Action mit Glasknochen; Fazit; schöne Ferien!

IMG_20150623_214526Ein weiteres Schuljahr ist vorüber und ich möchte mich zuvorderst ganz herzlich bei euch fürs Mitlesen und Mitfiebern und besonders eure Ideen und Ratschläge bedanken. Immer dann, wenn ich ernsthaft mit dem Gedanken spiele, hier den Stecker zu ziehen, schreibt mir einer von euch einen netten Kommentar und vertreibt meinen Verdruss.

Die Woche begann mit unserem traditionellen Jungs-Mädchen-Tag – oder wie es heute heißen müsste: Gender-Tag. Insgeheim denke ich, dass man locker mehrere Masterarbeiten über die Auswirkungen gendergetrennten Unterrichts bei Kindern schreiben könnte. Offensichtlich ist, wie gut es den Kindern tut, einmal im Jahr in einer geschlechtshomogenen Gruppe zu sein: Die Mädchen brauchen sich keine Sprüche anhören und auch nicht mit den Jungen zu konkurrieren und die Jungs umgekehrt können wild toben und sich auspowern, ohne auf Mädchen Rücksicht zu nehmen. (Ich ahne, dass dieses Bild klischeehaft ist – darum eine Verdeutlichung: In diesem Alter gilt: Wenn Jungs sich ins Wasser schubsen, dann schubsen sie sich. Wenn ein Junge ein Mädchen schubst, hat er ihr dann womöglich schon an den Busen gefasst..!? Manchmal ist es einfacher, wenn alle gleich sind.)

Die Jungs haben sich einmal mehr für eine lange Fahrradtour durch den Wald entschieden, an dessen Ende ein Besuch im Schwimmbad stand. Trotz des schlechten Wetters ein sehr launiger Tag, der bei allen gute Laune hinterlassen hat.

Dass es beim diesjährigen Mädchentag etwas Aufregendes sein musste, etwas mit körperlicher Betätigung, am liebsten etwas, um an die eigenen Grenzen zu gehen, bei dem man aber dennoch als Team agiert und bei dem alle mitmachen können, das war schnell klar. Und wider Erwarten auch schnell gefunden: Ein Besuch im Hochseilgarten auf dem Fischbacherberg.

IMG_0844Dort konnte sich wirklich jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Besonderheiten einbringen und ihre persönlichen Grenzen austesten. Dabei kam es -wie so oft- zu sehr überraschenden Erlebnissen: Das ganz stille Mädchen, das sich als erste traut, sich auf einen mehrere Meter hohen Pfahl zu stellen und runter in den Gurt zu springen oder das Mädchen mit den Glasknochen, das unbedingt auch die Leiter hochklettern will. Damit unsere Zwillinge auch etwas Höhenluft schnuppern konnten, wurde sogar ein spezieller Sitz eingesetzt, mit dem sie die Seilbahn runtersausen konnten. Das war so spannend, dass uns sogar ein Team der WDR-Lokalzeit dabei begleitete!

Den Bericht dazu gibt es irgendwann demnächst zu sehen – ich werde rechtzeitig darauf aufmerksam machen und außerdem versuchen, ihn hier einzubinden.

Mittwoch dann der Schülerlauf der Stadt Siegen. Mit knapp 10.000 Schülern ein sehr gut besuchtes Ereignis. Den Kindern macht’s Spaß aber mehr gibt es dazu auch nicht zu erzählen.

IMG_20150626_143019Gestern haben wir gepicknickt und Fußball gespielt. Sehr beeindruckt hat mich der Einsatz vieler Mädchen, die ordentlich mitgehalten haben. Keine feinen Damen oder so – da wurde gegrätscht und gezogen und gezerrt, Anweisungen gebrüllt und gemeinsam die Jungs beackert. Etwa ein Drittel aller Tore wurden von Mädchen geschossen. Besonders schön ist, dass niemand umgetreten, niemand geweint und niemand traurig war. Ein lauer Kick mit viel Spaß. So schön der Jungs-Mädchen-Tag auch ist: Alle gemeinsam ist am besten.

Heute dann Zeugnisse und viele Glückwünsche. Zum Schuljahresabschluss wiederholen wir stets unsere Feedback-Runde: Zunächst trennen wir die Klasse in Jungs und Mädchen und bitten jeden Schüler, auf ein weißes Blatt in die Mitte seinen Namen zu schreiben. Im Folgenden sollten sie – ohne zu reden – umhergehen und auf die Zettel der anderen draufschreiben, was sie an ihm besonders mögen würden. Was sie toll fänden.

IMG_20150626_143520Ohne zu sprechen.

Erstmal geschlechtergetrennt und nach ein paar Minuten bei jedem.

Wichtig war: man durfte nur positives draufschreiben. Nur Dinge, die man am anderen schätzte. Und nach einer halben Stunde saß jeder wieder an seinem Platz und hatte eine Art „Zeugnis“ vor sich.

“Toll, wie du uns immer zum Lachen bringst.” “Ich mag, dass du immer so hilfsbereit bist.” „Du bist eine wunderbare Freundin!“

Es tut gut, Gutes zu hören.


Jetzt ist es einmal mehr Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Blicke ich auf das vergangene Jahr zurück bin ich nur so halb zufrieden. Highlights waren sicher Klassenfahrt, Jungs-Mädchen-Tag und das Länderspiel. Die Ergebnisse meiner Kurse bei ZAP und Vera lassen mich auch auf die Mathematik-Klassen zufrieden blicken. Ich glaube, dass ich mit der Lerntheken-Schiene recht gut fahre und sehe da im Augenblick nur wenig Ansätze zu echter Verbesserung. Nächstes Jahr bekomme ich vielleicht wieder eine Klasse 5 – mal sehen, ob das auch da klappt. Außerdem habe ich mich erfolgreich als Moderator für das Fach Mathematik hier im Landkreis beworben. Das wird gewiss spannend.

Wirklich großartig war mein Workbook „Elektronik“ im Fach Technik. Einige Kinder haben unfassbares Wissen aus dem Jahr mitgenommen und mir hat es die Struktur meines Unterrichts enorm erleichtert. Das hat richtig Spaß gemacht und wird wiederholt werden. Im Augenblick (und ins nächste Schuljahr hinein) bauen wir an den Radios – ein Schüler hat eine eigene Sendeanzeige konstruiert, andere Kopfhörerbuchsen eingebaut… Wahnsinn!)

Unzufrieden bin ich hingegen mit dem Fach Physik und dem anderen Technik-Kurs.

Alles bestimmt nicht super-schlechter Unterricht – aber ich… ach.. kennt ihr so Kurse, die ihr euch anders vorstellt? Ich mache gerne Unterricht, bei dem ich hinterher denke, „hui.. das war richtig gut!“ Und Physik war zuletzt immer nur.. „okay“. Irgendwie Schema-F. Ich will mich selbst auf jede Stunde freuen und voller Kreativität und Begeisterung präsent sein, aber das war zuletzt nicht mehr so.
Mir helfen dabei immer Projekte. Und nach der Film-Lerntheke, den NW-Workbooks und dem Elektronik-Workbook in Technik habe ich mir für die Sommerferien vorgenommen, ein solches Projekt für Physik zu entwickeln, bei dem ich selbst am liebsten nochmal Schüler wäre. (Zwei weitere Ideen für das Fach Technik scharren in meinem Kopf schon ungeduldig mit den Füßen – mehr dazu nächstes Schuljahr.)

(Als Entschuldigung führe ich den großen Umbau am Haus und die Geburt meiner zweiten Tochter an – da fehlt dann hier und da die Kreativität für ausgefallenen Unterricht.) (Aber das ist schon lahm – weiß ich selbst.)

Nun aber: Ich wünsche euch ganz schöne Ferien, erholt euch gut. Hier herrscht jetzt erst einmal Sommerpause Smiley

 

Disclaimer: Der Teil über den Mädchentag entstammt der Feder Tastatur meiner Co, Ramona Stock. Ohne sie wäre das ganze Jahr nicht so entspannt gelaufen, wie es gelaufen ist. Vielen Dank an dieser Stelle!

#33: Paulus und das Ende der Welt

IMAG0286Es gibt da diesen Jünger namens Paulus, der einen großen Teil des Neuen Testaments verfasst hat. Ein faszinierender Mensch. Ununterbrochen reist er durch die antike Welt, lebt zwischen Juden und Griechen und Römern und findet immer wieder neue, frische Wege über die Auferstehung Jesu zu sprechen. Eine Menge Leute wollen ihn umbringen, er wird zusammengeschlagen, erleidet Schiffbruch und hungert und hört doch nie auf über das neue Leben zu sprechen. Den achten Tag.

Nähe & Distanz zu Schülern

Vor einigen Tagen beschrieb Arne Ulbricht in der SPIEGEL-Online Sparte, er entspräche in seinem Berufsbild dem Kumpeltyp und würde zuweilen mit der fehlenden Distanz zu den Schülern kämpfen. 

Als Schüler lag ich einer Englisch-Referendarin zu Füßen. Alle Jungs taten das. 

Die Frage von Nähe und Distanz zu den Schülern – im Beamtendeutsch „Schutzbefohlenen“ – ist von immenser Bedeutung: 

Im Unterschied zu einem Hochschulstudium oder einer Berufsausbildung ist „Erziehung“ nämlich durch das Schulgesetz vorgegebene Aufgabe der Lehrer. Wir können uns nicht auf das “Lehren” beschränken.

Obwohl ich sehr viel Spaß in und an meinem Beruf habe und durch SocialMedia sicher leicht zu greifen bin, betrachte ich mich selbst nicht als Kumpel meiner Schüler.
Aber zum Ende eines Schuljahres verbringt man dann doch bei Projekten, Festen und Exkursionen viel Zeit außerhalb des eigentlichen Unterrichts mit den Kindern. In anderthalb Wochen fahre ich mit einer Abschlussklasse zum Länderspiel und schon während der Vorbereitung rutscht dem ein oder anderen Schüler versehentlich ein „Du“ raus. Nicht aus mangelndem Respekt. Nicht wegen unklarer Rollenverteilung. Sondern aus wachsender Vertrautheit.

Diese Nähe empfinde ich als sehr Zwiespältig.

Ich schätze das entgegengebrachte  Vertrauen. Ich mag, wenn Schüler mich mögen und vermutlich kann ich sie besser motivieren, wenn das Unterrichtsklima positiv ist.
Auf der anderen Seite denke ich, dass ein großer Teil der Schülerin-und-Lehrer-brennen-durch-Storys ihren Anfang in fehlender Distanz gefunden haben. Jede zweite Seifenoper behandelt die verbotene Liebe zwischen einem Lehrer und einer Schülerin.

Ich beneide den Kumpeltyp Ulbricht um seine Sorglosigkeit und Freude am Beruf. Aber mir wäre die Gefahr zu hoch, dass einzelne Schüler am Ende nicht mehr damit zurecht kämen, dass ich sie benote und damit Ausbildungschancen vergebe oder verbaue.

Hätte die genannte Englisch Referendarin uns seinerzeit auch nur einmal zugezwinkert oder einen Hauch Nähe gezeigt, hätte es bei uns kein Halten mehr gegeben. 

Ich bin dankbar, dass sie uns auf Abstand hielt.

Schrittzähler

Die (technikaffinen) Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts sind oft nebenbei mir Schrittzählern ausgestattet (worden):

Mein Smartphone (HTC One M8) hat einen eingebauten Schrittzähler der Firma „fitbit“, der mit dem zusätzlich softwareseitig installierten „google fit“ um meine Gunst konkurriert. Außerdem zählt auch meine Armbanduhr (Moto 360) meine tägliche Schrittzahl.

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Hintergedanke dieser Implementation war sicher, die Menschen dieses Zeitalters zu mehr Bewegung zu animieren und ich fühle mich auch sehr animiert.

Vergleiche ich die Ergebnisse der drei Schrittzähler, muss ich jedoch eingestehen, dass die Technik heutzutage dem Gedanken hinterherhinkt:

Schrittzähler 1

Mein Gewissen beschließt, immer den höchsten Wert als den realistischen anzunehmen.

(Ja, jetzt ist das langweilig. Aber in zwanzig Jahren!)

Kinderstube

Demnächst feiert meine Schule 25jähriges Jubiläum.

Neben allerlei Brimborium werden meine Co und einige Mädchen der Klasse ein Kinderschminken anbieten und brauchten Freiwillige zum Üben und ausprobieren.

Und da war er wieder: Einer jener Momente, von denen ich bedaure, das die Eltern nicht teilhaben können.

Die ganze Mittagspause über ließen sich die Jungs der Klasse Bärte und Muster, Spinnen und Tattoos aufmalen. Geduldig ertrugen sie Blumen, falsche Augenbrauen und Katzengesichter. Diese Klasse ist zu einer Art Familie zusammengewachsen, in der niemand außen vorsteht und es ist schade, dass Eltern diese Perspektive oft vorenthalten bleibt.

Dazu passt auch: Lieblingssport der Kinder ist es, sich in den Pausen heimlich ins Gebäude zu schleichen und vor der Aufsicht zu flüchten. Alle drei Tage stehen die Kollegen zähneknirschend vor mir und ich gelobe, mit der Saubande zu reden. Das Problem ist nur: Es handelt sich nicht um vier oder fünf Kinder. Oder elf oder zwölf. Es geht mehr um fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Kinder. Jede Pause sind es andere. Wenn ich die alle zum Hofdienst schicke, haben sie noch SPaß dabei.
Innerlich jubiliere ich: Wenn alle gemeinsam Unsinn machen, spielen alle auch gemeinsam. Und spielende Kinder fühlen sich wohl und lieben den Ort, an dem sie sind! Äußerlich habe ich mahnend der Zeigefinger und versuche gegenzusteuern. Ohne Erfolg.

Ein Kollege hat Anfang der Woche ein kleines Häuflein geschickt abgefangen und zu einem Besinnungsaufsatz verdonnert. Die Jungs und Mädchen haben den auch ohne Widerspruch und zusätzliche Ermahnung geschrieben. Die Hälfte der Briefe beginnt mit

Geehrter Herr…
es tut mir leid, dass…

Und Strafarbeiten, die mit “Sehr geehrter Herr sowieso” beginnen…  – da ist die Kinderstube noch in Ordnung!

Siebtklässler und Auschwitz

[Ein Gastbeitrag meiner Co-Klassenlehrerin, Ramona Stock.]

IMG-20150519-WA0000Im Deutschunterricht der Klasse 7 werden an unserer Schule häufig Bücher gelesen, die die NS-Zeit thematisieren. Die Sekundärliteratur schlägt derartige Bücher aufgrund der mangelnden „psychologischen Reife und Empfänglichkeit für das Thema Holocaust“ der jüngeren Schüler meistens erst ab der 9., frühestens der 8. Klasse vor. Auch ich war äußerst skeptisch:

Ist die unfassbare Grausamkeit der nationalsozialistischen Effizienz und Menschenverachtung nicht zu viel für die noch kindlichen Gemüter unserer Siebtklässler? Und was ist mit unseren Glasknochenkindern, die in der damaligen Zeit als „unwertes Leben“ eingestuft worden wären? Kann ich sie (schon) damit konfrontieren, dass ihr Leben in einer anderen Zeit einfach ausgelöscht worden wäre? Und wie kann ich mit diesem Thema umgehen, ohne mit erhobenem Zeigefinger Betroffenheit und schlechtes Gewissen einzufordern (wie ich das in meiner Schulzeit empfunden habe)? Wie gehe ich überhaupt angemessen damit um?

Zur Wahl stellte ich den Schülern „Damals war es Friedrich“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und ein Buch mit völlig anderem Thema. Alle drei stellte ich vor, von allen dreien las ich das erste Kapitel vor. Die Abstimmung war verblüffend: Die Schüler stimmten fast einstimmig für den „Jungen im gestreiften Pyjama“.

Und es wird immer verblüffender: Die Schüler lesen das Buch tatsächlich. Und ihr Gesprächsbedarf darüber, was sie lesen, ist enorm! Wir haben im Klassenzimmer ein Plakat angebracht, auf dem die Schüler eintragen können, worüber sie gerne mehr erfahren möchten. Das bezieht sich auf Textstellen, die sie sich genauer angucken möchten, und auf historisches Hintergrundwissen. Die Schüler tragen tatsächlich Dinge darauf ein! Richtig gute Dinge, die den Unterrichtsverlauf strukturieren und die Lektüre des Buchs vertiefen. Für jedes kleine Nebenthema findet sich sofort jemand, der es recherchiert. Es ist eine der seltenen Unterrichtsreihen, in denen ich tatsächlich den Unterricht ganz schülerzentriert mit ihnen zusammen gestalten kann und es ist wunderbar! Und vor allem ganz unverkrampft!

Eines unserer Glasknochenmädchen erwähnte übrigens selber ganz selbstverständlich, dass auch Menschen mit Handicap damals deportiert wurden. Und einige Schüler fragten, wo denn eigentlich von Siegen aus das nächste KZ sei, das man heute noch besichtigen könnte. Darum kreisen unsere Gedanken jetzt: Ab welchem Alter kann man mit den Schülern ein KZ besuchen? Von Siegen aus, sind alle Wege weit. Sollte man dann nicht aufs Ganze gehen und nach Auschwitz fahren (wo übrigens auch unser Buch spielt)?  Was für Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Über Rückmeldungen wäre ich ganz dankbar!

Gnade vor Recht…?!

halbtagsblog - 2SppRNlB4gVor einigen Jahren gab es da in meiner Stufe diesen Jungen: In der Grundschule als Klassenkasper stets im Mittelpunkt. Alle paar Monate Elterngespräche wegen Raufereien, ungebührlichen Betragens und vergessener Hausaufgaben. Eine Karriere, die sich nahtlos an der weiterführenden Schule fortsetzte: Marginale Fremdsprachenkenntnisse in Kombination mit einer Sauklaue und praktizierter Faulheit. Viele flotte Sprüche statt gemachter Hausaufgaben. Bestimmt ein netter Kerl und – typischer Lehrerspruch – mit “so viel Potenzial!”

Obwohl ich meine Behauptung nie belegen könnte, bin ich mir sicher, dass die Lehrer seinerzeit hier und da ein Auge zugedrückt haben. “Komm, der Jan ist zwar in Französisch ne Pfeife, aber ich glaube, aus dem kann trotzdem noch was werden.” Meine mündliche Prüfung in der Uni in Psychologie war – gelinde gesagt – eine Katastrophe. Das ich bestanden habe, verdanke ich ausschließlich der Gnade der Prüfungskommission.

An vielen Stellen hätten meine Lehrer, Dozenten und Ausbildungskoordinatoren mir einen völlig anderen Lebenslauf verpassen können. Mehr als einmal haben sie Gnade vor Recht ergehen lassen. Zurecht?

Aus mir ist etwas geworden. Ich habe das Abitur geschafft, ein Hochschulstudium absolviert, bin verheiratet, habe wunderbare Kinder und darf einen fantastischen Beruf ausüben. Wenn man so will, haben meine Lehrer mir an den richtigen Stellen Tritte versetzt und an den richtigen Stellen weggesehen.

Heute bin ich Lehrer.
Auf meinem Schreibtisch liegen die Leistungen von Jungen und Mädchen mit – ihr habt es kommen sehen – “so viel Potenzial!”
Tendenziell gehöre ich wohl eher zu den strengen Kollegen: Ich reagiere allergisch, wenn Schüler fürs Nichtstun noch eine 4 geschenkt haben wollen. Man darf gerne faul sein – muss dann aber mit den Konsequenzen leben.

Und doch.

Eine 5 im Nebenfach Physik kann in der 10 über Schulabschlüsse und Ausbildungsverträge entscheiden. Ich frage mich, an welchen Stellen ich Gnade vor Recht ergehen lassen sollte. Bei wem wäre es richtig, womöglich mal ein Auge zudrücken?

Aber ist das nicht wiederum ungerecht?

Aber habe andererseits ich nicht von dieser Ungerechtigkeit profitiert? Wäre die Welt besser, wenn auch ich womöglich gerecht behandelt worden wäre – aber heute im IKEA Regale einräumen würde?

Ich wüsste gerne eure Gedanken dazu – sowohl von den mitlesenden Lehrern, als auch von den (noch idealistischen) Lehramtsstudenten und Referendaren, aber auch von mitlesenden Eltern:

Darf ein Bewertungskriterium bei Noten “das Potenzial” sein, was der Lehrer in einem Schüler (euren Kindern?) sieht?

Kann es sein, dass es ungerecht manchmal richtig ist?

Kultur in der Schule

Wir haben eine wirklich gute, mit verschiedenen Preisen gekrönte Theatergruppe in der Schule und erst im Alter beginne ich den Wert von Kultur wertzuschätzen.
(Als Schüler habe ich – meinem Alter entsprechend – renitent gegen alles, was mit Bildung zu tun hatte, protestiert.) Bisher war meine Klasse stets ein- bis zweimal pro Schuljahr im Theater. Wir haben vorher und nachher darüber gesprochen: Wie man sich dort verhält. Was der Unterschied zum Kino ist. Den Wert von Kultur in unserer Gesellschaft (vielleicht könnte ich auch erfolgreich Staubsauger an Haustüren verkaufen – aber natürlich quatscht man lieber mit dem Onkel vorne über Cooltur, als weiter Mathe zu machen…)
Als ich vergangene Woche fragte, wer Lust hätte, die neue Vorstellung unserer Schulgruppe zu besuchen, schossen alle Hände hoch. Klaro!

Als ich das Eintrittsgeld einsammle (ich habe erklärt, dass auch unsere Schultheatergruppe Lizenzgebühren bezahlen muss und arg in der Kreide steht) und Jonathan sein Wechselgeld geben möchte, hebt er abwehrend die Hände. “Nein, Herr Klinge. Ich habe mit meinem Papa über Kultur gesprochen und möchte mehr bezahlen.”

Ich bin sprachlos.
#Jugend von heute und so.

Sponsorenlauf (mit Glasknochen)

image_thumb9Schüler aus der Jahrgangsstufe 13 haben einen Sponsorenlauf für einen guten Zweck organisiert. Aufgrund verschiedener Umstände kann der nicht auf einem Sportplatz stattfinden, statt dessen wird um die Schule gerannt – das sind etwa 500 Meter Strecke. Bergauf, bergab. Auch eine Treppe ist dabei.

Weil wir eine recht große Schule mit etwa 900 Schülern sind, wird in Etappen nach Jahrgangsstufen gelaufen. Trotzdem ist die Aktion für meine Schülerinnen mit Glasknochen etwas heikel: 120 rennende Kinder auf schmalen Schulpfaden sind nicht ohne. Die Strecke ist für sie ziemlich und anstrengend. Dazu die Treppen.
Auf keinen Fall werden sie an die Rundenzahl der anderen Schüler heranreichen.

Im Vorfeld wird in Erwägung gezogen, den Zwillingen eine alternative, kleinere Runde auf dem Schulhof anzubieten. Das Stichwort lautet hier “Nachteilsausgleich”.
(In der Schule erhalten viele Schüler mit Behinderungen einen solchen Nachteilsausgleich: Wer unter einer Lese-Rechtschreibschwäche leidet, bekommt u.U. mehr Zeit bei Klassenarbeiten. Wer Asthma hat, muss keine 8000m im Sportunterricht laufen etc.) Für kleingewachsene Kinder im Rollstuhl wäre eine angepasste Runde bei einem Wettrennen unzweifelhaft vertretbar gewesen.

Trotzdem habe ich entschieden dagegen argumentiert.

Als Erwachsene verstehen wir den Zweck eines solchen Nachteilsausgleiches, aber den anderen Kindern erschließt sich das nicht. Sie empfinden ihn als unfair. (Ich habe hier ausführlicher über dieses Ungerechtigkeitsempfinden geschrieben)
Es mag sein, dass die beiden Kinder nur drei Runden schaffen, statt wie die anderen vielleicht neun – aber es sind richtige, große Runden und diese Leistung (behaupte ich) wird jedem Respekt abnötigen. Kein Schüler würde sich vor den Mädchen aufbauen und sagen: “Ätschibätsch – ihr habt nur drei Runden geschafft.”
Ich glaube aber, dass – umgekehrt – neun Runden in einem kleinen, angepassten Parcours bei den anderen Schülern eher Häme erzeugen würde: “Ja, toll, neun BABY-Runden! Das kann doch jeder!”

Am Ende haben wir es einfach gemacht.
Obwohl Gedränge und Geschrei anfangs groß waren, haben die beiden Mädchen sich durchgebissen. Obwohl die Strecke lang und anstrengend und die Treppen unüberwindbar waren, haben sie nicht aufgegeben. Die anderen Schüler haben aufgepasst und die Rollstühle die Treppen hochgetragen (“Looos! Schneller! Ihr kostet mich Zeit!”). Die Mädchen waren am Ende sehr stolz auf ihre Leistung (die mitlaufenden I-Helfer entsprechend erschöpft) und haben von ihren Mitschülern Anerkennung erhalten.

Dieser Tag war einmal mehr ein Beispiel dafür, dass man Inklusion vielleicht einfach wagen muss. Man kann nicht immer jede Eventualität vorausplanen und alles austarieren. Viele Probleme lösen sich von alleine, an anderer Stelle kann man spontan improvisieren – letztlich entscheidet oft der gesunde Menschenverstand.

Übrigens: Die Schüler haben rund 9000 Euro erlaufen. Herzlichen Glückwunsch.

“Dürfen wir Musik hören?”

IMG_20150305_100354Ich arbeite viel mit Lerntheken. Das bedeutet, die Schüler suchen sich Aufgaben eines wählbaren Schwierigkeitsgerades aus und bearbeiten sie alleine oder zu zweit. Nach mehreren Jahren und deutlichen Beispielen haben die meisten mittlerweile verstanden, dass sie umso besser lernen, je mehr sie selbst denken – vulgo je mehr sie alleine arbeiten. Ich selbst werde als Lehrer im Unterricht nur noch gebraucht, um Fragen zu beantworten und bei Problemen zu helfen. Ansonsten schaue ich zu.
In letzter Zeit fragen mich besonders die Mittelstufenschüler, ob sie nebenher Musik hören dürfen und stets bin ich unentschlossen.

Nein, weil man sich auf die Aufgabe konzentrieren und nicht nebenher seine Lieblingshits summen soll. Auch nicht im Geiste. Nein, weil am Ende doch Zeit damit verschwendet wird, das nächste Lied auszuwählen oder das letzte Lied nochmal oder das Album zu wechseln oder oder oder. Nein, weil ich beim Arbeiten absolute Ruhe brauche: Radio oder Musik oder Fernsehen nebenher geht gar nicht.

Ja, weil einige Schüler stiller und konzentrierter sind. Sie werden nicht mehr vom Nachbarn abgelenkt. Ja, weil es auch Menschen gibt, die wunderbar zuhören und nebenher kritzeln können. Bestimmt trifft das auf Musik auch zu. Ja, weil gar nicht alle (nicht einmal die Hälfte) Musik hören wollen, sondern nur ein kleiner Teil (übrigens fast ausschließlich Mädchen).

Wie bei vielem muss ich letztlich zugeben, dass ich nicht weiß, ob “Musik hören beim Arbeiten” irgendwelche Auswirkungen hat. Lernen die betreffenden Schüler dadurch besser? Schlechter? Macht es am Ende überhaupt einen Unterschied?

Wie seht ihr das?

Bestechung

Carolina schüttelt ihr Sparschwein, um 2 Euro Kakao-Geld zu bekommen. Es klimpert und 2,30 € fallen heraus. „Ach“, sagt sie, „das sind 30 Cent zu viel. Aber die schenke ich einfach meiner Klassenlehrerin.“ Sie meint das so. Sie hat keine konkrete Wertvorstellung von Geld und möchte ihrer Lehrerin einfach eine Freude machen.

Zur Geburt meiner zweiten Tochter macht meine Klasse meiner Frau und mir ein (verspätetes) kleines Geschenk.
Ich freue,bedanke mich für die Aufmerksamkeit und weiß das sehr zu schätzen. Als Klassenverbund wird man immer auch ein wenig “Familie”. Man bekommt die Geburt von Geschwisterkindern mit, den Tod von Großeltern, Scheidungen und was die Kinder auf Freizeiten so erleben.

Ich erzähle der Klasse von jener Berliner Lehrerin, die von ihrer Abschlussklasse ein Geschenk erhielt, wegen der Annahme des Geschenkes angezeigt wurde und anschließend eine Geldstrafe von 4000 Euro zahlen musste. (Das Geschenk meiner Klasse ist keine 198 Euro wert, wie jenes der Berliner Kollegin. Nicht mal annähernd.)

Meine Schüler zeigen sich erstaunt und können das Urteil nicht fassen.

Für ein paar Augenblicke lasse ich sie schimpfen. Dann erkläre ich ihnen, wieso ich das Urteil eigentlich richtig finde und es entwickelt sich ein Gespräch über Korruption. Ich verdeutliche, dass eine Bestechung nicht in nachts unter einer Brücke, in dunklen Mänteln und mit einem Geldkoffer abläuft. Sondern das Tills Vater mir einen “besonders guten” Preis für meine Winterreifen macht und ich im Gegenzug bei Tills Abschlussprüfung mal ein Auge zudrücke. Da gibt es keinen Vertrag. Es wird nichts abgesprochen. Gegenseitige Freundlichkeiten. Mehr nicht.
”Am Ende führt das dazu, dass die reichen Eltern euch zu guten Schulabschlüssen verhelfen – und wer zu Hause kein Geld hat, der hat leider Pech gehabt. Das darf nicht sein.”

Obwohl mir jetzt zwanzig Minuten meiner Mathematikstunde fehlen, sind das Stunden, wie ich sie liebe: Man hat eine Meinung, äußert sie lautstark und schimpft und zetert (“dämliches Gesetz” “Wozu soll das gut sein?”)– und nachdem man etwas nachgedacht hat und einen größeren, weiteren Blickwinkel erlangt, vertritt man genau die gegenteilige Meinung (“Gut, dass es solche Gesetz gibt!”).

Vor vielen Jahren schenkte mir meine damalige Klasse als ich die Schule verließ einen großartigen, singenden BVB-Toaster zum Abschied. Auch den hätte ich vermutlich nicht annehmen dürfen. (Die Schüler haben mir aber versichert, es wäre ein oller, gebrauchter Toaster für 9,99 € bei Ebay gewesen.)

Auch Carolina erklären wir, dass man seinen Lehrern kein Geld schenken darf. Auch sie versteht das – wenn sie es auch einfach schade findet, ihrer Klassenlehrerin keine Freude machen zu dürfen.

Schule… da lernt man dann doch Einiges fürs Leben Smiley.

Montessori vs. Dorfschule

IMAG0127_1Ich möchte heute gerne etwas über die unterschiedlichen Schulen erzählen, die meine Tochter so besucht hat. Meine Sichtweise ist dabei total subjektiv und ist bei anderen Eltern, anderen Kindern, anderen Schulen mit Sicherheit ganz anders. Aber ich bin einige Male nach meiner Einschätzung gefragt worden – und was ist das Internet anderes, als eine riesiges schwarzes Brett? Womöglich hilft es dem ein oder anderen, Klarheit zu gewinnen – zumindest aber mir selbst, wenn ich meine Gedanken aufschreibe.

Die ersten drei Schuljahre war Carolina auf einer Montessori-Grundschule. Bestandteile waren jahrgangsstufenübergreifender Unterricht, Inklusionskinder mit emotionalem Förderbedarf (meist) zwei Lehrern im Klassenzimmer, ein Ganztagskonzept mit Hausaufgabenbetreuung und sehr individuellem, offenem Unterricht. Textzeugnisse. Etwa 25 Kinder in der Klasse.

Jetzt ist Carolina in einer kleinen Dorfschule. Nur 14 Kinder in der Klasse. Sehr strenge Bewertungsmaßstäbe. Sehr strukturierter Unterricht bis mittags. Nachmittags oft Lernen am Küchentisch.

Im Vorfeld haben wir uns ganz bewusst für die Montessori-Schule entschieden. Im Nachhinein wäre unsere Entscheidung nicht so klar ausgefallen.

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Notenschlüssel

IMAG0235_1Carolina ist in ihrem letzten Grundschuljahr.
Das Zeugnis, welches sie nächste Woche erhält ist (mehr oder weniger) entscheidend für den weiteren Verlauf ihrer Schulkarriere. Daher habe ich mir ihre Klassenarbeiten in den letzten Monaten etwas genauer angesehen und bin irritiert: Nicht, dass ihre Noten schlecht wären – aber oft reicht schon ein Fehler, um kein “sehr gut” mehr zu schaffen. Die Bewertung scheint mir auch an anderer Stelle oft hart.

Beim Schulentwicklungsgespräch frage ich die Klassenlehrerin nach dem Notenschlüssel der Schule. Ein solcher Schlüssel beschreibt, wie viel Prozent richtige Antworten welcher Note entspricht.

”Ab 98% gibt es ein ‘sehr gut’” erklärt mir die Kollegin. “Ab 88% ein ‘gut’, ab 75% eine ’Drei’ und für eine ‘Vier’ braucht man 50%.”

Eine Grundschulkollegin aus dem Bekanntenkreis bestätigt mir, dass sie ähnlich bewerten würde.
Ich bin erstaunt. Erst recht, wenn ich den Notenschlüssel mit dem meiner Schule vergleiche. Genau wie die Grundschule ist auch eine Gesamtschule eine Schule “für alle Kinder”. Anders als Hauptschule oder Gymnasium haben wir eine extrem unterschiedliche Schülerschaft. Unser Notenspiegel orientiert sich an den Vorgaben für die Zentralen Abschlussprüfungen bzw. für das Abitur in NRW. Alle Klassenarbeiten in allen Fächern werden bei uns nach dem gleichen Schlüssel bewertet:

100% – 87% Note 1
86% – 73% Note 2
72% – 59% Note 3
58% – 45% Note 4
44% – 18% Note 5
17% – 0% Note 6

Da ergibt sich ein anderes Bild.

Ich drücke meine Irritation im Gespräch auch aus. “Wenn ich erst ab 98% ein ‘sehr gut’ verteilen würde, dann wäre das für viele Kinder ein ziemlich trauriges Schulleben.” Die Grundschulkollegin stimmt mir zu, erwähnt aber auch, dass sie trotzdem von Seiten der Eltern oft unter Druck stünde, deutlich härter zu bewerten. “Manche haben Zweifel, wie die Kinder überhaupt das Gymnasium schaffen sollen, wenn sie von hier kommen.”

Platt gesagt: An der weiterführenden Schule wäre jede Arbeit meiner Tochter stets eine Note besser bewertet worden. Von einem bayrischen Gymnasium weiß ich, dass sie auch (mehr oder weniger) unseren Schlüssel benutzen. Ich will dabei die Grundschule gar nicht groß kritisieren: Die machen da eine ganz wunderbare Arbeit und Carolina freut sich jeden Tag auf die Schule.

Ich finde das Ganze eher schwer zu beurteilen – zunächst einmal, weil ich kein Grundschullehrer bin und überdies, weil mir die langjährige Erfahrung fehlt. Aber eliminiert man mit der Grundschulversion nicht de fakto die Note “sehr gut”? Ein Fehler im Diktat. Irgendwo einmal verrechnet. Führt das nicht womöglich dazu, dass die Eltern den Druck auf die Kinder erhöhen oder diese den Spaß an der Schule verlieren? Es ist ja auch nicht so, als wären die Noten bedeutungslos: Es geht um den weiteren Bildungsweg.

Wie seht ihr das?
Und wie sieht der Notenschlüssel bei euch an der Schule aus? (Und erwähnt dabei zur Orientierung bitte Schulform und Bundesland.) Ganz besonders interessieren mich die Erfahrungswerte von Grundschulkollegen.

Meine 10er, Naina und die Bildungspolitik

Ich bin krankgeschrieben. Das erste Mal in meinem Leben überhaupt verpasse ich eine ganze Schulwoche. Zum Glück ist das Halbjahr fast geschafft, so dass mein Ausfall nicht zum kompletten Zusammenbruch des Systems führt, auch wenn ich das innerlich befürchte.

Meinen großartigen 10ern habe ich aufgetragen, sich die neue Lerntheke herunterzuladen und eigenständig damit zu arbeiten. Schließlich naht die Abschlussprüfung. Und die Zeit.. die Zeit! Als Vorbereitung auf die Oberstufe würden sie das auch alleine hinbekommen. Und weil sie so toll sind und so, habe ich totales Vertrauen.
Natürlich wusste ich, dass sich nicht alle daran halten würden. Höchstens die Hälfte. Vielleicht ein Drittel. Wenn es ganz schlecht läuft, nur eine Handvoll.

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Rückblick und Ausblick

2014-12-12_13.00.08Nachdem der Anfang des Schuljahres mit meiner Klasse sehr schön, aber auch wirklich anstrengend war, hat sich das Geschehen nach den Herbstferien deutlich entspannt. In der 7. Klasse ist die Spannweite zwischen hochgradig und noch nicht pubertierenden Kindern enorm groß. Die Synapsen der Kinder feuern in alle Richtungen und es erfordert ein gehöriges Maß an Geduld und Anstrengung, diese Horde im Griff zu behalten.
Einmal mehr – und immer wieder – möchte ich betonen, dass der entscheidende Punkt die Zusammenarbeit mit den Eltern ist. Wir wissen, dass wir uns immer melden können und Unterstützung erfahren würden. Selbst die größten Rabauken der Klasse sind – objektiv betrachtet – harmlose Lümmel (ein herrliches Wort), weil Eltern und Lehrer gemeinsam Grenzen setzen und die Richtung vorgeben. Das  ist wirklich toll und ich erwähne das, weil ich es auch anders kenne.

IMG_20141128_104804Im Technikunterricht haben wir uns das vergangene Halbjahr mit Papierbrücken beschäftigt. Nach einem ersten Experimentieren und Forschen habe ich die Klasse in 4 Gruppen geteilt (zwei Jungen- und zwei Mädchengruppen) um sich komplett auszutoben.
Der Arbeitsprozess war sehr spannend zu beobachten. Bei den Jungen herrschte eine Art Neandertaler-Politik: Es wurde so lange herumgekaspert und gezankt, bis ein Herrscher erkoren war. Ab da ging es gut voran. Die Mädchen dagegen waren sehr auf sozial orientiert. Sie wollten keine Anführerin und waren entsprechend weniger zielstrebig im Arbeiten. Mit jeweils 7 Leuten waren die Gruppen sehr, sehr groß – eigentlich ein Unding. Es war mir aber wichtig, dass die Kinder sich trotzdem arrangieren, alle Mitglieder einbinden und es schaffen, aufkommenden Frust abzubauen. Je weiter die Projekte voranschritten, desto besser gelang ihnen das. Herausfordernd ist allemal die Inklusion: Zwar haben meine zwei Schülerinnen im Rollstuhl einen extra niedrigeren Tisch – aber gemeinsames Arbeiten ist dann trotzdem umständlich. Immerhin lässt sich  mit Glasknochen Papier leichter verarbeiten, als Holz.

Mit den Endergebnissen sind jedenfalls alle zufrieden.

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Am letzten Schultag hatte die Klasse gefragt, ob wir Wichteln würden, aber ich habe das abgeschmettert (das klingt jetzt arg hartherzig..). Meiner Erfahrung nach sind Wichtelgeschenke vor allem Müll und selten wirklich toll – also haben wir statt dessen gefrühstückt und jeder hat selbstgebackene Kekse mitgebracht. Das war auch schön.
Außerdem haben ein paar Jungs Hammer und Nägel besorgt und wir haben unsere Bilderwand im Klassenraum mit ein paar aktuellen Fotos erweitert. Auf die Frage, ob wir die alten Bilder aus der 5. Klasse abnehmen oder bis zum bitteren Ende hängen lassen wollen, kam ein klares “uuunbedingt hängen lassen!”

20141219_105546Es handelt sich um die ganz billigen IKEA-Bilderrahmen und obwohl meine Schüler Jungs beim Toben alles zerlegen, was nicht niet- und nagelfest ist, wird auf die Fotowand sorgsam geachtet. Sie gibt dem Klassenraum etwas familiäres, was mir sehr gefällt.

Traditionell endet der letzte Schultag mit einem Bläserkonzert auf dem Schuldach. Dabei spielen die Bläser (Lehrer, Ehemalige und Schüler) nicht nur für die versammelte Schülerschaft, sondern für das ganze Dorf. Hinterher gibt es Dank-Anrufe im Sekretariat aus dem Ort.

Das ist alles ganz schön Idylle hier.

Im nächsten Jahr wird es natürlich aufregend: Unsere Schule wird endgültig auf 5 Züge erweitert – das zweite Gebäude ist aber 15 Fußminuten entfernt. Die Realisierung wird spannend.
In den Ferien steht eine Korrektur an, außerdem muss mein Elektronik-Workbook erweitert werden. In der zweiten Jahreshälfte steht in Technik das Oberthema “Energie” an – da möchte ich eine passende Stationenarbeit entwickeln. Aber nicht mehr vor Weihnachten.