#17: Unser Kerl lebt

Reden wir über die Auferstehung.

Es gibt vier Bücher, die von Jesus berichten: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie alle erzählen, wie Jesus von einem seiner Freunde verraten wurde, von seinem letzten Mahl mit seinen Freunden, von der Kreuzigung der Römer und dann, wie er von den Toten aufersteht. 

Wenn wir in den Evangelien von jener Auferstehung lesen, dann werden die Dinge sehr schnell sehr interessant.

Markus berichtet, dass am ersten Tag der Woche Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome zu Jesus Grab gingen

während

Matthäus sagt, es waren aber die Maria Magdalena und die andere Maria, die zum Grab gingen (Was für ein Nackenschlag: Wie würde es euch ergehen, wenn ihr in die Geschichte eingehen würdet, als die andere Maria!?
Ach wissen Sie – es war die andere Maria.
Hallo Bob, liebst du Maria?
Auf keinen Fall! Ich bin total verschossen in die andere Maria!)

(Okay, jetzt habe ich den andere Maria-Witz ein bisschen überstrapaziert. Aber bitte nicht wegrennen, es gibt noch einiges über Maria zu sagen.)

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#16: Hatten sie nur zuviel Wein?

Ich lasse mich leicht begeistern.

Von technischen Spielereien. Von wissenschaftlichen Fakten. Von Menschen. Von Berufen.
Einer der grandiosen Zufälle meines Lebens ist, dass ich mit einer Pastorin verheiratet bin. Wo ich Kirchen oder biblische Texte wie ein Trottel betrachte, weiß meine Frau oft die irrsten Zusammenhänge.

Darum beneide ich sie.

Aber es läßt mich immer wieder sprachlos zurück, wenn sie mir hier und da ein wenig von ihrer Welt eröffnet.
So wie heute.
Heute feiern wir Pfingsten, ein Fest, das sich von Pentacosta ableitet, das ist griechisch und bedeutet “fünfzig”. Pfingsten gilt als die Geburtststunde der Kirche. Kirche. Was immer einem in den Sinn kommt, wenn man an den Begriff Kirche denkt – hier ging es los.

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#15: Annahmen und AA-Treffen

P1010031Einer meiner Lehrer erzählte mir mal, es gäbe drei Stufen der Mathematik: In der ersten Stufe würde man mit Zahlen rechnen; in der zweiten Stufe mit Buchstaben (x²+y²=z²) aber die eigentliche Mathematik sei in der dritten Stufe zu finden – dort würde man nur noch mit mathematischen Konstrukten und Gebilden um sich werfen.

Wenn man sich einen solches mathematisches Konstrukt ansieht, dann muss es bspw. über ganz bestimmte Elemente verfügen, damit es ein mathematischer “Körper” ist.

Kluge Physiker haben irgendwann einmal verwundert bemerkt, dass sich die Bausteine der Atome in ganz bestimmte Strukturen einfügen – und diese Strukturen entsprechen haargenau solchen mathematischen Körpern. Und da man bei einem mathematischen Körper wusste, welche Elemente es alles gibt – folgerte man daraus, dass auch noch ein paar subatomare Bausteine an dieser oder jener Stelle zu finden sein müssten.

Nach dem Higgs-Boson, welches als Gottesteilchen zu zweifelhaftem Ruhm gelangte, wurde also nicht einfach so gesucht – sondern anhand mathematischer Konstrukte ahnte man, dass es an einer bestimmten Stelle zu finden sei.

Verblüffend.

Vor einigen Jahren hatten meine Frau und ich einen Kunstprofessor zu Besuch. Ich erwähnte in einem Nebensatz, wie wenig ich von Kunst verstünde und jener Professor erklärte beiläufig, welche tausend Details in einem klassischen Bild zu finden seien. Was die Farben und die Pinselführung aussagte. Welche Symbole und Andeutungen eingearbeitet seien. Es war atemberaubend. Er konnte Bilder lesen.

Ein alter Studienfreund von mir loggte sich einmal – hunderte Kilometer entfernt sitzend – in meinen Computer ein, erstellte im Hintergrund einen neuen Benutzer und das alles während wir gemütlich telefonierten und ich nebenher im Internet surfte und nichts davon wahrnahm. Ein Zauberer in meinen Augen.

Wenn ich solchen Leuten beim Denken, Reden, Arbeiten zusehe, dann komme ich ins Staunen. Wie ein Kind. Ich bin seit zehn Jahren mit einer Pastorin verheiratet – und immer wieder erhalte ich Einblicke und staune, staune, staune.

Ich schreibe das, weil ich – als Christ – in meinem Glauben mit der Bibel anfangen muss. Und die Bibel – wie wir alle wissen – ist die Urheberin zahlreicher Probleme.

Einige Menschen verachten sie – ohne wirklich zu wissen, was darin steht, andere betrachten sie als Hindernis auf dem Weg zu Entwicklung und Aufklärung und wieder andere haben seit Jahren die gleichen Verse auf den Lippen und fragen sich, warum ein jeder – inklusive sie selbst – so gelangweilt ist. Und manche tragen so viel Last und Gepäck mit sich herum, dass sie gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Mich fasziniert die Bibel sehr. Über die Jahre hat sie sich mir mehr und mehr erschlossen, habe ich mehr und mehr Zugang zu Texten gefunden weil ich mehr und mehr verstanden habe.

Wenn du also ausgebrannt oder genervt bist oder voller ätzender Erfahrungen steckst, wenn es um die Bibel geht – dann ist das heute ein Text für dich :-)

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#14: Heikel

2014-05-24 10.12.10Obwohl wir schon einige Teile unserer Reihe hinter uns haben, stecken wir immer noch ganz am Anfang.
Heute möchte ich mit einer Geschichte anfangen – einer Geschichte, die mir hilft sich über Wesentlichkeit, Inspiration und Offenbarung Gedanken zu machen.

Vor einigen Jahren schrieb Rob Bell ein Buch namens “Love Wins” (dt. “Das letzte Wort hat die Liebe“). Zu jener Zeit, als das Buch erschien, meldete sich ein sehr bekannter, amerikanischer Pastor mit großer Anhängerschaft zu Wort, er wolle mit Bell sprechen, weil er große Bedenken ob des Buches habe (Bell erwähnte, dass er zu jener Zeit gelernt habe, dass “große Bedenken” im Kirchensprech bedeutet, dass jemand richtig angepisst ist..). Bell unterhielt sich mit dem Pastor und fand schnell heraus, dass, wann immer er etwas darüber sagte, wie gut Gott sei, von jenem Pastor eine Erwiderung darüber kam, wie gewaltsam und schrecklich Gott sein könnte.

Beispielsweise sagte Bell: “Jesus sprach über die Erneuerung aller Dinge”
und dann wurde entgegnet: “Aber Gott kann auch ein ganzes Dorf auslöschen wie es im Buch der Richter geschrieben steht.”

Solche Dinge.

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#13: Bewusstsein und Gewalttaten

Also: Lasst uns über Lot, Sodom, Jericho und jede andere gewalttätige Passage aus dem Alten Testament sprechen. Und aus dem Neuen Testament auch, wo wir schon dabei sind. Dabei wollen wir die (berühmt-berüchtigten) Anweisungen zum Steinigen ebenso wenig auslassen, wie diese merkwürdigen Verse aus dem Buch Numeri, wo geschrieben ist, dass eine Frau den Staub trinken soll, um zu erfahren, ob sie schwanger ist oder Abraham, der seinen Sohn als Opfer darbietet (weil man das eben so tat) und weil wir gerade dabei sind, setzen wir uns auch mit der Frage eines Lesers auseinander:

Befahl Gott den Israeliten wirklich jeden umzubringen, inklusive der Frauen und Kinder in diesen AT Geschichten? Haben die Propheten vielleicht etwas missverstanden? Haben sie eventuell einige ihrer eigenen Hoffnungen auf Gott projiziert? Oder haben die Mächtigen Gott einfach als Rechtfertigung gebraucht? Oder ist Gott letztlich vielleicht ein Psychopath, der später einen “Kommt zu Jesus”-Moment hatte?

Naja, dann passt auch noch:

Warum befielt Gott den Menschen alle Frauen und Kinder umzubringen? Warum sind diese Geschichten von irgendeiner Bedeutung?

Gute Fragen.

Viele Antworten.

Zunächst einmal: Wenn wir diese Geschichten in der Bibel lesen, dann sind das (vor allem anderen) Geschichten, die von Menschen erzählt wurden (es ist offensichtlich, aber ich werde es während der ganzen Serie immer wieder wiederholen).

Und Menschen waren (und sind) in verschiedenen Phasen eines Selbst-Bewusstseins (‘Selbst-Bewusstsein’ oder ‘Ich-Bewusstsein’ nicht im Sinne von “mutig”, sondern seiner selbst bewusst seiend; man könnte sich das vielleicht als eine Art Linse oder Filter vorstellen; die Art, wie man sich selbst und die Welt sieht).

Die Geschichten und Erzählungen der Bibel stammen zumeist aus einer Zeit, in der die Menschen in Sippen und Familien zusammenlebten – entsprechend war ihr Ich-Bewusstsein (Sippen existierten zum Selbstschutz; wenn man in einen Kampf mit einer anderen Sippe zog, dann war das unser Gott vs. deren Gott; wenn man gewann, dann tötete man alle um eine Rache zu verhindern – aber das hatten wir ja schon).

So sahen die Menschen die Welt.

So funktionierten die Dinge.

So verstanden sie ihr eigenes Leben.

Zweitens: Wie Menschen Ereignisse und Erfahrungen interpretieren, hängt (auch heute noch) stark von dem Ichbewusstsein ab, indem man sich befindet. (“Natürlich passiert mir das wieder – das Schicksal hat sich einfach gegen mich verschworen” oder dergleichen)

Wenn man diese Geschichten liest, dann erfährt man beim Lesen einen genauen Ausdruck davon, wie die Menschen seinerzeit die Welt und ihre Ereignisse verstanden.

Ist es überraschend, dass jemand, der in einer solchen Welt einen Kampf gewinnt, anschließend Gott dafür rühmt? So etwas tat man seinerzeit (und tut es noch heute).

Ist es wirklich überraschend, dass, nachdem man einen Krieg gewonnen hatte, anschließend jedes einzelne Mitglied der feindlichen Sippe umgebracht wurde, inklusive der Frauen und Kinder und hinterher sagte, Gott habe einem dies befohlen? So etwas taten die Menschen zu jener Zeit.

Wen verwundert es, wenn Lot sagt: “Vergewaltige nicht sie – nimm meine Töchter!” So etwas taten Menschen in solchen Situationen.

Drittens: Wir empfinden diese Geschichten als gewalttätig, abstoßend, primitiv und barbarisch…

…weil sie es sind.

Wenn man so etwas beim Lesen nicht schockierend und furchtbar und verwirrend findet, dann stimmt etwas nicht. Und Menschen, die diese Geschichten lesen und sagen ‘Nunja, so ist Gott eben’ haben eine sehr, sehr gefährliche Vorstellung von Gott.

Viertens: Nicht alle Geschichten der Bibel (wir konzentrieren uns hier auf die Torah) sind so.

Ist es primitiv und barbarisch, sich um die Witwen und Waisen zu kümmern (so wie es in Deuteronomium geschrieben steht)?

Ist es grausam und gewalttätig eine Ecke seines Feldes nicht abzuernten, damit die Armen etwas essen können (Levitikus)?

Ist es primitiv zu hören, dass Menschen aus der Sklaverei befreit werden sollen (Exodus)?

Nein, natürlich nicht.

Diese Ideen waren neu,
und sind in der Bibel zu finden.

Und wo wir gerade da sind: In Ezekiel 16 zitiert der Prophet Gott mit den Worten “Doch ich werde das Schicksal Sodoms zum Guten wenden…” Offensichtlich war das letzte Wort über Sodom nicht gesprochen.
(Mehr dazu später.)

Fünftens (und jetzt wird es spannend): In der Bibel finden wir vor allem Geschichten, die das vorherrschende Bewusstsein und Selbstverständnis der Menschen reflektiert und gleichzeitig (und manchmal mitten drin) finden wir radikal neue Ideen über Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Mitgefühl und Liebe.

Neue Ideen sitzen Seite an Seite mit alten Ideen. Heimtückische Gewalt ist direkt neben einem neuen Verständnis von Frieden und Gerechtigkeit zu finden. Ein wachsendes Ichbewusstsein entspringt aus dem alten Selbstverständnis. Kleine Ideen sprießen wie Samen hin zu einer neuen Vision, einer neuen Bewusstwerdung und neuen Möglichkeiten; Samen, die zu wachsen beginnen wie die Abraham Geschichte von einer Sippe, die alle anderen Sippen segnen soll…

Sechstens (und langsam kommen wir ins Rollen, nicht wahr?) und das ist die Wahrheit hinter der Wahrheit: Ein Selbstverständnis ändert sich nicht über Nacht.

Veränderungen brauchen eine Weile.

So war das schon immer.

Und so ist es immer noch. Auch mit uns.

Wetten?

Hatten wir je die Idee, uns gesünder zu ernähren?

Und wurden wir am nächsten Tag ein überzeugter Veganer?

Hatten wir je die Idee, mehr Sport zu treiben?

Und haben am nächsten Tag für einen Triathlon trainiert?

Hatten wir je die Überzeugung, wir sollten uns mehr für die Umwelt einsetzen?

Und haben wir dann unseren Kohlendioxidausstoß auf Null reduziert?

Wahrscheinlich nicht.

Wir haben eine großartige Idee. Eine Vision. Einen Blick von einem erweiterten, aufgeklärten, tieferen Selbstbild. Etwas, dass eine Zeit reifen muss.

Schritt. Für Schritt. Für Schritt.

Eine neue Veränderung. Gefolgt von einer weiteren. Gefolgt von einer weiteren.

Weil Veränderung seine Zeit braucht.

Und das führt mich zum siebten Punkt, dem Crescendo, dem Höhepunkt, dem Moment, an dem der Schlagzeuger immer schneller und lauter wird und dann plötzlich aussetzt:

Warum stellen wir Fragen über die Gewalt in der Bibel? Warum sind wir so irritiert? So abgestoßen?

Warum hält das viele Menschen davon ab, die Bibel zu lesen?

Weil es primitiv und barbarisch ist?

Ja.

Aber was in uns befähigt uns zu diesem Urteil?

Was in uns ist über die Gewalt so entsetzt? Woher kommt die Idee, dass da etwas falsch läuft?

Wir haben den Gedanken, dass es eine bessere, zivilisiertere Art gibt als das, weil unser Bewusstsein ein anderes ist. Ob es Liebe oder Frieden oder Gerechtigkeit oder Leidenschaft ist – da ist ein Filter, eine Linse, etwas in uns, dass uns sagt, dass das Töten von Menschen falsch ist und dass jedweder Gott, der solche Dinge befiehlt unter allen Umständen getilgt werden muss.

Wie kam es dazu?

Wie in aller Welt hat die Welt uns geschaffen?

Die Menschheit ist älter geworden, erwachsener, vernünftiger und in ihrem Bewusstsein gewachsen, seit diese alten Geschichten erzählt wurden.

(In bestimmten Formen. Dazu kommen wir später noch.)

Letztlich sind wir abgestoßen und angewidert, weil unser Ichbewusstsein auf einer anderen Stufe ist, als das der Menschen jener Zeit.

Wir sehen die Welt nicht mehr so.

Genozid ist falsch.

Vergewaltigung ist falsch.

Frauen und Kinder zu töten ist falsch.

Was mich zu einer weiteren Frage führt: Wie erklären wir, weshalb wir so kritisch auf diese Geschichten zurückblicken?

Was ist in uns geschehen, dass wir sie heute so anders lesen?

Entwickelt sich etwas in uns Menschen? Etwas, dass uns vorwärtstreibt?

Könnte dieses etwas ein jemand sein?

Unsere Fähigkeit, uns von diesen Geschichten abzuwenden ist ein Indiz dafür, dass unser Selbstbild sich verändert hat, gewachsen ist.

Das ist der Kern der Sache: Die Tatsache, dass etwas in uns von diesen Geschichten wirklich entsetzt ist, zeigt letztlich, dass wir uns weiterentwickeln. Das wir in der Lage sind, vorwärtszudenken und größer zu werden, unser Bewusstsein wachsen zu lassen.

Die zu Grunde liegende Abscheu vor den Geschichten des Alten Testaments kommen aus dem Glauben, dass wir aufgeklärter sind, als früher.

Und sind wir am Ziel angekommen?

Sind wir als Kultur, als Gesellschaft, als Menschheit schon am Ende angekommen?

Haben wir den Clou raus?

Gibt es Frieden auf Erden?

Nein.

Liegt noch ein weiter Weg vor uns?

Natürlich.

Aber allein die Tatsache, dass uns diese alten Geschichten verstören zeigt doch, dass die Menschheit sich weiterentwickelt. Vorwärtskommt. Wächst. Etwas arbeitet in uns.

Denn niemand hat es bisher geschafft.

Keine Stadt, kein Land, keine Familie, keine Institution, keine Firma. Wir alle brauchen Hilfe. Und wir alle haben noch einen langen Weg vor uns.

Wenn wir die Bibel als festgeschriebenen Bericht über Gottes Anweisungen lesen, Menschen umzubringen, dann wird sie nie Sinn ergeben.

Aber wenn wir sie als anbahnende Geschichte lesen, als Zeugnis eines wachsenden Bewusstseins darüber, wer Gott ist und wer wir sind und was es heißt, nach Gerechtigkeit und Liebe und Barmherzigkeit zu dürsten, dann werden wir erkennen, dass da etwas am Werk ist. Unter der Oberfläche. Etwas, dass Samen säht und uns langsam, aber unaufhörlich vorwärtstreibt und uns inspiriert und beruft und zieht und zerrt und verwandelt…

Wenn wir die Bibel als Bericht darüber lesen, wie die Menschheit erwacht, sich entwickelt und sich selbst bewusster wird, reifer wird (was Paulus Gebet im Brief an die Epheser entspricht), dann finden wir vielleicht die ein oder andere Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.

#12: Familie, Stammbäume und Gewalt

Der HERR sprach zu Abraham: Geh…
Da zog Abraham…

Genesis 12

Im antiken Nahen Osten definierte die Sippe, die Familie, die Blutsverwandtschaft die eigene Identität. Die Abstammung bedeutete alles. Und jeder gehörte zu einem solchen Stamm.

Wie jeder andere auch, war man verpflichtet, für das Wohl der Sippe zu arbeiten. Der Besitz wurde geteilt, es wurde gemeinsam gefochten und gemeinsam Allianzen geschlossen – alles um die Familie zu erhalten. Und tat man etwas Schlechtes, Beschämendes, dann hatte das direkte Auswirkungen auf den ganzen Stamm.

Was hat das mit Genesis 12 zu tun? Folgen wir der Geschichte, so lesen wir, dass Gott Abram zum Vater einer neuen Sippe ernannte (Abram nannte sich später um in Abraham und Vater Abraham hat viele Kinder und viele Kinder hat Vater Abraham. Ich bin eins davon und eins bist du…) (Verzeihung, ich konnte nicht widerstehen) (Für alle, die jetzt den Kopf schütteln – dies ist eine Zeile aus einem Lied, das man immer und immer wieder wiederholt und dabei immer schneller und schneller singt, bis man nicht mehr kann).

Und dann fügt Gott noch ein Versprechen hinzu:

…ich will dich segnen […] und du sollst ein Segen sein.

Sippen (in der hebräischen Schrift auch als Nationen bezeichnet) sorgten sich in jener Zeit ausschließlich um ihr eigenes Wohlergehen.
Die Sippe, die Abraham anführen sollte, wäre anders: Sie sollte existieren, um alle anderen zu segnen.

Das war seinerzeit eine ganz neue Idee.

Und als die Familie Abrahams mehr und mehr anwuchs und die Kinder älter wurden, teilten sie das Gefühl einer Berufung, diesen Anspruch, anders zu sein als die anderen und eine einzigartige Rolle im Geschehen der Welt zu spielen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass in der Genesisgeschichte (also nur ein Kapitel bevor wir Abraham kennenlernen) die Menschheit sich mit dem Turmbau zu Babel selbst zu Göttern krönen wollte. Wenn also die gesamte Menschheit die Orientierung verloren hat, wie kann man das wieder hinbiegen? Man beginnt mit einer neuen Sippe, einem Stamm der gemeinsam mit Gott und nicht gegen ihn agiert.

Nun – ein paar mehr Details über Sippen.

Stämme hatten ihre eigenen Götter und Göttinnen, Kräfte denen sie folgten und die sie anbeteten und von denen sie annahmen, sie würden sie beschützen und leiten. Wenn man also in den Kampf gegen eine andere Sippe zog – normalerweise um Land oder Ressourcen oder Reichtum – dann kämpfte gleichsam der eine Gott gegen den anderen Gott (das ist übrigens auch der Subtext zu der David gegen Goliath Geschichte). Und wenn man gewann, dann brachte man alle um und nahm alles an sich. Oder man brachte nur die Männer um und nahm die Frauen mit sich. Und die Esel. Oder was immer man wollte. Die Beute. Dies waren die Spielregeln zu jener Zeit (und viel hat sich daran nicht geändert…) und so hielten es die Sippen seit vielen Generationen.

Brutal? Ja.

Gewalttätig? Ja.

Primitiv? Ja.

Barbarisch? Ja.

In der Sippe ging es nicht nur um die Blutsverwandtschaft und die eigenen Götter – es ging um Sicherheit. Die Welt war extrem gefährlich und ohne den Schutz des Stammes fand man sich leicht in Gefangenschaft oder schlimmerem wieder. Es ging nicht darum, ob man eher CDU oder lieber SPD wählt, es ging ums Überleben. Wenn wir im Alten Testament also Geschichten darüber lesen, dass sich so und so viele Männer versammelten und eine bestimmte Anzahl an Schwertern, Pferden oder Kamelen mit sich führten, dass sie ein Bündnis mit König Dingsbums oder Herrscher Soundso eingingen, dann war das kein Hobby. Es ging um Leben und Tod. Töten oder getötet werden. Und egal wie viele Kämpfe man gewonnen hatte – man war stets nur einen weiteren Kampf davon entfernt, umgebracht oder versklavt zu werden. Einen Kampf, der die gesamte eigene Sippe auslöschte und alles vernichtete, was einen ausmachte. (Dies ist auch der Grund, warum Gastfreundlichkeit so wichtig war – der kleinste Versprecher, der geringste Rempler konnte wer-weiß-was für einen gewalttätigen Stammeskonflikt auslösen. (Das ist übrigens der Subtext von der Sodom und Gomorra-Geschichte.))

Wenn wir uns ausmalen, die Sippe im nächsten Dorf hätte eine gewaltige Technologie erfunden – etwa Eisen oder Bronze – dann wüchse in uns die Gewissheit, dass wir beim nächsten Konflikt hoffnungslos unterlegen wären. Unser Leben steht auf dem Spiel (dies ist die Spannung zwischen den Philistern und den Söhnen Israels während der David und Goliath Geschichte).

In einer solchen Welt lesen wir die Geschichte von einem Mann, der als Vater einer neuen Nation, einer neuen Sippe bezeichnet wird. Einer Sippe, die nicht um sich selbst willen existiere, sondern für einen höheren Zweck: Nämlich, um die anderen zu segnen.

Es geht um die Geschichte Abrahams, also Israels.

Kann man jetzt erkennen, wie radikal dieser Ansatz war?

Es ist offensichtlich, dass eine solche Idee Zeit braucht, um angenommen zu werden (und man versteht, wieso Jesus das Volk immer wieder an seine ursprüngliche Berufung erinnert).

Können wir uns vorstellen, dass – egal was man uns darüber erzählte, wer wir sind und was unser Auftrag sei – wir würden die Welt durch eine bestimmte Brille betrachten.

Können wir uns vorstellen, wie einfach es war, in den Kampf zu ziehen, alle Feinde zu töten und hinterher den eigenen Gott zu ehren und Geschichten darüber zu erzählen, wie Gott erst den Auftrag gab, loszuziehen?

Wir sind immer noch ganz am Anfang.

Nächstes Mal: Bewusstsein und Gewalt.

#11: Wie kam sie zu uns?

Ein kurzes Zwischenfazit.

Über einen langen Zeitraum hinweg schrieben Menschen Dinge auf. Vieles von dem, was sie niederschrieben, waren mündlich überlieferte, seit einiger Zeit tradierte Geschichten. Was dann letztlich aufgeschrieben wurde, war buntgefächert: Von Lyrik und Gedichten über Ahnentafeln und Erzählungen hin zu den Evangelien und Texten über die Apokalypse und zahlreichen Briefen.

Die Menschen, die dies aufschrieben hatten Wertvorstellungen, Ansichten, Perspektiven und offensichtliche Punkte, die sie ansprechen wollten.
Wenn wir die kleinen Propheten (Hosea, Micha etc.) studieren, dann können wir die Geburt einer Art Sozialen Gerechtigkeitsempfindens mitverfolgen (man kann eine direkte Verbindung von der sozialen Empörung im Buch Amos bis hin zur Occuy Wall Street Bewegung ziehen).
Die Torah wurde im Exil zusammengestellt, wo die Geschichte über den Exodus und die Flucht aus der Sklaverei auf konkrete Resonanz stieß. Lukas schrieb seine Ansichten über Jesus auf, weil er seinen Lesern bestimmte Punkte nahebringen wollte. Der Apostel Paulus betrachtete Timotheus wie einen Sohn und wollte ihm ganz bestimmte Weisheiten und Ansichten darüber vermitteln, was es bedeutet, Jesus im Kleinasien des ersten Jahrhunderts nachzufolgen.

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#10: Die Macht eines Gedichts

Bis hierher haben wir uns ein paar Erzählungen aus der Bibel angesehen, den Kontext betrachtet und die Einbettung in die Geschichte und wie die Welt seinerzeit aussah und das viele dieser Geschichten nur oberflächlich betrachtet voneinander unabhängige Erzählungen sind.
Es gibt einen roten Faden.
Als nächstes dann wollen wir diesen roten Faden tiefer ergründen und schauen, wie er mit der menschlichen Entwicklung verwoben ist.

In einem Artikel erwähnte ich einmal, dass die Bibel mit einem Gedicht beginnen würde (der Artikel ist lang, aber lesenswert) (er ist wirklich sehr lang – aber auch wirklich lesenswert). Einige weitere Gedanken dazu. weiterlesen

#9: Adam & Eva

Adam und Eva

In einem Physikkurs spreche ich immer wieder über die Entstehung unseres Sonnensystems. Ich erzähle davon, dass die Sonne vor allem aus (den leichten und kleinen Atomen) Wasserstoff und Helium bestünde und dass alle schweren und großen Elemente um uns herum (wie Sauerstoff und Kohlenstoff und die Tafel vorne und die Kreide und meine Ohrläppchen und überhaupt alles) aus dem Inneren einer explodierten, alten Sonne entstammten. Eine Supernova sei so etwas wie ein Backofen für Elemente. Dort verbacken die leichten Elemente zu schweren.

Am Schluss solcher Stunden kommen zuweilen Schüler nach vorne, bedanken sich für die nette Geschichte und versichern mir, dass sie das nicht glauben würden. Es sei hübsch konstruiert und nett erzählt – aber doch ziemlich weit hergeholt.

Hm.

Aktuelle Umfragen aus den USA belegen, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung davon ausgeht, dass die Erde nur wenige tausend Jahre alt ist. In Deutschland bezweifelt etwa ein Drittel die Evolutionstheorie.

Hmm.

Die Vorstellung, jemand nähme die Adam & Eva-Erzählung als Tatsachenbericht, schien mir lange Jahre völlig absurd. Bis jene Schüler vor mir standen und mir höflich mitteilten, dass ihr Physiklehrer gerade ihren Glauben mit Füßen trat.

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#8: Steinewerfer

Steinewerfer

Wir haben bisher einen Blick auf einige alte hebräische Schriften geworfen, die das ein oder andere Ereignis womöglich in neuem Licht erscheinen lassen. Heute wollen wir mal einen Blick in die Evangelien werfen, in eine Geschichte über Jesus und suchen dann nach dem roten Faden, der all das miteinander verbindet.

Also: Steinewerfer.
Eine Frau wird inflagranti bei einem Liebhaber erwischt und die Religionspolizei (was ein entsetzliches Wort) bringt sie (aber nicht ihren Kerl) in den Tempel und klagt sie an. Dabei versuchen die Gelehrten, Jesus die Worte zu entlocken, nach dem Gesetz solle sie gesteinigt werden. Schöne Nächstenliebe, Herr Messias.
Jesus aber kniet sich hin, kritzelt etwas in den Staub und sagt dann:

Derjenige von euch, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Er schreibt noch etwas auf den Boden und schließlich gehen die Ankläger von dannen, bis nur noch Jesus und die Frau zurückbleiben. Er fragt sie, ob irgendwer sie verurteilt, sie sagt Nein, er sagt ihr, dass er das auch nicht tue und sie fortan ohne Sünde leben solle.

Ende der Geschichte.

Bleibt die Frage, was er auf den Boden geschrieben hat.

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