Was ich an “Schule” ändern würde, wenn…

Im Rahmen einer SPIEGEL ONLINE Kolumne wurde ich neulich gefragt, was ich an Schule ändern würde, wenn ich könnte. Heute, nach einem weiteren, langen Elternsprechtag ist mir völlig klar, dass ich nur eine einzige Antwort darauf geben kann.

Es gibt da diese Comic-Zeichnung, die zweimal die gleiche Szenerie zeigt: Eltern bekommen das Zeugnis ihres Kindes in die Hand gedrückt. Links im Bild, im Jahr 1975, schimpfen sie das Kind an und verlangen eine Erklärung; rechts im Bild – 2010 – fauchen sie den Lehrer an und verlangen eine Erklärung.

Vielleicht mehr als je zuvor gilt heute, dass wir Lehrer keine Chance bei der Erziehung und Bildung der Kinder haben, wenn die Eltern nicht hinter uns stehen. Und immer wieder bin ich dankbar dafür, dass ein ganz großer Teil von ihnen uns ihr Vertrauen ausspricht.
Ja, sie finden auch nicht immer alles toll – aber sie haben volles Vertrauen in uns und wir bräuchten nur einmal anrufen, wenn es Ärger gäbe, sie würden sich darum kümmern.

Egal welche Ausstattung eine Schule hat, welche Probleme im Stadtteil herrschen oder ob die Lehrer modernen oder klassischen Unterricht machen – die Zusammenarbeit mit den Eltern ist die absolute Basis. Wo das nicht funktioniert, steht am Ende oft genug eine Katastrophe.

Was ich ändern würde?
Ich wünschte, die Eltern in Deutschland hätten grundsätzlich wieder mehr Vertrauen in unsere Arbeit.

Der Vorleser.

2014-02-05 14.16.08Durch Herrn Rau bin ich auf das Buch “Tom’s Midnight Garden” aufmerksam geworden (nebenbei bemerkt ein weiterer Grund dafür, einen Blog zu führen und möglichst viele zu lesen). Die Beschreibung klang ganz wunderprächtig und erinnert tatsächlich an “Die Frau des Zeitreisenden”. Als treuer Greys Anatomy-Gucker habe ich auch bei diesem schnulzigen romantisch-sehnsüchtigen Roman mehr als einmal schlucken müssen.

Ohne das Buch genauer zu kennen, habe ich es als neue Vorlese-Lektüre (dazu mehr hier) für meine Klasse ausersehen, eine gebrauchte Ausgabe bei Amazon gefunden und begonnen, es meinen Schülern vorzulesen.

Durch verschiedene Umstände musste eine Kollegin (Deutsch) in meiner Klasse vertreten und in Ermangelung einer Alternative bot ich ihr das Buch zum Vorlesen an. Die Klasse kannte es nicht. Ich kannte es nicht. Aber sie würde das bestimmt prima hinbekommen.
Die Kollegin freute sich, forschte schnell nach ein paar Informationen zur Autorin Philippa Pearce und druckte das Deckblatt der englischen Ausgabe des Buches aus. In der Klasse sprach sie mit den Kindern über die unterschiedlichen Titelbilder und es wurden Mutmaßungen angestellt, worum es in dem Buch gehen könnte.
Anschließend wurden die ersten Seiten vorgelesen, bis die Kollegin stoppte und die Schüler bat, in Stichworten den möglichen weiteren Verlauf des Buches schriftlich zu skizzieren. Einzelne Ideen wurden an der Tafel gesammelt; und dabei zeigte sich, dass die Jungen eher auf Gespenster, Angst und Grusel hofften, während die Mädchen ihren Fokus auf den Garten und das Klettern auf Bäumen legten.

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Aus der Genderperspektive ist das natürlich ganz spannend zu betrachten.

Ich jedenfalls komme mir reichlich dämlich vor. Wieder einmal.
Da freue ich mich monatelang, mit dem Vorlesen von Büchern ein wunderbares Ritual gefunden zu haben – und dann schüttelt eine Deutschkollegin mal eben unvorbereitet eine komplette Stunde aus dem Ärmel, die weit, weit über das hinausgeht, was ich (als Naturwissenschaftler) so mit dem Lesen von Büchern verbinde.

Ich hoffe, dass das bleibt: Dieses sich-dämlich-fühlen. Das Staunen über die Einblicke und Arbeitsweisen anderer.

Kleine Beobachtungen

Während ich mit einem Kollegen in der Mittagspause im Physikraum sitze und eine verzweifelte Schülerin durch eine mündliche Prüfung bugsiere, höre ich vom Gang plötzlich lautes Kinderlachen und schnelle Schritte.

Schon wieder.

Während allen Pausen ist den Schülern der Aufenthalt vor den naturwissenschaftlichen Räumen streng verboten. Das wissen auch alle. Ärgerlich springe ich auf und trete auf den Gang – nur um meine eigenen Schüler als Übeltäter zu identifizieren. Sie spielen Fangen und jagen sich johlend durch die Gebäude und Flure.

Nach einer deutlichen Ermahnung (die nur die langsamsten aus der Gruppe trifft) muss ich innerlich grinsen: Denn es waren nicht nur ¨die Mädchen¨ oder ¨die Klassenclowns¨, sondern eine wilde Mischung aus fast allen Schülern. Und obwohl ich mich darüber ärgere, dass sie die Hausordnung völlig außer Acht lassen, bin ich innerlich ganz dankbar: Seit dem ersten Tag lege ich viel Wert darauf, dass es keine Außenseiter gibt, dass jeder mit jedem gut klarkommt.

Wenn sie jetzt schon Mist machen – dann wenigstens alle gemeinsam. Und das ist eine gute Sache :-).

Bibel #1: Jemand schrieb etwas nieder.

Klasse 13. Deutsch Grundkurs.
Es geht um Hiob. Jene tragische Gestalt aus der Bibel, die zunächst ein gesegnetes Leben führt und dann entsetzliches Unheil erlebt.
In einer Klausur bewertet ein Schüler das Ende der Geschichte:

Dass Gott Hiob schließlich wieder Kinder schenkt, ist kein Trost. Denn wer will schon geschenkte Kinder? Die eigenen sind doch unersetzlich!!

Skurril.

imageIch bin mit einer Pastorin verheiratet – und das eröffnet mir immer wieder Ansichten und Erkenntnisse, vor denen ich nur ehrfürchtig dasitzen kann.

Hin und wieder habe ich das hier erwähnt. Natürlich wird das eine ganze Menge von euch überhaupt nicht interessieren. Ein paar werden meinen Gedanken zustimmen, andere widersprechen. All das ist, glaube ich, gar nicht so wichtig.

Zum einen nutze ich den Blog und den Akt des Schreibens als eine Form der Verarbeitung. Ich durchdenke und begrüble verschiedene Dinge, während ich schreibe. Das geht sicher vielen Bloggern so. Bei Serverkosten von 17,79 € im Jahr für das Blog ist das billiger, als einen Psychotherapeuten zu engagieren.

Vor einigen Wochen begann der Pastor Rob Bell einen Blog zu führen, indem der ein wenig durch die Bibel streift. Ich finde den ganz spannend – und kenne genug Leute, die das gerne lesen würden, deren Englisch aber zu schlecht ist. Mit clip_image001Rob Bells freundlicher Erlaubnis darf ich seine Texte schamlos kopieren, übersetzen und hier posten. Vieles ist von ihm – hier und da habe ich eigene Gedanken ergänzt. Für mich ist es… atemberaubend – womöglich zieht der ein oder andere hier und da neue Erkenntnisse an Land.

Genug der Vorrede – los geht’s: weiterlesen

Alltagsrassismus

Es klingelt.
Ein Vertreter für Markisen steht vor mir und strahlt mich freundlich an. Ob das Haus mir gehöre (nein) und ob die Vermieter womöglich Interesse an einer Markise haben könnten (ebenfalls nein). Wir plaudern ein bisschen über das Verhältnis Mieter-Vermieter und auch darüber, wie besorgniserregend wir es finden, dass die Immobilienfirma Deutsche Annington an die Börse will, was letztlich vor allem Profitmaximierung auf Kosten der Mieter bedeuten könnte.

Der Gespräch wird depressiver. German Angst kommt mir in den Sinn. Aber es wird noch schlimmer.

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Statistik im Schaubild

Wider besseren Wissens lese ich mir bei Artikeln auf SPIEGEL ONLINE die Foreneinträge durch. Immer wieder. Obwohl ich weiß, welcher Mist da verzapft wird, kann ich mich diesem Sog nicht entziehen. So auch heute, als eine Hochstapler-Lehrerin ertappt wurde und die Forumsteilnehmer der Reihe nach diagnostizieren, dass die gute Frau das “sicher besser machte, als die ganzen studierten Lehrer.”

Und jedesmal, wenn dort ein killian84 schreibt, dass seine Nachbarin, eine Lehrerin ständig im Garten sitzt und überhaupt nie arbeitet und deshalb per se alle Lehrer faule Säcke seien… hach…
Es wird mal wieder Zeit für ein Schule im Schaubild:

Statistik im Schaubild

ISS, Olympia und die kugelförmige Flamme

Am 09.11.2013 verließen zwei russische Astronauten die Internationale Raumstation ISS für einen Außeneinsatz mit einem ganz besondern Gegenstand in der Tasche. Die Olympische Fackel. Es war nicht der erste Besuch einer Olympischen Fackel auf der ISS, aber der erste Weltraumsparziergang mit ihr. Doch schon bevor sich die Fackel auf den Weg ins Weltall machte, gab es rege Disskusionen über die Sicherheit der Astronauten. Sollte man wirklich eine brennende Fackel auf die ISS bringen? Zu gefährlich entschied die Flugleitstation in Moskau. Doch wäre eine entfachte Fackel wirklich ein Sicherheitsrisiko gewesen? Immerhin wurden auch schon auf der Raumstation MIR experimente mit Feuer und Flammen durchgeführt. Man munkelt, dass ein anderer Grund zu der Entscheidung der Flugdirektion führten. Die Schwerelosigkeit. Jede Kerzen- oder Fackelflamme benötigt Sauerstoff zum brennen. Entzündet man eine Flamme auf der Erde, so steigen die Verbrennungsprodukte und die darüberliegende aufgeheizte Luft nach oben. Aufgrund der Konvektion im Raum sinkt kalte Luft nach unten und speißt die Flamme mit neuem Sauerstoff. Unsere Kerze Brennt am docht Kegelförmig ab. Entzündet man jedoch eine Kerze im Weltall sieht das ganze anders aus. Die Schwerelosigkeit sorgt dafür, dass es zu fast keiner Konvektion kommt. Der Kerze geht aufgrund der nicht vorhandenen

Kerze auf der Erde und im All - NASA.gov

Kerze auf der Erde und im All – NASA.gov

Gasbewegung im Raum buchstäblich die Luft aus, da die entstandene heiße Luft und die Verbrennungsprodukte genau dort bleiben wo sie sich gerade befinden. Der Sauerstoff rund um den Kerzendocht verbrennt. Ist dieser jedoch aufgrbraucht erlischt die Kerze. Der bisherige Rekord einer brennenden Kerze im Weltall lag bei 16 Minuten. Laut NASA sollen mit den experimentellen Bedingungen, die auf der ISS geschaffen werden können sogar 167 Minuten erreicht werden. Hätten die Astronauten also die Olympische Fackel, entzündet durch die Sonne mit einem extra dafür vorgesehenen Hohlspiegel in ihrer Sojuskapsel mit auf die ISS genommen, wäre die Flamme der Fackel spätestens nach 167 Minuten ausgegangen. Das hätte zur Folge gehabt, dass eine der wichtigsten Regeln der olympischen Traditionen gebrochen hätte werden müssen. Das Olympische Feuer darf im laufe der Olympiade nicht erlischen. Natürlich hat diese Regel ihren Ursprung, genau wie die Olympiade, in der Antike und sollte heutzutage nicht mehr zu ernst genommen werden. Veranschaulicht man sich aber die wichtigkeit der ewig brennenden Fackeln in der damaligen Religion wird einem bewusst, warum den Veranstalltern dem IOC ein erlischen der Fackel, vorallem vor diesem Hintergrund und mit diesem Medieninteresse überhauptnicht gefallen würde. Also waren es nun gerade einmal 2 kg Aluminium die die Astronauten mit sich spazieren führten. Über den Sinn und die Aktuallität solcher teueren Veranstalltungen kann man streiten. Worüber man nicht streiten kann ist die schönheit einer Kugelförmigen Flamme im schwerelosen Raum. Deshalb hier nochmal ein kleiner Eindruck von der ehemaligen Raumstation MIR.

http://www.youtube.com/watch?v=IgzCMKdAYuI

Und wer noch mehr Informationen über die experimente der NASA auf der ISS haben möchte klicke auf das Bild der beiden Flammen oben.

 

Elternsprechtagsvorbereitungen

2013-11-29 07.45.27“Herr Klinge?”

Maria sitzt vor mir. Eigentlich sollte sie an der Lerntheke arbeiten. Aber ich ahne schon, dass das heute nichts wird. “Was gibt es denn?”
”Wenn meine Mama morgen zum Elternsprechtag kommt… sagen Sie dann schlimme Sachen?”

Ich schaue ernst. Ich glaube ja, dass viele Lehrer auch gute Schauspieler geworden wären. “Ich weiß nicht, Maria, was soll ich ihr denn sonst erzählen?”

Sie überlegt. Und noch bevor sie antworten kann, unterbreite ich ihr einen Vorschlag: “Wie wäre es, wenn du dir einen Zettel schnappst und mir genau aufschreibst, was ich deiner Mama sagen soll?”
Sie kichert vergnügt und will es nicht glauben. “Doch, doch, versprochen!”, bestätige ich. “Schreib alles auf.”

Maria gluckst. Sie ahnt, Teil eines Scherzes zu sein aber erblickt die Pointe noch nicht. Sie beginnt zu schreiben.

  • “Ich passe immer auf.”

Sie guckt hoch und gesteht: “Aber das stimmt ja eigentlich gar nicht.”

“Macht nichts”, erwidere ich, “schreib alles auf. Du kannst auch aufschreiben, was ich nicht sagen soll!”

  • Ich bin immer nett zu meinen Mitschülern
  • Ich sage keine Ausdrücke

Maria schreibt. Und schreibt. Und schreibt. Und bei jedem Punkt kichert sie, dass das ja eigentlich gar nicht stimmen würde. Schließlich gibt sie mir den Zettel, ein bisschen ungläubig.

“Herr Klinge, lernen Sie die Punkte auswendig, oder lesen Sie den Zettel vor?”, mischt sich Volker ein.

“Weiß nicht”, sage ich, “entweder werde ich sagen: “Hallo Frau Müller, ihre Tochter hat mir aufgetragen, Folgendes zu sagen…” – oder ich gebe deiner Mama den Zettel direkt.”

Maria ist empört. “Sie haben mich reingelegt! Das ist gemein!” Sie lacht, als sie das sagt.

Auch wenn ich es schon erwähnte: Lehrer zu sein, ist ein großartiger Beruf. Und zu merken, dass meine Schüler gerne in die Schule gehen… einfach fantastisch!

Auf den Elternsprechtag freue ich mich schon. Zwinkerndes Smiley

Sapperlot. Das Dinosaurier-Spiel.

IMAG0374Das wahrhaft Schönste am Lehrerberuf ist, dass ich viel Zeit mit meiner Tochter verbringen darf. Ich komme nicht abends um “7 vonne Maloche und bin fix und feddich mit die Welt”.

Wir vertreiben uns die Zeit mit allerlei Schönem und Unsinnigem. Eines unserer Spiele ist das Dinosaurier-Spiel: Dabei geht es darum, möglichst viele Synonyme zu finden. Dinosaurier-Spiel heißt es deswegen, weil es nach der Thesaurus-Funktion von Word benannt ist und Thesaurus klingt wie ein Dinosaurier.

Nach der Schule klingen unsere Gespräche dann zuweilen so:

Sapperlot, Papa, war das ein schöner Schultag heute!”
Donnerlittchen, das freut mich aber sehr, Lina!”
”Und… Papa, Herrschaftszeiten habe ich mich auf dich gefreut!”
”Ja, Kreuz, Birnbaum und Hollerstauden! Das freut mich zu hören!”
”Und machen wir jetzt noch was Schönes? Eis essen zum Beispiel?”
Donnerwetter! Das ist mal ein Vorschlag!”

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Kinder kriegen, Kinder haben

2012-12-19 08.59.25Die schönsten Tage im Lehrerleben sind die, an denen man eine neue Klasse bekommt. Das ist wie die oft zitierte Packung Pralinen – man weiß nie, was man bekommt. Und da Jan und ich an einer Gesamtschule arbeiten, haben wir Kinder von jeder Sorte: die Defensiven, die Selbstbewussten, faule Intelligente, usw.

Wenn ich eine neue Klasse 5 bekomme, dann schaue ich mir vorher die Namensliste an und versuche für mich selbst zu raten, welche Kinder die besonderen Namen haben: Kann ich Grace erkennen? Charlotte-Elisabeth? Klaus? Das klappt zum Glück nie. Die neue Klasse sitzt vor mir und ich weiß nicht, welche Schulzuweisung die Kinder von der Grundschule bekommen haben, denn diese Daten liegen nur der Schulleitung vor. Ich gehe also vorurteilsfrei mit den Kindern um und die SchülerInnen stecken in keiner Schublade. Alles ist neu und sie werden so auf- und angenommen, wie sie vor mir stehen. Großartige Sache!

Das ist in meiner Klasse zweieinhalb Jahre her.