das alles zu koordinieren und dann auch vernünftige Leistungen abzurufen.
      Honoriert wurde aber ganz eindeutig mein Wille, irgendwie dranzubleiben und trotz aller Blamage weiter mitzumachen. Mein Durchhalten beim Ausdauerlauf. Und so weiter.

      Jeder in der Schule wusste, wer bei eine kleinen Keilerei immer den kürzeren ziehen wird. Die gleichen Typen, die das ausnutzten, haben aber auch im Sportunterricht immer versucht mir zu helfen, meine Nicht-Leistung in Mannschaftssportarten ausgeglichen usw.

      Ohne Noten hätte es mir mehr Spaß gemacht; aber ich bin meinem Sportlehrer sehr dankbar, dass er im Fach der Hölle nicht auch noch das Feuer angeblasen hat.

  12. Ich habe die Notengebung weitgehend beerdigt: Wer nichts kann, erhält eine 4, wer dazu noch nervt und stört eine 5.

    Warum? An der Gesamtschule kann man bis zur Klasse 9 eh nicht sitzenbleiben, entsprechend wertlos sind die Noten. Da von Seiten der Schulleitung zudem kritische Nachfragen gestellt werden, wenn zu viele schlechte Noten auftauchen, lasse ich es gleich bleiben und habe weitgehend meine Ruhe, so dass ich mich aufs Lehren konzentrieren kann.

    Ein Hauptschulabschluss ist eh schon nichts mehr wert, also wieso sollte ich jmd. diesen verwehren? Die ZAPs Deutsch sind so einfach gestellt, die schaffen auch Schüler, die kaum ein Wort Deutsch können. Also wozu den Stress? Die Entwertung der Abschlüsse und Noteninflation sind doch politisch gewollt.

    Was die Richtung nach oben angeht – gute Noten motivieren. Natürlich gebe ich oft bessere Noten, um den Schüler zu motivieren und in die Pflicht zu nehmen. Wenn diejenigen diese Noten schon erreicht haben, glauben sie auch daran, diese wieder erreichen zu können. Umgekehrt ist das eher selten der Fall – schlechte Noten erzeugen in der Leistungsspitze Druck seitens der Eltern, der sich oft verheerend auswirkt. Da muss man kein Experte der Motivationspsychologie sein, um dies zu erkennen.

    Auch bei den Abschlüssen ergeht oft Gnade vor Recht. Wenn junge Menschen so viele Jahre in ihre Ausbildung gesteckt haben, wäre es äußerst fatal, sie scheitern zu lassen.

    Sicherlich hagelt es bei diesem Geständnis Kritik, aber was Noten angeht, bin ich einfach desillusioniert.

  13. Anders herum gefragt: Was ist denn gerecht? Ist es gerecht, wenn alle das gleiche bekommen? Wenn ich also zu Hause einen Hund, eine Katze und ein Aquarium habe und die Tiere gerecht behandeln will, muss ich entweder allen Hundefutter oder allen Katzenfutter oder allen Fischfutter geben? Womöglich jeden Tag der Woche eine Art Futter, damit jedes Tier auf seine Kosten kommt? Bei dieser sehr gerechten Fütterweise würden die Tiere wohl nicht lange überlegen. Bedeutet Gerechtigkeit nicht vielmehr, dass jeder/jede das bekommt, was er/sie benötigt, um sich optimal entwickeln zu können? Das hieße für die Haustiere, dass der Hund Hundefutter, die Katze Katzenfutter und die Fische Fischfutter bekommen. Ich gehe davon aus, dass wir das Wohl unserer Kinder höher bewerten als das Wohl unserer Haustiere.

    Für Kinder, also individuell ganz verschiedene kleine Menschen, ist die unterschiedliche Behandlung, die ihren Bedürfnissen gerecht wird (alle müssen sich optimal entwickeln können und ihr Potential nutzen können) also doch gerecht, nicht?

    Das ist meine Meinung als Mutter, die ich als Lehrkraft so umzusetzen versuche. Wobei mir stets bewusst ist, dass man, wenn man Kinder (und Erwachsene) nur wenige Stunden jede Woche oder jeden Monat sieht, das eine gar nicht so einfache Sache ist.

    Ein weiterer Grund, der fern jeder Polemik dafür spricht, Kinder und Jugendliche nach ihren Bedürfnissen und Potentialen zu fördern, ist das in meinen Augen klar definierte Ziel von Schule und Erziehung. Weder Schule, noch Erziehung soll wie bei einem Wettbewerb denjenigen belohnen, der die besten Leistungen erzielt. Der Zweck ist doch vielmehr, kleine Menschenkinder auf das Leben als große Menschenkinder in der Gesellschaft, also im Miteinander (nicht zwangsläufig im Wettbewerb gegeneinander) vorzubereiten. Lehrkräfte, die ihren Schülern und Schülerinnen eine schlechte Note geben (müssen), haben also in dieser Argumentation ein Stück weit selbst versagt und geben eigentlich sich selbst eine schlechte Note. Denn offenbar haben sie es nicht geschafft, den Lehrstoff verständlich zu vermitteln und ihre Schülerschaft adäquat vorzubereiten. Leistungskontrollen und Klassenarbeiten spiegeln in ihrem Ergebnis auch die Arbeit der Lehrkraft wider. Das klingt jetzt furchtbar hart – Lehrerbashing liegt mir fern. Mir sind die Unzulänglichkeiten des deutschen Schulsystems bewusst. In anderen Ländern läuft es auch nicht besser.

    Beste Grüße aus der Ferne!

    1. Absolut nachvollziehbar – aber mit einer großen Schwäche: alles ist vom Lehrer abhängig. Bei einem guten Lehrer bekommt man Chancen und Freiheiten, bei Lehrern die bspw. mit Klassenclowns nicht umgehen wollen, hat man Pech gehabt. :-/

      1. Genau das. Das meinte ich mit den Unzulänglichkeiten des deutschen Schulsystems.

        Fangen wir doch einfach mal an zu träumen: Was sollte Lehrpersonal idealerweise mit in den Beruf bringen?
        – Menschenkenntnis
        – Interesse an jedem einzelnen Kind
        – psychologische und pädagogische Kenntnisse und Erfahrung
        – sehr gute Kenntnisse des zu vermittelnden Lernstoffs
        – handwerkliche und erzählerische Begabung
        – Motivation, den Lehrstoff wirklich ans Kind zu bringen
        – Freude an der Arbeit, denn Kinder merken, wenn Erwachsene nicht wollen, und wollen dann auch nicht
        – viel Geduld
        – feine Antennen für zwischenmenschliche Thematiken aller Art
        – Kenntnis von wenigstens drei Fremdsprachen plus Jugendsprachen

        Und nun: Was bringen Lehrkräfte wirklich mit? Was erarbeiten sie sich selbst, wie lange haben sie dafür Zeit, wieviel Unterstützung bekommen sie von außen dafür? Wieviel Zeit wird dem Lehrpersonal überhaupt für das eigene Lernen zugestanden? Gibt es sinnvolle Angebote?

        Ich meine nicht, dass die falschen Leute den Lehrberuf ergreifen. Aber Schule ist nicht nur für Akademikernachwuchs, perfekt erzogene Kinder und die intelligente Elite da, sondern für alle. Denn alle müssen in der Gesellschaft später ihren Platz finden, niemand sollte diskriminiert, abgestempelt oder aufgegeben werden. Und das kann eine rein wirtschaftliche Rechnung sein: Wenn jeder/jede in der Schule soweit vorbereitet wird, dass er/sie seinen/ihren Platz in der Gesellschaft findet und dort den bestmöglichen (auf die eigenen Stärken und Schwächen abgestimmten) Beitrag leistet, dann ist das doch eine Situation, in der alle gewinnen. Ist das nicht Demokratie? Wenn alle zusammenarbeiten und die Chance bekommen, wirklich miteinander Mensch zu sein? Ich habe nicht so viel Ahnung von Wirtschaft und Statistik und dergleichen, aber ich wage zu behaupten, dass bei einer zufriedenstellenden Berufstätigkeit aller, die die für sie optimale Vorbildung erhalten haben, vielleicht sogar ausreichend Gelder über Einkommenssteuer et cetera eingenommen werden könnten, genau dieses System zu finanzieren. Größere Schulklassen mit koedukativem und integrativem Unterricht ist vielleicht nicht die beste Möglichkeit, die Situation zu lösen. Vielleicht braucht es Differenzierung, aber auf eine andere Art und Weise als die bisher vorgenommen wird. Momentan wird Schule zwar als Lehranstalt verstanden, aber gleichzeitig wird der Wettbewerb unter den Kindern gefördert. Noten basieren auf Leistung, und wenn ich der/die Beste sein will, heißt das, dass andere abgehängt werden müssen. Dass ich vielleicht auch ein Interesse daran habe, meinem Sitznachbarn den nicht verstandenen Stoff eben nicht nachmittags am Telefon nochmal zu erklären. Wollen wir das für unsere Gesellschaft, oder wollen wir eigentlich tolerante Menschen, die offen füreinander sind, ein Minimum an Zivilcourage und Hilfsbereitschaft zeigen?

        Fragen über Fragen … Ja, es hängt wirklich alles an der Lehrkraft.

    2. Ich stimme dir voll zu!

      Niemand kann genau sagen was ein Kind in welchem Alter, in welcher Woche interessiert/leisten kann.

      Kinder entwickeln sich vollkommen verschieden und die Lehrer sind in der Zwickmühle und müssen um ihre Arbeit entsprechend der Vorgaben zu erfüllen – zu versuchen Katze, Hund und Kanarienvogel dasselbe Futter zur selben Zeit schmackhaft zu machen…und dabei noch darauf zu achten, dass Einzelne nicht verhungern!
      Ich möchte kein Lehrer in eine regulären Schule sein!

  14. “ Leistungskontrollen und Klassenarbeiten spiegeln in ihrem Ergebnis auch die Arbeit der Lehrkraft wider. “

    Eben das ist aber auch das Problem. Der Schüler ist nicht mehr für seine Leistung verantwortlich, sondern dem Lehrer wird zunehmend der Vorwurf gemacht, den Schüler nicht binnendifferenziert, individuell u.ä. gefördert zu haben.

    Das lenkt den Blick aber auch weg von der Verantwortung des Schülers für das eigene Lernen und befördert die Vollkasko-Mentalität, die ich speziell an Ganztagsschulen erkenne. Man ist nicht bereit, außerhalb der Schule auch nur einen Handschlag zu tun. Der Lehrer soll bitte alles vermitteln, den Schüler unterhalten (aka „motivieren“) und nebenbei noch die Erziehung übernehmen.

    1. Hansdings,

      da ist ein Missverständnis. Ganz einfaches Beispiel, so selbst erlebt:
      Eine Lehrkraft gibt am Halbjahresende die Zeugnisse aus, die Klassenbesten erhalten eine kleine Auszeichnung, das war’s.
      Neuer Klassenlehrer. Am Halbjahresende werden die Zeugnisse ausgegeben, jedes Kind bekommt ein kurzes mündliches Feedback über das Halbjahr. Angesprochen werden Faulheit/Fleiß, Aufmerksamkeit/Konzentration, soziales Miteinander. Dinge, die die Kinder untereinander ohnehin irgendwie mitbekommen, aber selten in Worte fassen. Auszeichnungen gibt es für die Klassenbesten. Und für die Kinder, die sich gegenüber dem letzten Zeugnis am meisten verbessert haben (unabhängig von den Ausgangs- und Endnoten). Und für die Kinder, die sich sichtlich die meiste Mühe gegeben haben (ebenfalls unabhängig von den Noten). Und für die Kinder, die am meisten zu einem lernfreundlichen Klassenklima in jedem Sinne beigetragen haben (also untereinander geholfen haben, erklärt haben, wenig stressen, gute Laune verbreiten …).

      Der neue Klassenlehrer wird geliebt, von allen Kindern. Die Noten sind immer noch sehr unterschiedlich – aber die Kinder sind insgesamt motivierter, toleranter im Umgang miteinander, hilfsbereiter untereinander und gehen irgendwie sehr gerne in die Schule. Die einzigen, die sich beschwert haben, waren einige Eltern, mit der Argumentation, dass schlechte Schulleistungen bei manchen Kindern offenbar belohnt würden.

      Nein, Lehrkräfte sollen keinesfalls die Erziehung übernehmen. Als Mutter verbitte ich mir das. Als Lehrkraft auch. Aber die Schule ist der Arbeitsplatz für Lehrkräfte und Kinder, und ALLE BETEILIGTEN sind für ein angenehmes Betriebsklima mitverantwortlich. Überleg mal: Wenn der Chef eine unsinnige und unverständliche Arbeitsanweisung gibt und Dir dann die darauf basierende ungenügende Arbeitsleistung ankreidet – ist das okay? Ich meine, der Chef ist ja nicht da, um Dich zu motivieren oder Deine Erziehung zu übernehmen oder so … Klar, ein Betrieb ist keine Ganztagsschule. Im Betrieb zählt, dass die Zahlen am Ende des Jahres stimmen. In der Schule wird darauf vorbereitet, im Betrieb zu arbeiten.

      Ich mag es auch nicht, wenn in meinen Kursen Kinder und Jugendliche keine fünf Minuten still sitzen können, wenn alle durcheinanderquasseln, sich gegenseitig anpöbeln und unvorbereitet erscheinen. Aber wenn ich einen angenehmen Arbeitstag haben will, mache ich meinen kleinen und großen Leuten klar, was ich erwarte, so dass sie es verstehen und damit umgehen können. Alles andere wäre kontraproduktiv.

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