Schülerstreiche

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Neulich schrieb eine Kollegin etwas an die Tafel und als sie sich wider umdrehte, saßen alle 28 Kinder der Klasse stumm da, hatten sich ihre Scheren wie Schnurbärte unter die Nasen gehängt und strahlten die Lehrerin an.

Weil meine Rabauken-Klasse in der Mittagspause so wild tobt, dass der Klassenraum darunter zu leiden hat, wird der Raum seit Wochen in der Pause abgeschlossen.

Niemand darf hinein.

Sehr zum Protest der Schüler, die immer wieder versichern, sie könnten ja gar nicht beweisen, dass sie sich gebessert hätten, solange sie nicht in den Raum dürften. Aber sie wissen genauso gut wie ich, dass das nicht stimmt.
Ein paar der Jungs haben nun die Türklinke abmontiert und versetzt wieder angebracht – mit dem Ergebnis…

…das man die Tür nicht mehr abschließen kann.

Flirten - Mann

Dem Mist hinterherzuräumen, den Kinder den ganzen Tag anstellen ist anstrengend. Sehr. Aber es gibt eine Form von intelligenten Scherzen, über die ich durchaus schmunzeln kann. Eine lustige Klasse zu haben ist ein Geschenk. :-)

Wuff.

2014-02-19 14.59.38Gerade ist anstrengend. Sehr.
Seit einer Woche haben wir einen kleinen Hund und.. ja – ich habe ausgeblendet, wie anstrengend das damals war. Vermutlich ist das wie mit der Kindererziehung – im Nachhinein ist das alles irgendwie problemlos gelaufen, aber daran, dass man alle zwei Stunden aufstehen musste, erinnert sich niemand mehr.
Gerade verbringe ich die Nächte auf der Couch – alle zwei Stunden mit dem Hund raus. Das schlaucht etwas. Nach vier Tagen hört sie einigermaßen auf “Komm”, “Aus” und “raus?”
Für meine Tochter ist Hundeerziehung eine frustrierende Erfahrung: In den buntesten Farben hat sie sich ihr Leben mit Hund vorgestellt – aber Strenge kam darin nicht vor. Und Konsequenz auch nicht.

Als besonders anstrengend empfinde ich jedoch die Leute, die es gut meinen mit mir. “Oh, ein Australian Sheperd – da habt ihr euch ja was angetan.” “Oh, ein Aussie braucht aber seeeehr viel Bewegung”. “Ein Australian Sheperd? Wann findest du denn Zeit für den? Der muss doch ständig…” “Geht ihr nicht in eine Welpenschule?”

Und so weiter.

Ich habe schon Aussies großgezogen. Meinem ersten habe ich beigebracht, die Tür hinter sich zuzumachen und die entflohenen Hühner einzufangen. Alle haben sie gerne Fußball gespielt und getobt und gekuschelt und überhaupt. Aber noch lieber haben die sich faul die Sonne auf den Pelz braten lassen. Und die Kombination von Schlafmangel & guten Ratschlägen ist gerade anstrengend. Aus diesem Grunde liegt der Blog auch etwas brach.

Nicht, dass es nichts zu erzählen gäbe – aber ich komme gerade nicht dazu. Besonders bedrückend: Ich stelle frappierende Ähnlichkeit zwischen meinen tobenden Sechstklässlern und jungen Hunden fest.

Klingt fies?

Also gut. Zwei Beispiele.
Neulich wurde im Flur miteinander gerangelt. Ziel des Spiels war es, dem anderen die Beine wegzuziehen, damit er auf den Allerwertesten knallt. Es war laut, es wurde gejapst und gelacht und ständig fiel jemand auf den Boden. Rede ich hier von Hunden oder Kindern?
Weil meinen Jungs in der Pause langweilig ist, bilden sie Räuberleitern und schauen durch kleine Lichtfenster im Treppenhaus ins Gebäude um mir zuzuwinken. Wie eine Sammlung junger Hunde vor einer Glastür stehen sie da, schauen die Aufsicht mit großen Kulleräuglein an und freuen sich einfach über das Leben.

Manchmal denke ich.. Oh! Der Hund muss raus. Hund

Der Vorleser.

2014-02-05 14.16.08Durch Herrn Rau bin ich auf das Buch “Tom’s Midnight Garden” aufmerksam geworden (nebenbei bemerkt ein weiterer Grund dafür, einen Blog zu führen und möglichst viele zu lesen). Die Beschreibung klang ganz wunderprächtig und erinnert tatsächlich an “Die Frau des Zeitreisenden”. Als treuer Greys Anatomy-Gucker habe ich auch bei diesem schnulzigen romantisch-sehnsüchtigen Roman mehr als einmal schlucken müssen.

Ohne das Buch genauer zu kennen, habe ich es als neue Vorlese-Lektüre (dazu mehr hier) für meine Klasse ausersehen, eine gebrauchte Ausgabe bei Amazon gefunden und begonnen, es meinen Schülern vorzulesen.

Durch verschiedene Umstände musste eine Kollegin (Deutsch) in meiner Klasse vertreten und in Ermangelung einer Alternative bot ich ihr das Buch zum Vorlesen an. Die Klasse kannte es nicht. Ich kannte es nicht. Aber sie würde das bestimmt prima hinbekommen.
Die Kollegin freute sich, forschte schnell nach ein paar Informationen zur Autorin Philippa Pearce und druckte das Deckblatt der englischen Ausgabe des Buches aus. In der Klasse sprach sie mit den Kindern über die unterschiedlichen Titelbilder und es wurden Mutmaßungen angestellt, worum es in dem Buch gehen könnte.
Anschließend wurden die ersten Seiten vorgelesen, bis die Kollegin stoppte und die Schüler bat, in Stichworten den möglichen weiteren Verlauf des Buches schriftlich zu skizzieren. Einzelne Ideen wurden an der Tafel gesammelt; und dabei zeigte sich, dass die Jungen eher auf Gespenster, Angst und Grusel hofften, während die Mädchen ihren Fokus auf den Garten und das Klettern auf Bäumen legten.

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Aus der Genderperspektive ist das natürlich ganz spannend zu betrachten.

Ich jedenfalls komme mir reichlich dämlich vor. Wieder einmal.
Da freue ich mich monatelang, mit dem Vorlesen von Büchern ein wunderbares Ritual gefunden zu haben – und dann schüttelt eine Deutschkollegin mal eben unvorbereitet eine komplette Stunde aus dem Ärmel, die weit, weit über das hinausgeht, was ich (als Naturwissenschaftler) so mit dem Lesen von Büchern verbinde.

Ich hoffe, dass das bleibt: Dieses sich-dämlich-fühlen. Das Staunen über die Einblicke und Arbeitsweisen anderer.

Alltagsrassismus

Es klingelt.
Ein Vertreter für Markisen steht vor mir und strahlt mich freundlich an. Ob das Haus mir gehöre (nein) und ob die Vermieter womöglich Interesse an einer Markise haben könnten (ebenfalls nein). Wir plaudern ein bisschen über das Verhältnis Mieter-Vermieter und auch darüber, wie besorgniserregend wir es finden, dass die Immobilienfirma Deutsche Annington an die Börse will, was letztlich vor allem Profitmaximierung auf Kosten der Mieter bedeuten könnte.

Der Gespräch wird depressiver. German Angst kommt mir in den Sinn. Aber es wird noch schlimmer.

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“Name drauf!”

20140111_151933Ein großes Übel im Unterricht ist die Tatsache, dass man als Lehrer nicht nur Tests und Klassenarbeiten korrigieren, sondern auch diejenigen Exemplare ohne Namen anhand der Schrift den zugehörigen Kindern zuordnen muss.

Anstrengend.

Darum erinnere ich die Schüler immer wieder daran, ihre Namen auf alle Blätter zu schreiben, die sie abzugeben gedenken. Und natürlich vergessen es immer wieder etliche.

Letzte Woche ließ ich meine 6. Klasse einen NW-Test schreiben. Nachdem ich alle Blätter eingesammelt und grob sortiert habe, ziehe ich eines ohne Namen aus dem Stapel. “HAH!”, rufe ich scharf, “hier hat schon wieder jemand seinen Namen nicht draufgeschrieben!”

Blitzartig herrschteStille.
Keiner hat die Ankündigung vergessen, dass Tests ohne Namen nicht mehr zurückgegeben werden.

Vor den Augen der entsetzten Schüler zerknülle ich das Blatt und werfe es in den Mülleimer. Keiner traut sich, etwas zu sagen – selbst die Inklusionshelferinnen hinten runzeln besorgt die Stirn.

Einige Sekunden vergehen, dann meldet sich ein Junge zaghaft: “Herr Klinge, sie haben doch einen leeren Zettel weggeworfen, oder?”

Ein anderer widerspricht: “Nein! Da stand was drauf – habe ich genau gesehen!”

Wortlos packe ich die restlichen Papiere ein und bin mir einigermaßen sicher, dass meine Klasse zukünftig immer ihren Namen auf jeden Test, jede Umfrage und jede Klassenarbeit schreiben wird.

Natürlich stand auf dem Zettel etwas drauf – ich habe ihn ja selbst ausgefüllt. Nur meinen Namen, den habe ich ausgelassen. ;-)

Der Nikolaus war da (2)

“PAPAAAAAAA!”

Aufgeschreckt renne ich nach unten. Carolina hat ihr Bild aus dem Kamin gezogen. Urgs…

“Oh weh…!”, stammel ich und überlege fieberhaft, wie ich die Situation retten kann.

“Der Nikolaus hat das Bild verloren, als er den Schornstein hochgeklettert ist!” erklärt Carolina besorgt. Eifrig nickend stimme ich zu. “Ja.. genau! Dann… erm…!”

Ich verstumme.

Papa…” .
Meine Tochter sieht mich an, als wäre ich debil. “Dann müssen wir das an Weihnachten nochmal hinlegen. Dann nimmt der Weihnachtsmann dem Nikolaus das mit!”

Ich vermisse diese Zeit.
Blöde Frau Pallhuber. ;-)

Der Nikolaus war da…

“Papa? Es gibt keinen Weihnachtsmann!!”
“Bitte was?” Ich schaue, möglichst neutral, auf. “Wer sagt denn so etwas?”
“Die Frau Pallhuber. Heute in der 6. Stunde.”
Sie hält kurz inne. “Weißt du, einmal hätte ich gerne noch mit dem Weihnachtsmann Weihnachten gefeiert. So wie früher.”

Früher.

Vor drei Jahren noch hat meine Tochter extra ihr Zimmer aufgeräumt, die Stiefel geputzt und ihm ein Bild gemalt. Mit viel Liebe und Sorgfalt. Das Bild hat sie dann auf die Stiefel gelegt, bevor sie ins Bett musste.

Am nächsten Morgen ertönte aufgeregtes Rufen aus dem Kinderzimmer. “Papa! Papa!” (Natürlich ruft sie mich als erstes..) “Der Nikolaus war da! Und er hat mein Bild mitgenommen!”

Carolina jubelte laut und brabbelt weiter, während ich mich ganz schlecht fühle. Denn der ‘Nikolaus’ hat das Bild im Kamin entsorgt – schließlich darf sie es ja nie wieder finden…

“Ist das nicht toll, Papa?”

“Hm..?”

“Na, dass er mein Bild mitgenommen hat!”

“Erm… ja! Sehr!”
Wann habe ich mich zuletzt so schlecht gefühlt?

Sapperlot. Das Dinosaurier-Spiel.

IMAG0374Das wahrhaft Schönste am Lehrerberuf ist, dass ich viel Zeit mit meiner Tochter verbringen darf. Ich komme nicht abends um “7 vonne Maloche und bin fix und feddich mit die Welt”.

Wir vertreiben uns die Zeit mit allerlei Schönem und Unsinnigem. Eines unserer Spiele ist das Dinosaurier-Spiel: Dabei geht es darum, möglichst viele Synonyme zu finden. Dinosaurier-Spiel heißt es deswegen, weil es nach der Thesaurus-Funktion von Word benannt ist und Thesaurus klingt wie ein Dinosaurier.

Nach der Schule klingen unsere Gespräche dann zuweilen so:

Sapperlot, Papa, war das ein schöner Schultag heute!”
Donnerlittchen, das freut mich aber sehr, Lina!”
”Und… Papa, Herrschaftszeiten habe ich mich auf dich gefreut!”
”Ja, Kreuz, Birnbaum und Hollerstauden! Das freut mich zu hören!”
”Und machen wir jetzt noch was Schönes? Eis essen zum Beispiel?”
Donnerwetter! Das ist mal ein Vorschlag!”

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Kinder kriegen, Kinder haben

2012-12-19 08.59.25Die schönsten Tage im Lehrerleben sind die, an denen man eine neue Klasse bekommt. Das ist wie die oft zitierte Packung Pralinen – man weiß nie, was man bekommt. Und da Jan und ich an einer Gesamtschule arbeiten, haben wir Kinder von jeder Sorte: die Defensiven, die Selbstbewussten, faule Intelligente, usw.

Wenn ich eine neue Klasse 5 bekomme, dann schaue ich mir vorher die Namensliste an und versuche für mich selbst zu raten, welche Kinder die besonderen Namen haben: Kann ich Grace erkennen? Charlotte-Elisabeth? Klaus? Das klappt zum Glück nie. Die neue Klasse sitzt vor mir und ich weiß nicht, welche Schulzuweisung die Kinder von der Grundschule bekommen haben, denn diese Daten liegen nur der Schulleitung vor. Ich gehe also vorurteilsfrei mit den Kindern um und die SchülerInnen stecken in keiner Schublade. Alles ist neu und sie werden so auf- und angenommen, wie sie vor mir stehen. Großartige Sache!

Das ist in meiner Klasse zweieinhalb Jahre her.

Inklusion & Aufsichtspflicht

ZOE_0008-55FF2CBD_6-31940754Bei einem tragischen Unglück an einer Förderschule in unserer Gegend ist diese Woche ein Kind lebensgefährlich verletzt worden. Der neunjährige Junge wurde leblos im Schwimmbecken der Schule gefunden – vermutlich ist er durch einen nicht abgeschlossenen Nebeneingang während der Pause ins Gebäude gelangt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob ein Fall von Aufsichtspflichtverletzung vorliegt, aber so etwas geschieht immer, wenn an einer Schule Unfälle geschehen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht über mögliche Ursachen schwätzen oder über diese Tragödie als solches schreiben. Solche Unfälle sind schrecklich und mein Mitgefühl gilt der Familie, den Mitschülern und den Lehrern.

Dieses Ereignis wirft jedoch ein Schlaglicht auf einen ganz besonders heiklen Punkt der Inklusion: Die Aufsichtspflicht.

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