Arbeitszeiterfassung oder: Wie faul sind Sie eigentlich?

Arbeitszeiterfassung oder: Wie faul sind Sie eigentlich?

6. März 2018 16 Von Jan-Martin Klinge

Meine jüngste Tochter ist krank. Gefühlt schleppen wir uns seit Monaten von einer Magen-Darm-Grippe zur nächsten. Diese Woche ist überdies meine Frau beruflich unterwegs, so dass ich mich in tiefster Nacht in der beklagenswerten Situation wiedergefunden habe, gleichzeitig ein kleines Kind zu duschen, den Flur zu wischen und ein Kinderbett neu zu beziehen.

Aber beklagenswert?

In solchen Nächten frage ich mich, wie die vielen Alleinerziehenden Mütter und Väter im Land das eigentlich schaffen. Wie hält man das aus? Woher nimmt man Tag für Tag die Kraft?

Arbeitszeiterfassung bei Lehrern

Meine – im Licht des Morgen betrachtet – wenig beklagenswerte Situation führt mich zur Arbeitszeiterfassung. Einige Lehrer-Blogger [bspw. Sebastian Schmidt und Herr Mess] haben exemplarisch ihre Arbeitstage vermessen. Einerseits aus Neugier – aber auch um den üblichen Vorurteilen entgegenzuwirken. Schmidt kommt auf knapp über 40 Stunden, Herr Mess in seiner Woche sogar auf knapp 60. Von meinen Kollegen weiß ich vergleichbares.

Ich selbst habe für mich keine Zeiterfassung durchgeführt und bin auch wenig motiviert, dies zu tun. Einigermaßen sicher bin ich jedoch, dass ich zeitlich unter den Genannten bleibe. Das schreibe ich, weil ich es für richtig und wichtig und fair halte, im Zuge dieser Diskussion auch die andere, vermeintlich verwöhnte Seite des Lehrerlebens zu beleuchten.

Grundsätzlich unterrichte ich ungefähr 25 Stunden pro Woche. Dazu kommen immer mal wieder die Korrekturen von Tests und Klassenarbeiten (2x Mathematik, 1x Physik, 1x WP Technik), außerdem bin ich Klassenlehrer und habe damit verbundene Aufgaben. Es bleiben also gut 15 Stunden für Vorbereitung und nachrangige Dienstgeschäfte.

Folgende Faktoren entlasten mich:

  • im Fach Mathematik arbeite ich in einer vorbereiteten Lernumgebung mit Lerntheken. Abgesehen von den Einführungsstunden muss ich keinen Unterricht vorbereiten.
  • im Fach Technik beschäftigt sich der Kurs aktuell mit Elektrotechnik – auch da steht der gesamte Unterricht. Alle Bauteile und Werkzeuge liegen in der Schule – die Stunden habe ich einmal ausgearbeitet und in ein Buch gegossen.
  • Physik läuft in jedem Jahr gleich: Die gleichen Einheiten, die gleichen Experimente. Ich habe die ersten zwei Jahre alles detailliert in OneNote aufgeschrieben. Nun variiere ich nur noch bei Bedarf.
  • ich unterrichte (normalerweise) nur in der Sekundarstufe 1

Zu beachten ist außerdem, dass ich mit Mathematik, Physik, Arbeitslehre Technik und NW Fächer habe, die sehr sequentiell aufgebaut sind. In Physik fange ich in jeder 10. Klasse mit den Grundlagen der Mechanik an – und das geht auch gar nicht anders. Ebenso sind die Themen in der Mathematik strikt vorgegeben. In diesen Fächern entwickelt sich also eine starke Routine. Insbesondere im Vergleich zu Fächern wie Deutsch (neue Literatur) oder Politik (aktuelles Geschehen).

Um alle Vorurteile zu bedienen: Ich könnte mich jetzt zurücklehnen, es die letzten dreißig Dienstjahre ruhiger angehen lassen und exakt jenem Klischee entsprechen, dass gemeinhin zu Neid und Frust führt.

Ein paar Dinge möchte ich zu meiner Verteidigung anführen:

  • ich arbeite seit über zehn Jahren mit OneNote, meinem digitalen Notizbuch. Ich finde jede Aufzeichnung zu jeder Stunde binnen zwanzig Sekunden. Ich habe direkten Zugriff auf tausende Arbeitsblätter und alte, z.T. nicht mehr gedruckte Arbeitshefte. [Buchempfehlung für Kollegen, die es noch nicht kennen.]
    Wo andere Lehrer viel Zeit in die Recherche investieren, benötige ich keine fünf Minuten.
  • die „vorbereitete Lernumgebung“, also die Lerntheken, sind nicht vom Himmel gefallen. Da steckt unermesslich viel Zeit und Arbeit drin. Gleiches gilt für die Materialien im Fach Technik.

Ein kleines Gedankenspiel: Nehmen wir an, Sebastian Schmidt braucht für ein Lehrvideo zur Bruchdivision eine Stunde Zeit – ich dagegen würde für mich mindestens vier Stunden veranschlagen.
Wer von uns ist jetzt der fleißigere Lehrer?
(Man erinnere sich: Die Medienkompetenz, also hier die Fähigkeit zu Aufnahme, Videoschnitt, Upload etc. fallen ebenfalls nicht vom Himmel. Da steckt viel Arbeit dahinter.)

Böse formuliert: Bin ich ein fleissigerer, besserer Lehrer, wenn ich mich umständlicher anstelle und mehr Zeit brauche?

Und nun?

Vor Jahren hat Google seinen Mitarbeitern einen freien Arbeitstag geschenkt. Die Angestellten mussten zwar kommen, durften die Zeit aber für eigene, kreative Projekte einsetzen. Als Lehrer sehe ich mich in eine ähnliche Situation versetzt: Ich habe ein freies Stundenkontingent und das darf ich für Dinge einsetzen, die mich motivieren. Die Lerntheken bspw. sind nicht in ihrer heutigen Form so entstanden, sondern Ergebnis eines jahrelangen Prozesses. Die jetzige OER-Variante ist mindestens die vierte Überarbeitung. Viele Nachmittage denke, plane und grüble ich. Probiere aus und verwerfe wieder. Lese auf Twitter, Facebook und via RSS bei Dutzenden Kollegen wie und was sie so tun. Weil ich nicht ständig vor einem Berg Arbeit sitze, kann ich aus der Freiheit heraus mehr lernen, besser werden.

tl;dr

Durch ein hohes Maß an Medienkompetenz, den intelligenten Einsatz von Technologie und klug gewählte Unterrichtsmethoden arbeite ich ziemlich effizient. Die eingesparte, freie Zeit investiere ich in neue, bessere Projekte die letztlich meinem Unterricht zufließen. Die „Qualität“ eines Lehrers lässt sich meines Erachtens nicht über die Zahl der Stunden am Schreibtisch messen.

Wie man das letztlich beurteilt liegt wohl auch im Auge des Betrachtes.