#32: Die Evolution der Volkszählung

Der Herr wurde zornig über die Israeliten. Darum verleitete er David dazu, sie ins Unglück zu stürzen. Er brachte den König auf den Gedanken, eine Volkszählung durchzuführen.
2. Samuel 24

Satan wollte Unheil über Israel bringen; deshalb brachte er David auf den Gedanken, eine Volkszählung durchzuführen.
1. Chronik 21

Mein erster Impuls ist: Buch zuklappen.
Mein zweiter auch.

Erstens bekomme ich immer Bauchschmerzen, wenn Menschen anfangen, mir vom Teufel zu erzählen und zweitens: Was soll so eine Gegenüberstellung bringen, außer zu demonstrieren, was für ein widersprüchliches, willkürliches Buch die Bibel ist?

Trotzdem (oder gerade deshalb?) ein paar Gedanken über die Evolution der Volkszählung.

Also: Wessen Idee war es denn nun?

Hat Gott David angewiesen, eine Volkszählung durchzuführen

oder

war es Satan/das Böse/der Teufel/die Verschwörung der Echsenmenschen, die David dazu brachten?

Die eine Stelle behauptet das eine, die andere das genaue Gegenteil.

Was fangen wir also damit an?

Vieles!

Zunächst ein paar Worte darüber, weshalb so eine Volkszählung seinerzeit mehr war, als heute die Verkündigung der aktuell aktiven Whatsapp-User. Eine Volkszählung führt man natürlich durch, um in Erfahrung zu bringen, wie viele Menschen im eigenen Reich leben. Und warum würde man so etwas wissen wollen? Weil man dann weiß, wie groß die Armee ist, die man aufstellen kann – und dann weiß man, gegen wen man in den Krieg ziehen kann und gegen wen lieber nicht. Eine Volkszählung war also eine Möglichkeit in Erfahrung zu bringen, wie groß das eigene Reich werden kann.

Warum nun ist das so ein bedeutsamer Punkt in der Bibel?

Weil diese Menschen herausgerufen waren, anders zu sein. Sie waren keine Sippe wie alle anderen. Sie lebten in Frieden mit ihrem Gott, der darauf bestand, dass sie ihm vertrauen konnten und dass er sie beschützen würde. Eine Volkszählung ist so gesehen ein Vertrauensbruch.

Zweitens: Der Widerspruch.

Der Samueltext entstand ungefähr in der Zweit 600 – 500 v.Chr. (denkt daran, dass die Jahreszahlen in dieser Zeit noch rückwärts liefen bis zum Jahr 0 und alle Menschen in Panik gerieten, ob ihre Esel abstürzten weil die Programmierung womöglich amateurhaft war…)

Der Chronik-Text entstammt den Jahren 400 – 250 v.Chr.

Die Samuelpassage ist also älter. Einige hundert Jahre älter.

Der ältere Text erzählt, Gott habe David zu etwas Schlechtem angeleitet – und der neuere Text berichtet, Satan habe die Sache initiiert.

Warum ist das interessant?

Weil im älteren Text Gott die Volkszählung angeleitet hat.

Und was ist daran spannend?

In unserer Bibelreihe haben wir wieder und wieder beobachten können, dass – je weiter wir in die Vergangenheit zurückblicken, also je älter die Texte werden – die Menschen stets Ärger und Wut und Frust auf ihre Götter projiziert haben, weil sie ihre Götter so sahen. Die Menschen waren felsenfest davon überzeugt, dass die Götter gemein und hinterhältig, aggressiv und schnell beleidigt waren und dass man ihnen opfern müsse, um sie zu besänftigen. (Man denke bspw. an die tausenden Menschenopfer der Azteken.)

Und wie erklärt das diese zwei widersprüchlichen Textstellen?

Im Laufe der Jahre und Generationen veränderte sich das Gottesbild der Menschen. Sie kamen zu dem Schluss, dass ein guter Gott niemanden zu etwas Schlechtem verführen würde – es musste also eine andere Macht geben, die David verführt und angeleitet hatte.

Und an dieser Stelle kommt die Satan-Erklärung ins Spiel?

Ja.

Na.. Und was ist mit dem Garten Eden?

Da steht ja nicht, dass das Satan war. Da steht etwas von einer sprechenden Schlange.

Aber ich habe oft gehört, dass damit Satan gemeint ist.

Ja, man hört das oft.

Aber das steht da nicht in der Bibel?

Nein.

Also.. Wann taucht Satan das erste Mal in der Bibel auf?

Genau hier: 1. Chronik 21.

Was? Nicht vorher?

Genau. Und die Chroniken wurden erst im Exil geschrieben – sehr viel später in der Geschichte Israels.

Der Gedanke eines Bösen, eines Teufels ist in der Bibel also erst spät aufgetaucht?

Jep.

Und was bedeutet das Wort genau?

Wörtlich bedeutet Satan im hebräischen Ankläger.

Es ist also nicht so sehr ein Name, als vielmehr ein Titel?

Genau.

Und die Idee eines Satans kam erst im Exil auf? Als die Hebräer die furchtbare Erfahrung von Vertreibung, Unterdrückung und Mord erlebt hatten und sich in einem fremden Land, hunderte Kilometer von zu Hause entfernt wiederfanden?

Ja.

Man könnte also sagen, die beiden Texte beschreiben keinen Widerspruch, sondern eher eine Entwicklung?

Ein passender Begriff dafür.
Von der früheren Passage zur späteren erleben wir ein wachsendes Gottesbild. Die Menschen haben erkannt, dass dieser Gott nicht mit den Göttern dieser Zeit zu vergleichen war – ein Gott, der nichts Böses tut und Menschen nicht zu schlechtem anleitet. In ihrer Sprache spiegelt sich das wieder.

Gibt es noch mehr Stellen, die dieses wachsende Gottesbild reflektieren?

Ja. Die ganze Bibliothek. Das ist der Punkt.
Bleibt die Frage: Wo stehen wir heute?

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6 Responses to #32: Die Evolution der Volkszählung

  1. Paul says:

    Übrigens sehr hübsch, die Katechismus-Form 😉

  2. riepichiep says:

    Wo sortierst du zetlich das Buch Hiob ein? (Sowohl Inhalt als auch Niederschrift).

    Dort wird der Satan ja auch öfter genannt …

    • Ich schließe mich der Wikipedia an – dort heißt es:
      „Aufgrund sprachlicher und inhaltlicher Argumente ist man allgemein der Ansicht, dass das Ijob-Buch erst entstand, nachdem Israel aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt war: Das Vokabular deutet nämlich auf ein verhältnismäßig spätes Entstehungsdatum, u.a. weil sich Einflüsse des Aramäischen feststellen lassen. Außerdem gehört die Gestalt des Satans noch nicht zum vorexilischen Glauben Israels. Auch die kritische Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Leidens Unschuldiger spricht gegen ein höheres Alter. Das Ijob-Buch als Gesamtschrift muss irgendwann zwischen dem 5. und dem 3. Jahrhundert vor Christus entstanden sein. Trotzdem ist denkbar, dass die Rahmenhandlung älter ist oder zumindest auf ältere Traditionen zurückgeht, wie verschiedentlich angenommen wird.“

  3. Miriam says:

    Wieder mal ein guter kleiner Kurs in Theologie. Ein grosses Dankeschôn für diese Reihe. Habe bisher aus jeder eine neue Erkenntnis gewonnen und es hat mich auch immer wieder ermutigt mehr über den Glauben nachzuforschen und auch Gedanken weiterzugeben. Es ist eine grosse Kunst, Theologie nicht als abgeschottestes Spezialfach zu lehren sondern so das es für viele verständlich ist. Darum danke dir viel ma;-)l
    Lieber gruss Miriam

    Ps: ein kleiner wunsch, köntest du einmal etwas zu der Bedeutung des Avendmahls schreiben?

  4. 'ne mama says:

    Danke. Ich finde die Bibelauslegungstexte immer wieder ungemein wissensgesättigt, anregend und mit einem erfreulichen Schwenk ins Hier und Jetzt versehen.

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