Schülerarbeit: “Liebes Tagebuch,”

IMAG0875Weil meine Schüler in den Pausen ständig durch die Gänge rennen, muss ich mir im 2-Tages-Rhythmus die Beschwerden meiner Kollegen anhören. Vielleicht spricht es für die Klasse, dass tatsächlich alle Kinder der Klasse bei dem Unsinn mitmachen – auf jeden Fall kann ich mir nicht den oder die Übeltäter schnappen und bestrafen.

Als es mir dann irgendwann zu blöd wurde, habe ich sie einen Aufsatz schreiben lassen: “Was schreibt Herr Klinge wohl abends in sein Tagebuch, nachdem er wieder und wieder und wieder seine Klasse aus den Gängen scheuchen muss?”

Eine Arbeit möchte ich (mit Zustimmung des Schülers) gerne veröffentlichen, denn ich halte sie für besonders gelungen:

Liebes Tagebuch,

heute habe ich gemerkt, wie ätzend meine Klasse manchmal sein kann. Obwohl ich sie gewarnt habe, dass, wenn sie in den Pausen in das B-Trakt-Gebäude kommen, dass sie dann ziemlich viel schreiben müssen, haben sie es getan Trauriges Smiley.
Ich lief ganz ruhig, nichts ahnend durch das Gebäude als ich sie sah. Sie kamen von zwei Seiten!
Doch ich, wagemutig wie ich war, setzte zu einem Sprint an und sah, wie sie wegliefen und die Treppe runterliefen. Ich wusste, dass sie wieder kommen würden und schlau wie ich war versteckte ich mich. Da sah ich sie, diese ätzenden Kinder die sehr wahrscheinlich nur da sind, um mich zu ärgern. Doch genau in diesem Moment klingelte es und ich ließ sie gehen, aber ich wusste, dass sie ihre gerechte Strafe in der AT-Stunde bekommen würden. Ich stellte mir trotzdem immer wieder die Frage, warum sie nicht einfach in der Pause draußen spielen können.
Dieser Eintrag wurde geschrieben, um meinen Gefühlen und Emotionen freien Lauf lassen zu können, weil ich dies ja sonst nicht tun kann.

Jungs-Mädchen-Tag

Eigentlich sollte hier einen Bericht über den großartigen Verlauf unseres Jungs-Mädchen-Tages stehen – aber ich muss euch leider vertrösten; verspreche aber, einen ausführlichen Bericht nachzuholen!
Eine Gruppe wurde diesmal vom WDR begleitet und – versprochen – ich gebe rechtzeitig Bescheid, wann und wo ihr sie bestaunen könnt.

Morgen steht der Siegener Stadtlauf an – einige Tausend Schüler treffen sich in der Innenstadt und werden rennen, rennen, rennen. Wird sicher ein Spektakel und hoffentlich mit besserem Wetter, als heute.

Au revoir

IMAG0785Heute wurden die 10. Klassen verabschiedet. Die Schüler haben ein sehr kurzweiliges Programm auf die Beine gestellt, die Reden waren kurz und – was mich wirklich beeindruckt hat – die Klassen haben verschiedene Lehrer auf die Bühne geholt und sich sehr höflich für die Arbeit bedankt. Besonders die “alten Klassenlehrer” aus der Unterstufe wird das sehr gefreut haben, gerät man doch leicht in Vergessenheit.

Meine Fußball-10er haben sich bei mir für all den Unsinn bedankt, den wir gemeinsam getrieben haben. Eine tolle Zeit war das und ich musste mir tatsächlich eine Träne verdrücken – die habe ich schon ganz schön gern!
Zum Abschied schenkten sie mir BVB-Utensilien und (wohl von einigen uneinsichtigen Schülern ausgesucht) einen Schalke-Becher.

Angesichts Loriotscher Vorkommnisse in diesem Land und weil ich zukünftig als Moderator direkt für das Schulamt tätig bin (Bewerbung erfolgreich! Wuhuuu!), fahre ich mittags brav zur höheren Dienststelle, um diese “Belohnungen” (§59 LBG) anzumelden und “jeden Anschein von Bestechung” zu vermeiden.

Dort werden meine Geschenke kritisch beäugt und mit einem blauen Kugelschreiber mein Name und der Sachverhalt notiert. Anschließend der Wert der Geschenke ermittelt. “Bis zehn Euro is in Ordnung!”, schnarrt man mir entgegen.
Ich nicke pflichtbewusst. Der Schalke-Schal an der Wand lässt böses ahnen.
”Also ich sach ma”, heißt es nach endlosen Minuten, “den Schalke-Becher und die Taschentücher für schlechte Zeiten könn Se behalten. Die Zeckentasse muss wech.”

Ich kneife die Augen zusammen.

Das meint der doch nicht ernst.

Tut er.

Und sein hämisches Grinsen ist nicht zu übersehen. Aber bevor ich reagieren kann, sind Tasse und singender Kugelschreiber (okay, auf den hätte ich verzichten können!) in eine Schublade geräumt. Mürrisch werde ich beiseite gewedelt. “Se ham ja die Taschentücher zum trösten!”

Meckerndes Lachen.

“Au revoir!”

Exkursion zum Länderspiel. Stille.

Stille.
Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

12 Stunden zurück.
Wir treffen uns gut gelaunt an einem kleinen Landbahnhof. Alle sind beisammen und aufgeregt. Uns begleiten zwei weitere Lehrer und zwei Referendare. Ich bin dankbar, die Verantwortung teilen zu können und werde im Laufe der folgenden Nacht merken, wie gut das tat.

IMAG0770Wir haben noch nicht die halbe Zugstrecke geschafft, als Justus vor uns steht. “Herr Klinge”, stammelt er, “ich habe da ein Problem..!”
Für einen Moment weiß ich nicht, ob ich das wirklich hören will. “Ich muss so dringend pinkeln – und die Toilette ist kaputt. Darf ich im nächsten Bahnhof den Wagon wechseln und…!?”

Ich erkläre Justus, dass wir nicht auf ihn warten werden, wenn er aus Schusseligkeit den Zug verpasst, in dem er schon drin sitzt. Er verspricht, keinen Unsinn zu bauen und ist glücklich.

Ich auch.

Bis Jonas vor mir steht.
Jonas verteilt Kuchen. (Eine verlorene Wette.) Linkerhand hält er den selbstgekauften Fertigkuchen, rechterhand ein großes Messer zum Schneiden.

“Schonmal darüber nachgedacht, dass ein Messer im Stadion nur so eine halb coole Idee ist?” Entsorgen möchte Jonas das Lieblingskuchenmesser seiner Oma aber nicht. Die restliche Fahrt überlegt er, es in seinem Schuh zu verstecken. Oder in einem weiteren Fertigkuchen. Oder in seiner Prinzenrolle zwischen den Doppelkeksen. Ich erkläre ihm, wenn das Messer dann gefunden würde, hätte er aber so richtig ein Problem. Alle paar Minuten erzählt er uns von seinem neuesten, immer absurder klingenden Plan. Innerlich sehe ich uns schon die Nacht in einer Gefängniszelle verbringen.

Jeremias kommt zu uns. “Herr Klinge, ich habe im Stadion angerufen – man darf da keine Rucksäcke mit reinnehmen, haben die gesagt.”
Urgs. Unsere Rückfahrt ist minutiös geplant. Wieder ein innerer Spielfilm: Wir stehen vor einer gigantischen Wand aus 30.000 Lockern. “Herr Klinge, ich habe meinen Schlüssel verloren!” “Herr Klinge, ich weiß meine Nummer nicht mehr!” “Herr Klinge!” “Herr Klinge…?!”

Innerlich vergehe ich, aber zum Glück sind die beiden Referendare ganz entspannt. Eine Oase der guten Laune und der Zuversicht.

Als wir dichtgedrängt in der Straßenbahn stehen, meldet sich erneut Justus. Der mit der Kinderblase. Schweiß auf seiner Stirn, die Beine wackelig. “Herr Klinge”, quetscht er mit zusammengebissenen Zähnen hervor, “ich. muss. ganz. dringend.” “Schon wieder?” “Schon wieder!”

Ein Kollege erbarmt sich und springt mit Justus aus der proppenvollen S-Bahn. Sofort machen Gerüchte die Runde, Justus wäre ob seines Benehmens rausgeflogen und würde jetzt abgeholt. (Ich muss zugeben, dass ich diese Version der Geschichte befeuerte, um die anderen zu gutem Benehmen anzuhalten.)

Vor dem Stadion holen uns Justus und Begleitung ein. Außerdem vergräbt Jonas schließlich sein Messer mitten auf der Wiese. Er fotografiert das Stück Rasen (“So finde ich das garantiert wieder!”) und wir gehen ins Stadion.

Keine Locker.

Die Taschen werden durchwühlt. Der Ordner isst einen Doppelkeks (“Huuui!”). Plötzlich werden die beiden Referendare und ich von Ordnern weggezogen. Erstens wollen sie wissen, was wir auf das Plakat geschrieben haben. (“Nicht filmen! Unser Schulleiter denkt, wir sind auf Exkursion!”) Zweitens: Wieso haben wir ermäßigte Tickets?! Da stimmt doch was nicht!
Mit stockender Stimme erklären wir den Sachverhalt. Argwöhnisch mustert man uns. Dann sind wir endlich drin.

Innerlich mache ich drei Kreuze. Bisher lief alles prima. Keine Verletzten. Keine Verlorenen und die Tickets sind echt.

IMAG0772_BURST005Während des Spiels haben wir großen Spaß. Die Jungs und Mädchen feiern und singen und grölen und genießen das Erlebnis. Neben uns sitzen fröhliche Kölner, die sich an uns und über uns freuen. Als ich einmal laut “Schweini, ich will ein Kind von dir” schreie, knuffen sie mich an und erklären mit starkem Dialekt: “Ein Dortmunder, der aus Siegen kommt und ein Kind vom Schweini will? In Köln seit ihr alle willkommen! Hier darf man sein!”
Ein Länderspiel ist eben irgendwie ein Volksfest.

Einige Minuten vor dem Abpfiff ist unsere Zeit gekommen. Wir drehen unser Plakat um (“Oh nein, unser Schulleiter hat uns gesehen!”) und verlassen eilig das Stadion. Verpassen wir die S-Bahn, kommen wir erst um 4:30 in unserem Dorf an. Würde jetzt nur bedingt in meinen Plan passen. “Mein Messer”, kreischt Jonas plötzlich auf halbem Weg und rennt wie von der Tarantel gestochen in die Nacht. “Mein Messer! Mein Messer!”
Stumm sehe ich zu, wie Jonas von der Dunkelheit verschluckt wird. Wenn er jetzt nicht mehr wiederkommt… hmm.
Sekunden vor dem Eintreffen der S-Bahn ist er aber wieder da. Mit dunklen, schmutzigen Fingern, aber glücklich. “Ich habe die Stelle erst nicht gefunden”, erklärt er mir, “im Dunkeln sah das ganz anders aus.”

Die Rückfahrt aus Köln verläuft angenehm ereignislos. Erst jetzt kann ich mich wirklich zurücklehnen. Solche Ausflüge bedeuten doch immer jede Menge Stress für die Verantwortlichen.

Am nächsten Morgen sehen wir uns wieder.

Doppelstunde.

Eigentlich Mathematik.

Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

Fuuuuußball! (Und anderes.)

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Einige wenige Dinge stehen in den letzten drei Schulwochen noch auf meiner ToDo-Liste:

Mit meiner Klasse steht noch der jährliche Mädchen-Junge-Tag an. Die Kinder freuen sich schon sehr drauf. Die Beobachtung zeigt, dass man den Jungs eigentlich nur einen nassen Schwamm in die Hand drücken muss, damit sie glücklich und einige Stunden beschäftigt sind – die Mädchen sind da schwieriger und anspruchsvoller. Außerdem hat sich die Klasse wieder ein gemeinsames Grillen mit den Eltern gewünscht.

An dieser Stelle wurde zu einer Blogparade eingeladen, über die Erfahrung mit digitalen Medien im Unterricht zu berichten. Dazu passt, dass ich zu einem Lehrerkongress eingeladen wurde, genau darüber zu referieren. Tatsächlich aber werden digitale Medien in meinem Unterricht nur marginal eingesetzt. Für guten Mathematikunterricht braucht man eigentlich nicht viel mehr als ein Blatt Papier, einen gut gespitzten Bleistift und etwas Fantasie. Vielleicht finde ich noch die Zeit, etwas ausführlicher zur Blogparade beizutragen. (Vor zwei Jahren habe ich mich mit einem Schüler einer solchen Laptopklasse unterhalten und das Gespräch hier transkribiert.)

Außerdem: Morgen abend geht es nach Köln zum Länderspiel der Nationalmannschaft gegen die USA.
Ich bin mir noch im Unklaren, ob es sich um eine schulische, oder eine private Veranstaltung handelt – vermutlich irgendwas dazwischen. In jedem Fall wird es lustig – außer, wir verpassen den Zug nach dem Spiel: Dann kommen wir erst gegen 5 Uhr morgens wieder zu Hause an. (Unnötig zu erwähnen, dass die halbe Klasse das großartig fände und schon angekündigt hat, es darauf anzulegen…)
Auf jeden Fall haben wir ein großes Transparent gemacht, um auf uns aufmerksam zu machen – ob man uns nun sieht, oder nicht: Spaß hat es gemacht.

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Wer also das Länderspiel im Fernsehen schaut – habt doch mal ein Auge, ob man uns auf den Rängen sieht Zwinkerndes Smiley

Rebellion in der Klasse.

Eine Schülerin wird zum Nacharbeiten einbestellt. Im Laufe des Unterrichts ist einer Kollegin der Geduldsfaden gerissen und sie hat sich den nächsten Störenfried rausgegriffen.

“Aber”, jammert sie, “Herr Klinge ich habe wirklich gar nichts gemacht. Der Emil hat Grimassen geschnitten und dann habe ich lachen müssen!”

Ich nicke verständnisvoll – aber natürlich kann ich nichts daran ändern. Die Folge wären endlose Diskussionen darüber, wer zu Recht und Unrecht bestraft würde. Natalie gehört zu den ruhigen Mädchen, die eigentlich nie auffallen. Diesmal hat sie einfach Pech gehabt.

“Sogar die anderen in der Klasse können das bezeugen!”

Die Rest der Klasse kann das nicht nur bezeugen – sie machen sich auch darüber lustig: Mit großen Gesten und sorgenvoller Miene drücken sie ihr Unverständnis über Natalies Verhalten aus. Sie machen sich Gedanken, wie tief die Klasse schon gesunken ist, wenn sogar Natalie nachsitzen nacharbeiten muss. Andere sind sich sicher, dass es endlich mal die wahre Urheberin allen Übels getroffen hat.

Natalie sitzt da und weiß nicht, ob sie frustriert ist oder lachen soll.

Irgendwann ruft der erste rein, er würde sie befreien wollen und wenige Sekunden später ist sich die ganze Klasse einig: Sie würden als wilder Mob den Raum stürmen, die unschuldige Natalie ergreifen und aus der Hand der bösen Lehrerin befreien. Natürlich sind die wildesten Jungs der Klasse ganz vorne mit dabei.

Natalie lacht.
Ich sehe ihr an, wie sehr sie sich darüber freut, dass ihre Klasse (ihre (!) Klasse) sie so gern hat.

Ich dagegen beiße mir auf die Lippen, während ein innerer Spielfilm vor meinem Auge abläuft. Auf keinen Fall (!) darf ich ihnen zeigen, wie lustig ich die Idee fände.

Fast ist mir das auch gelungen.

 

1: Wie immer sind alle Namen falsch.

Apps für (bzw. gegen) den Unterricht (Folge 16)

Screenshot_2015-05-25-17-43-28Chain Reaction

Mein Bruder hat mich für ein simples Spiel begeistert, das ich in einer Vertretungs-Randstunde meiner Klasse zeigte – und seitdem verbreitet es sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Schule.

Das Spielprinzip ist nur umständlich zu beschreiben, aber sehr einfach zu spielen: Jeder Spieler (1-8) setzt bunte Kugeln auf das Spielfeld. Hat man genug Kugeln seiner Farbe auf einem Haufen versammelt, kommt es zu einer Kettenreaktion (-> Chain Reaction): Der Haufen spaltet sich und sendet Farbkugeln in alle benachbarten Felder, die daraufhin übernommen werden.
(Für Physiker: ähnlich einem alpha-Zerfall mit je vier freiwerdenden Neutronen, die die benachbarten Atome anregen)
In der Ecke reichen schon 2 Kugeln zum Spalten, am Rand 3 und in einem mittleren Feld benötigt man 4.

Das Besondere ist, dass der Ausgang eines Zuges durchaus berechenbar, aber wegen Denkfaulheit scheinbar zufallsbasiert ist. Durch die zunehmenden Kettenreaktionen wechselt das Spielfeld häufig von fast-ganz-blau über jetzt-fast-komplett-lila zu oh-nein-nur-noch-zwei-Felder-grün. Wer gewinnt ist kaum vorherzusehen und nicht selten siegt jemand, der nur noch ein einziges kümmerliches Feld seiner Farbe besitzt.

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Der Spielspaß ist relativ hoch.
Die Android-Version ist kostenlos und nervt nicht durch eingeblendete Banner. Bis zu 8 Spieler machen einfach Spaß.

Vielleicht etwas für die letzten Stunden vor den Ferien.

 


Zuweilen werden hier Android- und iPhone-Apps vorgestellt, die sich im Unterricht sinnvoll einsetzen lassen. Einen Überblick aller bereits besprochenen Programme findest du hier.

Fehlt noch etwas? Weitere Vorschläge einsenden.

Kinderstube

Demnächst feiert meine Schule 25jähriges Jubiläum.

Neben allerlei Brimborium werden meine Co und einige Mädchen der Klasse ein Kinderschminken anbieten und brauchten Freiwillige zum Üben und ausprobieren.

Und da war er wieder: Einer jener Momente, von denen ich bedaure, das die Eltern nicht teilhaben können.

Die ganze Mittagspause über ließen sich die Jungs der Klasse Bärte und Muster, Spinnen und Tattoos aufmalen. Geduldig ertrugen sie Blumen, falsche Augenbrauen und Katzengesichter. Diese Klasse ist zu einer Art Familie zusammengewachsen, in der niemand außen vorsteht und es ist schade, dass Eltern diese Perspektive oft vorenthalten bleibt.

Dazu passt auch: Lieblingssport der Kinder ist es, sich in den Pausen heimlich ins Gebäude zu schleichen und vor der Aufsicht zu flüchten. Alle drei Tage stehen die Kollegen zähneknirschend vor mir und ich gelobe, mit der Saubande zu reden. Das Problem ist nur: Es handelt sich nicht um vier oder fünf Kinder. Oder elf oder zwölf. Es geht mehr um fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Kinder. Jede Pause sind es andere. Wenn ich die alle zum Hofdienst schicke, haben sie noch SPaß dabei.
Innerlich jubiliere ich: Wenn alle gemeinsam Unsinn machen, spielen alle auch gemeinsam. Und spielende Kinder fühlen sich wohl und lieben den Ort, an dem sie sind! Äußerlich habe ich mahnend der Zeigefinger und versuche gegenzusteuern. Ohne Erfolg.

Ein Kollege hat Anfang der Woche ein kleines Häuflein geschickt abgefangen und zu einem Besinnungsaufsatz verdonnert. Die Jungs und Mädchen haben den auch ohne Widerspruch und zusätzliche Ermahnung geschrieben. Die Hälfte der Briefe beginnt mit

Geehrter Herr…
es tut mir leid, dass…

Und Strafarbeiten, die mit “Sehr geehrter Herr sowieso” beginnen…  – da ist die Kinderstube noch in Ordnung!

Feuer fangen.

Seit einem Jahr arbeitet sich mein WP-Technikkurs durch mein Elektronik-Workbook. Wie immer geht es den einen viel zu langsam, während die anderen gerne wieder Praktisches machen wollen.

Weil ein Referendar nun in den Kurs einsteigt, haben wir genau das gemacht: Die Schüler sollen ein Radio bauen. Grundlage ist ein Opitec-Bausatz, der von jedem Schüler individuell modifiziert werden soll.

Hin und wieder lehnt man sich als Lehrer zurück und staunt und genießt einfach.

Ein Schüler möchte den Kippschalter durch einen selbstgebauten Touch-Schalter ersetzen. Ein anderer möchte das Radio beleuchten – die Lichtstärke soll mit dem Lautstärkeregler verbunden sein (“Das geht über den Trimmer, glaube ich!”). Hier möchte jemand ein Plexiglasfenster einsetzen und dort wird gegrübelt, ob man für die Touchkeys nicht eine bistabile Kippschaltung im Hintergrund benötigt.

An einer Gesamtschule kommen die unterschiedlichsten Kinder zusammen. Arme und reiche, solche mit Gymnasialempfehlung und solche mit Hauptschulempfehlung, welche mit fröhlichen Familien im Hintergrund und welche, die beim Nachbarn mal ins Brot beißen wollen. Aber in diesen Stunden gibt es keinen Unterschied.

Ein, zwei SchülerInnen bitten mich am Ende der Stunde, eine Handvoll Kondensatoren, Transistoren, Widerstände und Dioden mit nach Hause nehmen zu dürfen, um am Wochenende schon mal auszuprobieren, ob sich der Wechselblinker mit dem Senderegler sinnvoll verknüpfen lässt.

Abends landet via Facebook ein kurzes Video im Posteingang: Die bistabile Kippschaltung läuft nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit dem 22k-Ohm Widerstand.

 

In solchen Momenten bin ich einfach nur fröhlich. Was ich für großartige Schüler habe!

Wasserschlacht (aus päd. Gründen)

IMAG0547Wir Lehrer stehen immer wieder vor einem Dilemma: Erlauben wir etwas, das eigentlich nicht okay ist, aber doch irgendwie Spaß macht?

Der Sommer zieht so langsam ins Land – die Kinder spielen weniger mit dem Handy und mehr miteinander. Als es letzte Woche so warm war, entwickelte sich zwischen einigen 5ern, 6ern und 7ern eine zünftige Wasserschlacht auf dem Schulhof.

Direkte Beobachter war ein Grüppchen 8er, denen man im Gesicht ablas, wie gerne sie mitmischen würden – aber schon zu cool waren. Zwei Schritte rein. Zwei wieder zurück. Sie wollten. Unbedingt! Aber es ging nicht. Also schauten sie die gesamte Mittagspause neidisch zu, wie sich die kleineren mit Wasserflaschen und Wasserbomben gegenseitig abschossen.

Mit einer Kollegin saß ich in der Sonne und beobachtete das Spektakel.

Die Atmosphäre hatte etwas von Freibad und wir dachten beide, wie gut es diesen Kindern geht. Wie aufgeregt sie miteinander spielten. Wie fröhlich sie lachten, kreischten, wegrannten.

Hinterher gab es natürlich den ein oder anderen Kollegen, der die Aktion scheiße nicht ganz gelungen fand. “Die Kinder säßen nun nass und frierend in den Klassenräumen. Das hätte man doch kommen sehen müssen.”

Ja, haben wir.

…aber an der Stelle die (pädagogische) Entscheidung getroffen, die Kinder spielen zu lassen.

Natürlich sind die Kinder hinterher nass. Und ja, das stört und nervt und macht es in den letzten beiden Stunden nicht leichter, seinen Unterricht durchzuziehen. Aber, wenn ich an meine Schulzeit denke, dann sind mir solche Erlebnisse besonders im Kopf geblieben. Wegen solcher Tage habe ich Schule geliebt

So sehr ich den Frust einiger Kollegen nachvollziehen kann – ich würde immer wieder so handeln (natürlich nicht im Wochenrhythmus), denn das, was mich viel mehr nervt, habe ich irgendwann mal in einem Schaubild dargestellt:

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Kultur in der Schule

Wir haben eine wirklich gute, mit verschiedenen Preisen gekrönte Theatergruppe in der Schule und erst im Alter beginne ich den Wert von Kultur wertzuschätzen.
(Als Schüler habe ich – meinem Alter entsprechend – renitent gegen alles, was mit Bildung zu tun hatte, protestiert.) Bisher war meine Klasse stets ein- bis zweimal pro Schuljahr im Theater. Wir haben vorher und nachher darüber gesprochen: Wie man sich dort verhält. Was der Unterschied zum Kino ist. Den Wert von Kultur in unserer Gesellschaft (vielleicht könnte ich auch erfolgreich Staubsauger an Haustüren verkaufen – aber natürlich quatscht man lieber mit dem Onkel vorne über Cooltur, als weiter Mathe zu machen…)
Als ich vergangene Woche fragte, wer Lust hätte, die neue Vorstellung unserer Schulgruppe zu besuchen, schossen alle Hände hoch. Klaro!

Als ich das Eintrittsgeld einsammle (ich habe erklärt, dass auch unsere Schultheatergruppe Lizenzgebühren bezahlen muss und arg in der Kreide steht) und Jonathan sein Wechselgeld geben möchte, hebt er abwehrend die Hände. “Nein, Herr Klinge. Ich habe mit meinem Papa über Kultur gesprochen und möchte mehr bezahlen.”

Ich bin sprachlos.
#Jugend von heute und so.

Berufsanforderungen (aus Sicht meiner Schüler)

Ein (komplexes) Schaubild aus aktuellem Anlass – jeder möge sich seine eigene Geschichte1 dazu denken. :-)

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“Ach Herr Klinge… das brauche ich später nie. Ich will doch nur xyz werden.”

1: Der “Maurer” ist völlig willkürlich gewählt und die Berufsbeschreibung von mir als Laien mit Sicherheit unvollständig. Sie sollte aber ihren Zweck erfüllen.

[Schule im Schaubild]