#35: Til Schweiger auf schmalem Pfad.

imageTil Schweiger hat sich durch eine bemerkenswert direkte Aktion recht viel Gehör verschafft: Auf Facebook wies er mit deutlichen Worten User zurecht, die mit fremdenfeindlichen Parolen um sich schmissen.
Früher war Uli Hoeneß mal eine moralische Instanz – aber der ist wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis. Alice Schwarzer war auch mal eine solche Instanz – aber auch die hat Steuern hinterzogen. Wer im Glashaus sitzt und so.

Jetzt also Til Schweiger. Als Nachfolger von Günter Grass (der war aber eher für die Intellektuellen imagezuständig – also die, die die Blechtrommel gelesen und nicht geguckt haben.). Schweiger, der auf seinem Facebook-Profil Dinge schreibt wie: “Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht.”

In meiner Gemeinde sind viele ältere Geschwister, die nicht nur Hitler-Deutschland miterlebt haben, sondern die auch selbst Flüchtlinge waren. Mit nur einem Koffer in der Hand hier in Siegen ankamen und irgendwelchen Familien zugewiesen wurden.

”Da! Dort wohnt ihr jetzt.”

Zwischen der Facebook-Meldung von Til Schweiger einerseits und den dumpfen Parolen irgendwelcher stolzer (aber LRS-geplagter) Deutscher andererseits, zwischen der Meldung über die eklatant hohe Zahl der Kirchenaustritte hier und den Gesprächen mit Flüchtlingen die sich in unsere Gemeinde verirren, bleibt mir ein Ausspruch von Jesus im Kopf hängen:

Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden.

Wie immer möchte ich einladen, das große Ganze zu sehen. Den weiten Rahmen. Das “Wow” hinter dieser Aussage.

Diesen Text finden wir am Ende von Jesus Bergpredigt, einer Sammlung von Sprüchen aus Matthäus 5-7.

Warum ist das wichtig?

Jesus lebte inmitten eines sozio-politischen Dampfkessels, vollgefüllt mir Wut und Aggression. Die römische Armee hatte – als letztes Glied einer Reihe von Invasoren – das Land besetzt und die Menschen unterdrückt. Um es noch schlimmer zu machen, hielten die Römer nichts von diesem jüdischen Gott – ganz im Gegenteil war die Phrase “Caesar ist HERR” allgegenwärtig.

Können wir uns vorstellen, was das den Menschen antat? Eine fremde Kultur. Fremde Götter. (Bemerkenswert, dass in der Flüchtlingsdebatte heute die gleichen Ängste geschürt werden, wie sie in diesem alten Buch beschrieben werden.)

Das wirft natürlich Fragen auf:

Wenn unser Gott der wahre, große Gott ist und wir Gottes auserwähltes Volk und das hier Gottes Land – warum wird uns wieder und wieder und wieder von fremden Völkern in den Arsch getreten?

Es gab eine Reihe von Antworten auf die Invasoren, eine der einfachsten ist auch heute, hier sehr verbreitet: “Greift zu den Fackeln und lasst uns etwas tun!”

Nicht wenige waren der Meinung, dass die Römer nur eine Sprache verständen und dies sei die Sprache der Gewalt. (Nach zehn Minuten Lektüre diverser Kommentare auf Facebook und Google+ kommt man zu dem Schluss, dass dem heute immer noch so ist.)

Das hat zur Folge, dass eine Gewisse Spannung in der Luft lag, als da ein Rabbi/Lehrer/Pastor auftaucht und zur Menge etwas von Gottes kommendem Königreich spricht.

Kein Wunder, dass Menschen aus vielen Orten kamen, um ihn zu hören: Es waren unsichere Zeiten und die Leute suchten nach Richtung und Führung. (Kennen wir das?)

Und jetzt kommt der spannende Teil: Jesus verstand, das nur ein Weniges fehlte, dass die Menschen zu den Schwertern griffen und er wusste, dass die Römer diese Revolte brutal und unnachgiebig niederschlagen würden. Jesus war klar, dass der breite Pfad, der einfache Weg, die Straße, die alle nehmen würden direkt in den Untergang führen würde.

Was dann auch geschah.
Vierzig Jahre nach Jesus gab es eine solche Rebellion, die von dem Römischen General Titus blutig niedergeschlagen wurde – und Jerusalem wurde bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Was bezweckt Jesus nun mit seiner Bergpredigt?

Er ruft seinen Stamm zurück zu ihrer Bestimmung und erinnert sie an ihre Berufung, ein Segen für die Welt zu sein. Er erzählt von einem anderen Königreich, in welchem ihre Herzen verändert würden und die Sanftmütigen, die Geduldigen und Liebevollen die Welt regierten. Jesus spricht über Nächstenliebe und Gnade, darüber, urteilsfrei zu bleiben und standhaft und mitfühlend. Er gibt den Menschen klare, konkrete Anweisungen, wie sie in dieser fragilen Welt ihren Weg finden würden, ihre Bestimmung – und er sagt ihnen, dass der einfache, breite Weg zur Zerstörung führen würde.
Bestimmung. Berufung?
(In einem seiner Bücher warf der Dalai Lama die Frage auf, ob es nicht die Bestimmung Deutschlands sein könne, nach all den Kriegen und der Zerstörung, mitten im Herzen von Europa ein pazifistisches Land ohne Armee zu sein. Was wäre das für eine Berufung?! Was für eine Inspiration?)

Was genau mein Jesus nun mit dem schmalen Pfad?

Wenn wir uns umsehen, welche Entscheidung treffen Menschen für gewöhnlich? Werden wir mutig, friedlich und liebevoll? Oder finden wir uns nicht oft in Rachegelüsten, Bitternis und Zynismus wieder? Wird unser Etat für Waffen Jahr für Jahr größer – oder konzentrieren wir uns auf Bildung, Integration und das Miteinander?

Es ist einfacher Angst zu haben. Es ist einfacher, mit Parolen um sich zu werfen. Es ist einfacher, den Mund zu halten.

Was uns zurück zu Til Schweiger führt – der nun hier und da als “moralische Instanz” bezeichnet wird. Werden nun zehntausend Leute weniger seine Filme schauen? Oder mehr? Oder interessiert ihn das vielleicht gar nicht?

Denken wir an die Dinge, die uns im Leben viel bedeuten: Sie alle kosten eine Menge Zeit und Energie und Fokussierung. Der Dortmunder Stürmer Aubameyang spricht in einem Interview in der Welt davon, der beste Aubameyang zu sein, der er nur sein könne. Damit das eintrifft, muss er viele Stunden trainieren und üben, eine Menge schlafen und sein Essen genau anpassen. Mit anderen Worten: Er muss zu vielen Dingen “Nein” sagen, für ein “Ja” zum besten möglichen Aubameyang. Das gleiche gilt für die Ehe. Oder das Elternsein. Oder den Beruf. Wenn wir das ernst nehmen, wenn wir “ja” sagen, dann müssen wir zu vielen anderen Dingen “nein” sagen.

Schweigers Äußerungen für Mitgefühl, für Anteilnahme und für Nächstenliebe ist ein “Nein” zur Zurückhaltung vieler Kollegen, ein “Nein” zur Angst vor Konsequenzen seiner Aussagen. Ich wünschte, ich würde so deutliche Worte noch häufiger von ‘der Kirche’ hören.

“Ja” zum Leben bedeutet “Nein” zur Angst.

Das ist ein schmaler Pfad. Aber nicht zu schmal.

[Bildquelle: https://www.facebook.com/eierundherz?fref=ts)

“Der einäugige Hamster mit Holzbein?”

“Die Kuh mit dem verdrehten Horn!”
Carolina lacht und nickt. “Wie machst du das, Papa? Jetzt bin ich aber dran!”
Ich schließe die Augen und Lina starrt mich sekundenlang an. “Frosch mit der Harfe?”, rät sie ins Blaue. “Nein, leider nicht”, lache ich. Entgeistert mustern uns die Leute im Wartezimmer, unentschieden, ob sie lachen oder einen Arzt holen sollen.

Zwei Stunden vorher:
Ich lese gerade das Buch eines bekannten Zauberers und Körpersprachenexperten und bin in dem Kapitel angelangt, wie man anhand von allerlei Schnickschnack Gedanken lesen kann. Natürlich nicht wirklich. Aber es sieht so aus und ist verblüffend.

Als Carolina und ich uns später im Wartezimmer des Kinderarztes langweilen, erkläre ich ihr das Spiel. Sie solle die Augen schließen, an dieses oder jenes denken, es vor ihrem inneren Auge malen und ich würde versuchen zu erraten, was das sei. Zwischendurch muss ich so lachen, dass ich mich kaum konzentrieren kann – aber es funktioniert. Recht häufig liege ich mit meinem Tipp richtig.

Carolina staunt.
Immer abwechselnd spielen wir. Neue Besucher setzen sich ins Wartezimmer, wagen aber nicht zu fragen, was wir da für einen Unsinn treiben. “Der einäugige Hamster mit Holzbein?”

Die Zeit vergeht wie im Flug.
Muss ich demnächst an meinen Schülern ausprobieren. Zwinkerndes Smiley

ANT-Man

Ins Kino zu gehen ist immer eine gute Gelegenheit, Physik zu treiben. Diesmal allerdings auf höherem Niveau.

Ant-Man

Gerne hätte ich auf der Karte auch nach dem Druck gefragt, den Ant-Man bei konstanter Masse auf den Boden ausüben würde. Würde er “einsinken”?
(Auf der anderen Seite habe ich mich damit ja schon beim unglaublichen Hulk auseinandergesetzt!)

Interessierte Kollegen finden die Lerntheke (inklusive ausführlicher Lösung) an der üblichen Stelle, ansonsten schreibt mich gerne an Smiley

Zockstöckchen.. lol. (Privates halt.)

Ich verfolge eine ganze Menge Blogs.
BlogEin Blog ist oft eine Mischung aus privater Homepage mit zentralem Thema und privaten Anekdoten. Der Grad an Durchmischung ist bei jedem Blog anders. Obwohl mich in meiner Leseliste in erster Linie der Inhalt interessiert, sind es doch oft die Alltagsgeschichten, die einem den Autor bekannt machen. Mit der Zeit ist es, als würde man sich kennen – ein alter Freund, der abends mit einem Glas Wein in der Hand Lustiges aus seinem Leben erzählt (um es mal romantisch auszudrücken).

Ich mag das sehr.

Ich lese Stefan Niggemeier unheimlich gerne und lerne dort viel über kritische Medienbetrachtung. Das ist super. Aber auch toll ist, wenn Herr Rau alte Kindergeschichten über Comics erzählt. Oder Frau Henner über ihre Familie.

Eine der vielen Blogger-Traditionen ist, eine Reihe von skurrilen Fragen zu stellen und andere Blogger aufzufordern, sie zu beantworten. Vor einigen Jahren habe ich das bereits einmal mitgemacht (was lustig war) – so etwas geht dann in den Bereich des Privaten und ich mag das deshalb gerne, weil man die Autoren dadurch besser kennenlernt. Die Nerd-Variante dieses Spiels wurde mir von Herrn Mess zugeworfen und da ich (im Gegensatz zu ihm) besser klingonisch als latein spreche, sage ich an dieser Stelle: nuqneH1!

Genug der Vorrede – los geht’s!

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#34: Ecstasy & Erschütterungen

IMG_20150715_201747Es gibt eine Geschichte in der Bibel über einen Mann namens Petrus, der in eine Art Trancezustand fällt.

(So ähnlich wie wir zu unseren wildesten Studentenzeiten.)

Aber es handelt sich nicht um eine ordinäre Bewusstseinserweiterung, Petrus sieht, wie sich der Himmel öffnet und ein Leintuch bis zur Erde reicht und auf dem Laken befinden sich alle möglichen Tiere (dem Autor ist es wichtig, uns wissen zu lassen, dass es nur vierfüßige Tiere sind) – sowie Würmer und Vögel. Petrus hört eine Stimme, die ihm sagt

Geh hin und töte und iss sie!

Petrus protestiert: “Aber ich kaufe nur im Bioladen, ich trinke Smoothies und ernähre mich ausschließlich laktosefrei!”
Petrus protestiert, indem er sagt

Ich habe nie etwas Unreines gegessen.

worauf die Stimme erwidert

Bezeichne nichts als Unrein, das Gott rein gemacht hat.

Das passiert dreimal.

Das Leintuch wird wieder dahin eingerollt, wo es herkam und Petrus bleibt zurück und versucht einen Sinn in dem zu finden, was gerade passiert ist. (Damals gab es noch keine Traumdeutungs-Foren im Internet und auch keine überteuerten Wahrsager-Hotlines). (Übrigens ist das griechische Wort an der Stelle für „Trance“ das Wort ekstasis – woher viel später auch der Begriff Ecstasy stammt.)

Ein paar Worte zu Petrus: Er wuchs in einem kleinen Fischerdorf namens Kapernaum auf. Seine Leute waren der Torah sehr verbunden, was gleichsam bedeutete, alles „unreine“ zu meiden. Sie verstanden Gott als etwas heiliges und reines und so schufen sie in ihrem Leben Orte und Riten, um diese Reinheit wiederzugeben. Solche Reinheitsgesetze umfassten sowohl Speisen, als auch Menschen. So wie sie niemals tote Tiere berühren würden, galt das auch für jemanden, der als Unrein bezeichnet wurde. Dies wurde so weit getrieben, dass man nicht einmal das Haus von jemandem betreten durfte, der unrein war – und das war jeder, der kein Jude war. Und das war, im Grunde, jeder andere.

Nun – zurück zu Petrus und seinem Ecstasy-Trip.

Kaum ist seine Trance vorüber, pocht jemand an die Tür seines Hauses und einige Römer – der Inbegriff von Unrein – fordern ihn auf, sie zum Haus ihres Hauptmanns zu begleiten. Er folgt ihnen durch die Straßen, bleibt aber vor der Haustür stehen und erklärt den Soldaten, dass es gegen die Gesetze seines Volkes ist, einzutreten. Und dann fügt er hinzu

Aber Gott hat mir gezeigt, dass ich niemanden als Unrein bezeichnen soll.

Gott hat es ihm gezeigt?

Hat er?

Wie?

Wie hat Gott Petrus diese neue Wahrheit offenbart?

Durch eine Erschütterung.

Petrus war fest gesattelt, er hatte eine bestimmte Weltanschauung, die tief mit seinem Gottesbild verwurzelt war. Ganz zentral war dabei der Gedanke, dass einige Menschen rein seien, während andere das nicht waren. Es gab Häuser, die man betrat und dann gab es Häuser, die man mied.

Aber dann hat er diese Erfahrung, die nicht in sein Weltbild passt. Und was ist seine erste Reaktion auf diese Erfahrung?

“Ich habe nie etwas Unreines gegessen.”

Er widersetzt sich diesem neuen Verständnis.

Und was ist die Basis für seinen Widerspruch?

Sein religiöses Weltbild!

In seiner Vision trägt Gott ihm auf, alles essen zu dürfen, aber Petrus streitet sich mit Gott, erklärt, dass er nichts Unreines essen dürfe, weil Gott ihm das verboten habe. Er widersetzt sich Gott im Namen… Gottes!?

Es ist möglich, ein Glaubensriese zu sein aber dabei ein Seelenzwerg zu bleiben, weil die religiöse Erziehung einen einschränkt. (Übrigens auch die anti-religiöse Erziehung.)

Ein paar Gedanken über die Natur des Wachstums:
Wenn wir unseren Horizont erweitern, größer werden, unser Selbstbild erheben, dann erleben wir größere

Freiheit

Integration

und

Komplexität.

Vorher durfte er nicht alles essen, jetzt ist er frei von allen Zwängen.

Vorher gab es ein System aus Schubladen über das was Rein und was Unrein war, aber jetzt ist alles integriert.

Vorher war alles einfach: Man war drinnen oder draußen. Aber jetzt sind Leute, die vorher außerhalb standen… plötzlich dabei…!?

Freiheit.
Integration.
Komplexität.

Das bezieht sich nicht nur auf unser Glaubensleben. Auch auf unsere Ehe. Unser Konsumverhalten. Unsere politische Haltung. Die Art, wie wir mit Flüchtlingen umgehen.

Was hält uns klein? Und was entsteht in uns, wenn wir wachsen?

Noch ein paar Gedanken über Erschütterungen.

Es sind oft solche Erschütterungen im Leben, die uns wachsen lassen. Man reist in fremde Länder, man trifft Menschen mit anderen Ansichten, man liest Neues, man hört neue Perspektiven, man begegnet neuen Erkenntnissen – und wir entdecken, dass unsere Art Sachverhalte zu kategorisieren und einzuordnen, nicht mehr funktioniert. (Ich wurde Vegetarier, nachdem ich unser Vieh schlachten musste – ein Tier bewusst zu töten, verändert den Blick auf die Dinge ganz wesentlich.)

Und immer wieder haben wir die Wahl: Wir können dieses neue Wissen ignorieren oder zur Seite schieben – oder wir öffnen uns diesem Schmerz, wenn wir unser altes Weltbild zurücklassen.
Das ist oft aufregend und befreiend, aber es kann auch traumatisch und beängstigend sein. Sich aus einer ungesunden Beziehung freien. Die eigenen Werte, die eigenen Ansichten zu hinterfragen. Womöglich sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Und doch gibt es kein zurück.
Wenn man einmal davon gekostet hat, kann man nicht mehr vorgeben, man hätte es nicht getan.

Denken wir an Petrus, der zum ersten Mal das Haus eines Römers betritt. Alles in ihm sagt, dass er damit Gott hintergeht – und doch ist er etwas Neuem auf der Spur. Und wenn man es einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr nicht-sehen.

Ähnlich wie Petrus hoffe ich für mich, dass ich immer den Mut haben werde, neugierig zu bleiben, zu wachsen und Dinge neu zu betrachten.

Ich will die Erschütterungen suchen und genießen.

Schülerarbeit: “Liebes Tagebuch,”

IMAG0875Weil meine Schüler in den Pausen ständig durch die Gänge rennen, muss ich mir im 2-Tages-Rhythmus die Beschwerden meiner Kollegen anhören. Vielleicht spricht es für die Klasse, dass tatsächlich alle Kinder der Klasse bei dem Unsinn mitmachen – auf jeden Fall kann ich mir nicht den oder die Übeltäter schnappen und bestrafen.

Als es mir dann irgendwann zu blöd wurde, habe ich sie einen Aufsatz schreiben lassen: “Was schreibt Herr Klinge wohl abends in sein Tagebuch, nachdem er wieder und wieder und wieder seine Klasse aus den Gängen scheuchen muss?”

Eine Arbeit möchte ich (mit Zustimmung des Schülers) gerne veröffentlichen, denn ich halte sie für besonders gelungen:

Liebes Tagebuch,

heute habe ich gemerkt, wie ätzend meine Klasse manchmal sein kann. Obwohl ich sie gewarnt habe, dass, wenn sie in den Pausen in das B-Trakt-Gebäude kommen, dass sie dann ziemlich viel schreiben müssen, haben sie es getan Trauriges Smiley.
Ich lief ganz ruhig, nichts ahnend durch das Gebäude als ich sie sah. Sie kamen von zwei Seiten!
Doch ich, wagemutig wie ich war, setzte zu einem Sprint an und sah, wie sie wegliefen und die Treppe runterliefen. Ich wusste, dass sie wieder kommen würden und schlau wie ich war versteckte ich mich. Da sah ich sie, diese ätzenden Kinder die sehr wahrscheinlich nur da sind, um mich zu ärgern. Doch genau in diesem Moment klingelte es und ich ließ sie gehen, aber ich wusste, dass sie ihre gerechte Strafe in der AT-Stunde bekommen würden. Ich stellte mir trotzdem immer wieder die Frage, warum sie nicht einfach in der Pause draußen spielen können.
Dieser Eintrag wurde geschrieben, um meinen Gefühlen und Emotionen freien Lauf lassen zu können, weil ich dies ja sonst nicht tun kann.

Besserer Physikunterricht.

Vorbemerkung: Dieser Artikel dient mir selbst zur Strukturierung meiner Gedanken und mag dem ein oder anderen einen Einblick darin geben, wie Unterricht geplant wird.

Nicht, dass ich die Sommerferien nicht genießen würde.
Die vergangenen Tage habe ich nichts anderes gemacht, als in der Sonne zu braten und das Leben zu genießen. Ich merke dann nach kurzer Zeit der Tatenlosigkeit, wie meine Gedanken anfangen zu rotieren. Ich grüble, denke, probiere, lese.

Im Augenblick steht mein Physikunterricht im Zentrum meines Denkens:

Wie kann mein Unterricht so großartig werden, dass die Schüler keine Stunde verpassen wollen?

In dieser Phase (ich habe ja noch einige Wochen Zeit, bis es wieder losgeht) sammle und sortiere ich das, was ich schon weiß, erlebt habe oder mich an irgendeiner Stelle beeindruckt hat.
Der Reihe nach.

Martin Wagenschein
Wagenschein war ein deutscher Physiker und Pädagoge, der sich stark im Bereich der Fachdidaktik engagierte. Er entwickelte das genetische Lernen weiter und kritisierte am normalen Unterricht vier Punkte, die er “Verdunkelndes Wissen” nannte:

  • Leichte Erkenntnisse werden durch unverstandene Regeln verdeckt (Im Osten geht die Sonne auf, im Norden (oder Süden?) nimmt sie ihren Lauf…?!)
  • Künstliche Apparate aus dem Physikschrank lenken von den freien Naturphänomenen ab.
  • anschauliche Modelle vermitteln eine falsche Theorie des Unanschaulichen, bspw. das Atommodell
  • Fachsprache verfremdet, was sie aussagen will.1

Bei aller Kritik an Wagenschein ist sein Ansatz zu genetischem Lernen fantastisch: Dinge müssen richtig verstanden und nicht blind auswendig gelernt werden. Konkretes Beispiel: Meine Wahrnehmung sagt mir, dass die Sonne (!) sich um die Erde dreht. Die Sonne “geht auf”. Wie kann man sauber beweisen, dass dem nicht so ist? Und zwar ohne die genannten Apparaturen (die doch wieder nur irgendetwas behaupten) und ohne Fachsprache, die Fachwissen vortäuschen, aber kein echtes Verstehen vermitteln kann.

Martin Kramer
Kramer ist Theaterpädagoge und Lehrer in Tübingen. Seine Bücher Physik als Abenteuer empfehle ich wärmstens. Sein Ansatz: Was ich erlebe, brauche ich nicht zu lernen. Er arbeitet viel mit Darstellen und Gestalten, nutzt Kuscheltiere und Schüler für anschauliche Modelle. Seine Arbeit empfinde ich gleichermaßen als brillant und herausfordernd – da bei uns Physik nur in 7 und 10 unterrichtet wird, ist es aber schwer, die Schüler richtig zu packen. Bei ihm würde ich gerne hospitieren.

Christian Spannagel
Spannagel war mein Professor in Ludwigsburg, mittlerweile lehrt er in Heidelberg. Bei ihm ist mir der flipped classroom zum ersten Mal begegnet: Seine Vorlesung kann soll man sich auf Youtube ansehen – in der Uni selbst werden dann Fragen besprochen und Gelerntes angewandt. Eine Umsetzung an Schulen findet hier und da statt. Auch meine Schüler erzählen mir, dass sie sich dieses und jenes in Youtube-Videos noch einmal erklären haben lassen. Finde ich grundsätzlich spannend – aber meinen eigenen Unterricht in Youtube zu stellen, kann ich mir aus verschiedenen Gründen nicht vorstellen. Trotzdem ist der Gedanke, Lernen auszulagern, prinzipiell aufregend.

Außerdem denke ich an meine eigene Lerntheke Filme im Physikunterricht – das war schon ziemlich cool. Allerdings sind diese Beispiele nur nützlich, wenn man die Gesetze schon kennt. Zum verstehen (warum ist Kraft das Produkt aus Masse und Beschleunigung?) taugt sie nichts. Spannend war überdies jener Physikkurs, der ein rein digitales Heft führen sollte. Auch diesen Schülern hat das durchaus Spaß gemacht.

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Action mit Glasknochen; Fazit; schöne Ferien!

IMG_20150623_214526Ein weiteres Schuljahr ist vorüber und ich möchte mich zuvorderst ganz herzlich bei euch fürs Mitlesen und Mitfiebern und besonders eure Ideen und Ratschläge bedanken. Immer dann, wenn ich ernsthaft mit dem Gedanken spiele, hier den Stecker zu ziehen, schreibt mir einer von euch einen netten Kommentar und vertreibt meinen Verdruss.

Die Woche begann mit unserem traditionellen Jungs-Mädchen-Tag – oder wie es heute heißen müsste: Gender-Tag. Insgeheim denke ich, dass man locker mehrere Masterarbeiten über die Auswirkungen gendergetrennten Unterrichts bei Kindern schreiben könnte. Offensichtlich ist, wie gut es den Kindern tut, einmal im Jahr in einer geschlechtshomogenen Gruppe zu sein: Die Mädchen brauchen sich keine Sprüche anhören und auch nicht mit den Jungen zu konkurrieren und die Jungs umgekehrt können wild toben und sich auspowern, ohne auf Mädchen Rücksicht zu nehmen. (Ich ahne, dass dieses Bild klischeehaft ist – darum eine Verdeutlichung: In diesem Alter gilt: Wenn Jungs sich ins Wasser schubsen, dann schubsen sie sich. Wenn ein Junge ein Mädchen schubst, hat er ihr dann womöglich schon an den Busen gefasst..!? Manchmal ist es einfacher, wenn alle gleich sind.)

Die Jungs haben sich einmal mehr für eine lange Fahrradtour durch den Wald entschieden, an dessen Ende ein Besuch im Schwimmbad stand. Trotz des schlechten Wetters ein sehr launiger Tag, der bei allen gute Laune hinterlassen hat.

Dass es beim diesjährigen Mädchentag etwas Aufregendes sein musste, etwas mit körperlicher Betätigung, am liebsten etwas, um an die eigenen Grenzen zu gehen, bei dem man aber dennoch als Team agiert und bei dem alle mitmachen können, das war schnell klar. Und wider Erwarten auch schnell gefunden: Ein Besuch im Hochseilgarten auf dem Fischbacherberg.

IMG_0844Dort konnte sich wirklich jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Besonderheiten einbringen und ihre persönlichen Grenzen austesten. Dabei kam es -wie so oft- zu sehr überraschenden Erlebnissen: Das ganz stille Mädchen, das sich als erste traut, sich auf einen mehrere Meter hohen Pfahl zu stellen und runter in den Gurt zu springen oder das Mädchen mit den Glasknochen, das unbedingt auch die Leiter hochklettern will. Damit unsere Zwillinge auch etwas Höhenluft schnuppern konnten, wurde sogar ein spezieller Sitz eingesetzt, mit dem sie die Seilbahn runtersausen konnten. Das war so spannend, dass uns sogar ein Team der WDR-Lokalzeit dabei begleitete!

Den Bericht dazu gibt es irgendwann demnächst zu sehen – ich werde rechtzeitig darauf aufmerksam machen und außerdem versuchen, ihn hier einzubinden.

Mittwoch dann der Schülerlauf der Stadt Siegen. Mit knapp 10.000 Schülern ein sehr gut besuchtes Ereignis. Den Kindern macht’s Spaß aber mehr gibt es dazu auch nicht zu erzählen.

IMG_20150626_143019Gestern haben wir gepicknickt und Fußball gespielt. Sehr beeindruckt hat mich der Einsatz vieler Mädchen, die ordentlich mitgehalten haben. Keine feinen Damen oder so – da wurde gegrätscht und gezogen und gezerrt, Anweisungen gebrüllt und gemeinsam die Jungs beackert. Etwa ein Drittel aller Tore wurden von Mädchen geschossen. Besonders schön ist, dass niemand umgetreten, niemand geweint und niemand traurig war. Ein lauer Kick mit viel Spaß. So schön der Jungs-Mädchen-Tag auch ist: Alle gemeinsam ist am besten.

Heute dann Zeugnisse und viele Glückwünsche. Zum Schuljahresabschluss wiederholen wir stets unsere Feedback-Runde: Zunächst trennen wir die Klasse in Jungs und Mädchen und bitten jeden Schüler, auf ein weißes Blatt in die Mitte seinen Namen zu schreiben. Im Folgenden sollten sie – ohne zu reden – umhergehen und auf die Zettel der anderen draufschreiben, was sie an ihm besonders mögen würden. Was sie toll fänden.

IMG_20150626_143520Ohne zu sprechen.

Erstmal geschlechtergetrennt und nach ein paar Minuten bei jedem.

Wichtig war: man durfte nur positives draufschreiben. Nur Dinge, die man am anderen schätzte. Und nach einer halben Stunde saß jeder wieder an seinem Platz und hatte eine Art „Zeugnis“ vor sich.

“Toll, wie du uns immer zum Lachen bringst.” “Ich mag, dass du immer so hilfsbereit bist.” „Du bist eine wunderbare Freundin!“

Es tut gut, Gutes zu hören.


Jetzt ist es einmal mehr Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Blicke ich auf das vergangene Jahr zurück bin ich nur so halb zufrieden. Highlights waren sicher Klassenfahrt, Jungs-Mädchen-Tag und das Länderspiel. Die Ergebnisse meiner Kurse bei ZAP und Vera lassen mich auch auf die Mathematik-Klassen zufrieden blicken. Ich glaube, dass ich mit der Lerntheken-Schiene recht gut fahre und sehe da im Augenblick nur wenig Ansätze zu echter Verbesserung. Nächstes Jahr bekomme ich vielleicht wieder eine Klasse 5 – mal sehen, ob das auch da klappt. Außerdem habe ich mich erfolgreich als Moderator für das Fach Mathematik hier im Landkreis beworben. Das wird gewiss spannend.

Wirklich großartig war mein Workbook „Elektronik“ im Fach Technik. Einige Kinder haben unfassbares Wissen aus dem Jahr mitgenommen und mir hat es die Struktur meines Unterrichts enorm erleichtert. Das hat richtig Spaß gemacht und wird wiederholt werden. Im Augenblick (und ins nächste Schuljahr hinein) bauen wir an den Radios – ein Schüler hat eine eigene Sendeanzeige konstruiert, andere Kopfhörerbuchsen eingebaut… Wahnsinn!)

Unzufrieden bin ich hingegen mit dem Fach Physik und dem anderen Technik-Kurs.

Alles bestimmt nicht super-schlechter Unterricht – aber ich… ach.. kennt ihr so Kurse, die ihr euch anders vorstellt? Ich mache gerne Unterricht, bei dem ich hinterher denke, „hui.. das war richtig gut!“ Und Physik war zuletzt immer nur.. „okay“. Irgendwie Schema-F. Ich will mich selbst auf jede Stunde freuen und voller Kreativität und Begeisterung präsent sein, aber das war zuletzt nicht mehr so.
Mir helfen dabei immer Projekte. Und nach der Film-Lerntheke, den NW-Workbooks und dem Elektronik-Workbook in Technik habe ich mir für die Sommerferien vorgenommen, ein solches Projekt für Physik zu entwickeln, bei dem ich selbst am liebsten nochmal Schüler wäre. (Zwei weitere Ideen für das Fach Technik scharren in meinem Kopf schon ungeduldig mit den Füßen – mehr dazu nächstes Schuljahr.)

(Als Entschuldigung führe ich den großen Umbau am Haus und die Geburt meiner zweiten Tochter an – da fehlt dann hier und da die Kreativität für ausgefallenen Unterricht.) (Aber das ist schon lahm – weiß ich selbst.)

Nun aber: Ich wünsche euch ganz schöne Ferien, erholt euch gut. Hier herrscht jetzt erst einmal Sommerpause Smiley

 

Disclaimer: Der Teil über den Mädchentag entstammt der Feder Tastatur meiner Co, Ramona Stock. Ohne sie wäre das ganze Jahr nicht so entspannt gelaufen, wie es gelaufen ist. Vielen Dank an dieser Stelle!

Jungs-Mädchen-Tag

Eigentlich sollte hier einen Bericht über den großartigen Verlauf unseres Jungs-Mädchen-Tages stehen – aber ich muss euch leider vertrösten; verspreche aber, einen ausführlichen Bericht nachzuholen!
Eine Gruppe wurde diesmal vom WDR begleitet und – versprochen – ich gebe rechtzeitig Bescheid, wann und wo ihr sie bestaunen könnt.

Morgen steht der Siegener Stadtlauf an – einige Tausend Schüler treffen sich in der Innenstadt und werden rennen, rennen, rennen. Wird sicher ein Spektakel und hoffentlich mit besserem Wetter, als heute.

Au revoir

IMAG0785Heute wurden die 10. Klassen verabschiedet. Die Schüler haben ein sehr kurzweiliges Programm auf die Beine gestellt, die Reden waren kurz und – was mich wirklich beeindruckt hat – die Klassen haben verschiedene Lehrer auf die Bühne geholt und sich sehr höflich für die Arbeit bedankt. Besonders die “alten Klassenlehrer” aus der Unterstufe wird das sehr gefreut haben, gerät man doch leicht in Vergessenheit.

Meine Fußball-10er haben sich bei mir für all den Unsinn bedankt, den wir gemeinsam getrieben haben. Eine tolle Zeit war das und ich musste mir tatsächlich eine Träne verdrücken – die habe ich schon ganz schön gern!
Zum Abschied schenkten sie mir BVB-Utensilien und (wohl von einigen uneinsichtigen Schülern ausgesucht) einen Schalke-Becher.

Angesichts Loriotscher Vorkommnisse in diesem Land und weil ich zukünftig als Moderator direkt für das Schulamt tätig bin (Bewerbung erfolgreich! Wuhuuu!), fahre ich mittags brav zur höheren Dienststelle, um diese “Belohnungen” (§59 LBG) anzumelden und “jeden Anschein von Bestechung” zu vermeiden.

Dort werden meine Geschenke kritisch beäugt und mit einem blauen Kugelschreiber mein Name und der Sachverhalt notiert. Anschließend der Wert der Geschenke ermittelt. “Bis zehn Euro is in Ordnung!”, schnarrt man mir entgegen.
Ich nicke pflichtbewusst. Der Schalke-Schal an der Wand lässt böses ahnen.
”Also ich sach ma”, heißt es nach endlosen Minuten, “den Schalke-Becher und die Taschentücher für schlechte Zeiten könn Se behalten. Die Zeckentasse muss wech.”

Ich kneife die Augen zusammen.

Das meint der doch nicht ernst.

Tut er.

Und sein hämisches Grinsen ist nicht zu übersehen. Aber bevor ich reagieren kann, sind Tasse und singender Kugelschreiber (okay, auf den hätte ich verzichten können!) in eine Schublade geräumt. Mürrisch werde ich beiseite gewedelt. “Se ham ja die Taschentücher zum trösten!”

Meckerndes Lachen.

“Au revoir!”

Karriere & Stolpersteine

Früher habe ich oft gehört, dass man als Lehrer zwar ganz gut verdiene, aber halt auch nicht Karriere machen könne, wie in der Wirtschaft. Die FAZ hat vor Jahren einen langen Artikel darüber gebracht und schrieb unter anderem…

Wer heute etwas auf sich hält, will Erfolg, Geld und Anerkennung – so viel wie möglich und am besten sofort. Früher, als die Welt noch klein war und der Lehrer neben dem Arzt und dem Pfarrer der erste Mann im Dorf, mag das auch als Pädagoge möglich gewesen sein. Das ist vorbei.

Heute weiß ich, dass das falsch ist. Auch als Lehrer hat man unzählige Möglichkeiten, seine Karriere in diese und jene Richtung zu lenken. Herr Rau beispielsweise doziert nebenher an der Universität; kubiwahn ist in der Schulleitung; Maik Riecken referiert auf Fortbildungen und Herr Larbig ist nebenher gefragter Autor (und nicht von lustigen Klassenzimmer-Büchern). Meine ehemalige Kunstlehrerin hat in Aachen ein Geschäft eröffnet.

Ob man ans Seminar geht, in die Uni oder die Politik. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Vor einigen Wochen habe ich mich auf eine Moderatorenstelle hier im Kreis beworben. Moderatoren nennt man die Leute, die die Lehrerfortbildungen veranstalten. Meine Intention dahinter war einfach “Lust auf Neues”. Dafür bekommt man weder Geld noch Ruhm – höchstens Arbeit. Aber man lernt spannende Leute kennen und erweitert seinen Horizont immens.
Ich liebe meinen Beruf und möchte gerne hierhin und dahin mal reinschnuppern, um zu sehen, was es noch so gibt.

Nach einem sehr netten Gespräch im Schulamt konnte ich in einer online-Maske meine Daten und Referenzen eintragen. Welche Fortbildungen ich schon genossen habe, welche ich schon gestaltet habe. Dieses und jenes.
Zu guter Letzt:

Für die möglichen Aufgaben der Moderation […] interessiere ich mich, weil ich glaube, dass ich über folgende Kompetenzen verfüge:

1. __________________________

2. __________________________

3. __________________________

Hm.

Ich habe lange gegrübelt. Etwas hingeschrieben. Wieder gelöscht. Was wären denn sinnvolle Kompetenzen? Irgendwas mit Medien? “Ich bin kommunikativ?”
Jede selbstbeweihräuchernde Kompetenz schien mir völlig austauschbar und irgendwie.. mau.

Also schrieb ich:

Ich bin wirklich gut in meinem Job :-)

Ich weiß, dass man so etwas in einer Bewerbungsmappe nicht schreiben sollte. Nie!
Meinen Schülern würde ich was husten. Aber, so dachte ich, wenn sie mir das übel nähmen, sei ich vielleicht nicht der Richtige für den Job und umgekehrt – ich bin überzeugt, dass ich ganz gut bin, sonst würde ich mich ja nicht bewerben. Der Grad zwischen selbstbewusst und arrogant ist schmal.

Heute saß ich dann im Schulamt bei meinem Bewerbungsgespräch. (Immerhin wurde ich eingeladen.)

“Herr Klinge, Sie haben da in Ihrer Bewerbung eine Steilvorlage geliefert: Wie gut sind Sie denn?”

Gespanntes Schweigen.

Ups.

Exkursion zum Länderspiel. Stille.

Stille.
Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

12 Stunden zurück.
Wir treffen uns gut gelaunt an einem kleinen Landbahnhof. Alle sind beisammen und aufgeregt. Uns begleiten zwei weitere Lehrer und zwei Referendare. Ich bin dankbar, die Verantwortung teilen zu können und werde im Laufe der folgenden Nacht merken, wie gut das tat.

IMAG0770Wir haben noch nicht die halbe Zugstrecke geschafft, als Justus vor uns steht. “Herr Klinge”, stammelt er, “ich habe da ein Problem..!”
Für einen Moment weiß ich nicht, ob ich das wirklich hören will. “Ich muss so dringend pinkeln – und die Toilette ist kaputt. Darf ich im nächsten Bahnhof den Wagon wechseln und…!?”

Ich erkläre Justus, dass wir nicht auf ihn warten werden, wenn er aus Schusseligkeit den Zug verpasst, in dem er schon drin sitzt. Er verspricht, keinen Unsinn zu bauen und ist glücklich.

Ich auch.

Bis Jonas vor mir steht.
Jonas verteilt Kuchen. (Eine verlorene Wette.) Linkerhand hält er den selbstgekauften Fertigkuchen, rechterhand ein großes Messer zum Schneiden.

“Schonmal darüber nachgedacht, dass ein Messer im Stadion nur so eine halb coole Idee ist?” Entsorgen möchte Jonas das Lieblingskuchenmesser seiner Oma aber nicht. Die restliche Fahrt überlegt er, es in seinem Schuh zu verstecken. Oder in einem weiteren Fertigkuchen. Oder in seiner Prinzenrolle zwischen den Doppelkeksen. Ich erkläre ihm, wenn das Messer dann gefunden würde, hätte er aber so richtig ein Problem. Alle paar Minuten erzählt er uns von seinem neuesten, immer absurder klingenden Plan. Innerlich sehe ich uns schon die Nacht in einer Gefängniszelle verbringen.

Jeremias kommt zu uns. “Herr Klinge, ich habe im Stadion angerufen – man darf da keine Rucksäcke mit reinnehmen, haben die gesagt.”
Urgs. Unsere Rückfahrt ist minutiös geplant. Wieder ein innerer Spielfilm: Wir stehen vor einer gigantischen Wand aus 30.000 Lockern. “Herr Klinge, ich habe meinen Schlüssel verloren!” “Herr Klinge, ich weiß meine Nummer nicht mehr!” “Herr Klinge!” “Herr Klinge…?!”

Innerlich vergehe ich, aber zum Glück sind die beiden Referendare ganz entspannt. Eine Oase der guten Laune und der Zuversicht.

Als wir dichtgedrängt in der Straßenbahn stehen, meldet sich erneut Justus. Der mit der Kinderblase. Schweiß auf seiner Stirn, die Beine wackelig. “Herr Klinge”, quetscht er mit zusammengebissenen Zähnen hervor, “ich. muss. ganz. dringend.” “Schon wieder?” “Schon wieder!”

Ein Kollege erbarmt sich und springt mit Justus aus der proppenvollen S-Bahn. Sofort machen Gerüchte die Runde, Justus wäre ob seines Benehmens rausgeflogen und würde jetzt abgeholt. (Ich muss zugeben, dass ich diese Version der Geschichte befeuerte, um die anderen zu gutem Benehmen anzuhalten.)

Vor dem Stadion holen uns Justus und Begleitung ein. Außerdem vergräbt Jonas schließlich sein Messer mitten auf der Wiese. Er fotografiert das Stück Rasen (“So finde ich das garantiert wieder!”) und wir gehen ins Stadion.

Keine Locker.

Die Taschen werden durchwühlt. Der Ordner isst einen Doppelkeks (“Huuui!”). Plötzlich werden die beiden Referendare und ich von Ordnern weggezogen. Erstens wollen sie wissen, was wir auf das Plakat geschrieben haben. (“Nicht filmen! Unser Schulleiter denkt, wir sind auf Exkursion!”) Zweitens: Wieso haben wir ermäßigte Tickets?! Da stimmt doch was nicht!
Mit stockender Stimme erklären wir den Sachverhalt. Argwöhnisch mustert man uns. Dann sind wir endlich drin.

Innerlich mache ich drei Kreuze. Bisher lief alles prima. Keine Verletzten. Keine Verlorenen und die Tickets sind echt.

IMAG0772_BURST005Während des Spiels haben wir großen Spaß. Die Jungs und Mädchen feiern und singen und grölen und genießen das Erlebnis. Neben uns sitzen fröhliche Kölner, die sich an uns und über uns freuen. Als ich einmal laut “Schweini, ich will ein Kind von dir” schreie, knuffen sie mich an und erklären mit starkem Dialekt: “Ein Dortmunder, der aus Siegen kommt und ein Kind vom Schweini will? In Köln seit ihr alle willkommen! Hier darf man sein!”
Ein Länderspiel ist eben irgendwie ein Volksfest.

Einige Minuten vor dem Abpfiff ist unsere Zeit gekommen. Wir drehen unser Plakat um (“Oh nein, unser Schulleiter hat uns gesehen!”) und verlassen eilig das Stadion. Verpassen wir die S-Bahn, kommen wir erst um 4:30 in unserem Dorf an. Würde jetzt nur bedingt in meinen Plan passen. “Mein Messer”, kreischt Jonas plötzlich auf halbem Weg und rennt wie von der Tarantel gestochen in die Nacht. “Mein Messer! Mein Messer!”
Stumm sehe ich zu, wie Jonas von der Dunkelheit verschluckt wird. Wenn er jetzt nicht mehr wiederkommt… hmm.
Sekunden vor dem Eintreffen der S-Bahn ist er aber wieder da. Mit dunklen, schmutzigen Fingern, aber glücklich. “Ich habe die Stelle erst nicht gefunden”, erklärt er mir, “im Dunkeln sah das ganz anders aus.”

Die Rückfahrt aus Köln verläuft angenehm ereignislos. Erst jetzt kann ich mich wirklich zurücklehnen. Solche Ausflüge bedeuten doch immer jede Menge Stress für die Verantwortlichen.

Am nächsten Morgen sehen wir uns wieder.

Doppelstunde.

Eigentlich Mathematik.

Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

Fuuuuußball! (Und anderes.)

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Einige wenige Dinge stehen in den letzten drei Schulwochen noch auf meiner ToDo-Liste:

Mit meiner Klasse steht noch der jährliche Mädchen-Junge-Tag an. Die Kinder freuen sich schon sehr drauf. Die Beobachtung zeigt, dass man den Jungs eigentlich nur einen nassen Schwamm in die Hand drücken muss, damit sie glücklich und einige Stunden beschäftigt sind – die Mädchen sind da schwieriger und anspruchsvoller. Außerdem hat sich die Klasse wieder ein gemeinsames Grillen mit den Eltern gewünscht.

An dieser Stelle wurde zu einer Blogparade eingeladen, über die Erfahrung mit digitalen Medien im Unterricht zu berichten. Dazu passt, dass ich zu einem Lehrerkongress eingeladen wurde, genau darüber zu referieren. Tatsächlich aber werden digitale Medien in meinem Unterricht nur marginal eingesetzt. Für guten Mathematikunterricht braucht man eigentlich nicht viel mehr als ein Blatt Papier, einen gut gespitzten Bleistift und etwas Fantasie. Vielleicht finde ich noch die Zeit, etwas ausführlicher zur Blogparade beizutragen. (Vor zwei Jahren habe ich mich mit einem Schüler einer solchen Laptopklasse unterhalten und das Gespräch hier transkribiert.)

Außerdem: Morgen abend geht es nach Köln zum Länderspiel der Nationalmannschaft gegen die USA.
Ich bin mir noch im Unklaren, ob es sich um eine schulische, oder eine private Veranstaltung handelt – vermutlich irgendwas dazwischen. In jedem Fall wird es lustig – außer, wir verpassen den Zug nach dem Spiel: Dann kommen wir erst gegen 5 Uhr morgens wieder zu Hause an. (Unnötig zu erwähnen, dass die halbe Klasse das großartig fände und schon angekündigt hat, es darauf anzulegen…)
Auf jeden Fall haben wir ein großes Transparent gemacht, um auf uns aufmerksam zu machen – ob man uns nun sieht, oder nicht: Spaß hat es gemacht.

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Wer also das Länderspiel im Fernsehen schaut – habt doch mal ein Auge, ob man uns auf den Rängen sieht Zwinkerndes Smiley