#10: Die Macht eines Gedichts

Bis hierher haben wir uns ein paar Erzählungen aus der Bibel angesehen, den Kontext betrachtet und die Einbettung in die Geschichte und wie die Welt seinerzeit aussah und das viele dieser Geschichten nur oberflächlich betrachtet voneinander unabhängige Erzählungen sind.
Es gibt einen roten Faden.
Als nächstes dann wollen wir diesen roten Faden tiefer ergründen und schauen, wie er mit der menschlichen Entwicklung verwoben ist.

In einem Artikel erwähnte ich einmal, dass die Bibel mit einem Gedicht beginnen würde (der Artikel ist lang, aber lesenswert) (er ist wirklich sehr lang – aber auch wirklich lesenswert). Einige weitere Gedanken dazu. weiterlesen

#9: Adam & Eva

Adam und Eva

In einem Physikkurs spreche ich immer wieder über die Entstehung unseres Sonnensystems. Ich erzähle davon, dass die Sonne vor allem aus (den leichten und kleinen Atomen) Wasserstoff und Helium bestünde und dass alle schweren und großen Elemente um uns herum (wie Sauerstoff und Kohlenstoff und die Tafel vorne und die Kreide und meine Ohrläppchen und überhaupt alles) aus dem Inneren einer explodierten, alten Sonne entstammten. Eine Supernova sei so etwas wie ein Backofen für Elemente. Dort verbacken die leichten Elemente zu schweren.

Am Schluss solcher Stunden kommen zuweilen Schüler nach vorne, bedanken sich für die nette Geschichte und versichern mir, dass sie das nicht glauben würden. Es sei hübsch konstruiert und nett erzählt – aber doch ziemlich weit hergeholt.

Hm.

Aktuelle Umfragen aus den USA belegen, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung davon ausgeht, dass die Erde nur wenige tausend Jahre alt ist. In Deutschland bezweifelt etwa ein Drittel die Evolutionstheorie.

Hmm.

Die Vorstellung, jemand nähme die Adam & Eva-Erzählung als Tatsachenbericht, schien mir lange Jahre völlig absurd. Bis jene Schüler vor mir standen und mir höflich mitteilten, dass ihr Physiklehrer gerade ihren Glauben mit Füßen trat.

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#8: Steinewerfer

Steinewerfer

Wir haben bisher einen Blick auf einige alte hebräische Schriften geworfen, die das ein oder andere Ereignis womöglich in neuem Licht erscheinen lassen. Heute wollen wir mal einen Blick in die Evangelien werfen, in eine Geschichte über Jesus und suchen dann nach dem roten Faden, der all das miteinander verbindet.

Also: Steinewerfer.
Eine Frau wird inflagranti bei einem Liebhaber erwischt und die Religionspolizei (was ein entsetzliches Wort) bringt sie (aber nicht ihren Kerl) in den Tempel und klagt sie an. Dabei versuchen die Gelehrten, Jesus die Worte zu entlocken, nach dem Gesetz solle sie gesteinigt werden. Schöne Nächstenliebe, Herr Messias.
Jesus aber kniet sich hin, kritzelt etwas in den Staub und sagt dann:

Derjenige von euch, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Er schreibt noch etwas auf den Boden und schließlich gehen die Ankläger von dannen, bis nur noch Jesus und die Frau zurückbleiben. Er fragt sie, ob irgendwer sie verurteilt, sie sagt Nein, er sagt ihr, dass er das auch nicht tue und sie fortan ohne Sünde leben solle.

Ende der Geschichte.

Bleibt die Frage, was er auf den Boden geschrieben hat.

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#7: Das revolutionäre Buch ‘Leviticus’

Ist Leviticus nicht eigentlich das Paradebeispiel dafür, warum das Alte Testament so ein archaisches und überholtes Buch ist? Wer (mit halbwegs funktionierendem Verstand) würde ‘Leviticus’ und ‘revolutionär’ in einen Satz packen?

Also, wohlauf denn.

Leviticus beginnt mit umfangreichen (um ehrlich zu sein: langweiligen) Anweisungen wie man verschiedene Opfer darbringt: das Brandopfer, das Speiseopfer, das Dankopfer, das Sühneopfer und das Schuldopfer. Brand? Sühne? Schuld? Klingt nach einer Party, hm?

Und um das noch auf die Spitze zu treiben, folgen Vers um Vers mit genauen Instruktionen, was man mit dem Fett (der geopferten Tiere), dem Fleisch (selbiger Tiere), der Leber und dem ganzen Blut machen soll.

Zwei Anmerkungen zum Text:

Erstens beginnt das Buch damit, dass der HERR (so wird Gott stets genannt) zu Mose sagt:

Wenn ihr dem HERRN eine Opfergabe darbringen wollt…

Im hebräischen steht an der Stelle für darbringen das Wort “Korban” (קָרְבָּ֖ן) und Korban impliziert Nähe.

Nähe?

Die Götter wurden damals als weit entfernte, distanzierte, anspruchsvolle und fordernde Wesen verstanden, deren Hunger stets gestillt werden musste. Man wusste nie so recht, wie man mit den Göttern gerade stand (in der griechischen Mythologie kann man das erahnen: Ständig gab es Streit zwischen Menschen und Göttern).

Aber an dieser Stelle kann man Gott nahe sein? Im Ernst? Das war eine neue Idee.

Ein kurzer Moment zum Innehalten: Wir sind erst einen Vers eingetaucht und schon drehen sich unsere Gedanken im Kreis: Menschen sprachen über Götter nicht auf diese Weise. Die Menschen kannten Götter nicht auf diese Art. Was bedeutet…

Dieser Gott ist anders.

Zu diesem Gott kann man eine Beziehung aufbauen.

Das führt zu einer zweiten Beobachtung: Eines der Opfer wird als “Dankesopfer” (שְׁלָמִ֖י) bezeichnet: Man könnte auch Friedensopfer dazu sagen. Also ein Opfer, das man darbringt, um Frieden mit Gott zu haben. In einer Zeit, da man den Launen der Götter (Sonne, Regen, Sturm, Flut, Meer) ausgeliefert war (s. letzter Beitrag) und man in steter Angst leben musste, ob man diese Götter womöglich durch ein zu geringes Opfer oder irgendwelche unbedachten Taten verärgert hat – in dieser Zeit erschien es wie ein unerhörtes Angebot, Gott durch ein klar definiertes Dankesopfer zu besänftigen.

Mit anderen Worten: Man wusste plötzlich genau, wie man zu Gott stand.
Aber was, wenn man sich an die schnippische Antwort an die Schwiegermutter erinnert – hat das Gott womöglich erzürnt? Wie kann ich das wieder hinkriegen? In Leviticus finden wir ein passendes Opfer für diesen Fall. Was, wenn man unbeabsichtigt jemandes Esel mit altem Heu gefüttert hat, so dass der jetzt gestorben ist… Wie kann man..? In Leviticus findet sich eine passende App ein passendes Opfer für diesen Fall.

Aber trotzdem, wird man nun einwenden, ist das doch einfach schaurig und blutig! Muss das denn sein?

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass dieser Text tausende von Jahren alt ist.

Aber warum all diese vielen Details?

Zu dieser Zeit lebte man in dem Glauben, dass die Götter einen für eine falsche Geste oder ein unbedachtes Wort bestrafen konnten. So sahen die Menschen ihre Götter. “Einmal falsch geblinzelt und du bist Geschichte!” Die vielen Einzelheiten in Leviticus hatten eine zutiefst beruhigende Wirkung auf viele Menschen, weil man sichergehen konnte, sich mit Gott gut zu stellen und keinen Zorn auf sich zog.

Aber all die Wiederholungen machen es schwer, das Buch durchzulesen, ohne dabei einzunicken..

An dieser Stelle möchte ich ermutigen, einmal das Strafgesetzbuch durchzulesen. Mit all seinen Details und Ausnahmen und… Auch hier macht die Lektüre keinen besonderen Spaß – aber sie beruhigt uns. Denn das Vorhandensein von Regeln und Gesetzen sorgt für eine gewisse Ordnung.

Und warum haben sie das ganze System von Opfern nicht einfach zusammengefasst?

Guter Punkt. Warum nicht alles über eine Klinge scheren. Ein endgültiges Opfer für alle Sünden und dann ist alles wieder okay. Einmal den Tempel abreißen. Einmal verkünden, dass alles… Moment… wir sind schon ein bisschen voraus, oder? (Bitte – diesen Abschnitt muss man genießen ;-) )

Okay – das wirft die Frage auf, warum sie diesen Schritt mit den zahlreichen Opfern nicht übersprungen haben?

Nun… wie verändern sich Sachen? Wie ändert man das Bewusstsein eines ganzen Volkes? Wie ändert man Rituale und Bräuche, die seit Urzeiten von den Vätern und Großvätern weitergegeben wurden?

Kann man sich einfach hinstellen und sagen: “Sorry, Freunde! Die Zeit ist um – jetzt kommt etwas neues..”?

Ende des letzten Jahres schlug ein Politiker vor, man könne in deutschen Kantinen doch einen vegetarischen Tag in der Woche einführen.

Was ein Aufschrei!

Wir alle wissen, dass der Fleischkonsum den Planeten zugrunde richtet. Wir wissen, dass der Regenwald abgeholzt wird und Abermillionen Tonnen Medikamente in der Fleischindustrie missbraucht werden. Wir alle wissen das. Und wir wissen seit letztem Jahr auch, dass die NSA jeden unserer Schritte überwacht. Das zahlreiche Konzerne uns ausspionieren und mit unseren Daten handeln. Kein Mensch wehrt sich dagegen – aber einen vegetarischen Tag in der Woche einzuführen, das sei ein nicht zu akzeptierender Eingriff des Staates in unser Leben. Das ruft die Boulevard-Medien auf den Plan!

Um Dinge zu ändern, braucht es Zeit. Man holt Menschen da ab, wo sie stehen, spricht in der Sprache, die sie sprechen, zu ihnen und führt sie Schritt für Schritt zu neuen Ideen und Einblicken.

Leviticus ist also ein Schritt vorwärts?

Leviticus war seinerzeit ein revolutionärer Schritt nach vorn im menschlichen Bewusstsein, der die Menschen einlud, eine völlig neue Vorstellung des Göttlichen zu entwickeln.

Meinte Paulus das, als er schrieb, das Gesetz sei ein Lehrmeister?

So langsam passen die Teile, nicht wahr? Ein Lehrer holt dich an der Stelle ab, an der du stehst und begleitet dich zum nächsten Ort. Man braucht ihn für eine gewisse Zeit und mit ihm und durch ihn wächst man, entwickelt sich und entdeckt schließlich, dass man nicht mehr der Gleiche ist wie früher.

Nun, da wir schon sieben Teile in dieser Reihe vollbracht haben, fühlt es sich an, als würde ein roter Faden all diese Erzählungen und Geschichten verbinden – nämlich eine wachsende und zunehmend differenzierte Betrachtung Gottes.

Als nächstes wollen wir uns ansehen, was Jesus in den Staub schrieb, als die Meute die Frau steinigen will.

Dank geht an Rob Bell.
Alle Teile der Serie.

#6: Sohn

Und Gott sprach: “Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst-Isaac-und ziehe hin in das Land Morija. Opfere ihn dort…”

Genesis 22.

Diese Passage ist vielleicht das Paradebeispiel für jene Art Erzählung, die Menschen aus der Bibel ziehen um zu fragen, was eine Geschichte über einen Mann namens Abraham und seinen Sohn uns heute wohl noch sagen soll. Oder, um etwas genauer zu sein: Welche Art Gott würde einen Mann auffordern, seinen Sohn zu opfern?

Als Richard Dawkins vor einigen Jahren sein vielbeachtetes Buch “The God Dillusion” veröffentlichte, fühlte es sich an, als würde vor allem diese Geschichte immer und immer wieder zitiert. Was für eine Art Gott soll das sein?

Das ist die Frage, nicht wahr?
Wir wollen uns diese Geschichte ansehen, weil es darauf eine Antwort gibt. Eine klare, schwarz-weiß-, richtig-falsch-Antwort direkt hier in der Geschichte.

Um sie zu verstehen, müssen wir allerdings einen kleinen Exkurs in Religionsgeschichte machen, daran anschließend betrachten wir einige Details der Geschichte und kommen so zu einer adäquaten Antwort. Versprochen.

Zunächst eine kurze Abhandlung der Religionsgeschichte:
Die frühe Menschheit kam irgendwann zu der Erkenntnis, dass ihr Überleben von Dingen wie Nahrung und Wasser abhängig war. Für die Nahrung brauchte es Sonne und Regen im richtigen Verhältnis: Zuviel Wasser und zu viel Regen und alles wurde weggeschwemmt. Zuviel Sonne und zu viel Wärme und alles trocknete aus. Diese Beobachtungen brachten die Menschen zu der Überzeugung, dass sie von gewissen unsichtbaren Kräften abhängig waren. Kräften, auf die sie keinen Einfluss hatten. Es entstand ein Glaube daran, dass diese Kräfte entweder auf deiner Seite waren – oder nicht (und heute ist “Das Schicksal hat sich gegen mich verschworen” noch genauso…).

Es stellt sich also die Frage, wie man diese Kräfte auf seine Seite zieht.

Natürlich durch ein Zeichen der Dankbarkeit! Wenn wir also das nächste Mal die Ernte einholen, dann nehmen wir einen Teil der Ernte und sie diesen Kräften (Göttern?) als Zeichen opfern. Damit sind sie auf unserer Seite.
Nun stellen wir uns einmal vor, was geschähe, wenn wir opferten, aber es regnet nicht oder unsere Tiere werden krank oder bekommen keine Junge. Uns würde sich die Schlussfolgerung aufdrängen, dass wir zwar geopfert haben – aber eindeutig nicht genug.
Also opferte man mehr. Und mehr. Und mehr. Denn das, was Religion und Aberglaube in ihrer ureigensten Form erzeugt, ist Angst.
Man wusste nie genau, wie man mit den Göttern stand. Sie waren zornig und anspruchsvoll und wenn man ihnen nicht gefiel, dann wurde man bestraft.

Und was, wenn es gut lief? Wenn es genau im richtigen Maß regnete? Was, wenn die Götter sehr zufrieden mit einem waren? Na – dann musste man seinen Dank entsprechend zeigen. Aber wie soll man herausfinden, ob man “richtig” gedankt hat? Ob man genug dargeboten hat?

Wenn es gut läuft, weiß man nicht, ob man sich auch dankbar genug zeigt und wenn es schlecht läuft, weiß man, dass man nicht genug geopfert hat. In jedem Fall geht es um Angst. (Aus diesem Grunde ist das Buch Leviticus so revolutionär – aber dazu später!)
An dieser Stelle kommen wir zu einem springenden Punkt: Denn egal ob es auf dem Hof gut läuft oder schlecht – die Götter verlangen immer nach mehr. Mehr opfern. Dankbarer sein.
Und weil die Menschen nicht wussten, wo sie mit den Göttern standen, haben sie erst einen Teil der Ernte dargebracht. Dann vielleicht eine Ziege. Vielleicht ein Schaf. Vielleicht eine Kuh. Vielleicht ein paar Kühe.
Die Grundstruktur früher Religion (früher? Jetzt nicht? Dazu kommen wir später!) lief darauf hinaus, dass alles in der Furcht eskalierte, den Göttern gefallen zu müssen – also opferte man mehr und mehr und mehr.
Und was ist das wertvollste, was man den Göttern opfern kann, um ihnen zu zeigen, wie dankbar man für den Segen ist? Ein Kind. Was sonst?
Können wir sehen, wie rechts und links vom Alten Testament Menschenopfer lauern? An diese Stelle führt Religion oft: An einen Ort, an dem man aus Angst das opfert, was einem am wertvollsten ist. Überall in der Weltgeschichte findet sich dieser Aspekt wieder.

Nun zur Abraham Geschichte.

Als Gott Abraham auffordert, seinen Sohn zu opfern, ist der nicht besonders geschockt:

Da machte sich Abraham früh am Morgen auf und belud seinen Esel.

Abraham legt direkt los. Er streitet nicht mit Gott, er protestiert nicht einmal. Er weiß ganz genau, was er zu tun hat und legt los.

Was sonst? Denn so funktionierte Religion. Seit Urzeiten. Die Götter verlangten, was am wertvollsten im Leben war. Und wenn man es ihnen verweigerte, dann würde man den Preis bezahlen. So war die Welt seinerzeit.

(Und ja – das ist ohne Zweifel furchtbar)

Also zieht Abraham los und

erreichte den Ort am dritten Tag.

Drei Tage lang mit seinem Sohn unterwegs zu sein, in der Gewissheit, dass er stirbt, klingt entsetzlich. Ich bin einigermaßen froh, dass ich in einem Land lebe, in dem so etwas nicht mehr üblich ist.
Aber Abraham steigt auf den Berg, bereitet sich vor seinen Sohn zu opfern – aber Gott hält ihn im letzten Moment auf und statt des Sohnes opfert er einen Widder. Ende der Geschichte.

Naja.. Fast.

Ein Engel taucht auf und verkündet Abraham, dass er gesegnet wird und durch seine Nachkommen viele Nationen der Erde.

Zurück zur ursprünglichen Frage: Welche Art Gott verlangt von einem Mann, seinen Sohn zu opfern?

Die Antwort: Nicht dieser Gott.
Andere Götter mögen nach den Erstgeborenen fragen, aber nicht dieser.

Aber wenn Gott nicht nach dem Blut des Sohnes fragt, warum dann dieser ganze Zirkus?

Mehrere Antworten.
Zuerst: Das Drama ist der springende Punkt. Abraham weiß, was zu tun ist, weil es so üblich ist. Zunächst erscheint dieser Gott wie alle anderen Götter und die Geschichte über ein Opfer wie alle anderen Opfergeschichten. Die ersten Zuhörer dieser Geschichte werden sie gekannt haben, weil die Entwicklung bekannt war.
Aber dann ändert sich etwas.
Die Geschichte nimmt einen anderen Verlauf, der nicht vorauszusehen war. Dieser Gott zerbricht die Tradition, die schon seit Generationen üblich war. Man kann sich das Erstaunen der Zuhörer seinerzeit bildlich vorstellen: Gott hat ihn davon abgehalten, seinen Sohn zu opfern?

Zweitens: Der Gott in dieser Geschichte bietet etwas an. Opferung und Anbetung sind Dinge, die man zu Gott bringt. Eine Geschichte über einen Gott, der Abraham etwas gibt, ist.. skurril.

Drittens: Diese Geschichte handelt nicht davon, wie treu Abraham Gott ergeben ist oder was er für Gott tut. In dieser Geschichte geht es darum, was Gott für Abraham tut. Atemberaubend! Neu! Revolutionär. Ein Gott, der nichts verlangt, sondern der gibt und segnet.

Viertens: Abraham bekommt zu hören, dass Gott mit ihm eine Geschichte beginnen will. Nämlich, dass soviel Liebe und Segen erfahren wird, dass durch ihn jedermann Segen erfährt. Dieser Gott ist nicht wütend oder fordernd – dieser Gott will jeden lieben. Abraham wird eingeladen, ihm zu vertrauen. Glauben zu haben. Und in diesem Versprechen sein Leben zu gestalten.

Können wir an dieser Stelle erkennen, wie viele fantastische Ideen in diese Geschichte eingebunden sind? Können wir erkennen, warum dieser Geschichte nicht in Vergessenheit geraten, sondern immer weitererzählt worden ist?
Fällt uns eventuell noch eine andere Geschichte über einen Sohn ein, der drei Tage lang so gut wie tot war aber dann doch in einer Art und Weise gelebt hat, dass es die üblichen Werte und Glaubensgrundsätze über einen zornigen, fordernden Gott seiner Zeit mit einer Botschaft eines liebenden, segnenden Gottes konfrontierte?

Eventuell.

Wir haben also etwas über die Flut und einen Fisch und Türme und Söhne gelernt. Und ich glaube, wir sind immer noch erst am Anfang.

Nächstes Mal: Das revolutionäre Buch Leviticus.

Dank geht an Rob Bell.
Alle Teile der Serie.

#4: Fisch

Unter dem zweiten Artikel meiner Reihe warf der User klirrtext eine berechtigte Frage auf:

image

Das ist eine gute Frage. Aber – wie ich finde – gleichzeitig auch eine schlechte. Denn ich empfinde die Streitereien über biblische Texte oft als ermüdend (besonders im Internet) und ich glaube, dass solche Diskussionen uns ablenken und gleichsam verhindern, dass solche Texte in unser Leben sprechen. Ein paar Gedanken dazu heute.

Nun..also: Entsprechend der Geschichte wird Jona von einem Fisch verschluckt, beginnt in seinem Inneren zu beten und dann, drei Tage später:

Und der HERR befahl dem Fisch, und er spie Jona auf das trockene Land aus.

Jona, Kapitel 2.

Nunja.. der naturwissenschaftlich geprägte Teil in uns reagiert auf eine solche Erzählung mit einem Rollen der Augen und einem “Im Ernst? Es ist 2014! Haben wir diese ganze Zauber-Wundergeschichten nicht hinter uns gelassen? Sind wir nicht über diese Märchen langsam mal hinweg? Sind das nicht genau die Behauptungen, die so viele Leute aus den Kirchen getrieben haben?”

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#3: Fisch

…In seinen Tagen kam Pul, der König von Assur, in das Land…

…zog Tiglat-Pileser, der König von Assur, heran… und verschleppte ihre Bewohner…

…zog Salmanassar, der König von Assur, gegen Samaria und belagerte es…

aus 2. Könige 15 und 18

Angegriffen.

Verschleppt.

Belagert.

Die Assyrer waren niederträchtig. Schreckliche, gewalttätige, aggressive Leute, die das Leben für die Israeliten zur Hölle gemacht haben. Jahr um Jahr um Jahr.

Nicht, dass wir heute wesentlich weiter entwickelt wären. Anfang des Jahres erklärte die CSU recht deutlich, welches Bild sie von den Rumänen habe. In Dafur metzeln sich verschiedene Volksstämme gegenseitig nieder. In Nigeria töten sich radikale Christen und fanatische Muslime gegenseitig. Eine elende Zeit, ohne Hoffnung auf Besserung.

Zu solch einer Zeit entstand die Geschichte um einen Mann namens Jona. Jona war ein Israelit. Und in dieser Geschichte trägt Gott Jona auf, eine Botschaft in die große Stadt Ninive zu bringen.

Ninive aber war in Assyrien.

Assyrien? Unser schlimmster Feind? Die verhassten Ungläubigen, die das Leben für unser Volk immer und immer und immer wieder zur Hölle machen? Gott will, dass ich in das Zentrum des Wahnsinns und des Bösen laufe und ihnen eine gute Botschaft überbringe? Im Ernst?

Jonah will nichts davon und so rennt er zum nächsten Hafen, springt auf ein Schiff und segelt in die entgegengesetzte Richtung.

Natürlich tut er das.

Ich würde auch in ein Boot springen.

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#2: Flut

Wie angekündigt, will ich heute über die Flut sprechen. Nicht, weil es eventuell zu dem gleichnamigen Blockbuster passt, der bald ins Kino kommt. Sondern weil unsere Ahnen es taten. Die Sumerer erzählten Hochwassergeschichten. Die Mesopotamier berichteten von der Flut. Und die Babylonier. Geschichten über Wasser und seine zerstörerische Kraft, Dörfer, Städte und ganze Landstriche zu verwüsten waren in der antiken Welt nicht unüblich.

Es gab sogar Geschichten über Menschen, die Boote bauten, um die Fluten zu überleben.

In all diesen Flutgeschichten ist das Wasser als eine Art göttliches Urteil betrachtet worden, als Strafe für die Menschen, bei denen vieles schief lief. Die Götter seien zornig, so glaubte man, und die Flut war der Weg, die Welt von allem Unrat zu reinigen.

Die Flut kam vierzig Tage lang über die Erde…
[Gen 7]

Wenn uns zu Beginn der Bibel also eine Geschichte über die Flut begegnet, ist das gar nicht so ungewöhnlich. Die Geschichte unterscheidet sich nicht einmal besonders von den anderen Geschichten der Sumerer, Mesopotamier oder Babylonier, weil sich dieser Gott nicht von denen der Sumerer, Mesopotamier und Babylonier unterscheidet – genervt von der Boshaftigkeit der Menschen, drückt er seinen göttlichen Zorn in Form einer Flut aus.

Aber dann passiert etwas ungewöhnliches in der Geschichte. Sie endet mit dem göttlichen Versprechen, dass so etwas nie wieder passieren werde:

Gott erschafft einen Regenbogen und schenkt uns ein Versprechen und einen Bund.

Bitte was?

Einen Bund. Eine Vereinbarung. Ein Schwur. Eine familiäre Bindung zwischen zwei Menschen, die zueinander gehören.

Das Ende dieser Flutgeschichte unterscheidet sich massiv von denen der anderen. Bei den anderen sind die Götter zornig und jeder stirbt und die Götter sind befriedigt. Ende der Geschichte.

Aber der Gott in dieser Geschichte ist anders. Er verpflichtet sich, mit den Menschen einen neuen Weg zu beschreiten, einen Weg, in dem das Leben erhalten und geachtet wird.

Warum wurde diese besondere Geschichte erzählt?

Warum hat diese Geschichte Bedeutung?

Warum hat sie Bestand?

Einige Gründe.

Erstens: Stellen wir uns vor, wir hätten keine NASA-Bilder als Desktophintergrund, keine Wetterberichte und auch kein Goggle-Maps. Stellen wir uns vor, wir hätten uns nie weiter als ein paar Kilometer von unserem Geburtsort entfernt. Nichts als die fünf, sechs Dörfer um uns herum.

Okay?

Und dann stellen wir uns vor, wie eine gewaltige, massive, wirbelnde und furchterregende Wand aus Wasser heranrast, aus heiterem Himmel und uns unser ganzes Leben nimmt. Wir erinnern uns an die Bilder aus Japan. Fukushima.

Was hätte das für Folgen in unserem Kopf?

Wir würde vermutlich tun, was man immer tut, wenn es einem schlecht geht – wir suchen nach Gründen. Und in der Antike war völlig klar, dass diese Art von Kräften, diese Dinge nur den Göttern möglich waren. Und diese Götter waren der Menschen offensichtlich überdrüssig geworden mit ihren Verleumdungen und dem Chaos und hatten wohl beschlossen, sie auszulöschen.

So sahen die Menschen (seinerzeit) die Welt.

Die Götter waren ziemlich sauer und genauso verstand man sie auch.

Aber diese Geschichte handelt von einem Gott, der eine Beziehung aufbauen will.

Ein Gott, der erretten will.

Ein Gott, der in einem Bund leben will.

Diese Geschichte handelt von einer neuen Sicht auf Gott und von Gott.

Keiner, der die Menschheit austilgen, sondern in Beziehung leben will.

Natürlich ist es eine einfache, primitive Geschichte. Natürlich. Es ist ja auch eine sehr, sehr alte Geschichte. Aber sie erzählt uns etwas darüber, wie die Menschen seinerzeit die Welt verstanden haben und was um sie herum geschah.

Diese Geschichte aber nur als alt und primitiv abzustempeln und wegzulegen, wird ihr nicht gerecht, denn als sie zum ersten Mal erzählt wurde, offenbarte sie ein atemberaubendes, neues Konzept über einen besseren, freundlicheren, friedvolleren Gott, der die besten Absichten für die Menschheit hatte.

Sie ist primitiv und gleichzeitig extrem progressiv.

Noch ein Gedanke. Über Einhörner.
(Wie großartig ist diese Überleitung?)

Wenn jemand (wir?) Geschichten aus der Bibel hören, dann oft mit rollenden Augen, die ein unterschwelliges “kannst du glauben, dass heutzutage noch jemand diesen Kram glaubt?” suggerieren.

Diese Form von Zynismus entsteht, denke ich, durch die Art und Weise, wie (oft sehr religiöse) Menschen versuchen zu beweisen, dass dort wirklich zwei Tiere jeder Art in der Arche standen und

Ja, das Schiff war groß genug!

Und

Natürlich hatte Gott einen Plan, was mit dem Elefanten-Pupsi-Mupsi geschehen sollte.

Etwas in der Art.
Bei dem Versuch, diese Texte in ihrer Wörtlichkeit zu begreifen, schießt man oft am Ziel vorbei – man begreift die wirkliche Aussage der Geschichte nicht. Denn diese Noah-Erzählung ist ein krasser Schritt nach vorne in der Geschichte der Menschheit gewesen, ein Durchbruch in dem Verständnis, wie die Menschen Gott betrachtet haben und ein weiterer Schritt hin zu einem weniger gewalttätigen, rationaleren Gott.

Sie beginnt wie die anderen Geschichten über die Flut,

aber dann geschieht etwas anderes,

etwas Neues.

Etwas Besseres.

Grund genug, von der Flut hin zu einem Fisch zu kommen.

Genauer gesagt, zu einem Fisch, der Leute verschluckt und sie nach drei Tagen wieder ausspuckt.

Dank geht an Rob Bell.

Bibel #1: Jemand schrieb etwas nieder.

Klasse 13. Deutsch Grundkurs.
Es geht um Hiob. Jene tragische Gestalt aus der Bibel, die zunächst ein gesegnetes Leben führt und dann entsetzliches Unheil erlebt.
In einer Klausur bewertet ein Schüler das Ende der Geschichte:

Dass Gott Hiob schließlich wieder Kinder schenkt, ist kein Trost. Denn wer will schon geschenkte Kinder? Die eigenen sind doch unersetzlich!!

Skurril.

imageIch bin mit einer Pastorin verheiratet – und das eröffnet mir immer wieder Ansichten und Erkenntnisse, vor denen ich nur ehrfürchtig dasitzen kann.

Hin und wieder habe ich das hier erwähnt. Natürlich wird das eine ganze Menge von euch überhaupt nicht interessieren. Ein paar werden meinen Gedanken zustimmen, andere widersprechen. All das ist, glaube ich, gar nicht so wichtig.

Zum einen nutze ich den Blog und den Akt des Schreibens als eine Form der Verarbeitung. Ich durchdenke und begrüble verschiedene Dinge, während ich schreibe. Das geht sicher vielen Bloggern so. Bei Serverkosten von 17,79 € im Jahr für das Blog ist das billiger, als einen Psychotherapeuten zu engagieren.

Vor einigen Wochen begann der Pastor Rob Bell einen Blog zu führen, indem der ein wenig durch die Bibel streift. Ich finde den ganz spannend – und kenne genug Leute, die das gerne lesen würden, deren Englisch aber zu schlecht ist. Mit clip_image001Rob Bells freundlicher Erlaubnis darf ich seine Texte schamlos kopieren, übersetzen und hier posten. Vieles ist von ihm – hier und da habe ich eigene Gedanken ergänzt. Für mich ist es… atemberaubend – womöglich zieht der ein oder andere hier und da neue Erkenntnisse an Land.

Genug der Vorrede – los geht’s: weiterlesen