Fast im Ziel #5

Fast im Ziel #5

Ich bin – mit den Worten einer Legende – körperlich und physisch am Ende. Meine SmartWatch hat für die vergangenen Tage einen Anstieg des durchschnittlichen Pulses um 12 Schläge gemessen und wirft mir mit anklagender Genauigkeit ein Schlafdefizit an den Kopf: „Schade, auch heute haben Sie zu kurz geschlafen.“

Tatsächlich beginnen meine Tage um 5 Uhr morgens und enden gegen 1 Uhr nachts. Beides weit entfernt von meinem normalen Tagesrhythmus und ich merke, wie die Woche mich schlaucht.

Mein letzter Tag beginnt im Edeka. So praktisch der Supermarkt auf dem Feriengelände des Weissenhäuser Strandes ist – die Zielgruppe ergibt sich aus der Anordnung der Produkte: Vor der Kasse stehen links und rechts mehr Alkopops, als ich zu zählen im Stande bin. Insbesondere jene geschmackvollen Getränke, die sich in spermienförmigen Flaschen befinden, haben eine klare Zielgruppe: Schüler.
Also stehe ich morgens um 8 im Laden und bitte um ein Gespräch mit der Geschäftsführung. Ich erläutere meinen Frust und meinen Ärger. „Alle Anstrengungen und Mühe.. das alles fliegt uns um die Ohren hier!“ Die Filialleiterin versteht mein Anliegen und erwähnt, dass ich nicht der erste Lehrer in ihrem Büro sei. Aber es würde immer der Ausweis geprüft – sie schlüge mir vor, zukünftig die Personalausweise einzusammeln. „Aber“, fügt sie dann hinzu, „die Kinder fragen dann irgendwelche Erwachsenen, die das Zeug für sie kaufen.“

Ergebnis: Irgendwie nix.
Der Laden verdient sich dumm und dämlich an dem Zeug und als Lehrer kann ich davor entweder resignieren oder… naja, eigentlich nur resignieren. Hm. Hm.

Nach der üblichen morgendlichen Ansprache wollen wir los. Weil einige Apartements inzwischen so sehr nach Socken und Muff stinken, dass eigentlich nur noch eine Kernsanierung der Gebäude in Frage kommt, empfehlen wir regelmäßiges Lüften. „Dann können wir aber keine laute Musik hören, Herr Klinge!“

Heute steht der Ferienpark „Hansa-Park“ auf dem Plan. (Notiz für Interessierte: Der Park ist weitgehend barrierefrei aufgebaut und wir sind vielen Rollifahrern begegnet. Aber: Während meine Glasknochenmädchen kostenlos in den Park dürfen, müssen ihre Inklusionshelferinnen den vollen Erwachsenenpreis (von ihrem eigenen Gehalt) zahlen. Hm. Hm.
Vor dem Park begegnet unser Referendar Matthias einem befreundeten Lehramtsanwärter, der mit einer anderen Schule angereist ist. Kaum, dass die beiden sich gegrüßt haben, wird der LAA lautstark von einer älteren Kollegin herbeizitiert, die mit grimmiger Miene die Eintrittskarten schwenkt. „JONAS! VERTEIL DIE KARTEN!“ blafft sie ihn an.
Ramona und ich grinsen. „So muss man die Referendare also behandeln?“ Wir bestätigen uns gegenseitig, viel zu nett mit Matthias gewesen zu sein und geloben, diesen Fehler wettzumachen.

Der Park ist relativ leer (nur noch Bayern und BaWü haben Sommerferien) und das Wetter gut. Ramona, Matthias und ich genießen (soweit möglich) die Zeit, probieren hier und da das ein oder andere Fahrgeschäft aus und lassen den Kindern ansonsten ihre Ruhe. Zur Halbzeit treffen wir uns: Die eine Hälfte möchte bis zum Schluss bleiben, die andere ist müde und will sofort gehen.  Weil wir ahnen, wie der Tag läuft, wenn sich die Schüler zu Hause langweilen, bleiben wir bis fast zum Schluss. Bei Abfahrt finden dann doch alle, dass das eine gute Entscheidung gewesen ist.

Mein persönliches Highlight, der wunderbarste Moment der ganzen Tage dauerte keine 180 Sekunden. Wir schlenderten kurz vor Schluss noch durch Bonanza City und kamen an einer Wild-West-Photographie-Bude vorbei. Solche alten Familienfotos finde ich persönlich mega – aber Ramona (die sich morgen von mir trennen will) winkt direkt ab: „Bei deiner Größe.. da gibt’s nix!“
Vorsichtshalber betreten wir den Laden doch noch kurz: „Ich bin traurig“, stelle ich uns vor, „ich mag so ein schönes Foto haben, aber meine gemeine Kollegin sagt, ich bin zu groß dafür.“ Die Chefin des Hauses winkt ab. „Das ist kein Problem!“ Mein kindliches Strahlen erleuchtet das Geschäft. „Prima“, sage ich, „wir haben genau 3 Minuten Zeit.“
Und augenblicklich, binnen Millisekunden, werden wir von drei Mitarbeitern umringt, die uns gleichzeitig aus- und anziehen. Mit unglaublicher Präzision werden wir wie Schaufensterpuppen drapiert, Accessoires im Bild angeordne. Wir bekommen knappe Anweisungen („Hohlkreuz, Brust raus, Beine zusammen, Sie schauen ernst, Sie lächeln, die Hand bitte hierhin legen, Sie schauen ernst.“) und ehe wir wissen, was geschieht, blitzt es dreimal. Ein Wirbelwind!
Nach 179 Sekunden halten wir staunend ein Familienfoto in Händen. Ich liebe es. Es ist perfekt!

Der letzte Tag unserer gemeinsamen Zeit – morgen folgt die Scheidung.

Als wir zurück zum Bus kommen, steht neben unserem Bus ein zweiter und unser Fahrer liegt unter beiden. „Der andere ist kaputt, und wir versuchen Druck von unserem System auf den anderen zu übertragen, um das Getriebe freizuschalten!“ (oder so ähnlich), erklärt er uns. Nach zehn Minuten sind beide Busse kaputt und es dauert nochmal zehn Minuten, bis zumindest unserer wieder läuft. Schulterzucken. Da wissen er jetzt auch nicht weiter.

Ich bin mittlerweile völlig zerschlagen. Im einen Moment brülle ich die Kinder grundlos an, im nächsten flehe ich Ramona verzweifelt an, doch bei mir zu bleiben. „Denk doch mal an die Kinder!“

Abends sitzen wir zu dritt bei mir und kochen die Reste von gestern auf. Während Ramona kurz durch die Mädchenzimmer läuft, tippen Matthias und ich den nächsten Bundesligaspieltag. Wir streiten uns darüber, ob Schalke gegen Stuttgart mit drei oder vier Toren Unterschied verlieren wird, als wir von einem unangenehmen Zischen unterbrochen werden: Die Nudeln brennen an.
Es ist doch zum Mäuse-melken: Da ist die Frau gerade fünf Minuten aus dem Haus, und wir zwei Experten verkohlen den ganzen Topf. Ätzend, aber mit genug Parmesan schmeckt es zumindest nach Pasmesan.
Schnell fällt uns auf, dass wir die viel zu kleinen Frühstücksteller mit dem schwarzen Nudelrest vollkleistern – das meiste landet auf dem Tisch. Und es liegen auch nur Messer da – Gabel und Löffel haben wir vergessen. Eigentlich ist alles falsch gelaufen.
Schließlich wandert das meiste in den Müll und ich bemühe mich eine halbe Stunde mit einer Gabel, den Topf sauberzukratzen. Die Situation ist so peinlich und skurril, dass Matthias und ich Tränen lachen bis Ramona wiederkommt und mir eine Minute lang schweigend zusieht. „Sag mal, hast du keinen Schwamm?“, fragt sie kopfschüttelnd. „Was stimmt mit dir nicht?“

Alles.
Morgen muss ich mich nach fünf großartigen Jahren von meiner wunderbaren, fantastischen Co trennen. Morgen kann ich endlich wieder nach Hause.

Morgen.

Eine kurze Nacht bleibt noch und ein letzter Artikel für ein noch kürzeres Schlusswort.

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