Sprache und Erziehung

Im Kollegium unterhalten wir uns über Sprache. Wir Lehrer sind dazu angehalten, auf eine “geschlechtergerechte Sprache” zu achten. Dazu gibt es Fortbildungen. Erlasse. Sitzungen.
“Liebe Schüler, es brennt. Bitte verlasst das Gebäude!”
Sind damit nur die Jungen gemeint? Sollen die Mädchen verbrennen?
Liebe Leserinnen und Leser, natürlich nicht. Abseits aller Haarspalterei, die wir in Deutschland (und besonders in den Amtsstuben) betreiben gibt es natürlich auch ernstere Beispiele sprachlicher Unzulänglichkeiten:

“Weil du so ungezogen bist, muss der Papa dich jetzt schlagen und das macht den Papa sehr, sehr traurig!”

Ein wunderbares Beispiel “schwarzer Pädagogik” und doppelter, persönlicher Schuldzuweisung. Neulich las ich bei einer Kollegin folgende Aussage:

Ob das [gemeint ist ein verbaler Rüffel] besonders schlau war, glaube ich gar nicht, aber es war mucksmäuschenstill in der Klasse und Nico hat mich nicht einmal angeschaut. Solche Ansagen sind etwas Neues für ihn.

Darüber musste ich ein paar Tage nachdenken, denn ich gehöre zu den Menschen, die eher flapsig und überschwänglich formulieren: Schüler kriegen bei mir eher “den Arsch nicht hoch”, als dass sie sich “mehr mühen sollten”. Das warf in mir die Frage auf, inwieweit meine Sprache womöglich verletzt – ohne aber den Punkt außer acht zu lassen, dass es immer Leute gibt, die mit der einen oder anderen Art mehr oder weniger zurecht kommen.

Während ich so mit mir grübelte, las ich ein tolles Buch: “Singen können die alle – Handbuch für Negerfreunde.” (Empfehlung!)
Marius Jung beschäftigt sich darin ganz intensiv mit Alltagsrassismus und auch Sprach-Rassismus und entnimmt viele Beispiele seinen eigenen Erfahrungen als Schwarzer Mensch in Deutschland. Im 19. Kapitel führt er ein Zitat auf, welches er Pippi Langstrumpfs Negerkönig gegenüberstellt und welches letztlich den Bogen zurück zum Anfang schlägt: Wie spreche ich und was bewirkt meine Sprache?

Die kulturelle Fremdheit muslimischer Migranten könnte relativiert werden, wenn diese Migranten ein besonders qualifikatorisches oder intellektuelles Potenzial verhießen. Das ist aber nicht erkennbar. Anzeichen gibt es eher für das Gegenteil und es ist keineswegs ausgemacht, dass diese ausschließlich an der durchweg bildungsfernen Herkunft liegt. So spielen bei Migranten aus dem Nahen Osten auch genetische Belastungen – bedingt durch die dort übliche Heirat zwischen Verwandten – eine erhebliche Rolle und sorgen für einen überdurchschnittlich hohen Anteil an verschiedenen Erbkrankheiten.

Diese Passage aus Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” enthält kein einziges anstößiges Wort. Es gibt keine “Neger” (geschweige den Negerkönige) oder “Zigeuner” oder andere verpönte oder misstönende Begriffe. Also alles gut? Ein weiteres anschauliches Beispiel liefert der AFD-Vorsitzende Bernd Lucke, der sich unter Serdar Somuncus Vorwürfen der Ausländerfeindlichkeit mit Wortklaubereien herauswindet: “Dieses Wort steht nicht in unserem Programm.” [Klick zum Video]

Ich glaube, als Lehrer könnte ich ganz freundlich mit Schülern sprechen, ohne zweifelhafte Ausdrücke und jederzeit zitierfähig, ohne dass mir je irgendjemand einen Vorwurf machen könnte – und doch hintergründig ein ungerechter, ekelhafter Pädagoge sein.
Und umgekehrt ist es glaube ich möglich, sich zuweilen wie ein verbaler Holzfäller zu benehmen und doch jederzeit das Herz am rechten Fleck zu haben. Ich bin oft eher nicht zitierfähig (was womöglich meine Schwierigkeiten mit dem SPIEGEL begründet…) – aber alle meine Schüler wissen genau, woran sie sind.
Und das wiederum führt mich zu Kollegin Henners innerem Zwiespalt

Ob das besonders schlau war, glaube ich gar nicht…

Vielleicht doch.
Manchmal müssen wir Lehrer ausgewählten Schülern an den Kopf werfen dürfen, ob sie noch alle Latten am Zaun haben – ohne uns im Nachhinein über die langfristigen Spätfolgen geschlechtergerechter Sprache Gedanken machen zu müssen.

Insofern, liebe Frau Henner: Das war bestimmt schlau. Smiley

Revision – Wozu eigentlich?

IMG_20141118_093250Heute hatte ich die Nachbesprechung meiner eigenen zwei Revisionsstunden und ich will gar nicht soviel darüber erzählen, was daran nun gut oder blöd war.
Einzig folgender Aspekt: Mein Unterricht lebt ganz besonders von der Beziehung zwischen mir und den Schülern. Es wird gelacht, Sprüche geklopft und wild ins Blaue hinein spekuliert. Wenn jedoch Prüfer (oder insbesondere die Schulleitung) im Klassenraum mit dabei sitzt, dann werden selbst die größten Chaoten plötzlich handzahm. Das ist natürlich nett gemeint, weil man mir ja helfen möchte, aber wenig hilfreich: Ich habe lieber lustige, lebendige Schüler die auch mal Unsinn machen, als handzahme, stumme Kinder, die sich kaum trauen, vor der Schulleitung etwas Falsches zu sagen.

Aber ganz ab davon ein paar Gedanken zu so einer Revision. Es gibt vier mögliche Ergebnisse dieser “Dienstlichen Beurteilung”:

  1. Der Beamte ist voll diensttauglich.
  2. Der Beamte ist überdurchschnittlich, großartig, fast schon gottgleich diensttauglich.
  3. Der Beamte ist nicht diensttauglich.
  4. Aus bestimmten Gründen ist eine Beurteilung nicht möglich.

Der Unterschied zwischen Ergebnis ‘1’ und ‘2’ besteht in der Wartezeit auf Beförderungsstellen. Ist man ein Superlehrer, verkürzt sich diese Wartezeit um ein Jahr. Ich dürfte also z.B. schneller Abteilungsleiter werden. Dies ist aus verschiedenen Gründen spannend: Denn tatsächlich kann (im positiven Fall) nur ein einziges Ergebnis erreicht werden:
Wenn nun mein Schulleiter davon überzeugt wäre, ich sei nicht nur ein großartiger Kollege, sondern ein außergewöhnlich fantastisches Exemplar, dann müsste er bei der zuständigen Bezirksregierung persönlich vorstellig werden und dort begründen, weswegen er mich für so toll hält. Diesen Aufwand nehmen bestimmt viele Schulleiter (die sonst auch nur wenig zu tun haben) gerne in Anspruch. Es gibt also nur “voll diensttauglich”.

Als Lehrer habe ich bei so einer Beurteilung entsprechend nichts zu gewinnen (Lehrer bin ich ja schon), ich kann höchstens verlieren (“Das reicht nicht”). Das senkt natürlich die Motivation für eine solche Revision ganz erheblich: Ob ich nun sterbenslangweiligen “schreibt-den-Text-Buch-Seite-16-ab”-Unterricht oder außergewöhnlichen “Wir-machen-eine-Exkursion-in-die-Kanalisation”-Unterricht mache spielt keine Rolle.

Am Ende ist beides diensttauglich.

Morgen dann Elternsprechtag. Das ist eigentlich immer nett.

“Dienstliche Beurteilung”

Zu Beginn einer Lehrerkarriere wird man von der Schulleitung auf Tauglichkeit überprüft. “Revision” nennt sich das. Ähnlich wie ein Unterrichtsbesuch bei den Referendaren setzt sich mein Schulleiter in meinen Unterricht und verfasst eine “Dienstliche Beurteilung” über das, was ich da so tue.

Bei mir steht das Dienstag an.

Ich wurde von meinem Schulleiter darauf hingewiesen, keine Showstunde zu machen, sondern ganz normalen Unterricht. Aber natürlich überlegt man sich Stundeninhalt und –verlauf sehr genau und da ich meinen eigenen Unterricht oft genug ganz wunderbar finde (oft genug aber auch nicht), freue ich mich auch sehr auf Dienstag.

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