Erziehung & Liebe #4

Erziehung & Liebe #4

Bald habe ich es geschafft! Das sage ich mir immer wieder: Bald habe ich es geschafft!
Gegen 5 Uhr wache ich morgens auf. Zu einem richtigen Frühstück kann ich mich nicht so Recht aufraffen, so dass es meist bei einer trockenen Scheibe Toast bleibt. Zu Hause erklärt meine 

Jüngste dem Hund, wann Papa endlich wiederkommt – und am liebsten würde ich sofort abreisen. Bei aller Freude – aber Klassenfahrt ist Arbeit.

Für diesen Morgen haben wir Zimmerkontrollen angekündigt. Alle Zimmer sollten in einem vorzeigbaren Zustand sein und wir wollten uns vor allem vergewissern, dass alles noch intakt war. Als der LAA, meine Co und ich in eines der Jungenzimmern poltern, steigt uns der Duft von frisch gebratenem Speck und Spiegelei in die Nase. Der Tisch ist für sechs Personen gedeckt, der Boden gestaubsaugt – die Bude sieht besser aus, als meine eigene. Kurz erwägen wir drei, uns einfach an den gemütlichen Tisch zu setzen und bewirten zu lassen – aber wir applaudieren nur und sind begeistert.
Heute stand kein Ausflug auf dem Plan, sondern nur der Besuch des subtropischen Badeparadieses. Wir haben uns für 9 Uhr verabredet (früh aufstehen!) und ich erzähle den Schülern im Vorbeigehen, dass es dort keine Umkleide gäbe und sie bitte in Badehose direkt am Treffpunkt direkt vor unserem Haus erscheinen sollten.

Hm.

Hm.

Nach fünf Jahren obskurer Behauptungen hatte ich mir etwas mehr kritisches Denken erhofft. Aber nicht wenige standen nur in Badehose auf dem Parkplatz vor dem Haus und erklärten den anderen, es gäbe „dort keine Umkleide!!!!! Mann!! Hat Herr Klinge doch gesagt!“ 
Vor dem Bad gehen wir alle Baderegeln durch. Kurz gesagt: „Überlegt euch im Bad, ob das, was ihr gerade tut, lustig ist. Wenn ja, ist es verboten!“, fasse ich zusammen.

Es dauert keine halbe Stunde, da steht Ludwig an unserem Tisch. Ein Musterschüler. Ein Paradebeispiel an Höflichkeit und Zurückhaltung. Mit zerknirschter Miene erklärt er, dass er selbst und acht weitere Schüler (Musterschüler! Paradebeispiele!) das Schwimmbad leider jetzt verlassen müssten. Sie wären gemeinsam auf der Rutsche.. und überhaupt. Hinter ihm steht ein Bademeister mit ernster Miene.

Eine halbe Stunde. Und nicht etwa die wildesten Rabauken. Nicht die Klassenclowns. Nicht die, deren Eltern wir seit fünf Jahren auf der Kurzwahltaste haben. Alle neun sind völlig brave Kinder!

Innerlich prusten wir los. Äußerlich schauen wir ernst und mahnen das Vergehen an. Insgesamt tut es mir für die Schüler natürlich leid – aber ich finde es gut, dass sie Konsequenzen erlernen und angesichts der vielen kleinen Kinder im Bad befürworte ich das Vorgehen der Bademeister, Jugendliche Chaoten („Hooligans in Badehose!“) rauszuwerfen. Eine Ermahnung hätte es vielleicht auch erstmal getan – aber okay. Es sollte dem Rest der Klasse eine Lehre sein. Mit im Schwimmbad dabei meine beiden Rolli-Kinder. Das Bad ist zwar ausdrücklich nicht barrierefrei (es gibt eine gewaltige Eingangstreppe hinter den Kassen und – wie üblich in solchen Spaßbädern – überall künstliche Brücken etc.) aber die I-Helfer finden unkomplizierte Wege. Überhaupt ist die Arbeit mit ihnen ganz und gar wunderbar! Alles wird kurz und knapp abgesprochen und es herrscht ein großes Vertrauen zueinander.

Nachmittags dann viel freie Zeit. Wir besprechen die Nummer mit dem Schwimmbad und rufen allen in Erinnerung, dass auch wir Regeln aufgestellt haben, die es einzuhalten gilt. Aber: Die Kinder sind müde und etwas gelangweilt – eine schlechte Mischung und die stete Wiederholung der Vorschriften und Regeln würde nicht ewig funktionieren. Oder anders ausgedrückt: 

„Obwohl diese Lösung funktionierte, war ihr fundamentaler Fehler offensichtlich, der zu der ansonsten widersprüchlichen systembedingten Anomalie führte. Die, wenn nicht beseitigt, das System selbst bedrohen würde. Ergo, würden diejenigen, die das Programm ablehnten auch wenn sie eine Minderheit sind, die zunehmende Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe bedeuten, sofern man sie nicht kontrollierte.“  

Weil dieses Blog kein anonymes ist, werden natürlich stets die Namen verändert, Sachverhalte zugespitzt dargestellt und vieles auch weggelassen. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dies sei alles Urlaub und als müssten wir nicht immer wieder intervenieren, sprechen, schimpfen und erziehen. Aber alles läuft auf einem guten, vertrauensvollen Niveau.

Vor dem Teenie-Highlight des Abends – der Disko – gibt es ein persönliches Highlight. Wir drei Kollegen Essen gemeinsam und erfreuen uns aneinander. Die Arbeit ist anstrengend – aber gelingt gut.

Dann klopft es an der Tür – und ein lang geplantes Highlight beginnt: Weil meine liebe Co die Klasse verlässt, hat uns zu diesem Essen jedes Zimmer einen Nachtisch gezaubert. Und ich meine gezaubert!
Acht Zimmer brachten acht Nachtische und einer war besser, als der nächste! Unglaubliche Kreationen, die da ans Tageslicht kamen – meine Worte können den Zauber, der davon ausging, nur schwach beschreiben.

 Meine Co war zu Tränen gerührt. Was für wunderbare Kinder wir da haben.

Anschließend noch mit vollen Bäuchen in die Disko. Der Türsteher mustert mich kritisch, als könne er ahnen, dass ich als Physiker nichts in seinem Club zu suchen hätte. Mir ist, als schnüffeln er und seine Stirn legt sich in tiefe Falten.

Ich gehe heute Abend nicht in die Disko.

Das übernehmen meine Co und unser wunderbarer LAA, der uns ununterbrochen ganz wunderbar unterstützt. Ich dagegen sitze einsam in meiner kleinen Wohnung, überprüfe hin und wieder, ob sich der Kühlschrank von alleine gefüllt haben könnte und blogge, weil das merkwürdige Einzelgänger wie ich halt so tun.

Nur noch ein Tag. Zwei Nächte. Dann haben wir es geschafft.

Tagesstatistik
Ansprachen: 5
ernste Ansprachen: 3

[Nachtrag: Alle Artikel werden von mir auf meinem Handy geschrieben – man möge mir mangelnde Formatierungen und zahlreiche Tippfehler verzeihen.] 

5 Replies to “Erziehung & Liebe #4”

  1. Was nur ist LAA? Light Aircraft Association? Länderausschuss für Atomenergie? Lehrer-Ausbildungs-Anfänger? …. wie ich Abkürzungen liebe 😉

  2. Lehramtsanwärter.
    Ich würde ja jetzt Witze über die Spezies machen Z.B. wie mich ein Mitglied der Schulleitung, als ich berichtete gerade einer LAAin das Leben gerettet zu haben ( in Echt – nicht metaphorisch) fragte „Welche Fächerkombi?“
    Aber da ich selber mal LAAin war und nun Mutter eines angehende LAAs bemühe ich mich um einen absolut respektvollen Ton.

    Eigentlich wollte ich auch nur nachfragen: hab ich das richtig verstanden, dass der Türsteher Sie nicht reingelassen hat?

    LG
    Coreli

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