Wer darf da eigentlich alles Lehrer werden?

Eine Elitenauswahl vor dem Lehramtsstudium? Sollten nur die klügsten und besten Köpfe eines Jahrgangs in die Schulen dürfen? Welchen Anspruch stellen wir an unsere Lehrer?

Frau Tellmann und Herr Klinge diskutieren über die Qualität von Lehrern und Lehramtsstudenten.

Klinge: Ich ärgere mich. Alle paar Monate wieder facht eine Diskussion über die Qualität von deutschen Lehrern an. Zusammengefasst heißt es dann, jeder Trottel kann Lehrer werden, aber in Finnland dürfen das nur die besten der Besten.

Tellmann: Und?

Klinge: Ich gehörte nie zu den besten der Besten. Ich habe ein durchschnittliches Abitur gemacht, gefolgt von einem ausgedehnten Langzeit-Studium mit durchschnittlichem ersten Staatsexamen gefolgt von einem Referendariat mit dann exzellentem zweiten Staatsexamen. In Finnland wäre ich nie Lehrer geworden, dort wird sehr stark auf Noten geschaut.

Tellmann: Du bist doch ein Einzelfall. Aber an der Universität in Siegen sind alle möglichen Fächer mit einem NC belegt: Soziale Arbeit, Grundschullehramt, BWL usw. – Lehramt für die Sekundarstufen I und II nicht.
Meinem Vorurteil nach führt das dazu, dass die letzten Krücken Lehrer werden wollen. Falsch, sie wollen keine Lehrer werden, sie wollen studieren. Dann laufen schließlich Leute in der Schule auf, die keinen geraden Satz rausbringen oder eine gruselige Rechtschreibung haben.

Klinge: Auch solche Leute sind doch Einzelfälle.

Tellmann: Ja, aber dann ärgerst du dich mit einigen Referendaren herum, die den notwendigen Stoff nicht erarbeiten, nicht zuverlässig sind oder meinen, sie könnten Unterricht improvisieren.

Klinge: Ich kenne viele wahnsinnig großartige Lehrer, die in ihrem ersten Leben etwas anderes gemacht haben. Wir haben Kollegen, die Rettungssanitäter, Raumausstatter, Krankenpfleger oder Verfahrenstechniker waren, bevor sie Lehrer wurden. Manchmal scheint es mir, die Menschen mit ganz krummen Lebensläufen sind mit die großartigsten Lehrer.

Tellmann: Das meine ich nicht. Ich ärgere mich über Referendare, die den Beruf des Lehrers als Notlösung gewählt haben oder wegen der “vielen Ferien”. Das haben die dann 4 Jahre lang studiert und dann ist es zu spät zum Umsteuern.

Klinge: Also, dass Leute ihren Job nur nach Vorschrift und mit wenig Elan ausfüllen, hat man doch überall. Mein aktueller Schornsteinfeger ist zum Beispiel super lustig und nett – der davor war eine unsympathische Pfeife, der vor allem schnell eine Rechnung schreiben wollte.
Mich nervt die Verallgemeinerung, in Deutschland würden nur mittelmäßige Leute Lehrer werden und darum seien die Lehrer so schlecht.

Tellmann: Umgekehrt ist es wohl eher richtig: die Lehrer sind so mittelmäßig, dass die nicht in der Lage sind Kinder zu fordern und zu fördern, oder ihnen nicht helfen herauszufinden welcher Beruf gut zu ihnen passt.

Klinge: Ich bezweifle die Kausalität von Abiturdurchschnitt und Lehrerqualität. Ich selbst war der totale Chaot bis zur Oberstufe. Ich war faul und undiszipliniert. Wir sind frühmorgens durch gekippte Fenster heimlich in die Schule eingebrochen und haben uns in den Gängen versteckt. (Ich möchte mich an dieser Stelle vielleicht nochmal bei meinen Lehrern entschuldigen. “Hey KKG, war eine großartige Zeit! Tut mir leid, dass ich so ein Depp war.”)
Ich bin auch später ein mittelmäßiger Student gewesen. Der Punkt ist aber – ich habe heute ein ganz großes Herz für meine jetzigen Chaoten. Ich sehe mich selbst da wieder und ich glaube, dass macht mich zu einem besseren Lehrer.

Tellmann: Wir reden hier ja nicht von unserer Pubertät. Ich hatte in der 7. Klasse auch eine 5 in Latein und Englisch und bin sitzengeblieben. Ja, deswegen habe ich viel Verständnis für Schüler, die einen Durchhänger haben. Aber mir geht es in dieser Diskussion um eine Haltung zum Beruf: Wer Lehrer wird, muss Durchhaltevermögen und Engagement besitzen. Die Haltung “ich mach das jetzt mal, ich hab keinen anderen Studienplatz bekommen” ist da wirklich problematisch.

Klinge: Volle Zustimmung. Aber mit einem NC würde man viele richtig gute Leute aussieben. Mich zum Beispiel. Smiley mit geöffnetem Mund
Dem gegenüber stelle ich die typische Referendarin: Sehr gutes Abi gemacht, nie im Leben eine 5 geschrieben, in Windeseile studiert und mit 24 fertige Lehrerin – kaum älter als die Schüler. Und dann womöglich mit völligem Unverständnis, warum der Steffen in der Klasse 8 so aufmüpfig ist.
Ich denke manchmal, da fehlt noch etwas. Was Schiefes im Lebenslauf. Oh je..

Tellmann: Was?

Klinge: Das lesen jetzt haufenweise tolle, junge Kolleginnen und denken, ich fänd sie blöd. Dabei stimmt das gar nicht. Liebe Grüße, Luisa! Du bist super!

Tellmann: Vielleicht bist du einfach nur neidisch, weil sie schneller studiert haben, als du.

Klinge: 😉

Tellmann: Die Vorurteile kenne ich: Leute die nur “Lehramt” studiert haben, wissen nichts vom echten Leben. Schule-Uni-Schule. Blabla.
Ich habe schon in der 13 gewusst, dass ich Lehrerin werden will und das zu einer Zeit, als einem alle davon abgeraten haben, weil niemand eingestellt wurde. Aber für mich ist und bleibt das einfach mein Traumberuf und der Alltag mit Schülern gibt mir Recht. Und dann ärgere ich mich über Referendare/ Praktikanten, die eigentlich keine Lust dazu haben und im Unterricht dann unverschämt oder abwertend mit Schülern umgehen.

Klinge: Okay, dann formulieren wir es um. Stell dir vor, ein Abiturient sitzt vor dir und überlegt, Lehrer zu werden. “Worauf kommt es da an?”, fragt er dich und “Kann ich wohl Lehrer werden?” Was antwortest du?

Tellmann: Die ehrliche Antwort? Also: Vergiss es, wenn du verhaltensgestört bist. Vergiss es außerdem, wenn du keinen Humor hast und nicht gerne mit anderen Menschen zusammen bist. Und schließlich: Vergiss es, wenn du dich nicht in Themen/ Gegenstände vertiefen kannst. Du musst dir vieles schnell beibringen können. Außerdem finde ich Sprachfehler auch noch lästig bei Lehrern.
Wie lautet deine Antwort?

Klinge: Du willst Lehrer werden? Mach erst mal was anderes. Eine Ausbildung. Ein freiwilliges soziales Jahr. Danach schau weiter.

Tellmann: Springen wir etwas weiter in der Karriereleiter: Bei uns haben gerade viele neue Lehramtsanwärter angefangen. Der ein oder andere wird demnächst dich und mich begleiten. Was sind deine Anforderungen? Was willst du sehen?

Klinge: Ich mag Leute, die richtig Lust auf den Beruf haben und das auch ausstrahlen. Sie sollen die Initiative ergreifen und mir demonstrieren, dass sie neugierig sind und alles ausprobieren wollen.
Wenn ich den Eindruck habe, ich muss jemanden zum Arbeiten überreden, werde ich mürrisch. “Dienst nach Vorschrift” ist in dem Metier einfach ein No-Go. 

Tellmann: Ja, aber genau das habe ich schon erlebt.

Klinge: Und ein NC würde die Situation verbessern?

Tellmann: Dann hast vielleicht eher mal Leute dabei, die sich motivieren können, Sachen innerhalb der Frist zu erledigen, ordentlich und fleißig sind. Naja, so Tugenden besitzen, die in der Schule normalerweise mit einer 1 belohnt werden.

Klinge: Das möchte ich genauer wissen: Was macht für dich einen guten Lehrer aus?

Tellmann: Ein guter Lehrer muss wissen, dass er es mit jungen, verletzlichen Menschen zu tun hat, die es wert sind, dass die generelle Haltung ihnen gegenüber durch Respekt, wenn nicht sogar mitmenschliche Liebe gekennzeichnet ist. Diese sind es dann auch wert, dass er sich durchsetzt, sodass sie lernen, was er für lernenswert hält – und so schließlich Spaß am individuellen Lernen bekommen.

Und was denkst du? Vielleicht als schönes Schlusswort?

Klinge: Ein guter Lehrer liebt sein Fach aber noch mehr seine Schüler. Er fordert immer etwas mehr, als sie leisten können und kann auch mal Fünfe gerade sein lassen.

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7 Responses to Wer darf da eigentlich alles Lehrer werden?

  1. Julia says:

    Die Tatsache, dass alles von den Noten abhängig gemacht wird, finde ich auch schrecklich. Niemand kann sagen, dass Leute, die ein super Abitur haben und daher in einen Studiengang mit NC reinkommen oder Leute mit einem super 1.Staatsexamen gute Lehrer sind/werden.
    Ich finde man sollte vielmehr vor dem Studium eine Auswahl treffen. Eine Art Eignungsprüfung machen müssen.

    Doch das sieht Bayern, wo ich zur Zeit studiere, ganz anders, und möchte jetzt auch noch eine Begrenzung fürs Ref einführen. Das ist meiner Meinung nach der völlig falsche Weg.

    Klar ist Bildung Ländersache und evtl. tangiert es hier nur wenige, weil Herr Klinge nicht sn einer bayerischen Schule unterrichtet. Aber ich dachte ich lasse trotzdem mal den Link zu einer Petition da, vielleicht mag der ein oder andere ja unterzeichnen. 😉

    http://www.openpetition.de/petition/online/gegen-zulassungsbeschraenkungen-vor-dem-referendariat

  2. Ateliergarten says:

    Vor circa 3 jahren sah ich einen Bericht im WDR. Es ging um einen Professor, der in Baden Würtemberg den Studenten einen Eignungstest vor einem Lehrerstudium anbot. Wirklich erschreckend: Einer wollte Lehrer werden, um seine Schüchternheit zu überwinden, die nächste, um besser Deutsch lernen zu können usw. Der Professor meinte auf die Frage: Für wen ist der Beruf des Lehrers geeignet – Für jemanden, der sein Fach und die Menschen liebt. Das wären die besten Voraussetzungen, ein Lehrerstudium zu beginnen.
    Herr Klinge, Sie sind also genau der Richtige am richtigen Platz.

  3. Imke says:

    Vielleicht sollte man eher fragen, warum die „schlechten“ Lehrer dann überhaupt das Studium geschafft haben? An den meisten Unis gibt es z.B. keinen NC für Elektrotechnik und jeder darf anfangen, allerdings schafft nicht jeder das Studium. Das ist natürlich nicht toll für die Abbrecher, aber besonders bei technischen Studiengängen ist der NC nicht besonders aussagekräftig. An den Fachhochschulen gibt es übrigens für die gleichen Fächer häufig einen NC (vermutlich weil die Lehrform ein bischen anders ist und die Gruppengrößen begrenzt werden sollen).

    Es gibt allerdings trotzdem auch schlechte Elektrotechniker 😉

  4. Frau Henner says:

    Ein NC ist insofern problematisch, weil er ja alle Schulleistungen über einen Kamm schert – aber man kann ein toller Deutschlehrer sein, obwohl man in Mathe nie was kapiert hat und sicher auch umgedreht. Ein Eignungsseminar ist ebenso schwierig, aber es bietet dem Suchenden vielleicht die Möglichkeit über seinen Studienwunsch zu reflektieren. Denn in den letzten Jahren hatten wir an unserer Schule einfach zuviele von diesen langweiligen, mittelmäßigen Referendaren, die halt in den sicheren Beamtenschoß von Vater Staat wollten. Ich hingegen freue mich über jedes engagierte Gesicht! Und genau das honorieren auch die Schüler und nehmen aus menschlichem, authentischen, fundiertem Unterricht etwas mit.

    • Tinalise says:

      Bei uns an der Uni wird das gut gelöst, was du ansprichst: Es gibt keinen „allgemeinen“ NC, der alle Noten über einen Kamm schert. Stattdessen musst du deine Noten in Deutsch, Englisch, Mathe + 4. Prüfungsfach angeben, und je nach Fach, für das du dich bewirbst, wird das unterschiedlich gewichtet. Meine Fächer wurden beispielsweise jeweils 4-fach gewichtet, Mathe dann nur 1- oder 2-fach.
      Eignungsseminar finde ich auch schwierig, weil man sich auch einfach noch entwickelt… man ist eben auch noch so jung nach dem Abi, jetzt mit G8 ja jünger denn je.

  5. Philipp says:

    Hallo liebe Kollegen,

    euren Dialog habe ich mit Freude gelesen, finde ich doch, dass beide das Kernproblem völlig treffend beschreiben.
    Als Neuling im Beruf ist mir die Studienzeit noch nicht fremd, in welcher man viele viele Kandidaten kennengelernt hat, die sich wohl früher oder später selbst fragen, warum sie eigentlich Lehrer geworden sind.
    In meinen Augen ist ein Eignungstest VOR Studienbeginn absolut sinnvoll. In vielen Berufen mit besonderen Anforderungen (Polizei, Feuerwehr,…) findet dieser auch statt. Ich frage mich, warum darauf bei einem psychologisch auch so anspruchsvollen Beruf wie dem Lehramt gänzlich verzichtet wird. Das ist in meinen Augen sehr schade! Es würde die Qualität und die Eignung der „Absolventen“ deutlich verbessern aber auch vielen Leuten eventuell früh die Augen öffnen, die sich womöglich eines Tages im Beruf überfordert sehen…

  6. Ayuka says:

    Ich bin selber eine Lehramtsstudentin im 4. Semester und habe mir schon häufig gedacht, warum eigentlich einige (leider bei uns nicht wenige!) Menschen dabei sind, die folgendes sagen „ich wusste nicht was ich machen sollte und hab dann erstmal das hier angefangen“. Die weder das Studium, noch den Beruf an sich ernst nehmen und Dinge von sich geben wie „Ach, so richtig Deutsch muss ich doch eh nicht können, für den Unterricht benutze ich dann eh nur irgendwelche vorgefertigten Arbeitsblätter und fertig.“ Kurze Info zu mir: Wollte nach einem Zick-Zack-Schulleben Lehrerin werden, hatte etliche Uni-Absagen wegen meines „schlechten“ 2,5er Abis und habe daraufhin erst Mal 4 Jahre etwas anderes gemacht, bis ich doch nicht mehr meinem Wunsch widerstehen konnte. Habe erneut fast nur Absagen bekommen und konnte nur durch einen Aufnahmetest, in dem ich sehr gut abgeschnitten habe, den Uniplatz bekommen.
    Daher frage ich mich: Warum muss man nicht für das Lehramtsstudium beispielsweise 2-3 Wochen Praktikum in einer Schule nachweisen? Ja ich weiß, es würde die Schulen natürlich belasten, aber dadurch würden auch sehr viele von dem Studiengang abgeschreckt, die sich „nur so“ bewerben. Im Endeffekt kann der Notendurchschnitt des Abiturs nichts darüber aussagen wer Du bist und warum Du an die Schule möchtest. Auf diesem Wege würden mehr Menschen eine Chance auf ihren Traumberuf bekommen.

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