#35: Til Schweiger auf schmalem Pfad.

imageTil Schweiger hat sich durch eine bemerkenswert direkte Aktion recht viel Gehör verschafft: Auf Facebook wies er mit deutlichen Worten User zurecht, die mit fremdenfeindlichen Parolen um sich schmissen.
Früher war Uli Hoeneß mal eine moralische Instanz – aber der ist wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis. Alice Schwarzer war auch mal eine solche Instanz – aber auch die hat Steuern hinterzogen. Wer im Glashaus sitzt und so.

Jetzt also Til Schweiger. Als Nachfolger von Günter Grass (der war aber eher für die Intellektuellen imagezuständig – also die, die die Blechtrommel gelesen und nicht geguckt haben.). Schweiger, der auf seinem Facebook-Profil Dinge schreibt wie: “Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht.”

In meiner Gemeinde sind viele ältere Geschwister, die nicht nur Hitler-Deutschland miterlebt haben, sondern die auch selbst Flüchtlinge waren. Mit nur einem Koffer in der Hand hier in Siegen ankamen und irgendwelchen Familien zugewiesen wurden.

”Da! Dort wohnt ihr jetzt.”

Zwischen der Facebook-Meldung von Til Schweiger einerseits und den dumpfen Parolen irgendwelcher stolzer (aber LRS-geplagter) Deutscher andererseits, zwischen der Meldung über die eklatant hohe Zahl der Kirchenaustritte hier und den Gesprächen mit Flüchtlingen die sich in unsere Gemeinde verirren, bleibt mir ein Ausspruch von Jesus im Kopf hängen:

Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden.

Wie immer möchte ich einladen, das große Ganze zu sehen. Den weiten Rahmen. Das “Wow” hinter dieser Aussage.

Diesen Text finden wir am Ende von Jesus Bergpredigt, einer Sammlung von Sprüchen aus Matthäus 5-7.

Warum ist das wichtig?

Jesus lebte inmitten eines sozio-politischen Dampfkessels, vollgefüllt mir Wut und Aggression. Die römische Armee hatte – als letztes Glied einer Reihe von Invasoren – das Land besetzt und die Menschen unterdrückt. Um es noch schlimmer zu machen, hielten die Römer nichts von diesem jüdischen Gott – ganz im Gegenteil war die Phrase “Caesar ist HERR” allgegenwärtig.

Können wir uns vorstellen, was das den Menschen antat? Eine fremde Kultur. Fremde Götter. (Bemerkenswert, dass in der Flüchtlingsdebatte heute die gleichen Ängste geschürt werden, wie sie in diesem alten Buch beschrieben werden.)

Das wirft natürlich Fragen auf:

Wenn unser Gott der wahre, große Gott ist und wir Gottes auserwähltes Volk und das hier Gottes Land – warum wird uns wieder und wieder und wieder von fremden Völkern in den Arsch getreten?

Es gab eine Reihe von Antworten auf die Invasoren, eine der einfachsten ist auch heute, hier sehr verbreitet: “Greift zu den Fackeln und lasst uns etwas tun!”

Nicht wenige waren der Meinung, dass die Römer nur eine Sprache verständen und dies sei die Sprache der Gewalt. (Nach zehn Minuten Lektüre diverser Kommentare auf Facebook und Google+ kommt man zu dem Schluss, dass dem heute immer noch so ist.)

Das hat zur Folge, dass eine Gewisse Spannung in der Luft lag, als da ein Rabbi/Lehrer/Pastor auftaucht und zur Menge etwas von Gottes kommendem Königreich spricht.

Kein Wunder, dass Menschen aus vielen Orten kamen, um ihn zu hören: Es waren unsichere Zeiten und die Leute suchten nach Richtung und Führung. (Kennen wir das?)

Und jetzt kommt der spannende Teil: Jesus verstand, das nur ein Weniges fehlte, dass die Menschen zu den Schwertern griffen und er wusste, dass die Römer diese Revolte brutal und unnachgiebig niederschlagen würden. Jesus war klar, dass der breite Pfad, der einfache Weg, die Straße, die alle nehmen würden direkt in den Untergang führen würde.

Was dann auch geschah.
Vierzig Jahre nach Jesus gab es eine solche Rebellion, die von dem Römischen General Titus blutig niedergeschlagen wurde – und Jerusalem wurde bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

Was bezweckt Jesus nun mit seiner Bergpredigt?

Er ruft seinen Stamm zurück zu ihrer Bestimmung und erinnert sie an ihre Berufung, ein Segen für die Welt zu sein. Er erzählt von einem anderen Königreich, in welchem ihre Herzen verändert würden und die Sanftmütigen, die Geduldigen und Liebevollen die Welt regierten. Jesus spricht über Nächstenliebe und Gnade, darüber, urteilsfrei zu bleiben und standhaft und mitfühlend. Er gibt den Menschen klare, konkrete Anweisungen, wie sie in dieser fragilen Welt ihren Weg finden würden, ihre Bestimmung – und er sagt ihnen, dass der einfache, breite Weg zur Zerstörung führen würde.
Bestimmung. Berufung?
(In einem seiner Bücher warf der Dalai Lama die Frage auf, ob es nicht die Bestimmung Deutschlands sein könne, nach all den Kriegen und der Zerstörung, mitten im Herzen von Europa ein pazifistisches Land ohne Armee zu sein. Was wäre das für eine Berufung?! Was für eine Inspiration?)

Was genau mein Jesus nun mit dem schmalen Pfad?

Wenn wir uns umsehen, welche Entscheidung treffen Menschen für gewöhnlich? Werden wir mutig, friedlich und liebevoll? Oder finden wir uns nicht oft in Rachegelüsten, Bitternis und Zynismus wieder? Wird unser Etat für Waffen Jahr für Jahr größer – oder konzentrieren wir uns auf Bildung, Integration und das Miteinander?

Es ist einfacher Angst zu haben. Es ist einfacher, mit Parolen um sich zu werfen. Es ist einfacher, den Mund zu halten.

Was uns zurück zu Til Schweiger führt – der nun hier und da als “moralische Instanz” bezeichnet wird. Werden nun zehntausend Leute weniger seine Filme schauen? Oder mehr? Oder interessiert ihn das vielleicht gar nicht?

Denken wir an die Dinge, die uns im Leben viel bedeuten: Sie alle kosten eine Menge Zeit und Energie und Fokussierung. Der Dortmunder Stürmer Aubameyang spricht in einem Interview in der Welt davon, der beste Aubameyang zu sein, der er nur sein könne. Damit das eintrifft, muss er viele Stunden trainieren und üben, eine Menge schlafen und sein Essen genau anpassen. Mit anderen Worten: Er muss zu vielen Dingen “Nein” sagen, für ein “Ja” zum besten möglichen Aubameyang. Das gleiche gilt für die Ehe. Oder das Elternsein. Oder den Beruf. Wenn wir das ernst nehmen, wenn wir “ja” sagen, dann müssen wir zu vielen anderen Dingen “nein” sagen.

Schweigers Äußerungen für Mitgefühl, für Anteilnahme und für Nächstenliebe ist ein “Nein” zur Zurückhaltung vieler Kollegen, ein “Nein” zur Angst vor Konsequenzen seiner Aussagen. Ich wünschte, ich würde so deutliche Worte noch häufiger von ‘der Kirche’ hören.

“Ja” zum Leben bedeutet “Nein” zur Angst.

Das ist ein schmaler Pfad. Aber nicht zu schmal.

[Bildquelle: https://www.facebook.com/eierundherz?fref=ts)

#34: Ecstasy & Erschütterungen

IMG_20150715_201747Es gibt eine Geschichte in der Bibel über einen Mann namens Petrus, der in eine Art Trancezustand fällt.

(So ähnlich wie wir zu unseren wildesten Studentenzeiten.)

Aber es handelt sich nicht um eine ordinäre Bewusstseinserweiterung, Petrus sieht, wie sich der Himmel öffnet und ein Leintuch bis zur Erde reicht und auf dem Laken befinden sich alle möglichen Tiere (dem Autor ist es wichtig, uns wissen zu lassen, dass es nur vierfüßige Tiere sind) – sowie Würmer und Vögel. Petrus hört eine Stimme, die ihm sagt

Geh hin und töte und iss sie!

Petrus protestiert: “Aber ich kaufe nur im Bioladen, ich trinke Smoothies und ernähre mich ausschließlich laktosefrei!”
Petrus protestiert, indem er sagt

Ich habe nie etwas Unreines gegessen.

worauf die Stimme erwidert

Bezeichne nichts als Unrein, das Gott rein gemacht hat.

Das passiert dreimal.

Das Leintuch wird wieder dahin eingerollt, wo es herkam und Petrus bleibt zurück und versucht einen Sinn in dem zu finden, was gerade passiert ist. (Damals gab es noch keine Traumdeutungs-Foren im Internet und auch keine überteuerten Wahrsager-Hotlines). (Übrigens ist das griechische Wort an der Stelle für „Trance“ das Wort ekstasis – woher viel später auch der Begriff Ecstasy stammt.)

Ein paar Worte zu Petrus: Er wuchs in einem kleinen Fischerdorf namens Kapernaum auf. Seine Leute waren der Torah sehr verbunden, was gleichsam bedeutete, alles „unreine“ zu meiden. Sie verstanden Gott als etwas heiliges und reines und so schufen sie in ihrem Leben Orte und Riten, um diese Reinheit wiederzugeben. Solche Reinheitsgesetze umfassten sowohl Speisen, als auch Menschen. So wie sie niemals tote Tiere berühren würden, galt das auch für jemanden, der als Unrein bezeichnet wurde. Dies wurde so weit getrieben, dass man nicht einmal das Haus von jemandem betreten durfte, der unrein war – und das war jeder, der kein Jude war. Und das war, im Grunde, jeder andere.

Nun – zurück zu Petrus und seinem Ecstasy-Trip.

Kaum ist seine Trance vorüber, pocht jemand an die Tür seines Hauses und einige Römer – der Inbegriff von Unrein – fordern ihn auf, sie zum Haus ihres Hauptmanns zu begleiten. Er folgt ihnen durch die Straßen, bleibt aber vor der Haustür stehen und erklärt den Soldaten, dass es gegen die Gesetze seines Volkes ist, einzutreten. Und dann fügt er hinzu

Aber Gott hat mir gezeigt, dass ich niemanden als Unrein bezeichnen soll.

Gott hat es ihm gezeigt?

Hat er?

Wie?

Wie hat Gott Petrus diese neue Wahrheit offenbart?

Durch eine Erschütterung.

Petrus war fest gesattelt, er hatte eine bestimmte Weltanschauung, die tief mit seinem Gottesbild verwurzelt war. Ganz zentral war dabei der Gedanke, dass einige Menschen rein seien, während andere das nicht waren. Es gab Häuser, die man betrat und dann gab es Häuser, die man mied.

Aber dann hat er diese Erfahrung, die nicht in sein Weltbild passt. Und was ist seine erste Reaktion auf diese Erfahrung?

“Ich habe nie etwas Unreines gegessen.”

Er widersetzt sich diesem neuen Verständnis.

Und was ist die Basis für seinen Widerspruch?

Sein religiöses Weltbild!

In seiner Vision trägt Gott ihm auf, alles essen zu dürfen, aber Petrus streitet sich mit Gott, erklärt, dass er nichts Unreines essen dürfe, weil Gott ihm das verboten habe. Er widersetzt sich Gott im Namen… Gottes!?

Es ist möglich, ein Glaubensriese zu sein aber dabei ein Seelenzwerg zu bleiben, weil die religiöse Erziehung einen einschränkt. (Übrigens auch die anti-religiöse Erziehung.)

Ein paar Gedanken über die Natur des Wachstums:
Wenn wir unseren Horizont erweitern, größer werden, unser Selbstbild erheben, dann erleben wir größere

Freiheit

Integration

und

Komplexität.

Vorher durfte er nicht alles essen, jetzt ist er frei von allen Zwängen.

Vorher gab es ein System aus Schubladen über das was Rein und was Unrein war, aber jetzt ist alles integriert.

Vorher war alles einfach: Man war drinnen oder draußen. Aber jetzt sind Leute, die vorher außerhalb standen… plötzlich dabei…!?

Freiheit.
Integration.
Komplexität.

Das bezieht sich nicht nur auf unser Glaubensleben. Auch auf unsere Ehe. Unser Konsumverhalten. Unsere politische Haltung. Die Art, wie wir mit Flüchtlingen umgehen.

Was hält uns klein? Und was entsteht in uns, wenn wir wachsen?

Noch ein paar Gedanken über Erschütterungen.

Es sind oft solche Erschütterungen im Leben, die uns wachsen lassen. Man reist in fremde Länder, man trifft Menschen mit anderen Ansichten, man liest Neues, man hört neue Perspektiven, man begegnet neuen Erkenntnissen – und wir entdecken, dass unsere Art Sachverhalte zu kategorisieren und einzuordnen, nicht mehr funktioniert. (Ich wurde Vegetarier, nachdem ich unser Vieh schlachten musste – ein Tier bewusst zu töten, verändert den Blick auf die Dinge ganz wesentlich.)

Und immer wieder haben wir die Wahl: Wir können dieses neue Wissen ignorieren oder zur Seite schieben – oder wir öffnen uns diesem Schmerz, wenn wir unser altes Weltbild zurücklassen.
Das ist oft aufregend und befreiend, aber es kann auch traumatisch und beängstigend sein. Sich aus einer ungesunden Beziehung freien. Die eigenen Werte, die eigenen Ansichten zu hinterfragen. Womöglich sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Und doch gibt es kein zurück.
Wenn man einmal davon gekostet hat, kann man nicht mehr vorgeben, man hätte es nicht getan.

Denken wir an Petrus, der zum ersten Mal das Haus eines Römers betritt. Alles in ihm sagt, dass er damit Gott hintergeht – und doch ist er etwas Neuem auf der Spur. Und wenn man es einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr nicht-sehen.

Ähnlich wie Petrus hoffe ich für mich, dass ich immer den Mut haben werde, neugierig zu bleiben, zu wachsen und Dinge neu zu betrachten.

Ich will die Erschütterungen suchen und genießen.

#33: Paulus und das Ende der Welt

IMAG0286Es gibt da diesen Jünger namens Paulus, der einen großen Teil des Neuen Testaments verfasst hat. Ein faszinierender Mensch. Ununterbrochen reist er durch die antike Welt, lebt zwischen Juden und Griechen und Römern und findet immer wieder neue, frische Wege über die Auferstehung Jesu zu sprechen. Eine Menge Leute wollen ihn umbringen, er wird zusammengeschlagen, erleidet Schiffbruch und hungert und hört doch nie auf über das neue Leben zu sprechen. Den achten Tag.

#31 Ein paar Gedanken über Sidon und PEGIDA

Vor wenigen Tagen erschien bei heise online ein Interview mit einer Frau, die früher ein Mann war. Nach über 1000 z.T. gehässigen Kommentaren sieht sich heise gezwungen, dass Forum zu schließen. Zur gleichen Zeit wird auf den einschlägigen Facebook-Seiten wie Pegida oder anderen rechten Gruppierungen der Brandanschlag in Tröglitz kommentiert: „Scheiß Asylbetrüger!“ „Dreckspack!“ Bedauern, dass zum Zeitpunkt des Feuers noch keine Flüchtlinge im Heim waren: 120 Likes.

Ein Sprung zurück.

In Genesis 9 lesen wir, wie ein Mann namens Noah einen Weinberg anbaut (nach der Boot-Geschichte), sich betrinkt und schließlich nackt einschläft. Sein Sohn Ham sieht ihn so und erzählt seinen Brüdern davon. Die decken ihn zu und dann wird die Sache hässlich: Noah wacht auf, realisiert was geschehen ist und verflucht Hams Familie, beginnend mit dessen Sohn Kanaan.

In der Antike war ein Fluch keine Kleinigkeit. Insbesondere nicht, wenn der Vater ihn aussprach. Ein Fluch ging über die bloße Bedeutung der Worte hinaus – er hing wie eine Wolke über einem, prägte das ganze Leben.

Hams Sohn Kanaan war also verflucht, was implizierte, dass Kanaans Söhne ebenso verflucht seien, unter anderem dessen ältester Sohn Sidon.

Wir erfahren ferner, dass Sidon eine ganze Reihe Söhne hatte. So viele, dass Sidon als Vater einer ganzen Nation gilt. Einer Nation, die wieder und wieder in der Bibel erwähnt wird.

Im Buch der Richter erobern und unterdrücken die Sidonier die Israeliten.

(Spannend zu bemerken, dass die Geschichte mit einem Vater beginnt, der seinen Sohn verflucht (einer Kleinigkeit?), aber dass diese Wunde schwärt und nicht verheilt, bis – Generationen später – die Nation des Sohnes die des Vaters unterdrückt. Einige Wunden verheilen nie, oder?)

(Außerdem interessant, dass eine Wunde, zugefügt vom eigenen Vater, nicht einfach abgetan werden kann – statt dessen weitet sie sich aus, betrifft Menschen, die eigentlich nichts damit zu tun haben. Warum sind diese zwei Länder im Krieg? Antwort: Weil ein Vater seinen Sohn verflucht hat.)

(Und wo wir gerade dabei sind: Habt ihr in letzter Zeit irgendwelche Filme gesehen, in denen die Charaktere ungelöste Probleme mit ihren Vätern hatten? Natürlich. (Die letzte Greys Anatomy Staffel handelte davon. Die Serie Parenthood fast dauerhaft.) Wir erzählen immer noch die gleichen Geschichten, erleben den gleichen Schmerz – in tausenden Jahren haben sich viele Dinge verändert – und manche gar nicht.) Continue reading

#30 Wie sollen was tun? Mit unseren.. was!? (Teil 3)

Der Punkt, auf den wir in unserer kleinen Abraham-Reihe zusteuern ist sehr einfach – und gleichzeitig einer der Hauptgründe, weshalb sich so viele Menschen an der Bibel aufreiben.

Um ihn zu erreichen noch eine kleine Rückschau:

Der erste Teil der Bibel handelt von einer Sippe. Einer neuen Sippe, einer, mit der Berufung, die ganze Welt zu segnen. Abraham ist der Vater dieses Stammes und er ist aufgefordert, Gott zu vertrauen – inklusive der Prophezeiung, er als 99 Jahre alter Mann würde einen Sohn bekommen.

Abraham lacht übrigens darüber.

Gott bringt Leute in der Bibel zum Lachen (Wenn du den Begriff „Wort Gottes“ hörst, kommt dir „lachen“ bestimmt als erstes in den Sinn, oder? Vielleicht sollte es das.)

Dieser Geschichte folgend erleben wir, dass Sippen Bräuche, Initiationsriten und Rituale brauchen. Wege um zu entscheiden, wer es ernst meint, wer dabei ist und wer nicht, wer ein Teil dieser neuen Bewegung sein wollte und wer nicht.

Einer dieser Bräuche dieser umherwandernden Stammesangehörigen, tausende von Jahren in der Vergangenheit, war die Beschneidung. Als Zeichen, als Merkmal, als Demonstration der eigenen Identität.

Bis das nicht mehr galt.

Zu der Zeit, als die ersten Christen die Botschaft von Jesus verbreiteten, war die Frage der Beschneidung in den Augen vieler Zeitgenossen ganz zentral. Einige bestanden auf diesem jahrhundertealten Symbol der Zugehörigkeit, während andere – wie Paulus – das nicht taten.

Dieser Konflikt wird im Galaterbrief des Neuen Testaments beschrieben, in dem Paulus sich fürchterlich über die Beschneidungsanhänger aufregt (neudeutsch: einen ‚Rant‘ verfasst) und sogar behauptet, diese Leute seien verflucht und jeder, der ihnen Glauben schenken würde, sei verhext. An einem Punkt schreibt er sogar

Sollen doch jene Leute, die euch aufhetzen, ´so konsequent sein und` sich ´nicht nur beschneiden, sondern` auch gleich noch kastrieren lassen!
Galater 5, 12

Das griechische Wort für „kastrieren“ an dieser Stelle ist apokopto, was eigentlich „abschneiden“ bedeutet.

Sollen Sie sie sich doch abschneiden.

Nun, wie kann es sein, dass die Beschneidung – ein zentrales Element der Geschichte zu Beginn – schließlich zu einem Problem wurde?

Wie kann es sein, dass etwas, das von Gott augenscheinlich als gut und gewollt betrachtet wurde, von Paulus als ‚Fluch‘ bezeichnet wurde.

Wie wurde dieses Zeichen des Vertrauens in Gott zu etwas, dass Paulus sinngemäß als unchristlich bezeichnete?

Das eine war damals, das andere ist jetzt.

Die Bibel entfaltet eine Geschichte, wie eine Blume ihre Blütenblätter. Ein wachsendes Bewusstsein, ein größer werdendes Verständnis des Göttlichen und wir müssen es nach und nach mitverfolgen, um es zu verstehen.

Wenn wir aufwachsen, dann tun wir dies in Stufen.

Man denke an die Pubertät. Während wir sie durchliefen haben wir viel Merkwürdiges getan und noch mehr Merkwürdiges von uns gegeben. Über Jahre hinweg, nicht wahr?

Ist die Pubertät nun richtig oder falsch?

Das ist doch nicht die Frage.

Ein passenderes Wort wäre notwendig.

Die Pubertät ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg des Aufwachsens. Sie bringt alle möglichen körperlichen und seelischen Veränderungen und Schwierigkeiten mit und doch – ohne sie blieben wir für immer Kinder. Wir wären nicht, wer wir heute sind.

Paulus spricht in ähnlicher Art über Abraham und die Entwicklung hin bis zu Jesus. Er schreibt, das wir nicht mehr länger das gleiche Gottesbild haben, das sie einst minderjährig waren und das Gesetz seine Schuldigkeit erfüllt habe, bis etwas Neues kam. Sie seien erwachsen geworden.

Das eine war damals, das andere ist jetzt.

Wenn die die Bibel lesen, dann müssen wir das als eine sich entwickelnde Geschichte verstehen, die ihre eigenen Wachstumsschübe und Entwicklungsstufen reflektiert.

Wenn wir zwei Verse aus verschiedenen Stellen der Bibel nebeneinander halten, dann scheinen sie oft sehr unterschiedliche Dinge auszusagen – aus dem Grund, weil sie sehr unterschiedliche Dinge aussagen.

Als Bibelkritik ist das gang und gäbe. Menschen zitieren einen Vers hier und vergleichen ihn mit einer Geschichte dort und erwähnen eine Passage aus einem früheren Teil oder eine Idee von weiter hinten als Beweis dafür, wie primitiv oder widersprüchlich die ganze Bibel ist.

Das ist eine naive Perspektive (egal, wie intelligent die Person sein mag).

Man muss die Bibel mit Verstand lesen. Man muss sich fragen, wo man in der Geschichte gerade ist. Man kann sie nicht als zweidimensionales Bild betrachten, bei dem man sich hier und da einen Aspekt herausgreift, sondern als eine Reflektion davon, wie Menschen die Welt zu verschiedenen Zeiten betrachtet haben.

Mir begegnen immer wieder Fragen, die mit..

Warum kann Gott nicht einfach…

gefolgt von etwas wie

alles Leid der Welt entfernen?

oder

den Himmel (oder was wir uns darunter vorstellen) für alle direkt real machen?

oder

den Baum aus dem Garten entfernen?

oder

eine Alternative zu der ganzen Jesus-Story erfinden?

Hinter diesen Fragen steckt die Annahme, dass die Bibel eine Version der Geschichte beschreibt, die leicht hätte verändert werden können, wenn Gott sich nur etwas anders (klüger?) verhalten hätte.

Aber das entspricht der Bibel gar nicht.

Wir haben einen hier Bericht über die Entwicklung der menschlichen Zivilisation und ihres Gottesbildes. Zu fragen, warum bestimmte Dinge nicht anders hätten laufen können ist zwecklos – und es entfernt uns von einem Verständnis dafür, wer wir heute sind.

Das hat entscheidende Auswirkungen darauf, wie wir von unserem Leben denken.
Glauben wir noch die gleichen Dinge, die wir vor zehn Jahren glaubten? Vertreten wir noch die gleichen Standpunkte? Haben wir das gleiche Welt- und Menschenbild wir zu der Zeit, als wir 15 waren?

Vermutlich nicht. Das war damals, das heute ist jetzt. Wir können nicht zurück gehen und diese Ansichten verändern. Unsere (Jugendsünden?) Handlungen entsprachen unserem Weltbild – heute sehen wir die Dinge anders.

Unsere Erfahrungen haben uns zu dem gemacht, wer wir heute sind. Es wäre falsch, deshalb verbittert zu sein.

Wir wachsen, weil sich unsere Eltern um uns gekümmert haben. Wir erfahren die Welt und handeln danach. Und wir reflektieren unser Verhalten und verändern es. Weitere Erfahrungen lassen uns wieder anders handeln.

Schritt für Schritt für Schritt.

Wachstum geschieht langsam.

Wenn Paulus mit den Menschen über die Beschneidung spricht, dann erklärt er etwas Bedeutsames zu der Zeit, etwas, was jenen Menschen als Symbol diente, als Versprechen darauf, was einst kommen mag.

Es war nicht falsch. Es war damals.

Aber damals ist nicht jetzt.

Wenn Menschen ein damals nehmen und versuchen, es zu einem heute zu machen, dann verfehlen sie den Punkt, sie arbeiten genau entgegen dem, wie ich die Bibel verstehe.

(Gibt es Dinge die damals wahr waren und es heute auch sind? Na klar.)

Diese Bibliothek erzählt von einem Gott der uns zu jedem Punkt unserer Entwicklung begegnet und der uns einlädt, ihm zu vertrauen und zu glauben, dass da noch mehr ist.
Das wir gerade erst am Anfang sind. Das alles gerade erst begonnen hat.

Weil damals war damals … aber jetzt ist jetzt.

#29 Wir sollen was tun? Mit unseren… was!? (Teil 2)

Abraham war neunundneunzig, als er beschnitten wurde.
Genesis 17

Wir sind noch nicht ganz fertig mit unserer kleinen Abraham-Reihe innerhalb unserer größeren Reise.

Heute geht es um Beschneidung.

(Komm schon… wir schreiben das Jahr 2015! Und du schreibst über Beschneidung..!?)

In dieser Geschichte über Gott und Abraham gibt es eine zweite, tiefere Ebene die uns etwas darüber erzählt, wie wir wachsen und werden – etwas, das enorme Auswirkungen auf unseren Alltag hat.

Zunächst ein paar Worte über „Beschneidung“: Wir haben auf unserer Reise immer wieder die Beobachtung gemacht, dass die frühen Teile der Bibel vom Entstehen einer neuen Sippe handeln. Einer Sippe, die von Abraham geführt wird und deren oberste Maxime es ist, der Welt Gottes Liebe nahezubringen.

Nun – wie gründet man eine Sippe?

Es gibt mehrere Möglichkeiten – die offensichtlichste ist: Man bekommt Kinder.

Und…?!

Man hat Sex.

…?!

Guter Einwand! Wir müssen daran denken, dass die Menschen der damaligen Welt nicht unser Verständnis von Biologie, von Zygoten und Eiern und all dem, besaßen. Damals beobachtete man schlicht, dass eine Frau nicht schwanger wurde, bis sie mit einem Mann zusammenlag. Augenscheinlich war der Mann derjenige, der das Leben/die Macht/die Zauberkraft in sich trug. Und um diese Kraft auf die Frau zu übertragen, benutzte er seinen…
Alle noch dabei?

Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch.

Gott zu Abraham, Genesis 17

Die Beschneidung war die Form, wie diese Menschen (okay.. Männer) ihre Zugehörigkeit zu diesem neuen Stamm bewiesen. Ein Kerl, der ohne Drogen oder Schmerztabletten einen Teil seines wichtigsten/verletzlichsten Körperteils abschnitt, war eine Art zu zeigen: „Ich bin dabei! Ich vertraue. Ich möchte meinen Teil zu dieser neuen Welt beitragen.“

Stellt euch Abraham vor, 99 Jahre alt, wie er in ein Handtuch beißt, während sein Nachbar Jürgen zu einem Stein greift und an die Arbeit geht… (Es ist ja nicht so, als ob sie damals schon scharfe Metallmesser oder ähnliches gehabt hätten.)

(Wenn sich der ein oder andere gerade fragt, warum irgendjemand klaren Verstandes so etwas tun sollte: Erinnert euch, dass Initiationsriten überall auf der Welt verbreitet sind, bei denen Menschen eine Form von Qual/Schmerz erleiden; ob das nun eine absurde Studentenverbindung, eine Sportmannschaft oder das interne Firmenwettrennen ist, wer mehr als 100 Stunden in der Woche arbeiten kann.)

Während die Geschichte in der Bibel voranschreitet, wird die Beschneidung zu mehr als einem Symbol. Sie teilt die Welt in diejenigen ein, die beschnitten sind und andere (Heiden und Ungläubige) die es nicht sind (vielleicht kennt jemand die Geschichte des Schäfers David, der von Goliaths Untaten hört und seine Männer fragt wer denn dieser unbeschnittene Philister sei).

Nun – ein schneller Vorlauf ins Neue Testament.
Der Apostel Paulus reist um die Welt, um den Menschen von Jesus zu erzählen, auch Abrahams Nachkommen kreuzen seinen Weg. Und was predigen sie anschließend den Menschen?

Sie sagen, dass – wenn man Jesus nachfolgen wolle – man beschnitten sein müsse. Das sei Teil des Deals. Dieses Zeichen gelte seit Anbeginn.

Stellt euch eine Gruppe von Griechen oder Römern vor, die nie zuvor von Abraham gehört haben, nie zuvor die Torah gelesen und keinen Schimmer haben, wer dieser Mose sein soll (“Spielt der nicht bei Gladbach in der Innenverteidigung?”). Sie hören nur von diesem Jesus und dass sie ihm folgen sollen und jetzt wird ihnen gesagt, dass sie überdies noch eine kleine Operation über sich ergehen lassen müssten.

Diese Griechen und Römer stehen da und sagen…

“Wir sollen was tun? Mit unseren…was!?”

Große Familie

20141025_132016_AndroidDas Wochenende waren wir auf einem runden Geburtstag von Freunden aus alten Tübinger Zeiten eingeladen. Sie haben es sich nicht nehmen lassen, eine alte Villa in Frankreich für diese Party zu mieten und haufenweise Familie und Freunde gerufen.
Für uns war es die erste größere Fahrt mit dem Baby – das, ganz Gemeindekind – zwei Tage lang von Arm zu Arm gereicht wurde und meist selig schlief. Carolina – im gleichen Haushalt aufgewachsen – kannte zwar niemanden, aber sprang sofort mit den anderen Kindern umher, fuhr ins örtliche Schwimmbad und begegnete uns erst abends wieder, wenn sie todmüde ins Bett fiel. Es wurden Geschichten und Anekdoten erzählt, Lieder gesungen und eine bunte Weinverkostung (bei der jeder Gast seinen Lieblingswein & eine Geschichte mitbrachte) genossen. Essen. Trinken. Lachen. Freuen. Spazierengehen. Zuhören. Aufmuntern. Freuen. Genießen.

Ein großartiges Wochenende.

Es tut mir immer leid, wenn ich höre oder lese, welche ätzendes Bild Menschen von Kirche haben. Als überflüssige Institution. Als seelenloses Konstrukt. Denn für mich ist es das nicht.

Obwohl wir Tübingen vor sechs Jahren verlassen haben, fühlte sich das Wochenende eher wie ein Familientreffen, als eine Geburtstagsparty an. Ein, nur schwer in Worte zu fassendes, Gemeinschaftsgefühl herrschte die Tage über – obwohl sich viele Gäste gar nicht oder nur flüchtig kannten.

Vielleicht lag das daran, dass der Geburtstag nur vordergründig Anlass der Feier war und im Mittelpunkt stand. Für mich bedeuten solche Feste vor allem, dass man das Leben feiert. Ein Blick auf mein neugeborenes Baby erinnert mich daran, wie zerbrechlich dieses Leben ist und wir alle wissen, wie schnell alles in Scherben vor uns liegen kann.

Ein Wochenende mit Freunden und Musik und Wein.

Feiert, Freunde, feiert das Leben.

#23: Was sollen all diese Menschen?

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Willkommen zurück zu unserer Reihe. Heute wollen wir versuchen, dem absolut schnarchnasigsten Teil der Bibel einen Sinn zu entnehmen: den Ahnentafeln.
Ich meine, wenn es einen Teil gäbe, den nun wirklich niemand vermissen würde, dann diese endlose Aneinanderreihung von Namen. (Ich gebe zu, das scheint echt ein öder Teil heute zu werden – aber ich verspreche: In diesen Chroniken steckt Hoffnung und Wertschätzung und Liebe und.. aber ich greife vor.) Fangen wir mit dem Matthäus-Evangelium an. Der Autor beginnt mit der Behauptung, dies sei die Abstammung von Jesus, dem Sohn Davids und listet eine ganze Menge Leute auf (und auch ein paar Frauen, was ziemlich untypisch für jene Zeit war) (übrigens beinhalten die Frauen, die Matthäus erwähnt ihrerseits tausend Geschichten) und beendet diese Reihe mit Jesus.

Jesus, der Sohn von David.

Das ist (ein bisschen) spannend, denn David hat den mathematischen Wert 14.

Klar?

Nein?

Okay, dann ein bisschen Hintergrund (der Hintergrund ist das eigentlich Spannende, nicht wahr? Wenn man mehr weiß. Wenn man nicht nur eine Frau in einem Bus sieht, die nicht aufsteht.) Continue reading

#20 Das Wort Gottes 1

Bevor wir beginnen: Ein paar Worte über ‚Worte‘.

Bild2Während meines Referendariats durfte ich mir von vielen (sehr guten) Kollegen Ideen und Anregungen holen. Wie alle von uns, wurden wir von Zeit zu Zeit geprüft und diesen “Unterrichtsbesuchen” ging eine Menge Zeit und Arbeit voraus.
Ich wusste, dass mir Unterrichten liegt – aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich jeden Satz vorher zurechtlegen wollen. Ich “schwimme” gerne mit meinen Schülern, reagiere spontan auf Äußerungen und mag das Neue – auch auf die Gefahr hin, dass manches manchmal krumm wird.
Nach jedem Unterrichtsbesuch sitzt man in einer Runde zusammen und erhält Feedback. Was lief gut, was lief schlecht. Meist nette und hilfsbereite Kommentare von Seiten der anderen Referendare – was man eben sagt, wenn man weiß, dass die andere Person einen demnächst selbst bewertet. Höflich eben.

Und dann saß mein Seminarleiter vor mir und war an der Reihe. Und wisst ihr, was er sagte?

Herr Klinge, Sie könnten viel besser sein. Continue reading

Nachwuchs

2014-09-27 13.48.45Seit gestern bin ich stolzer Vater zweier Töchter und der festen Überzeugung, das “Hebamme” zu den furchtbarsten Berufen der Welt gehört.

Entsetzlich!

(Als ich den Hebammen dies sagte, lachten sie entspannt und erwiderten, aus ihrer Perspektive sei “Lehrer” einer der furchtbarsten Berufe der Welt.)
Ein neues Leben beginnt und ich freue mich unbändig auf die Zeit. Und weil ich als Vater auch ein alter Geschichtenerzähler bin, wird es Zeit, mal wieder eine hervorzukramenSmile.

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#19 Musik

Vor einigen Tagen wurde meine Tochter beim Wocheneinkauf zur Umkehr aufgerufen, um nicht in der Hölle zu enden. Vor dem Supermarkt stand ein sehr überzeugter Herr auf einer kleinen Bühne und spielte mit Puppen die Jesus-Geschichte nach. Vor ihm saßen staunende Grundschulkinder auf einer flauschigen Decke und darum herum standen (mehr oder weniger) interessiert dreinblickende Erwachsene und lauschten. Begriffe wie “Sünde” und “Vergebung” und “Umkehr” und “unfehlbar” drangen dumpf in meinen Kopf.

Eine unsanfte Erinnerung daran, dass das Siegerland die NRW-Version des amerikanischen Bible Belts ist.

Ich gehöre zu den Menschen, die sich zusammennehmen müssen, wenn vor ihnen jemand eine BILD-Zeitung kauft. Oder kleine Kinder anpredigt.

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#18 Anschnallen, Freunde.

Erinnert ihr euch an diese Szene im ersten Waynes World Film als Wayne und Garth Street Hockey spielen und ein Auto kommt und beide rufen “Auto!” während sie das Tor beiseite schieben und als das Auto vorbei ist rufen sie “Spiel läuft!” und schieben das Tor zurück?

Das hier ist etwa genauso. Und es wird Zeit, meine Reihe über die Bibel wieder aufzunehmen. Der erste Teil ist hier zu finden. Aber jetzt: Spiel läuft!

Im ersten Kapitel des Briefes von Paulus an die Epheser können wir lesen:

Er hat uns seinen Plan wissen lassen, der bis dahin ein Geheimnis gewesen war und den er – so hatte er es sich vorgenommen, und so hatte er beschlossen – durch Christus verwirklichen wollte, sobald die Zeit dafür gekommen war: Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen Universums, soll alles vereint werden – das, was im Himmel, und das, was auf der Erde ist.

Moment mal… was?

Alles soll vereint werden?

Alles?

Zunächst ein wenig griechisch für all jene unter uns, die die Hausaufgaben im Bus abgeschrieben haben: Die Phrase “alles vereint werden” ist im griechischen das Wort pas und es bedeutet wörtlich… “alles”. (Man könnte meinen, da stecke etwas Subtiles oder Tiefgründiges dahinter – aber es meint genau das.)

Eine kleine Zusammenfassung: Paulus zufolge tut Gott etwas – etwas, das alle Dinge involviert, einfach weil es ihm gefällt.

Gott sucht nach Dingen, die ihm gefallen.

Nur dahin entwickelt sich alles.

Gott genießt das, was auch immer es ist.

Nun, ein paar Gedanken zu dem was-auch-immer.

Der Satz, mit dem beschrieben wird, was Gott durch Christus tut wird hier als

“alles vereint” übersetzt.

In anderen Übersetzungen heißt es

zusammenfassend

oder

zu sammeln

oder

ins Gedächtnis zurückzurufen

oder

auf den Punkt.

Das Wort im Griechischen ist anakephalaiossathai. (Haltet einen Moment inne, um die schiere Wucht dieses Wortes zu genießen! Wer dieses Wort benutzt, das schwätzt nicht nur rum – und tatsächlich kommt es in der Bibel nur ein einziges Mal vor) (In Scrabble hätte man damit praktisch sofort gewonnen!).

ana bedeutet wieder,

kephale bedeutet Kopf,

anakephalaiossathai bedeutet also, alles wieder unter einen Kopf zu bringen. (Das Wort hat auch Verbindungen in die antike Welt der Mathematik und beschreibt, was passiert, wenn man verschiedene Zahlen zu einer zusammen zählt.) (Mathematik ist auch großartig.)

Zwei Anmerkungen zu diesem Wort:

Manchmal wird es übersetzt als ins Gedächtnis zurückzurufen.
Sich etwas ins Gedächtnis zurückzurufen ist ein anderes Wort dafür, etwas noch einmal zu erzählen. Und wenn wir Geschichten neu erzählen, dann lassen wir die nervigen und ätzenden Details nicht wegfallen – aber sie erscheinen in neuem Licht.

Als ich noch ein Jugendlicher war, kamen meine Eltern auf die fantastische Idee, im Januar eine Drainage unter dem Reitplatz zu verlegen. Zusammen mit meinen Brüdern musste ich bei minus 10°C tiefgefrorenen Boden aufstemmen und mit klammen, steifgefrorenen Fingern Rohre verlegen und Kies verladen und Sand umschütten. Es waren die schlimmsten Weihnachtsferien unseres Lebens.

Und doch, wenn wir heute zusammensitzen und die Geschichten von früher erzählen, dann tun wir das mit einem Lächeln.

Haben wir in der Kälte gelacht? Oder fanden wir es besonders komisch, tonnenweise Kies über den Hof zu fahren? Hat es uns Spaß gemacht, den steinharten Boden aufzuhacken?

Nein.

Es war zum kotzen!

Und doch… wenn ich die Geschichte heute erzähle, dann werden alle diese Details immer besonders betont, den sie gehören zu einer richtig guten Geschichte dazu.

Ihr alle kennt solche Geschichten.

Aber jetzt zurück zu dem Vers.

Paulus zufolge möchte Gott alles neu erzählen. Alles. Denn alles liegt zerbrochen, unvereint, zerstört und verletzt herum – aber es erfüllt Gott mit Freude, die Dinge zusammenzusetzen. In Christus.

Alles?

Alle Teile der Geschichte?

Alles was je ein Mensch jemals getan hat?

Warum benutzt Paulus dieses große Wort pas? Warum schließt er auch auch Himmel und Erde mit ein?

Warum hat er nicht einige Grenzen gelassen? Warum hat er nicht gesagt religiöse Dinge…oder christliche Dinge…oder erlöste Dinge…?

Warum ist er so deutlich, dass nichts von diesem Anakephalaiossathai-Ding ausgelassen wird, dass Gott um seiner Freude willen hier ist?

(Wir mögen oder mögen nicht mit dieser Sicht der Dinge übereinstimmen – und insbesondere angesichts all des Leides in der Welt fällt es mir oft schwer, an irgend etwas Gutes zu glauben. Aber unabhängig von unserer eigenen Meinung finden wir diese Sicht der Dinge in der Bibel – und darum soll es hier ja gehen.)

Mit diesen Fragen im Hinterkopf ist es von Bedeutung, was Petrus in Apostelgeschichte Kapitel 3 sagt:

…bis die Zeit gekommen ist für Gott alle Dinge wiederzuherstellen

Und was Paulus schreibt im Brief an die Kolosser Kapitel 1

Gott gefiel es…

(da ist dieses Vergnügen wieder)

…durch Jesus mit allem versöhnt zu sein.

(Da haben wir dieses Wort pas wieder)

Und hier ist Jesus in Matthäus Kapitel 19.

Wahrlich, ich sage euch, bei der Erneuerung aller Dinge …

Was ist das?

Über was reden sie?

Wiederherstellen, Versöhnung, Erneuerung, anakephalaiossathai.

Sie alle sind konsequent in ihrer Behauptung, dass Gott in der Welt präsent ist, um alles wieder so, wie es sein sollte, zu vereinen.

Unsere zerbrochenen Beziehungen?

Armut?

Missbrauch?

Rassismus?

Gebrochene Herzen?

Alle Dinge.

Alle Dinge.

Alle Dinge.

Alle Dinge.

Alle Dinge.

Nach Paulus ist es das, was Gott Freude macht.

Dies ist es, was Gott in der Welt will.

Das ist es, was Gott jetzt tut.

Dank geht an Rob Bell.

#17: Unser Kerl lebt

Reden wir über die Auferstehung.

Es gibt vier Bücher, die von Jesus berichten: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie alle erzählen, wie Jesus von einem seiner Freunde verraten wurde, von seinem letzten Mahl mit seinen Freunden, von der Kreuzigung der Römer und dann, wie er von den Toten aufersteht.

Wenn wir in den Evangelien von jener Auferstehung lesen, dann werden die Dinge sehr schnell sehr interessant.

Markus berichtet, dass am ersten Tag der Woche Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome zu Jesus Grab gingen

während

Matthäus sagt, es waren aber die Maria Magdalena und die andere Maria, die zum Grab gingen (Was für ein Nackenschlag: Wie würde es euch ergehen, wenn ihr in die Geschichte eingehen würdet, als die andere Maria!?
Ach wissen Sie – es war die andere Maria.
Hallo Bob, liebst du Maria?
Auf keinen Fall! Ich bin total verschossen in die andere Maria!)

(Okay, jetzt habe ich den andere Maria-Witz ein bisschen überstrapaziert. Aber bitte nicht wegrennen, es gibt noch einiges über Maria zu sagen.)

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#16: Hatten sie nur zuviel Wein?

Ich lasse mich leicht begeistern.

Von technischen Spielereien. Von wissenschaftlichen Fakten. Von Menschen. Von Berufen.
Einer der grandiosen Zufälle meines Lebens ist, dass ich mit einer Pastorin verheiratet bin. Wo ich Kirchen oder biblische Texte wie ein Trottel betrachte, weiß meine Frau oft die irrsten Zusammenhänge.

Darum beneide ich sie.

Aber es läßt mich immer wieder sprachlos zurück, wenn sie mir hier und da ein wenig von ihrer Welt eröffnet.
So wie heute.
Heute feiern wir Pfingsten, ein Fest, das sich von Pentacosta ableitet, das ist griechisch und bedeutet “fünfzig”. Pfingsten gilt als die Geburtststunde der Kirche. Kirche. Was immer einem in den Sinn kommt, wenn man an den Begriff Kirche denkt – hier ging es los.

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#15: Annahmen und AA-Treffen

P1010031Einer meiner Lehrer erzählte mir mal, es gäbe drei Stufen der Mathematik: In der ersten Stufe würde man mit Zahlen rechnen; in der zweiten Stufe mit Buchstaben (x²+y²=z²) aber die eigentliche Mathematik sei in der dritten Stufe zu finden – dort würde man nur noch mit mathematischen Konstrukten und Gebilden um sich werfen.

Wenn man sich einen solches mathematisches Konstrukt ansieht, dann muss es bspw. über ganz bestimmte Elemente verfügen, damit es ein mathematischer „Körper“ ist.

Kluge Physiker haben irgendwann einmal verwundert bemerkt, dass sich die Bausteine der Atome in ganz bestimmte Strukturen einfügen – und diese Strukturen entsprechen haargenau solchen mathematischen Körpern. Und da man bei einem mathematischen Körper wusste, welche Elemente es alles gibt – folgerte man daraus, dass auch noch ein paar subatomare Bausteine an dieser oder jener Stelle zu finden sein müssten.

Nach dem Higgs-Boson, welches als Gottesteilchen zu zweifelhaftem Ruhm gelangte, wurde also nicht einfach so gesucht – sondern anhand mathematischer Konstrukte ahnte man, dass es an einer bestimmten Stelle zu finden sei.

Verblüffend.

Vor einigen Jahren hatten meine Frau und ich einen Kunstprofessor zu Besuch. Ich erwähnte in einem Nebensatz, wie wenig ich von Kunst verstünde und jener Professor erklärte beiläufig, welche tausend Details in einem klassischen Bild zu finden seien. Was die Farben und die Pinselführung aussagte. Welche Symbole und Andeutungen eingearbeitet seien. Es war atemberaubend. Er konnte Bilder lesen.

Ein alter Studienfreund von mir loggte sich einmal – hunderte Kilometer entfernt sitzend – in meinen Computer ein, erstellte im Hintergrund einen neuen Benutzer und das alles während wir gemütlich telefonierten und ich nebenher im Internet surfte und nichts davon wahrnahm. Ein Zauberer in meinen Augen.

Wenn ich solchen Leuten beim Denken, Reden, Arbeiten zusehe, dann komme ich ins Staunen. Wie ein Kind. Ich bin seit zehn Jahren mit einer Pastorin verheiratet – und immer wieder erhalte ich Einblicke und staune, staune, staune.

Ich schreibe das, weil ich – als Christ – in meinem Glauben mit der Bibel anfangen muss. Und die Bibel – wie wir alle wissen – ist die Urheberin zahlreicher Probleme.

Einige Menschen verachten sie – ohne wirklich zu wissen, was darin steht, andere betrachten sie als Hindernis auf dem Weg zu Entwicklung und Aufklärung und wieder andere haben seit Jahren die gleichen Verse auf den Lippen und fragen sich, warum ein jeder – inklusive sie selbst – so gelangweilt ist. Und manche tragen so viel Last und Gepäck mit sich herum, dass sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Mich fasziniert die Bibel sehr. Über die Jahre hat sie sich mir mehr und mehr erschlossen, habe ich mehr und mehr Zugang zu Texten gefunden weil ich mehr und mehr verstanden habe.

Wenn du also ausgebrannt oder genervt bist oder voller ätzender Erfahrungen steckst, wenn es um die Bibel geht – dann ist das heute ein Text für dich :-)

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