Zwei Hühner auf dem Weg nach Vorgestern (Reinhard Mey)

Manchmal habe ich den leisen Verdacht, dass die da oben im Ministerium oder in Arnsberg keine Ahnung haben, dass Leute wie ich Kinder und Jugendliche (aus-)bilden. Der idealen Deutschlehrerin entspreche ich nicht wirklich: Theaterabobesitzerin, immer am Puls der Zeit und Zeitleserin, klar und artikuliert sprechend, nicht fluchend und irgendwie richtig niveauvoll.

Einerseits habe ich jedes Jahr den festen Vorsatz mit meinen Oberstufendeutschkursen ins Theater zu gehen, weil ich jetzt mal davon ausgehe, dass sehr viele Familien mit ihren Kindern gar nicht mehr hingehen oder wenn, dann nur ins Kindertheater. Theater muss, sage ich mir. Aber andererseits erinnere ich mich an einen Theaterabend vor einigen Jahren, an dem ich mit 22 Elftklässlern in „Kasper Hauser“ war: Irgendwie konnte ich dann doch auch nicht mehr erklären, warum sich die Hauptdarstellerin in der Mitte des Stückes nackig machte und auf die Bühne kotzte – in breitem Strahl!

Ich geh ja selbst nicht so richtig gerne ins Theater, es sei denn, es wäre was Witziges (Ulf Lück-Stücke) oder zumindest Unterhaltsames. Ich habe mich selber schon verflucht, weil ich mich in „Antigone“ oder „Iphigenie auf Tauris“ wiedergefunden habe. Oder warum macht man aus Kafkas „Prozess“ jetzt auch noch ein Theaterstück?  Warum nur wurde „Kabale und Liebe“ im hiesigen Theater so merkwürdig verzerrt? Dann denk ich immer: „Die schönen 20 €. Davon kann man prima Pizza essen gehen oder für viel weniger Geld säße ich jetzt in „Terminator 3“ oder „Ruckzuck die Fresse dick“ und wurde mich kein Stück lnagweilen.“

„Jaja“, sagen dann die Bildungsbürger, Szenenkenner und Feingeister, „Kunst gibt keine Antworten, Kunst stellt nur Fragen.“ Echt ma, ich habe mich schon so oft gefragt, was das soll: abstruse Inszenierungen, die vage Andeutungen machen und einfach nur langweilig sind.

Ich lade meinen Deutschkurs zu mir nach Hause ein: Es gibt dann Pizza für umme und wir gucken „Pulp Fiction“ auf DVD. Thema: diskontinuierliches Erzählen. Schönen Gruß nach Arnsberg!

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One Response to Zwei Hühner auf dem Weg nach Vorgestern (Reinhard Mey)

  1. Cervisia says:

    „Kunst“ impliziert nicht, dass es verboten wäre, den Zuschauer zu unterhalten. Und Shakespeare, Goethe, Schiller, etc. waren erfolgreich, weil sie sich dessen bewusst waren.

    Aber wenn heutzutage ein Dramatiker ein populäres Stück schreibt, riskiert er, dass er nicht mehr von Subventionen bezahlt wird. Politiker sind einfacher zufriedenzustellen als der populäre Geschmack.

    (Das könnte man zum Anlass nehmen, die volkswirtschaftliche Regel „Die Menschen reagieren auf Anreize“ zu behandeln …)

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