Einige Projekte für 2015

20141228_121347Die Ferien sind fast rum und dieses kleine Blog geht in sein sechstes Jahr – unglaublich, wie die Zeit vergeht.

Die Ferien habe ich sehr genossen und auch zwei Wochen lang nicht das Bedürfnis verspürt zu bloggen oder für die Schule zu arbeiten. Bailey hat das erste Mal in ihrem Leben Schnee gesehen – und lieben gelernt. Weihnachten war irgendwie zwischen “abgeklärt für die Große” und “noch nicht magisch für die Kleine”. Das wird in den nächsten Jahren sicher anders. Silvester ist nicht so meins: ich komme aus einer Ärztefamilie, da wurden Neujahr immer die ‘abgerissene-Finger’-Geschichten erzählt und so richtig Lust auf Böllern hat dann niemand.
Erst in den letzten Tagen habe ich mich wieder an den Schreibtisch gesetzt und noch korrigiert und etwas Unterricht vorbereitet.

Große Bauchschmerzen bereitet mir dabei der Technikkurs meiner eigene Klasse: In der 7.2 steht das Thema “Energie” auf dem Lehrplan – aber damit werde ich nicht so richtig warm.
Ich möchte keinen zweiten Physik-Unterricht machen und nach und nach Elektrizitätsenergie, Wärmeenergie, mechanische Energie etc. abarbeiten. Jede Stunde mit einem Experiment und einer Folgerung. Der Vorteil daran wären vier Stunden Physik pro Woche – aber unter “Technikunterricht” verstehe ich eigentlich etwas anderes. Gerade das bauen und “werken” macht vielen Kindern Spaß. Die Papierbrücken haben für große Begeisterung gesorgt. Darüber hinaus darf ich meine zwei Schülerinnen mit Glasknochen nicht vergessen – viele Arbeiten sind für sie sehr mühsam.
Wenn ihr da Ideen und Vorschläge habt, freue ich mich sehr.

Überdies stehen in diesem Jahr noch ein paar weitere Projekte an.

  • mit meinem WP1-Kurs “Arbeitslehre Technik” (=Werken) in der 8 stecke ich mitten in einem Elektronik-Jahr. In den vergangenen Monaten habe ich diesen Kurs mithilfe eines selbsterstellten Workbooks strukturiert. Das hat prima geklappt und ich möchte das Heft gerne bis zum Sommer fertigstellen.
  • im nächsten Schuljahr möchte ich mit eben diesem Kurs eine komplette Produktfertigung (angelehnt an das 15-Euro-Mikroskop) mit der 16-Schritte-Methode (mehr dazu beizeiten) durchführen. Das wird jedenfalls großartig!
  • in diesem Jahr führe ich eine Mathematik-10 zum Abschluss. Damit schließen sich so langsam die letzten Lücken: Bald habe ich jedes Thema einmal gemacht und auch zu jedem dieser Themen eine Lerntheke erstellt. Bald kann ich mich daran machen, Fehler auszubessern, Fotos durch freie Bilder zu ersetzen und die Lerntheken Stück für Stück zum öffentlichen Download komplett freizugeben. (Das wird aber sicher noch etwas dauern.)
  • Wirklich unzufrieden bin ich mit meinem Physikunterricht. Sicher, er funktioniert und es sind auch ein paar Highlights drin (über die ich auch schon geschrieben habe) – aber insgesamt bin ich unzufrieden. Ich brauche noch etwas Zeit, um herauszufinden, woran genau es liegt – aber das darf muss besser werden.
  • Ab Sommer wird außerdem unsere Schule um einen weiteren Zug erweitert. Über diesen Umzug werde ich sicher auch das ein oder andere Mal schreiben.

Auch privat wird das Jahr aufregend: Unsere Vorbesitzer haben den Pool im Garten in einem restaurierungsbedürftigen Zustand hinterlassen – wir müssen erst mal entscheiden, ob wir ihn abreißen oder instandsetzen wollen. In jedem Fall  kommt noch Arbeit auf mich zu. Außerdem kommt Lina in eine weiterführende Schule und Amélie lernt krabbeln; letzteres wird in Kombination mit dem Hund noch spannend.

Euch jedenfalls einen guten Start ins neue Jahr und vielen Dank fürs Lesen! :-)

Elternbrechtag

Habe ich das neulich richtig gelesen? Jan schrieb ungefähr: “Elternsprechtage sind ja immer ganz nett.” Nein, sind sie nicht. Das heißt jetzt nicht, dass ich sie schlecht finde, denn gut sind sie eigentlich schon, aber nett?

Bei uns läuft vormittags Unterricht bis 13.10 Uhr und dann Elternsprechtag von 14 bis 19 Uhr. Die Heizung wird um 15 Uhr abgestellt. Gespräche sollten im 10-Minutentakt stattfinden und solchermaßen werden auch die Termine vergeben. Also reicht die Zeit für 30 Gespräche, und ich hatte auch schon Sprechtage mit 30 Gesprächen, wenn ich eine neue Klasse 5 hatte. Am Ende wusste ich nicht mehr, wo ich mein Auto geparkt hatte und wie ich heiße.

Ich muss Eltern in 10 Minuten sagen, wie sich ihr Kind in der Schule macht, was es für ein Mensch ist und welche Probleme/ Perspektiven sich für das Kind eröffnen. Und eins muss man immer im Kopf haben: Kinder sind für ihre Eltern absolut existentiell, und wenn man irgendwas kritisiert, muss man das mit der gebotenen Vorsicht tun.

Es gibt, glaube ich, mehrere Gesprächstypen, von denen hier drei von mir skizziert werden.

Fall 1 : Murat wurde erkennbar erzogen oder ist sowieso ein netter Mensch. Zudem ist er fröhlich, leicht zu motivieren und findet sich in der Klasse gut zurecht. Die Noten sind ordentlich. Wir sind in 5 Minuten fertig.

Fall 2 : Vicky ist für nichts verantwortlich. Noten sind die Lehrer schuld, die Mitschüler mobben das Kind und sie selbst muss sich um nichts kümmern. Das Handy braucht sie, falls auf dem Weg nach Hause etwas passiert und natürlich spielt sie nie damit im Unterricht. Dass ich das Kind deswegen ermahnen musste, ist unwahr. Das Gespräch dauert 15 Minuten, bis beide Parteien auseinander gehen und sich gegenseitig für Idioten halten.

Fall 3 : Michaels Noten sind schlecht und er benimmt sich wie eine offene Hose. Die ganze Familienstruktur liegt im Argen. Je mehr die Eltern erzählen, desto schlechter wird mir und desto mehr wundere ich mich, dass das Kind immer noch zur Schule kommt. Meine Ratschläge werden dankend angenommen oder verworfen, auf jeden Fall frage ich mich, was mich dazu qualifiziert, etwas zu sagen, außer meine mittlerweile ordentliche Erfahrung. Solche Gespräche dauern lange und müssten noch länger dauern. Ich bin dann immer froh, dass wir eine sehr gute Schulsozialarbeiterin haben, auf die ich schließlich verweisen kann.

So oder so: Wenn ich dann um kurz nach sieben aus der Schule gehe, ist mir eiskalt und ich fühle mich völlig ausgewrungen. Ich schaffe es an einem Elternsprechtagabend noch zum Fastfoodmann, um mit einer Wärmflasche und einem Stuppi Erzquell Pils vor den Ferneseher zu fallen. Wenn ich Glück habe, läuft ein Wissenschaftsmagazin wie “Die Geißens”.

Schon klar Jan, Elternsprechtag sind immer ganz nett.

Sprache und Erziehung

Im Kollegium unterhalten wir uns über Sprache. Wir Lehrer sind dazu angehalten, auf eine “geschlechtergerechte Sprache” zu achten. Dazu gibt es Fortbildungen. Erlasse. Sitzungen.
“Liebe Schüler, es brennt. Bitte verlasst das Gebäude!”
Sind damit nur die Jungen gemeint? Sollen die Mädchen verbrennen?
Liebe Leserinnen und Leser, natürlich nicht. Abseits aller Haarspalterei, die wir in Deutschland (und besonders in den Amtsstuben) betreiben gibt es natürlich auch ernstere Beispiele sprachlicher Unzulänglichkeiten:

“Weil du so ungezogen bist, muss der Papa dich jetzt schlagen und das macht den Papa sehr, sehr traurig!”

Ein wunderbares Beispiel “schwarzer Pädagogik” und doppelter, persönlicher Schuldzuweisung. Neulich las ich bei einer Kollegin folgende Aussage:

Ob das [gemeint ist ein verbaler Rüffel] besonders schlau war, glaube ich gar nicht, aber es war mucksmäuschenstill in der Klasse und Nico hat mich nicht einmal angeschaut. Solche Ansagen sind etwas Neues für ihn.

Darüber musste ich ein paar Tage nachdenken, denn ich gehöre zu den Menschen, die eher flapsig und überschwänglich formulieren: Schüler kriegen bei mir eher “den Arsch nicht hoch”, als dass sie sich “mehr mühen sollten”. Das warf in mir die Frage auf, inwieweit meine Sprache womöglich verletzt – ohne aber den Punkt außer acht zu lassen, dass es immer Leute gibt, die mit der einen oder anderen Art mehr oder weniger zurecht kommen.

Während ich so mit mir grübelte, las ich ein tolles Buch: “Singen können die alle – Handbuch für Negerfreunde.” (Empfehlung!)
Marius Jung beschäftigt sich darin ganz intensiv mit Alltagsrassismus und auch Sprach-Rassismus und entnimmt viele Beispiele seinen eigenen Erfahrungen als Schwarzer Mensch in Deutschland. Im 19. Kapitel führt er ein Zitat auf, welches er Pippi Langstrumpfs Negerkönig gegenüberstellt und welches letztlich den Bogen zurück zum Anfang schlägt: Wie spreche ich und was bewirkt meine Sprache?

Die kulturelle Fremdheit muslimischer Migranten könnte relativiert werden, wenn diese Migranten ein besonders qualifikatorisches oder intellektuelles Potenzial verhießen. Das ist aber nicht erkennbar. Anzeichen gibt es eher für das Gegenteil und es ist keineswegs ausgemacht, dass diese ausschließlich an der durchweg bildungsfernen Herkunft liegt. So spielen bei Migranten aus dem Nahen Osten auch genetische Belastungen – bedingt durch die dort übliche Heirat zwischen Verwandten – eine erhebliche Rolle und sorgen für einen überdurchschnittlich hohen Anteil an verschiedenen Erbkrankheiten.

Diese Passage aus Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” enthält kein einziges anstößiges Wort. Es gibt keine “Neger” (geschweige den Negerkönige) oder “Zigeuner” oder andere verpönte oder misstönende Begriffe. Also alles gut? Ein weiteres anschauliches Beispiel liefert der AFD-Vorsitzende Bernd Lucke, der sich unter Serdar Somuncus Vorwürfen der Ausländerfeindlichkeit mit Wortklaubereien herauswindet: “Dieses Wort steht nicht in unserem Programm.” [Klick zum Video]

Ich glaube, als Lehrer könnte ich ganz freundlich mit Schülern sprechen, ohne zweifelhafte Ausdrücke und jederzeit zitierfähig, ohne dass mir je irgendjemand einen Vorwurf machen könnte – und doch hintergründig ein ungerechter, ekelhafter Pädagoge sein.
Und umgekehrt ist es glaube ich möglich, sich zuweilen wie ein verbaler Holzfäller zu benehmen und doch jederzeit das Herz am rechten Fleck zu haben. Ich bin oft eher nicht zitierfähig (was womöglich meine Schwierigkeiten mit dem SPIEGEL begründet…) – aber alle meine Schüler wissen genau, woran sie sind.
Und das wiederum führt mich zu Kollegin Henners innerem Zwiespalt

Ob das besonders schlau war, glaube ich gar nicht…

Vielleicht doch.
Manchmal müssen wir Lehrer ausgewählten Schülern an den Kopf werfen dürfen, ob sie noch alle Latten am Zaun haben – ohne uns im Nachhinein über die langfristigen Spätfolgen geschlechtergerechter Sprache Gedanken machen zu müssen.

Insofern, liebe Frau Henner: Das war bestimmt schlau. Smiley

Ein Sonntag voller Entdeckungen

Ich bin eine ausgesprochene Freundin von gutem Essen und meiner Mutter zutiefst dankbar, dass ich von ihr alles übers Kochen und Backen lernen durfte. In der Woche bedeutet „kochen“ aber immer nur Nudeln mit Pesto, Pfannkuchen, Tomate Mozarella und so was eben. Deswegen gibt es bei uns sonntags richtiges Essen, so wie 1980.
Wir sind also gestern losgezogen und haben einen Sauerbraten gekauft. Aber als ich ihn heute Mittag zubereiten wollte, stellte ich fest, dass ich keine Rosinen mehr im Haus habe. Eine Katastrophe! Meine Nachbarin hat gestern Stollen gebacken und hatte auch keine mehr. Da fiel mir ein, dass wir gestern getrocknete Feigen gekauft hatten, und süß sind die ja schließlich auch… Ich habe also die Feigen in den Topf zum Fleisch gegeben und das Ergebnis ist wunderbar! Zwar musste ich der Soße mit etwas Zucker auf die Sprünge helfen, aber die Kombination von Klößen, Fleisch und süßer Frucht ist ein Traum!

Beim Verdauungsspaziergang haben wir einen Weg genommen, den wir bisher immer links liegen gelassen haben und wurden mit einem wunderbaren Blick über das Siegtal belohnt.

Auf dem Rückweg fanden wir erstaunlicherweise noch einen Steinpilz, obwohl die Pilzsaison eigentlich schon vorüber ist. Und dann – außerhalb unseres eigentlichen Pilzreviers – fanden wir Trompetenpfifferlinge, die zusammen mit dem Steinpilz und noch einigen Semmelstoppelpilzen eine wunderbare Nudelsoße geben werden. Ich habe bei uns im Wald noch nie Trompetenpfifferlinge gefunden, unfassbar!

Und nachdem ich so viele Entdeckungen abseits meiner Trampelpfade gemacht habe, habe ich beschlossen, meine Methodenbücher nach einer Unterrichtsmethode zu durchsuchen, die ich bisher nie ausprobiert habe. Vielleicht wird das ja auch eine tolle Überraschung geben. Auf jeden Fall werde ich davon schreiben!