Die Dorfschullehrerin

Kennt ihr das, dass der obere Rücken- und Nackenbereich völlig verspannt ist?

Ich geh also zur Massagepraxis in Eiserfeld (das Dorf, in dem auch unsere Gesamtschule liegt). Und als ich da so halb nackt auf dem Bauch (Gottseidank!) auf der Massagepritsche liege, kommt der Physiotherapeut mit einem fröhlichen “Guten Morgen, wen haben wir denn da?” herein. Es liest ab “Eva Tellmann. Ah! Ich war bei Ihnen an der Schule!”

Scheiße. Ich verdrehe mich, um den jungen Mann anzuschauen, ohne mich gänzlich zu entblößen. Zum Glück war er nicht MEIN Schüler! Aber ich kann mich gut erinnern, dass ich Klassenlehrerin in seiner Parallelklasse war. Dem ehemaligen Schüler ist das alles gar nicht unangenehm und er plaudert freundlich drauflos über alte Lehrer und gemeinsame Bekannte.  Wunderbarerweise hat er wirklich heilende Hände und versteht sein Handwerk.

Deswegen merke man sich: Seid nett zu den Kindern in der Schule, denn sie werden eure Gynäkologen, Feuerwehrleute, KFZ-Mechaniker und Bestattungsunternehmer.

“Wie aus dem Gesicht geschnitten”

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“Deine Tochter sieht dir so ähnlich”, sagen die Leute ständig. “Besonders die Augen”, sagen sie.

Manchmal zu mir.

Manchmal zu meiner Frau.

Ich sehe das nicht. Für mich sehen Babys alle gleich aus.

Ein weiteres Halbjahr ist rum. Die Tage sind gerade ganz wunderbar aber ich stelle verärgert fest, dass mein Blog mir zu “berufsorientiert” geworden ist. Das nervt mich etwas, weil mein Leben nicht nur aus Schule besteht.

Notiz an mich selbst:
In Zukunft wieder mehr Blödsinniges aus dem Alltag, wie die Geschichte, als wir die Milchzähne vom Hund in Carolinas Milchzahndose gelegt und ihr erzählt haben, sie hätte als Baby solche Reißzähne gehabt.

Einige Projekte für 2015

20141228_121347Die Ferien sind fast rum und dieses kleine Blog geht in sein sechstes Jahr – unglaublich, wie die Zeit vergeht.

Die Ferien habe ich sehr genossen und auch zwei Wochen lang nicht das Bedürfnis verspürt zu bloggen oder für die Schule zu arbeiten. Bailey hat das erste Mal in ihrem Leben Schnee gesehen – und lieben gelernt. Weihnachten war irgendwie zwischen “abgeklärt für die Große” und “noch nicht magisch für die Kleine”. Das wird in den nächsten Jahren sicher anders. Silvester ist nicht so meins: ich komme aus einer Ärztefamilie, da wurden Neujahr immer die ‘abgerissene-Finger’-Geschichten erzählt und so richtig Lust auf Böllern hat dann niemand.
Erst in den letzten Tagen habe ich mich wieder an den Schreibtisch gesetzt und noch korrigiert und etwas Unterricht vorbereitet.

Große Bauchschmerzen bereitet mir dabei der Technikkurs meiner eigene Klasse: In der 7.2 steht das Thema “Energie” auf dem Lehrplan – aber damit werde ich nicht so richtig warm.
Ich möchte keinen zweiten Physik-Unterricht machen und nach und nach Elektrizitätsenergie, Wärmeenergie, mechanische Energie etc. abarbeiten. Jede Stunde mit einem Experiment und einer Folgerung. Der Vorteil daran wären vier Stunden Physik pro Woche – aber unter “Technikunterricht” verstehe ich eigentlich etwas anderes. Gerade das bauen und “werken” macht vielen Kindern Spaß. Die Papierbrücken haben für große Begeisterung gesorgt. Darüber hinaus darf ich meine zwei Schülerinnen mit Glasknochen nicht vergessen – viele Arbeiten sind für sie sehr mühsam.
Wenn ihr da Ideen und Vorschläge habt, freue ich mich sehr.

Überdies stehen in diesem Jahr noch ein paar weitere Projekte an.

  • mit meinem WP1-Kurs “Arbeitslehre Technik” (=Werken) in der 8 stecke ich mitten in einem Elektronik-Jahr. In den vergangenen Monaten habe ich diesen Kurs mithilfe eines selbsterstellten Workbooks strukturiert. Das hat prima geklappt und ich möchte das Heft gerne bis zum Sommer fertigstellen.
  • im nächsten Schuljahr möchte ich mit eben diesem Kurs eine komplette Produktfertigung (angelehnt an das 15-Euro-Mikroskop) mit der 16-Schritte-Methode (mehr dazu beizeiten) durchführen. Das wird jedenfalls großartig!
  • in diesem Jahr führe ich eine Mathematik-10 zum Abschluss. Damit schließen sich so langsam die letzten Lücken: Bald habe ich jedes Thema einmal gemacht und auch zu jedem dieser Themen eine Lerntheke erstellt. Bald kann ich mich daran machen, Fehler auszubessern, Fotos durch freie Bilder zu ersetzen und die Lerntheken Stück für Stück zum öffentlichen Download komplett freizugeben. (Das wird aber sicher noch etwas dauern.)
  • Wirklich unzufrieden bin ich mit meinem Physikunterricht. Sicher, er funktioniert und es sind auch ein paar Highlights drin (über die ich auch schon geschrieben habe) – aber insgesamt bin ich unzufrieden. Ich brauche noch etwas Zeit, um herauszufinden, woran genau es liegt – aber das darf muss besser werden.
  • Ab Sommer wird außerdem unsere Schule um einen weiteren Zug erweitert. Über diesen Umzug werde ich sicher auch das ein oder andere Mal schreiben.

Auch privat wird das Jahr aufregend: Unsere Vorbesitzer haben den Pool im Garten in einem restaurierungsbedürftigen Zustand hinterlassen – wir müssen erst mal entscheiden, ob wir ihn abreißen oder instandsetzen wollen. In jedem Fall  kommt noch Arbeit auf mich zu. Außerdem kommt Lina in eine weiterführende Schule und Amélie lernt krabbeln; letzteres wird in Kombination mit dem Hund noch spannend.

Euch jedenfalls einen guten Start ins neue Jahr und vielen Dank fürs Lesen! :-)

Elternbrechtag

Habe ich das neulich richtig gelesen? Jan schrieb ungefähr: “Elternsprechtage sind ja immer ganz nett.” Nein, sind sie nicht. Das heißt jetzt nicht, dass ich sie schlecht finde, denn gut sind sie eigentlich schon, aber nett?

Bei uns läuft vormittags Unterricht bis 13.10 Uhr und dann Elternsprechtag von 14 bis 19 Uhr. Die Heizung wird um 15 Uhr abgestellt. Gespräche sollten im 10-Minutentakt stattfinden und solchermaßen werden auch die Termine vergeben. Also reicht die Zeit für 30 Gespräche, und ich hatte auch schon Sprechtage mit 30 Gesprächen, wenn ich eine neue Klasse 5 hatte. Am Ende wusste ich nicht mehr, wo ich mein Auto geparkt hatte und wie ich heiße.

Ich muss Eltern in 10 Minuten sagen, wie sich ihr Kind in der Schule macht, was es für ein Mensch ist und welche Probleme/ Perspektiven sich für das Kind eröffnen. Und eins muss man immer im Kopf haben: Kinder sind für ihre Eltern absolut existentiell, und wenn man irgendwas kritisiert, muss man das mit der gebotenen Vorsicht tun.

Es gibt, glaube ich, mehrere Gesprächstypen, von denen hier drei von mir skizziert werden.

Fall 1 : Murat wurde erkennbar erzogen oder ist sowieso ein netter Mensch. Zudem ist er fröhlich, leicht zu motivieren und findet sich in der Klasse gut zurecht. Die Noten sind ordentlich. Wir sind in 5 Minuten fertig.

Fall 2 : Vicky ist für nichts verantwortlich. Noten sind die Lehrer schuld, die Mitschüler mobben das Kind und sie selbst muss sich um nichts kümmern. Das Handy braucht sie, falls auf dem Weg nach Hause etwas passiert und natürlich spielt sie nie damit im Unterricht. Dass ich das Kind deswegen ermahnen musste, ist unwahr. Das Gespräch dauert 15 Minuten, bis beide Parteien auseinander gehen und sich gegenseitig für Idioten halten.

Fall 3 : Michaels Noten sind schlecht und er benimmt sich wie eine offene Hose. Die ganze Familienstruktur liegt im Argen. Je mehr die Eltern erzählen, desto schlechter wird mir und desto mehr wundere ich mich, dass das Kind immer noch zur Schule kommt. Meine Ratschläge werden dankend angenommen oder verworfen, auf jeden Fall frage ich mich, was mich dazu qualifiziert, etwas zu sagen, außer meine mittlerweile ordentliche Erfahrung. Solche Gespräche dauern lange und müssten noch länger dauern. Ich bin dann immer froh, dass wir eine sehr gute Schulsozialarbeiterin haben, auf die ich schließlich verweisen kann.

So oder so: Wenn ich dann um kurz nach sieben aus der Schule gehe, ist mir eiskalt und ich fühle mich völlig ausgewrungen. Ich schaffe es an einem Elternsprechtagabend noch zum Fastfoodmann, um mit einer Wärmflasche und einem Stuppi Erzquell Pils vor den Ferneseher zu fallen. Wenn ich Glück habe, läuft ein Wissenschaftsmagazin wie “Die Geißens”.

Schon klar Jan, Elternsprechtag sind immer ganz nett.