Mein persönlicher Shitstorm

Auf SPIEGEL Online ist heute ein weiterer Artikel von mir erschienen – dieser Beitrag bezieht sich darauf. Der Artikel steht hier: Klick. Konkret geht es um meine Filmphysik.

Einigen von euch wird aufgefallen sein, dass der Teaser nicht so recht mit dem Text zusammen passt.

Jan-Martin Klinge weiß, dass seine Schüler später wenig aus dem drögen Physikunterricht erinnern werden. Außerdem würde der Lehrer viel lieber Themen behandeln, die Spaß machen. Doch die Vorgaben aus dem Ministerium sind strikt – und unrealistisch.

Eine Richtigstellung zu Beginn: Titel und Teaser ist nicht von mir und waren mir bis zur Veröffentlichung auch nicht bekannt. Smiley

Spannend wird es (wirklich!), wenn man jetzt auf die Kommentare zu dem Artikel schaut. Zunächst wird über mich geschimpft. Und der erste Kommentator bringt eine neue Behauptung ein:

Physik ……erklärt die gesamte Welt um uns herum. Und das braucht man also nicht? [klick]

Diese Behauptung kommt nicht von mir. Die steht nicht mal im fragwürdigen Teaser. Im folgenden spricht “bernddasbrot” von der Berechnung des Luftwiderstands und dem physikalischen Kraftbegriff. Ein kluger Mensch also. Bildungsbürger. Nur das Textverständnis ist wohl mangelhaft.

Spannend ist, dass sich im folgenden immer mehr Kommentatoren auf die vermeintliche Behauptung stürzen, ich hielte Physik für überflüssig.

Eine (anscheinend) Elite von Physikern, Ingenieuren und Architekten regt sich fürchterlich über meine – von ihnen anhand eines offenbar nicht sorgfältig gelesenen Artikels – Fähigkeiten als Lehrer auf und diagnostiziert Unfähigkeit.

Berufswahl verfehlt: Sechs
[…]
Eben: Beruf nicht begriffen, leider aber ergriffen. Interessant nur, dass er sich dazu bekennt, denn er hätte es wirklich vorher wissen müssen…

Andere Foristen fordern meine sofortige Entlassung.
(Ein kleiner Witz am Rande: In den PISA-Ergebnissen etc. wird stets bemängelt, dass die Schüler die Texte nicht verstehen. “Sinnentnehmendes Lesen” nennt sich das. Kann man im Forum bei all den klugen Foristen gut beobachten.)

Tatsächlich geht diese Physiker-Bildungs-Elite noch weiter:

Es gibt viel unsinnigeren “Lehrstoff” in der Schule – z.B. Religionsunterricht oder “Kunst”. [klick]

Ist das nicht total… skurril? Da behaupten Menschen allen Ernstes, man brauche die Zentripetalkraft und ihren Zusammenhang zur kinetischen Energie für sein Leben und die Hebelgesetze, um die Gießkanne anzuheben – aber Kunst und Religion seien unwichtig? Unsere Kultur ist unwichtig? Ähnliche Beiträge verfluchen Deutsch oder Sozialwissenschaften oder jedes beliebige andere Fach. Und alles geht darauf zurück, dass diese Leute – diese klugen Leute – den Text nicht richtig gelesen haben.

Erst im Kommentar 51 gibt es jemanden, der tatsächlich über den publizierten Inhalt (Physik von Superhelden) nachgedacht hat:

Sie übersehen aber, dass man für die Superhelden echte Grundlagen zur Berechnung braucht….Hebelwirkung, Fall- und Lichtgeschwindigkeit, Trägheitsüberwindung etc….Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat, auch damit kann man sehen, was Flash verzehren muss […] [klick]

Tatsächlich.
Eine Beispielaufgabe aus jenem Kurs:

image

Es geht um Rotation und Drehmoment, Zentripetalkräfte und Druck, verbunden mit einer (im Schuljargon: ) “modellierenden Aufgabe”. Ich weiß nicht, wie viele dieser SPIEGEL-Online-Kommentatoren das jetzt so aus dem Stehgreif lösen könnten. Ich vermute: Kaum einer.

Da steckt abartig viel Physik drin und meine Schüler haben sehr intensiv daran rechnen müssen. Aber nicht mit komischen Geräten aus dem Physikschrank, sondern mit umherwirbelnden Autos. Die Physik ist die gleiche.

Ich muss mir nun allerdings die Frage stellen, ob ich zukünftig nochmal für den SPIEGEL schreiben möchte. Der Teaser ist nicht mit mir abgesprochen worden und sinnentstellend. SpiegelOnline freut sich natürlich über 160 200 Kommentare und viele Klicks – ich bedanke mich für dämliche Phrasen und die Gelegenheit, einmal mehr auf Lehrer einzuprügeln.

Das ist schon etwas ärgerlich.

PS: Nein, dirkozoid, so einfach ist die Sache mit dem Hulk dann nicht: Der arrogante und herablassende kurzsichtige Panzervergleich von Ihnen übersieht, dass Hulk auf zwei Füßen steht, und nicht auf zwei langen Ketten liegt. Fläche und Druck und so. Physik halt…

Wann ist gut gut genug?

Mit Erstaunen stelle ich fest, wie viele Leute den Text über die 12 Wochen Ferien im Jahr lesen. Hm. Da habe ich einen wunden Punkt getroffen (und stelle wieder fest, dass ich an dieser Stelle auch sehr dünnhäutig bin). Allzu oft wird uns Lehrern vorgeworfen, wir seien faul (man denke nur an das Schröder-Zitat) oder schlecht organisiert und  sollten “mal in der freien Wirtschaft arbeiten”, ja dann wüssten wir was wirkliche Arbeit ist. Ich wette, dass jeder von uns solche Sprüche kennt und alle Reaktionen schon ausprobiert hat: eine humorvolle Antwort, ignorieren, einen ernste Antwort oder – um es mit den Ärzten zu sagen – immer mitten in die Fresse rein.

Ich glaube, dass einer der Vorzüge am Beruf des Lehrers die unfassbar große Freiheit ist. In der Regel kontrolliert mich keiner mehr, wenn ich mich erst mal durch das Referendariat gequält habe. Deswegen liegt es im Ermessen jedes Einzelnen, wann gut auch wirklich gut genug ist. Und da liegt meiner Meinung nach nach beiden Seiten die Gefahr: Die extrem bequemen Lehrer gehen 5 Minuten nach dem Klingeln in den Unterricht, um dann früher wieder Schluss zu machen. Oder aber die extrem engagierten Lehrer, die für jede Stunde die Klasse neu dekorieren, rosa Kopien mit Glitzer bestreuen und laminieren, um sie dann in Herzform auszuschneiden. Und irgendwo dazwischen liegt die goldene Mitte.

Ich kann mich ganz wunderbar verzetteln – und dabei verliere ich dann jede Menge Zeit; Zeit, die mir an anderen Ecken wieder fehlt. Ich mache das mal an einem Beispiel deutlich. In der Oberstufe steht in Geschichte einiges zum Thema “Deutschland nach 45″ am Lehrplan. Und weil ich gerne Geschichte unterrichte, ist das mein Verzettelfach Nr. 1. Nehmen wir mal den Aspekt der “Entnazifizierung”. Das, was mir einfällt (Nürnberger Prozesse, Eichmann-Prozess, Hannah Arendt, Frankfurter Prozese, “Im Labyrinth des Schweigens”, Josef Neckermann, “Das Amt”, Franz Nüßlein, Hanns-Martin Schleyer, die RAF usw.), muss ich strukturieren und daraus eine extrem kurze Sequenz basteln. Aber alles ist so interessant und beim Lesen, Nachschlagen, Suchen und Ansehen gehen im schlimmsten Fall Stunden ins Land. So kann man das, glaube ich, mit allem machen. Grundschullehrer können da ein Lied von singen, weil – zumindest meine Freundinnen-  extremen Wert auf ganzheitliches Lernen und Methodenvielfalt legen. Da geht immer noch was – nur schlafen und sich ausruhen, das geht dann nicht mehr.

Disziplinprobleme – Thesen und Rezepte aus dem Alltag

1. Erzählt mir nichts… je nach Schülerschaft kann es jeden treffen.

2. Die erste Minute in einer fremden Klasse ist entscheidend. Was man nicht tun soll: In die Masse reden und – weil einem keiner zuhört – seinen Namen an die Tafel schreiben.
Besser: Sich aufrecht vor die Klasse stellen und warten, bis einem alle zuhören und dann seinen Namen sagen. Was mich direkt zu Punkt 3 führt, der das oberste Gebot ist:

3. NIEMALS reden, wenn es in der Klasse laut ist bzw. wenn Schüler sprechen, auch wenn das bedeutet, dass ich u.U. lange warten muss oder immer wieder meinen Redefluss unterbrechen muss. Auch Schüler sollten an Wortbeiträgen gehindert werden, wenn die anderen nicht zuhören.

4. Wenn mir die Klasse nicht folgt, habe ich aus meiner Erfahrung zwei Möglichkeiten:
a) Sehr straffen Unterricht, der auf mich gerichtet ist, quasi Frontalunterricht, und die Schüler arbeiten lassen, bis denen die Kopfe, Hände und was weiß ich qualmen. Die Schüler dürfen keinen Freiraum haben zum Reden oder Unsinn machen. Es heißt Arbeit, Arbeit, Arbeit und null Freiraum.
b) Stationenarbeit, in der es einzig und allein darauf ankommt, was der Einzelne tut. Das bedeutet, dass die Schüler keine Möglichkeit bekommen zum Abschreiben oder Fuddeln.
In Extremform bedeutet das, dass jeder Schüler eine Stationenmappe hat, die beim Lehrer bleibt. In jeder Stunde werden die Arbeitsergebnisse eingesammelt und am Ende der Reihe bekommt der Schüler die Rückmeldung für seine Leistung durch eine Note.

4. Wenn Schüler vor mir keinen Respekt haben, nicht arbeiten und nicht auf mich hören, geht Gruppenarbeit gar nicht. GA funktioniert nur, wenn sich die Schüler an die Reglen und Anweisungen des Lehrers halten.

5. Je wichtiger das Fach und je mehr Stunden der Lehrer in der Klasse hat, desto ernster nehmen die Schüler den Lehrer.

6. Nebenstunden am Nachmittag sind immer schwierg, es sei denn man ist Dompteur und kein Lehrer.

7. Männer, die groß und breit sind, haben tendenziell weniger Probleme als zierliche, hübsche, junge Frauen. Ausnahmen bestätigen hier unbedingt die Regel.

8. Referendare haben tendenziell mehr Probleme mit der Disziplin als festangestellte Lehrer.

9. Wenn man die Namen der Kinder nicht kennt ist ohnehin alles verloren. Also: Sofort die Namen lernen – unbedingt!

10. Nur geplanter und gut strukturierter Unterricht funktioniert. Je schlechter meine Planung, desto schlechter folgen die Kinder. Das merkt man aber auch sofort.

11. Es schadet gar nichts Quatsch zu machen, wenn die Beziehung stimmt und alle eingesehen haben, dass ich der Leitwolf im meinem Untericht bin.

 

12 Wochen Ferien im Jahr

Wenn Leute über Lehrer lästern, dann fällt in der Regel der gleiche Satz: “Und dann noch 12 Wochen Ferien im Jahr.” Meine Ferien, bis auf die Sommerferien, sehen so aus: Ich korrigiere einen Satz Hefte aus der 11, einen aus der 12 und einen aus der 13 und gerne noch einen aus der MIttelstufe.

Gepriesen sind diejenigen, die nicht in der Oberstufe unterrichten, wobei Deutsch und Englisch oder so auch in der Sek. I eine doofe Kombination ist. Es gibt Kollegen, die Kunst und Sport unterrichten. Jaja, der Alltag ist laut und anstrengend, aber die Leute haben in der Tat 12 Wochen Ferien. Alle anderen armen Säcke wühlen sich durch einen Berg von Arbeiten und lesen immer und immer wieder den selben Kram. Am schlimmsten sind die Leistungskursklausuren in der 13 – oder Q2, wie es jetzt so schön heißt, weil es die 13 am Gymnasium ja nicht mehr gibt. Die Schüler haben 4-5 Schulstunden Zeit. Ihr da draußen, ihr Glücklichen: Wisst ihr, was man in der Zeit alles schreiben kann und wie lange es dauert, das zu korrigieren??? Eine durchschnittliche Klausur (2-5 Schulstunden) zu korrigieren dauert 1 Stunde, mal mehr mal weniger. Und ich bin ein effizienter Arbeiter und kein Pedant.

Wir rechnen: 25 Hefte mal 1 Stunde und das mal 3 macht 75 Stunden Schreibtischarbeit.

Keine Mitleid: ich mag meinen Beruf sehr und ich auch Unterricht vorbereiten ist nicht schlimm. Ja, ich jammere auf höchstem Niveau, ich sitze warm, mache mir einen Tee, kann in aller Ruhe in Onlineshops stöbern, kann meine Dunstabzugshaube schrubben, die Kühlschrank auswaschen, meine Fingernägel lackieren, meine Freunde anwhatsappen, im Garten kramen ….arrghhh….ich will nicht mehr… ICH HASSE KLAUSURKORREKTUREN!!!!

 

Love it, change it or leave it!

Meine Freundin Heike saß neulich mit mir in einer Pizzaria. Bei einem Glas Wein erzählt sie, dass sie eine Fortbildung gemacht habe. Und seitdem glaube sie, dass der Spruch “Love it, change it or leave it” im Prinzip für alle Bereiche des Lebens gelte. Das Gute an dieser Art der Lebensführung sei, dass dann auch keiner mehr rummault, weil dann müsste er ja ändern, was ihn nervt. Und wenn er´s nicht ändert, dann muss er sich halt was anderes suchen: einen anderen Beruf, einen anderen Mann, einen anderen Chef. “Iskla”, sage ich.

Ja, ist klar? In der Zeit-online habe ich einen Kommentar gelesen, der in das selbe Horn stößt: http://www.zeit.de/kultur/2014-10/mely-kiyak-deutschstunde-papst
Der Papst hat wohl gesagt, eine Ehe sei Arbeit. Franziskus, dem ja wohl noch niemand unter die Bettdecke gepupst hat und der – so stell ich mir das vor – noch nie langweiligen Sex hatte, hat gut reden. Aber Franziskus ist bestimmt auch schon mal das Messer unter seiner Soutane aufgegangen, wenn sein Vorgesetzter ex cathedra Mist erzählt hat oder gemacht hat. Deswegen muss man seine Worte zur Ehe ja nicht direkt verwerfen, zumal er – und ich denke mal, das ist Konsens – ein Guter ist.

Wenn wir immer direkt gingen, wenn´s schwierig wird, dann gäbe es keine einzige lange Ehe und vermutlich nicht mal eine lebenslange Freundschaft. Dann müssten wir auch die Schule wechseln, wenn der Schulleiter nicht nach unserem Geschmack ist, und die Klassenleitung abgeben, wenn man merkt, dass die Kinder in die Pubertät kommen. Nein, ich liebe nicht alles immer in allen Bereichen meines Lebens, aber manche doofen Sachen kann man leider nicht ändern. Dann eben nicht. Dann doch eher wie Eva-Maria Zuhorst in “LIebe dich selbst…” schrieb, dass man sich selbst ändern müsse. Ihr zufolge ist jede Beziehung ein kybernetisches System. Ändere ich mich resp. meine Haltung, dann ändert sich auch mein Gegenüber. Also: change it. Aber das ist auch nur graue Theorie. Manche Sachen machen einen einfach krank, da kann man drehen und reden wie man will. Aber ich finde der Papst hat recht: Liebe ist auch eine Entscheidung. Und ich kenne keine lange Ehe , in der nicht auch mal 10 Jahre echt Scheiße waren.

P.S.: Sagte ich, dass ich geschieden bin?