#19 Musik

Vor einigen Tagen wurde meine Tochter beim Wocheneinkauf zur Umkehr aufgerufen, um nicht in der Hölle zu enden. Vor dem Supermarkt stand ein sehr überzeugter Herr auf einer kleinen Bühne und spielte mit Puppen die Jesus-Geschichte nach. Vor ihm saßen staunende Grundschulkinder auf einer flauschigen Decke und darum herum standen (mehr oder weniger) interessiert dreinblickende Erwachsene und lauschten. Begriffe wie “Sünde” und “Vergebung” und “Umkehr” und “unfehlbar” drangen dumpf in meinen Kopf.

Eine unsanfte Erinnerung daran, dass das Siegerland die NRW-Version des amerikanischen Bible Belts ist.

Ich gehöre zu den Menschen, die sich zusammennehmen müssen, wenn vor ihnen jemand eine BILD-Zeitung kauft. Oder kleine Kinder anpredigt.

Continue reading

#18 Anschnallen, Freunde.

Erinnert ihr euch an diese Szene im ersten Waynes World Film als Wayne und Garth Street Hockey spielen und ein Auto kommt und beide rufen “Auto!” während sie das Tor beiseite schieben und als das Auto vorbei ist rufen sie “Spiel läuft!” und schieben das Tor zurück?

Das hier ist etwa genauso. Und es wird Zeit, meine Reihe über die Bibel wieder aufzunehmen. Der erste Teil ist hier zu finden. Aber jetzt: Spiel läuft!

Im ersten Kapitel des Briefes von Paulus an die Epheser können wir lesen:

Er hat uns seinen Plan wissen lassen, der bis dahin ein Geheimnis gewesen war und den er – so hatte er es sich vorgenommen, und so hatte er beschlossen – durch Christus verwirklichen wollte, sobald die Zeit dafür gekommen war: Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist.

Moment mal… was?

Alles soll vereint werden?

Alles?

Zunächst ein wenig griechisch für all jene unter uns, die die Hausaufgaben im Bus abgeschrieben haben: Die Phrase “alles vereint werden” ist im griechischen das Wort pas und es bedeutet wörtlich… “alles”. (Man könnte meinen, da stecke etwas Subtiles oder Tiefgründiges dahinter – aber es meint genau das.)

Eine kleine Zusammenfassung: Paulus zufolge tut Gott etwas – etwas, das alle Dinge involviert, einfach weil es ihm gefällt.

Gott sucht nach Dingen, die ihm gefallen.

Nur dahin entwickelt sich alles.

Gott genießt das, was auch immer es ist.

Nun, ein paar Gedanken zu dem was-auch-immer.

Der Satz, mit dem beschrieben wird, was Gott durch Christus tut wird hier als

“alles vereint” übersetzt.

In anderen Übersetzungen heißt es

zusammenfassend

oder

zu sammeln

oder

ins Gedächtnis zurückzurufen

oder

auf den Punkt.

Das Wort im Griechischen ist anakephalaiossathai. (Haltet einen Moment inne, um die schiere Wucht dieses Wortes zu genießen! Wer dieses Wort benutzt, das schwätzt nicht nur rum – und tatsächlich kommt es in der Bibel nur ein einziges Mal vor) (In Scrabble hätte man damit praktisch sofort gewonnen!).

ana bedeutet wieder,

kephale bedeutet Kopf,

anakephalaiossathai bedeutet also, alles wieder unter einen Kopf zu bringen. (Das Wort hat auch Verbindungen in die antike Welt der Mathematik und beschreibt, was passiert, wenn man verschiedene Zahlen zu einer zusammen zählt.) (Mathematik ist auch großartig.)

Zwei Anmerkungen zu diesem Wort:

Manchmal wird es übersetzt als ins Gedächtnis zurückzurufen.
Sich etwas ins Gedächtnis zurückzurufen ist ein anderes Wort dafür, etwas noch einmal zu erzählen. Und wenn wir Geschichten neu erzählen, dann lassen wir die nervigen und ätzenden Details nicht wegfallen – aber sie erscheinen in neuem Licht.

Als ich noch ein Jugendlicher war, kamen meine Eltern auf die fantastische Idee, im Januar eine Drainage unter dem Reitplatz zu verlegen. Zusammen mit meinen Brüdern musste ich bei minus 10°C tiefgefrorenen Boden aufstemmen und mit klammen, steifgefrorenen Fingern Rohre verlegen und Kies verladen und Sand umschütten. Es waren die schlimmsten Weihnachtsferien unseres Lebens.

Und doch, wenn wir heute zusammensitzen und die Geschichten von früher erzählen, dann tun wir das mit einem Lächeln.

Haben wir in der Kälte gelacht? Oder fanden wir es besonders komisch, tonnenweise Kies über den Hof zu fahren? Hat es uns Spaß gemacht, den steinharten Boden aufzuhacken?

Nein.

Es war zum kotzen!

Und doch… wenn ich die Geschichte heute erzähle, dann werden alle diese Details immer besonders betont, den sie gehören zu einer richtig guten Geschichte dazu.

Ihr alle kennt solche Geschichten.

Aber jetzt zurück zu dem Vers.

Paulus zufolge möchte Gott alles neu erzählen. Alles. Denn alles liegt zerbrochen, unvereint, zerstört und verletzt herum – aber es erfüllt Gott mit Freude, die Dinge zusammenzusetzen. In Christus.

Nach Paulus, Gott ist erzähle…alles. Seine uneinig waren, gebrochen, gebrochen, Teile sind mit verstreut über dem Ort, und es bringt Gott Freude zu bringen sie alles wieder zusammen in Einheit. In Christus.

Alles?

Alle Teile der Geschichte?

Alles was je ein Mensch jemals getan hat?

Warum benutzt Paulus dieses große Wort pas? Warum schließt er auch auch Himmel und Erde mit ein?

Warum hat er nicht einige Grenzen gelassen? Warum hat er nicht gesagt religiöse Dinge…oder christliche Dinge…oder erlöste Dinge…?

Warum ist er so deutlich, dass nichts von diesem Anakephalaiossathai-Ding ausgelassen wird, dass Gott um seiner Freude willen hier ist?

(Wir mögen oder mögen nicht mit dieser Sicht der Dinge übereinstimmen – und insbesondere angesichts all des Leides in der Welt fällt es mir oft schwer, an irgend etwas Gutes zu glauben. Aber unabhängig von unserer eigenen Meinung finden wir diese Sicht der Dinge in der Bibel – und darum soll es hier ja gehen.)

Mit diesen Fragen im Hinterkopf ist es von Bedeutung, was Petrus in Apostelgeschichte Kapitel 3 sagt:

…bis die Zeit gekommen ist für Gott alle Dinge wiederzuherstellen

Und was Paulus schreibt im Brief an die Kolosser Kapitel 1

Gott gefiel es…

(da ist dieses Vergnügen wieder)

…durch Jesus mit allem versöhnt zu sein.

(Da haben wir dieses Wort pas wieder)

Und hier ist Jesus in Matthäus Kapitel 19.

Wahrlich, ich sage euch, bei der Erneuerung aller Dinge …

Was ist das?

Über was reden sie?

Wiederherstellen, Versöhnung, Erneuerung, anakephalaiossathai.

Sie alle sind konsequent in ihrer Behauptung, dass Gott in der Welt präsent ist, um alles wieder so, wie es sein sollte, zu vereinen.

Unsere zerbrochenen Beziehungen?

Armut?

Missbrauch?

Rassismus?

Gebrochene Herzen?

Alle Dinge.

Alle Dinge.

Alle Dinge.

Alle Dinge.

Alle Dinge.

Nach Paulus ist es das, was Gott Freude macht.

Dies ist es, was Gott in der Welt will.

Das ist es, was Gott jetzt tut.

Dank geht an Rob Bell.

#17: Unser Kerl lebt

Reden wir über die Auferstehung.

Es gibt vier Bücher, die von Jesus berichten: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie alle erzählen, wie Jesus von einem seiner Freunde verraten wurde, von seinem letzten Mahl mit seinen Freunden, von der Kreuzigung der Römer und dann, wie er von den Toten aufersteht.

Wenn wir in den Evangelien von jener Auferstehung lesen, dann werden die Dinge sehr schnell sehr interessant.

Markus berichtet, dass am ersten Tag der Woche Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome zu Jesus Grab gingen

während

Matthäus sagt, es waren aber die Maria Magdalena und die andere Maria, die zum Grab gingen (Was für ein Nackenschlag: Wie würde es euch ergehen, wenn ihr in die Geschichte eingehen würdet, als die andere Maria!?
Ach wissen Sie – es war die andere Maria.
Hallo Bob, liebst du Maria?
Auf keinen Fall! Ich bin total verschossen in die andere Maria!)

(Okay, jetzt habe ich den andere Maria-Witz ein bisschen überstrapaziert. Aber bitte nicht wegrennen, es gibt noch einiges über Maria zu sagen.)

Continue reading

#16: Hatten sie nur zuviel Wein?

Ich lasse mich leicht begeistern.

Von technischen Spielereien. Von wissenschaftlichen Fakten. Von Menschen. Von Berufen.
Einer der grandiosen Zufälle meines Lebens ist, dass ich mit einer Pastorin verheiratet bin. Wo ich Kirchen oder biblische Texte wie ein Trottel betrachte, weiß meine Frau oft die irrsten Zusammenhänge.

Darum beneide ich sie.

Aber es läßt mich immer wieder sprachlos zurück, wenn sie mir hier und da ein wenig von ihrer Welt eröffnet.
So wie heute.
Heute feiern wir Pfingsten, ein Fest, das sich von Pentacosta ableitet, das ist griechisch und bedeutet “fünfzig”. Pfingsten gilt als die Geburtststunde der Kirche. Kirche. Was immer einem in den Sinn kommt, wenn man an den Begriff Kirche denkt – hier ging es los.

Continue reading

#15: Annahmen und AA-Treffen

P1010031Einer meiner Lehrer erzählte mir mal, es gäbe drei Stufen der Mathematik: In der ersten Stufe würde man mit Zahlen rechnen; in der zweiten Stufe mit Buchstaben (x²+y²=z²) aber die eigentliche Mathematik sei in der dritten Stufe zu finden – dort würde man nur noch mit mathematischen Konstrukten und Gebilden um sich werfen.

Wenn man sich einen solches mathematisches Konstrukt ansieht, dann muss es bspw. über ganz bestimmte Elemente verfügen, damit es ein mathematischer “Körper” ist.

Kluge Physiker haben irgendwann einmal verwundert bemerkt, dass sich die Bausteine der Atome in ganz bestimmte Strukturen einfügen – und diese Strukturen entsprechen haargenau solchen mathematischen Körpern. Und da man bei einem mathematischen Körper wusste, welche Elemente es alles gibt – folgerte man daraus, dass auch noch ein paar subatomare Bausteine an dieser oder jener Stelle zu finden sein müssten.

Nach dem Higgs-Boson, welches als Gottesteilchen zu zweifelhaftem Ruhm gelangte, wurde also nicht einfach so gesucht – sondern anhand mathematischer Konstrukte ahnte man, dass es an einer bestimmten Stelle zu finden sei.

Verblüffend.

Vor einigen Jahren hatten meine Frau und ich einen Kunstprofessor zu Besuch. Ich erwähnte in einem Nebensatz, wie wenig ich von Kunst verstünde und jener Professor erklärte beiläufig, welche tausend Details in einem klassischen Bild zu finden seien. Was die Farben und die Pinselführung aussagte. Welche Symbole und Andeutungen eingearbeitet seien. Es war atemberaubend. Er konnte Bilder lesen.

Ein alter Studienfreund von mir loggte sich einmal – hunderte Kilometer entfernt sitzend – in meinen Computer ein, erstellte im Hintergrund einen neuen Benutzer und das alles während wir gemütlich telefonierten und ich nebenher im Internet surfte und nichts davon wahrnahm. Ein Zauberer in meinen Augen.

Wenn ich solchen Leuten beim Denken, Reden, Arbeiten zusehe, dann komme ich ins Staunen. Wie ein Kind. Ich bin seit zehn Jahren mit einer Pastorin verheiratet – und immer wieder erhalte ich Einblicke und staune, staune, staune.

Ich schreibe das, weil ich – als Christ – in meinem Glauben mit der Bibel anfangen muss. Und die Bibel – wie wir alle wissen – ist die Urheberin zahlreicher Probleme.

Einige Menschen verachten sie – ohne wirklich zu wissen, was darin steht, andere betrachten sie als Hindernis auf dem Weg zu Entwicklung und Aufklärung und wieder andere haben seit Jahren die gleichen Verse auf den Lippen und fragen sich, warum ein jeder – inklusive sie selbst – so gelangweilt ist. Und manche tragen so viel Last und Gepäck mit sich herum, dass sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Mich fasziniert die Bibel sehr. Über die Jahre hat sie sich mir mehr und mehr erschlossen, habe ich mehr und mehr Zugang zu Texten gefunden weil ich mehr und mehr verstanden habe.

Wenn du also ausgebrannt oder genervt bist oder voller ätzender Erfahrungen steckst, wenn es um die Bibel geht – dann ist das heute ein Text für dich :-)

Continue reading