Wasserschlacht (aus päd. Gründen)

IMAG0547Wir Lehrer stehen immer wieder vor einem Dilemma: Erlauben wir etwas, das eigentlich nicht okay ist, aber doch irgendwie Spaß macht?

Der Sommer zieht so langsam ins Land – die Kinder spielen weniger mit dem Handy und mehr miteinander. Als es letzte Woche so warm war, entwickelte sich zwischen einigen 5ern, 6ern und 7ern eine zünftige Wasserschlacht auf dem Schulhof.

Direkte Beobachter war ein Grüppchen 8er, denen man im Gesicht ablas, wie gerne sie mitmischen würden – aber schon zu cool waren. Zwei Schritte rein. Zwei wieder zurück. Sie wollten. Unbedingt! Aber es ging nicht. Also schauten sie die gesamte Mittagspause neidisch zu, wie sich die kleineren mit Wasserflaschen und Wasserbomben gegenseitig abschossen.

Mit einer Kollegin saß ich in der Sonne und beobachtete das Spektakel.

Die Atmosphäre hatte etwas von Freibad und wir dachten beide, wie gut es diesen Kindern geht. Wie aufgeregt sie miteinander spielten. Wie fröhlich sie lachten, kreischten, wegrannten.

Hinterher gab es natürlich den ein oder anderen Kollegen, der die Aktion scheiße nicht ganz gelungen fand. “Die Kinder säßen nun nass und frierend in den Klassenräumen. Das hätte man doch kommen sehen müssen.”

Ja, haben wir.

…aber an der Stelle die (pädagogische) Entscheidung getroffen, die Kinder spielen zu lassen.

Natürlich sind die Kinder hinterher nass. Und ja, das stört und nervt und macht es in den letzten beiden Stunden nicht leichter, seinen Unterricht durchzuziehen. Aber, wenn ich an meine Schulzeit denke, dann sind mir solche Erlebnisse besonders im Kopf geblieben. Wegen solcher Tage habe ich Schule geliebt

So sehr ich den Frust einiger Kollegen nachvollziehen kann – ich würde immer wieder so handeln (natürlich nicht im Wochenrhythmus), denn das, was mich viel mehr nervt, habe ich irgendwann mal in einem Schaubild dargestellt:

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Post vom Jugendamt

IMAG0303Das Gesundheitsamt hat mich angeschrieben – sie sind um die Gesundheit meiner Jüngsten besorgt und wollen persönlich vorbeikommen, um sich ein Bild zu machen. Nächste Woche Mittwoch. (Und nein, das ist kein Scherz.)

Angefangen hat alles mit einem Spaziergang im Januar im verschneiten Wald:
Vor unseren Augen stolpert ein kleines Rehkitz aus einem Busch und starrt uns ängstlich an. Selbst Bailey ist zu perplex, um zu reagieren und nach einigen Momenten des gegenseitigen Schweigens springt Bambi auf und verschwindet zwischen den Büschen. Da es alleine unterwegs ist, überkommt uns Mitleid und wir wollen das kleine Wesen am liebsten mit der Flasche durch den Winter bringen. Aber unsere Rufe verhallen ungehört. Auch der Hund findet es nicht mehr.

Februar.
Das Gesundheitsamt weist uns schriftlich darauf hin, dass wir mit Amélie zum Kinderarzt sollen. Die U3 stünde an und sie hätten gerne eine Bestätigung, dass wir das erledigt haben. Der Hinweis landet auf dem Stapel “noch zu erledigen”.  Dort liegen bereits zwei weitere “Hinweise”.

März. Genauer: Gestern.
Bailey bellt wie verrückt im Nachbargarten (wir haben keine Zäune zwischen unseren Grundstücken). Als es uns zu bunt wird, entdecken wir ein kleines Rehkitz. Süß schnuffelt es uns an – aber aufstehen kann es nicht. Es liegt eigentlich nur da und schaut. Die Nachbarn sind nicht da.
IMAG0288Ich rufe die Polizei an und frage um Rat. Die schicken einen Kollegen von der Forstbehörde, der fünf Minuten später mit einem riesigen Messer im Garten steht. “Oh je”, sagt er, “das ist schwierig”. Mit dem Messer gäbe das nur eine riesen Sauerei, er wolle die Flinte holen.
In dem Moment kommt Carolina dazu und blickt ihn mit großen Augen an. Der überaus freundliche Jäger lächelt, spreizt die Finger und erklärt ihr: “Ich wollte mir nur die Fingernägel saubermachen.”
Eine Viertelstunde später ist er mit einem Schrotgewehr wieder da und erklärt, dass er nicht einfach rumballern dürfe. Erstens sei das hier “befriedetes Gebiet”, da dürfe überhaupt niemand schießen, außer der Polizei – und zweitens läge das Reh auch noch auf dem Nachbargrundstück. Er müsste von der Polizei beauftragt werden, das Tier zu schießen, dann ginge das. Ich schlage vor, dass Tier den halben Meter auf unser Grundstück zu ziehen, um Papierkram zu vermeiden.
Wenig später gibt es einen Knall. Das Rehkitz ist tot. Carolina schaut etwas traurig, aber interessiert zu. (Das finde ich richtig – man kann ja nicht immer nur Gesichter-Wurst essen und denken, die wächst auf Bäumen.)
Auf dem Rasen prangt jetzt ein sehr, sehr großer Blutfleck.
Ob es das Reh vom Januar ist? Ob es hergekommen ist, um von uns mit der Flasche gefüttert zu werden? Ich muss an das Schweinchen namens Babe denken. “Darf ich Mama zu dir sagen?” Keine Stunde da, schon abgemurkst. Danke, Familie!
Ein weiterer Gedanke macht sich breit: Was, wenn mein Nachbar sich gerade gestern für viel Geld ein isländisches Liege-Reh gekauft hat – und wir haben sein Haustier jetzt abgeschossen. Auf jeden Fall wird er abends von einer gewaltigen Blutlache begrüßt, die sich auch mit einigen Eimern Wasser nicht entfernen lässt.

Währenddessen kündigt sich das Gesundheitsamt an.
Wir haben natürlich alle U’s gemacht. Und geimpft. Und überhaupt. Aber in Baden-Württemberg (oder zu früheren Zeiten?) hat da niemand nachgefragt. Und wir mussten auch niemandem irgendwelche Zettel schicken.
Meine Frau telefoniert mit dem Gesundheitsamt und entschuldigt unsere Schlamperei, außerdem würde sie – als im Osten aufgewachsene Frau – die Einmischung des Staates sehr kritisch betrachten. Da ich Beamter eben jenes Staates bin, überlege ich, meiner renitenten Frau mit der Wegnahme unserer Tochter durch das Jugendamt zu drohen und ein paar Gesetze aufzuzählen – lasse das aber lieber.

Im Augenblick stecke ich also in der Schublade “zu beobachtende Subjekte”. Nächsten Mittwoch kommt das Team von “Familie im Brennpunkt” vorbei und filmt mich:
Vor dem Haus die Reste einer Schiesserei (die Schrotkugeln stecken noch im Rasen) und eine große Blutlache. Amy bekommt gerade einen Zahn und schreit viel. Ich habe überdies Mittwochs erst zur 5. Stunde und kann somit nicht nur ausschlafen, sondern gleichzeitig auch alle Vorurteile über das faule Lehrerpack bestätigen.

Wir werden ein wunderbares Bild abgeben.

“Dürfen wir Musik hören?”

IMG_20150305_100354Ich arbeite viel mit Lerntheken. Das bedeutet, die Schüler suchen sich Aufgaben eines wählbaren Schwierigkeitsgerades aus und bearbeiten sie alleine oder zu zweit. Nach mehreren Jahren und deutlichen Beispielen haben die meisten mittlerweile verstanden, dass sie umso besser lernen, je mehr sie selbst denken – vulgo je mehr sie alleine arbeiten. Ich selbst werde als Lehrer im Unterricht nur noch gebraucht, um Fragen zu beantworten und bei Problemen zu helfen. Ansonsten schaue ich zu.
In letzter Zeit fragen mich besonders die Mittelstufenschüler, ob sie nebenher Musik hören dürfen und stets bin ich unentschlossen.

Nein, weil man sich auf die Aufgabe konzentrieren und nicht nebenher seine Lieblingshits summen soll. Auch nicht im Geiste. Nein, weil am Ende doch Zeit damit verschwendet wird, das nächste Lied auszuwählen oder das letzte Lied nochmal oder das Album zu wechseln oder oder oder. Nein, weil ich beim Arbeiten absolute Ruhe brauche: Radio oder Musik oder Fernsehen nebenher geht gar nicht.

Ja, weil einige Schüler stiller und konzentrierter sind. Sie werden nicht mehr vom Nachbarn abgelenkt. Ja, weil es auch Menschen gibt, die wunderbar zuhören und nebenher kritzeln können. Bestimmt trifft das auf Musik auch zu. Ja, weil gar nicht alle (nicht einmal die Hälfte) Musik hören wollen, sondern nur ein kleiner Teil (übrigens fast ausschließlich Mädchen).

Wie bei vielem muss ich letztlich zugeben, dass ich nicht weiß, ob “Musik hören beim Arbeiten” irgendwelche Auswirkungen hat. Lernen die betreffenden Schüler dadurch besser? Schlechter? Macht es am Ende überhaupt einen Unterschied?

Wie seht ihr das?

Lehrerwechsel vs. Kontinuität?

20140827_130625Im Sommer werde ich meine Klasse schon drei Jahre leiten. Dann ist Halbzeit. Ein guter Augenblick, sich Gedanken zu machen, ob ich die Klasse behalten oder abgeben möchte.
An meiner Schule werden stets zwei Klassenlehrer eingesetzt und nachdem meine erste Co mich wegen ihrer Familienplanung verlassen hat, habe ich mit ihrer Nachfolgerin genauso viel Freude im Alltag. Als wir uns über die Zukunft unserer Klasse unterhalten wird uns beiden schnell klar: Egal was und wie – aber wir bleiben zusammen.

Wir nehmen uns Zeit, viel Zeit, um uns Gedanken zu machen. Zwei Aspekte stehen zentral im Vordergrund:

  • Was ist gut für die Klasse? und
  • Was wollen wir eigentlich?

Familienleben.

IMAG0114_1Kritisch beäugt Oma die kleinen Babyfingerchen vom Amy. “Ihr müsst mal daran denken, der Kleinen die Hände zu waschen”, belehrt sie uns. “Nicht, dass die krank wird.”

“Keine Sorge”, murmelt Carolina wie beiläufig ins Wohnzimmer, “der Hund hat die vorhin ganz sauber geleckt.”

Sie sagt das in einem Tonfall, bei dem man nicht genau weiß, ob sie einen Witz gemacht hat.