Was schlecht war.

Eine Freundin ist von den verschiedenen Social-Media-Kanälen genervt. Überall würde nur “heile Welt” vorgelebt. Jedes Foto auf Instagram oder Facebook sähe aus wie Urlaub, jeder private Statuseintrag handle von lustigen Anekdoten oder tollen Erlebnissen.

Natürlich fühle ich mich ertappt.

Denn natürlich veröffentliche ich nur ‘positive’ Bilder und keine, wo ich in der Nase bohre. Und natürlich schreibe ich eher lustige Dinge – wenn ich genervt/frustriert/müde bin, habe ich anderes zu tun, als auf Facebook zu schreiben, wie genervt/frustriert/müde ich bin.

Ich will mich gar nicht rechtfertigen, sondern – am Ende des Schuljahres – die Dinge zurechtrücken: Es läuft keineswegs alles nur fantastisch, ganz im Gegenteil: Manches war schlecht.

Mit meinem diesjährigen Physikkurs bin ich sehr unzufrieden. Mein Buch-Projekt im ersten Halbjahr ist (aus unterschiedlichen Gründen) völlig gescheitert und danach war etwas die Luft raus. Das Fach wird von vielen als notwendiges Übel betrachtet und entsprechend ist die Motivation. Ein typisches Nebenfach in Abschlussklassen wie es in jedem Jahr und an jeder Schule vorkommt oder – wie Frau Henner es treffend beschreibt:

Frau Henner, wäre nicht Frau Henner, wenn sie sich nicht Gedanken über das Grundproblem machen würde: Wie schaffe ich es, dass Schüler im Grundkurs mit Null-Bock-Laune am Ende wenigstens nicht das Gefühl haben, völlig umsonst dagewesen zu sein? Kann ich das überhaupt schaffen? Oder muss ich dieses partielle Scheitern aushalten lernen? Was kann ich an meinem Unterricht ändern?

Schülernähe? Weggang von den Pflichtthemen? Mehr Filme zeigen? Mich mehr mit den coolen Schülern verbünden und öfter über Fußball, Autos und Sex reden?

Dieses Jahr wollte ich in Physik kein Schüler meines eigenen Unterrichts sein – das sagt eigentlich schon alles. Ich habe aber Hoffnung (und eine Idee) für das kommende Schuljahr.

Mit meinem Hühnerhaus bin ich nicht besonders weit gekommen. Unterschiedliche Dinge haben mich aufgehalten. Das nervt. Ich hoffe auf die Sommerferien.

Die letzten Wochen in der Schule empfinde ich persönlich als sehr, sehr anstrengend. Zig Zettel und besondere Projekte (die alle ihre Berechtigung haben) verhindern eine Routine. Ich bin ununterbrochen damit beschäftigt, zu überprüfen, ob ich irgendwo irgendwas vergessen habe. Beispiel:
Kommenden Montag Zeugniskonferenzen. Ein Tag später dann der Stadtlauf: Mit tausenden Schülern in der Stadt  für die Volksgesundheit rennen. Jeder braucht einen Zettel, eine Startnummer, ein T-Shirt. Dienstag Abend dann mit der Klasse und dem Bus nach London. Mittwoch und Donnerstag Streifzug durch London. Donnerstag Nacht zurück und Freitag die Zeugnisse ausgeben. Alles verbunden mit Zettel austeilen, Zettel einsammeln, Geld einsammeln, Rückmeldungen geben, informieren, telefonieren, organisieren.

Der Stress macht mich ungeduldig und ungerecht. Ich nehme mir weniger Zeit für meine Schüler, meine Familie und mich, bin mürrischer und zeige weit weniger Verständnis für den Alltagsunsinn meiner Klasse als sonst.

Also: Nicht alles ist großartig. Ich freue mich auf die Ferien und werde mal für einige Zeit abschalten.

(Aber vorher noch die Fahrt nach London: Die wird toll und anstrengend und ich werde mir wieder Zeit nehmen, ausführlich darüber zu schreiben – allein schon der Erinnerung wegen.)

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10 Responses to Was schlecht war.

  1. Sebastian says:

    Na toll, da zerbricht mein Bild des Über-Lehrers. 😉
    Ich wünsche dir, mir und uns allen wohl verdiente Ferien.

  2. Frau Henner says:

    Danke Jan, dass auch bei dir nicht alles rund läuft – ehrlich, das ist wichtig, das erdet uns alle ein klein wenig – und es bringt uns weiter, denn nur wer Schwächen zugibt, arbeitet daran – eventuell. Dir viele gute neue Ideen, wenn denn mal die Ferien heran sind!
    lg Lilo

  3. reader says:

    Danke, beim Lesen deines Blogs hatte ich hin und wieder den Eindruck, dass bei dir alles immer rund läuft und nur ich ein solch schlechter Lehrer bin, bei dem Projekte scheitern. Ich musste immer wieder an deinen Satz denken, der ungefähr so ging: „Ich tue nur die Dinge, die mir Spaß machen.“
    Dieser Artikel tut mir wirklich gut! Schöne Ferien

    • Huaaaa. Das wäre mir sehr unangenehm.
      Der genannte Satz ist (m)eine Richtlinie, kein Grundgesetz: Den Rasen muss ich trotzdem ständig mähen (obwohl ich versucht habe, das an meine Frau abzuschieben..)

  4. Klirrtext says:

    Na, wenn das die größten Probleme sind, die man hat, dann läuft doch eigentlich alles rund. 🙂

  5. Isabelle says:

    Hey 🙂
    Ich wollte mal fragen , sind eigentlich die Glasknochenmädels noch in deiner Klasse ? Und können die auch mit nach London fahren ?
    Liebe Grüße
    Isabelle (sonst stille Leserin )

    • Ja, sie sind noch in der Klasse – alles läuft soweit völlig problemlos.
      Aber nein, sie fahren nicht mit nach England – diese Verantwortung wäre von niemandem zu tragen gewesen.

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