Hatten sie nur zuviel Wein?

Ich lasse mich leicht begeistern.

Von technischen Spielereien. Von wissenschaftlichen Fakten. Von Menschen. Von Berufen.
Einer der grandiosen Zufälle meines Lebens ist, dass ich mit einer Pastorin verheiratet bin. Wo ich Kirchen oder biblische Texte wie ein Trottel betrachte, weiß meine Frau oft die irrsten Zusammenhänge.

Darum beneide ich sie.

Aber es läßt mich immer wieder sprachlos zurück, wenn sie mir hier und da ein wenig von ihrer Welt eröffnet.
So wie heute.
Heute feiern wir Pfingsten, ein Fest, das sich von Pentacosta ableitet, das ist griechisch und bedeutet “fünfzig”. Pfingsten gilt als die Geburtststunde der Kirche. Kirche. Was immer einem in den Sinn kommt, wenn man an den Begriff Kirche denkt – hier ging es los.

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Amoklauf.

Eine kleine Geschichte:

imageVor einigen Jahren drang Charles Roberts in eine Schule der Amish ein, schickte die Jungen und die Lehrerin raus und bedrohte die Mädchen mit einer Pistole. Den Schülerinnen gelang es, ihn in ein Gespräch zu verwickeln und der Mann erzählte, er sei wütend auf Gott und verbittert. Sein erstes Kind sei kurz nach der Geburt gestorben und er könne das nicht verwinden. Er konnte nicht vergeben.
Die älteste Schülerin der Klasse bot dem Mann an, stellvertretend für die anderen zu sterben. Er solle die anderen gehen lassen und sie töten.
Aber er lehnte ab. (weiterlesen …)

Klassenfahrt mit Hindernissen 2

Mein Handy vibriert unangenehm laut in der Stille meines Zimmers. Tamara will wissen, wie meine Nacht war. Und, ich schreibe es den unergründlichen Wundern des Katholizismus zu, in dem 1,60m langen Bett habe ich ganz wunderprächtig geschlafen.
Die 5er haben sich ebenfalls tadellos verhalten, berichtet sie. Ab 21 Uhr hatten wir sie in die Zimmer verbannt – ab 22 Uhr galt Nachtruhe. Und ausnahmslos wurde sich daran gehalten. Perfekt.

Auf dem Weg zu meiner Klasse begegne ich gutgelaunt Schwester Maria. Mit unergründlichem Blick starrt sie zuerst mein Nerd-T-Shirt an (darauf ist heute e in ‘Adrenalin’-Molekül), dann mich. Himmel, denke ich, die Morgenandacht…
“Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen”, sagt sie. Eingeschüchtert nicke ich wortlos. “Das Frauenzimmer, welches Sie heute morgen angerufen hat…”, fährt sie fort und mein Herz setzt aus. Ich erwarte Ärger, doch Schwester Maria deutet mit dem Finger auf mein T-Shirt: “Da hätte ich auch Adrenalin im Blut…”
Sie grinst verschmitzt und ich mache, dass ich davon komme.

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Monsterspiel.

Wenn ich an meine frühen Computerspielerfahrungen zurückdenke, dann sind mir vor allem jene Momente in Erinnerung geblieben, die ich mit meinen Geschwistern geteilt habe.
In einem der ersten RPGs überhaupt – dem legendären Dungeon Master – haben wir uns zu dritt Stunde um Stunde vor dem PC gegruselt und Mumien, Skelette und allerhand Pixelmonster getötet. Ein großer Spaß. (weiterlesen …)

Prüfungstag.

Heute muss darf ich durch mein zweites Staatsexamen.

Vielleicht ein guter Moment, mich daran zu erinnern, dass unser Wert nicht davon abhängt, wie hart wir arbeiten oder wie viel wir erwirtschaftet haben oder was andere von uns denken.

Ein guter Freund erinnert mich immer wieder daran, dass wir menschliche Wesen und nicht menschliche Maschinen sind.

Sommergeschichten (3)

(Forsetzung von Teil 1 und Teil 2)

Nachdem ein Ersatz für Tobias gefunden war, schien endlich alles gut zu werden.
Dortmund hatte am Abend den HSV in einer Gala zerlegt und die Medien überschlugen sich mit Lobhudeleien. Die Bundesliga ging endlich wieder los und damit schien das Leben wieder einen Sinn zu haben.

Wir sahen auf unserem Weg zur Kirche überall begeisterte Stuttgart-Fans in Trikot und mit Schals und Fahnen.

IMAG0265Tatsächlich wurden es immer mehr Fans, je näher wir der Kirche kamen. Viel mehr.

Viel, viel mehr.

Denn nach vielen Jahren zähen Ringens hatte der VFB Stuttgart aus dem Gottlieb-Daimler-Stadion die Mercedes-Benz-Arena gemacht. Und das wurde gefeiert. Groß gefeiert. Mit einem Zug durch die Stadt und vielen fröhlichen Fans. Und los ging es… genau! Direkt vor der kleinen schnuckligen Kirche, wo unsere Freunde heiraten wollten.

Das war irre skurril und ein bisschen lustig. Gefühlt eine Milliarde Stuttgart-Fans kamen aus ihren erbärmlichen Löchern (meine Frau sagt, ich soll auch die Anhänger von anderen Vereinen respektvoll behandeln… pff) ihren Hobbithöhlen Häusele und freuten sich auf das Heimspiel. Hier würde definitiv kein Bräutigam mehr auftauchen. Und keine Braut. Und überhaupt kein Gast. Himmel, dachte ich, wir haben das Schaf ganz umsonst gefoltert!
Ich erwog kurz,  mein BVB-Trikot anzuziehen, den Stuttgartern meinen blanken Hintern zu zeigen, wegzurennen und so den Weg freizumachen. Aber… So richtig ausgeklügelt war dieser Plan nicht.

Aber wie immer meistens manchmal in Sachen Ehe, lösen sich Probleme ganz von alleine, wenn man sich nur schlafen legt lange genug wartet.  Denn plötzlich zogen die Stuttgarter auch schon los und machen den Weg frei für das Brautpaar und auch die Gäste. Die Trauung konnte nun endlich losgehen. Und mit ihr auch der Auftritt des kleinen Schäfchens.

IMAG0266Während ihrer Predigt erzählte meine Frau davon, dass sie dem neuen Ehepaar etwas aus ihrer eigenen Ehe mit mir erzählen wolle. Es sei ja so, wenn man ein gemeinsames Leben begönne, dann starte man nicht bei Null, sondern jeder brächte so seine Sachen, Erfahrungen, Geschichten mit in die gemeinsame Zukunft.
Sie wolle sich entschuldigen, weil das, was jetzt käme kein schöner Anblick sei – aber es wäre ein anschauliches Beispiel.
Meine Frau berichtete, dass sie – als wir vor vielen Jahren unseren Hausstand zusammenlegten – alles Schöne, alles Wertvolle und Wichtige mit in die Ehe brachte, wohingegen ich nur einen Berg Wäsche und ein Kuscheltier mitgebracht hätte.

Tobias.

Ein angeheitertes Gemurmel ging durch die Reihen. Gespielt angewidert präsentierte meine Frau das arme, zerrupfte Schaf, steckte den Finger durchs Ohr und lies es kreisen.

Sie habe lernen müssen, berichtete meine Frau weiter, dass ich dieses Tier mochte – auch wenn sie es nicht verstehen konnte. Es hatte ein schiefes Gesicht und ein Loch im Ohr. Es stank und war schmutzig und der Rücken war aufgerissen und ein Bein fehlte. (Das sie dem armen Schaf das angetan hatte, erzählte sie natürlich nicht…)

imageEs war platt geliebt. Abgenutzt vor lauter Liebe.

Nicht nur in eine Ehe startet man mit seinen Geschichten, nicht war? Mit Löchern und Schmutz. Mit Narben und Rissen.
Wir selbst sind oft ein bisschen verlottert. Wir haben Dinge nicht unter Kontrolle. Wir sind ätzend, wenn wir nett sein sollten. Wir täuschen, wenn wir eigentlich die Wahrheit sagen wollen. Sachen, über die wir lieber nicht sprechen wollen. Wie viele meiner Freunde haben solche Brüche? Wie viele Eltern?
Verhaltensweisen, die ich nicht verstehe. Ansichten, die ich nicht teile.

Aber die Liebe zu einem Kuscheltier macht es erst wertvoll, nicht wahr? Und die Liebe zueinander, die Beziehungen machen uns wertvoll. Die Löcher und Risse, Narben und Schmutz sind dann einfach nicht mehr wichtig.

Ein schönes Bild für den Beginn einer Ehe. Und, wie ich finde, auch ein schönes Bild für meinen Schulalltag. Wie oft seufzen wir tief, wenn Schüler/Kollegen dieses oder jenes so und nicht anders machen. Wie oft sind wir genervt von Eigenarten und Marotten?
Wann immer mich ein Schüler zukünftig nervt, will ich an dieses arme Schäfchen denken. Und daran, dass auch ich ganz schön zerlumpt bin.

Sommergeschichten (2)

(Fortsetzung von Teil 1)

Meine Tochter war bereit, ihr Lieblingskuscheltier zu opfern, um uns zu helfen. Ich fragte mich kurz, ob ich bereit wäre, mein Handy zu opfern, nur weil meine Frau zu dämlich beschäftigt war, um an ein Kuscheltier zu denken.

Schäfi wurde zerschnitten. Carolina weinte bitterlich. Stofffetzen flogen umher. Beine, Ohren, ein Auge.

“STOP!”, donnerte ich (was in dem kleinen Hotelzimmer eher peinlich als beeindruckend klang). Meine Frau hatte das Schaf nichtmal angefasst. Es lag noch bei meiner Tochter. Puuhh.
Mit einem Blick auf die Uhr stand ich auf. Noch zehn Minuten bis zum Anpfiff der neuen Bundesliga-Saison. Dortmund gegen Hamburg. Das würde was geben! “Ich gehe, und suche ein neues Kuscheltier. Ein Ersatz für Schäfi.”

“Wo willst du um diese Zeit jetzt ein Kuscheltier kaufen?” “Keine Ahnung”, grummelte ich missmutig, “aber wir können auf keinen Fall Schäfi zerfetzen.” Carolina sah mich dankbar an.

Und also ging ich.

In einer Tankstelle fand ich ein Ersatz-Schaf. Es war klein und süß und schnuffig – und es musste geopfert werden. Denn ohne zerfleddertes Schaf würde es keine Hochzeit geben. Das war völlig klar. Also kaufte ich es, trat aus der Tankstelle an die frische Luft… und warf das Schaf in den Dreck.

IMAG0262Ich trampelte darauf und sprang und kicherte irre und hörte erst auf, als ich aus den Augenwinkeln sah, dass der Tankwärter nervös telefonierte und mit dem Finger auf mich zeigte. Rasch packte ich das Schaf Opfer Kuscheltier und rannte davon. Hinter mir jaulte leises Sirenengeheul durch die Straßen.

Erschöpft kam ich im Hotel an und drückte meiner Frau das Schaf in die Hand. “Hier”, keuchte ich. Dankbar nahm sie es. “Das sieht ja schon ganz schön fertig aus”; meinte sie. “Aber das reicht leider nicht.”

Es gibt so Momente in einer Ehe, die einen innehalten und nachdenklich werden lassen, nicht wahr?
Der Augenblick, als meine Frau diesem armen Geschöpf ein Bein ausriß und ein Loch ins Ohr schnitt, ist so jemand. Seitdem lasse ich sie nicht mehr aus den Augen und habe stets ein ungutes Gefühl, wenn ich sie mit einer Schere sehe. Ein Bild des zerrupften Schäfchens kann und will ich meinen Lesern nicht zumuten. Es ist zu grausam. Seit jedoch versichert, es brach uns beiden das Herz.

Aber zumindest war die Hochzeit gerettet. So dachten wir jedenfalls.

(Fortsetzung folgt…)

Sommergeschichten

Okay, dies wird ein längerer Eintrag und es werden einige traurige Dinge darin vorkommen und ein paar lustige und ein paar peinliche. Es geht um eine Hochzeit und um drei Kuscheltiere und ein bisschen geht es auch um den biblischen Abraham, dem Gott befahl, seinen Sohn Isaak zu opfern. Meine Frau wird auftauchen und eine Horde Fußball-Anhänger aber trotzdem geht am Schluß alles gut aus.

Alles begann damit, dass meine Frau im Sommer einen alten Freund verheiraten sollte. Besagter Freund wohnt in Stuttgart und das bedeutete einige Stunden Autobahn für uns. Zum Glück habe ich mein neues Tablet, so dass Carolina die Zeit mit dem Schauen von Bibi und Tina verbracht hat. Ich kann mich nicht erinnern, wann eine Autofahrt zuletzt so ruhig verlaufen ist.
Weil meine Frau ungern Leute verheiratet, nachdem sie vier Stunden im Auto gefahren ist, sind wir einen Tag früher angereist und haben die Nacht im Hotel verbracht. Ein aufregendes Erlebnis für Carolina – ein schmerzhaftes für mich: Ab einer gewissen Körperlänge sind Hotelbetten einfach keine Freude (siehe auch: Wie groß sind Sie, Herr Klinge?).
Kurz vor acht reißt mich meine Frau aus der Vorfreude über den Fußballabend.

“Ich habe Tobias vergessen!”, stöhnt sie auf.

Ich seufze tief. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. “Ist das dein Ernst?”, frage ich. “Mist, verdammter!”, schimpft sie (in Wahrheit hat sie etwas deutlich schlimmeres gesagt, aber dieser Blog wird auch von Kindern gelesen). Tobias ist ein Kuscheltier. Genauer gesagt, ist es mein Kuscheltier. Ich habe es zu meiner Geburt geschenkt bekommen und seitdem begleitet es mich durchs Leben. Es ist alt und schon ein bisschen zerschlissen, aber es gehört zu mir. Und es war definitiv von Bedeutung für die Hochzeit.

Kein Tobias. Keine Hochzeit. So einfach war das.

“Ich fahre bestimmt keine vierhundert Kilometer nach Hause, um Tobias zu holen”, knirschte ich. “Wir brauchen ein Kuscheltier. Und zwar ein altes, hässliches!”, entgegnete meine Frau verzweifelt.

Schweigen.

Kein Tobias. Keine Hochzeit.

IMAG0263Aber wir hatten ein Kuscheltier dabei. Schäfi. Carolinas absolutes Lieblingskuscheltier. Wir brauchten es. Unbedingt.

Kein Kuscheltier. Keine Hochzeit.

2 Und er (der Herr) sprach: Nimm Isaak Schäfi, dein Kuscheltier, das du lieb hast, und geh hin und opfere es dort deinen Eltern, die es dir anrechnen werden.

Carolina war gar nicht begeistert. “Auuuufschneiden? Mein Schäfi??” Entsetzt sah sie uns an. Aber es ging nicht anders. Schäfi sieht nicht aus, als wäre es dreißig Jahre alt. Wir mussten es ordentlich zerpflücken. “Ich weiß, mein Schatz, aber wir brauchen unbedingt ein Kuscheltier. Ich werde es wieder gut machen!”, versuchte meine Frau zu beschwichtigen. Nach einigem hin und her willigte Carolina ein. Sie würde Schäfi opfern. Um ihre Eltern zufriedenzustellen. Für ein höheres Ziel. Ich holte die Schere.

3 Da stand Abraham Carolina früh am Morgen auf und gürtete sich und nahm ihr Kuscheltier und spaltete Holz und bereitete das Opfer vor an dem Ort, von dem Gott ihre Eltern ihr gesagt hatten.

(…Fortsetzung folgt…)