Busfahrt. London #2

Busfahrt. London #2

Es ist mittlerweile halb zwei und wir sind noch auf der Autobahn unterwegs.

Zur Abreise wünschten uns unsere (wunderbaren und verständnisvollen) Eltern „wunderbare Urlaubstage“ und ein „erholsames Sightseeing“. „Lehrer müsste man sein“, wird hier schwer geseufzt und „eine Reise nach London würde mir jetzt auch gefallen!“ von dort gemurmelt.

Die gute Nachricht ist, dass meine Thrombosestrümpfe farblich zum Stoffbezug des Busses gepasst haben: Rentnerbeige auf Rentnerbeige. Lange Autofahrten mit den eigenen Kindern sind schon immer arg anstrengend – mit zwei 8. Klassen, also sechzig pubertierenden Schulkindern umso mehr. Obwohl es keine dramatischen Zwischenfälle gab, dauerte es doch bis ein Uhr nachts (und einer weiteren Gardinenpredigt auf einer Raststätte nahe Brüssel), bis endgültig Ruhe eingekehrt ist. Obwohl wir uns Chips, Cola und Energydrinks verbeten hatten, schmuggeln einzelne den Mist halt doch irgendwie rein. Und genauso, wie die eigenen Kinder mit Kekskrümeln Mamas Auto verschönern… naja.
Jetzt schlafen die meisten, eingelullt vom monotonen Geräusch der Straße.

Ich würde gerne von mir berichten, dass ich auch im Schlaf ein Vorbild an Haltung und Grazie bin – aber das wäre dreist gelogen. Wenn ich schlafe, dann wie ein Toter. Meine überlangen Extremitäten winden sich wie tote Aale zwischen Stuhlritzen und auf dem Gang entlang. Hin und wieder zucke ich, als würden Stromschläge einer unbekannten Macht durch einzelne Muskelstränge fahren und ich schlage dabei meinen Sitznachbarn mit meinen gigantischen Pranken ins Gesicht. Stephen King flüstert mir ins Ohr, dass Reba, die verdammte Puppe (nein.. Ramona.. Sie heißt Ramona!?).. aber das Bild verschwimmt und ich sehe sie (Reba? Ramona?) im Klassenraum zwischen all den anderen gruseligen Puppen, die meine Schüler angeschafft haben… und diese Enge. Diese gottverdammte Enge.

Der Bus ist zu klein. Und ich zu groß.

Ich kann kein Auge zutun und um nicht dem Wahn zu verfallen, beginne ich zu schreiben.

One Reply to “Busfahrt. London #2”

  1. Aber ich hoffe die Einschränkungen gelten nicht für Lehrer und Sie konnten Chips, Cola und Energydrinks mitnehmen? Zusammen mit Baldrian und RescueTropfen.

    Ach und falls noch Junglehrer mitlesen noch meinen Lieblingstipp: Den Schüler(innen) verbieten in der Bustoilette Haarspray zu benutzen! Das kann den Rauchmelder auslösen……
    Weiterhin gutes Durchhalten.
    LG
    Coreli

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