#34: Ecstasy & Erschütterungen

IMG_20150715_201747Es gibt eine Geschichte in der Bibel über einen Mann namens Petrus, der in eine Art Trancezustand fällt.

(So ähnlich wie wir zu unseren wildesten Studentenzeiten.)

Aber es handelt sich nicht um eine ordinäre Bewusstseinserweiterung, Petrus sieht, wie sich der Himmel öffnet und ein Leintuch bis zur Erde reicht und auf dem Laken befinden sich alle möglichen Tiere (dem Autor ist es wichtig, uns wissen zu lassen, dass es nur vierfüßige Tiere sind) – sowie Würmer und Vögel. Petrus hört eine Stimme, die ihm sagt

Geh hin und töte und iss sie!

Petrus protestiert: “Aber ich kaufe nur im Bioladen, ich trinke Smoothies und ernähre mich ausschließlich laktosefrei!”
Petrus protestiert, indem er sagt

Ich habe nie etwas Unreines gegessen.

worauf die Stimme erwidert

Bezeichne nichts als Unrein, das Gott rein gemacht hat.

Das passiert dreimal.

Das Leintuch wird wieder dahin eingerollt, wo es herkam und Petrus bleibt zurück und versucht einen Sinn in dem zu finden, was gerade passiert ist. (Damals gab es noch keine Traumdeutungs-Foren im Internet und auch keine überteuerten Wahrsager-Hotlines). (Übrigens ist das griechische Wort an der Stelle für „Trance“ das Wort ekstasis – woher viel später auch der Begriff Ecstasy stammt.)

Ein paar Worte zu Petrus: Er wuchs in einem kleinen Fischerdorf namens Kapernaum auf. Seine Leute waren der Torah sehr verbunden, was gleichsam bedeutete, alles „unreine“ zu meiden. Sie verstanden Gott als etwas heiliges und reines und so schufen sie in ihrem Leben Orte und Riten, um diese Reinheit wiederzugeben. Solche Reinheitsgesetze umfassten sowohl Speisen, als auch Menschen. So wie sie niemals tote Tiere berühren würden, galt das auch für jemanden, der als Unrein bezeichnet wurde. Dies wurde so weit getrieben, dass man nicht einmal das Haus von jemandem betreten durfte, der unrein war – und das war jeder, der kein Jude war. Und das war, im Grunde, jeder andere.

Nun – zurück zu Petrus und seinem Ecstasy-Trip.

Kaum ist seine Trance vorüber, pocht jemand an die Tür seines Hauses und einige Römer – der Inbegriff von Unrein – fordern ihn auf, sie zum Haus ihres Hauptmanns zu begleiten. Er folgt ihnen durch die Straßen, bleibt aber vor der Haustür stehen und erklärt den Soldaten, dass es gegen die Gesetze seines Volkes ist, einzutreten. Und dann fügt er hinzu

Aber Gott hat mir gezeigt, dass ich niemanden als Unrein bezeichnen soll.

Gott hat es ihm gezeigt?

Hat er?

Wie?

Wie hat Gott Petrus diese neue Wahrheit offenbart?

Durch eine Erschütterung.

Petrus war fest gesattelt, er hatte eine bestimmte Weltanschauung, die tief mit seinem Gottesbild verwurzelt war. Ganz zentral war dabei der Gedanke, dass einige Menschen rein seien, während andere das nicht waren. Es gab Häuser, die man betrat und dann gab es Häuser, die man mied.

Aber dann hat er diese Erfahrung, die nicht in sein Weltbild passt. Und was ist seine erste Reaktion auf diese Erfahrung?

“Ich habe nie etwas Unreines gegessen.”

Er widersetzt sich diesem neuen Verständnis.

Und was ist die Basis für seinen Widerspruch?

Sein religiöses Weltbild!

In seiner Vision trägt Gott ihm auf, alles essen zu dürfen, aber Petrus streitet sich mit Gott, erklärt, dass er nichts Unreines essen dürfe, weil Gott ihm das verboten habe. Er widersetzt sich Gott im Namen… Gottes!?

Es ist möglich, ein Glaubensriese zu sein aber dabei ein Seelenzwerg zu bleiben, weil die religiöse Erziehung einen einschränkt. (Übrigens auch die anti-religiöse Erziehung.)

Ein paar Gedanken über die Natur des Wachstums:
Wenn wir unseren Horizont erweitern, größer werden, unser Selbstbild erheben, dann erleben wir größere

Freiheit

Integration

und

Komplexität.

Vorher durfte er nicht alles essen, jetzt ist er frei von allen Zwängen.

Vorher gab es ein System aus Schubladen über das was Rein und was Unrein war, aber jetzt ist alles integriert.

Vorher war alles einfach: Man war drinnen oder draußen. Aber jetzt sind Leute, die vorher außerhalb standen… plötzlich dabei…!?

Freiheit.
Integration.
Komplexität.

Das bezieht sich nicht nur auf unser Glaubensleben. Auch auf unsere Ehe. Unser Konsumverhalten. Unsere politische Haltung. Die Art, wie wir mit Flüchtlingen umgehen.

Was hält uns klein? Und was entsteht in uns, wenn wir wachsen?

Noch ein paar Gedanken über Erschütterungen.

Es sind oft solche Erschütterungen im Leben, die uns wachsen lassen. Man reist in fremde Länder, man trifft Menschen mit anderen Ansichten, man liest Neues, man hört neue Perspektiven, man begegnet neuen Erkenntnissen – und wir entdecken, dass unsere Art Sachverhalte zu kategorisieren und einzuordnen, nicht mehr funktioniert. (Ich wurde Vegetarier, nachdem ich unser Vieh schlachten musste – ein Tier bewusst zu töten, verändert den Blick auf die Dinge ganz wesentlich.)

Und immer wieder haben wir die Wahl: Wir können dieses neue Wissen ignorieren oder zur Seite schieben – oder wir öffnen uns diesem Schmerz, wenn wir unser altes Weltbild zurücklassen.
Das ist oft aufregend und befreiend, aber es kann auch traumatisch und beängstigend sein. Sich aus einer ungesunden Beziehung freien. Die eigenen Werte, die eigenen Ansichten zu hinterfragen. Womöglich sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Und doch gibt es kein zurück.
Wenn man einmal davon gekostet hat, kann man nicht mehr vorgeben, man hätte es nicht getan.

Denken wir an Petrus, der zum ersten Mal das Haus eines Römers betritt. Alles in ihm sagt, dass er damit Gott hintergeht – und doch ist er etwas Neuem auf der Spur. Und wenn man es einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr nicht-sehen.

Ähnlich wie Petrus hoffe ich für mich, dass ich immer den Mut haben werde, neugierig zu bleiben, zu wachsen und Dinge neu zu betrachten.

Ich will die Erschütterungen suchen und genießen.

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