Siebtklässler und Auschwitz

[Ein Gastbeitrag meiner Co-Klassenlehrerin, Ramona Stock.]

IMG-20150519-WA0000Im Deutschunterricht der Klasse 7 werden an unserer Schule häufig Bücher gelesen, die die NS-Zeit thematisieren. Die Sekundärliteratur schlägt derartige Bücher aufgrund der mangelnden „psychologischen Reife und Empfänglichkeit für das Thema Holocaust“ der jüngeren Schüler meistens erst ab der 9., frühestens der 8. Klasse vor. Auch ich war äußerst skeptisch:

Ist die unfassbare Grausamkeit der nationalsozialistischen Effizienz und Menschenverachtung nicht zu viel für die noch kindlichen Gemüter unserer Siebtklässler? Und was ist mit unseren Glasknochenkindern, die in der damaligen Zeit als „unwertes Leben“ eingestuft worden wären? Kann ich sie (schon) damit konfrontieren, dass ihr Leben in einer anderen Zeit einfach ausgelöscht worden wäre? Und wie kann ich mit diesem Thema umgehen, ohne mit erhobenem Zeigefinger Betroffenheit und schlechtes Gewissen einzufordern (wie ich das in meiner Schulzeit empfunden habe)? Wie gehe ich überhaupt angemessen damit um?

Zur Wahl stellte ich den Schülern „Damals war es Friedrich“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und ein Buch mit völlig anderem Thema. Alle drei stellte ich vor, von allen dreien las ich das erste Kapitel vor. Die Abstimmung war verblüffend: Die Schüler stimmten fast einstimmig für den „Jungen im gestreiften Pyjama“.

Und es wird immer verblüffender: Die Schüler lesen das Buch tatsächlich. Und ihr Gesprächsbedarf darüber, was sie lesen, ist enorm! Wir haben im Klassenzimmer ein Plakat angebracht, auf dem die Schüler eintragen können, worüber sie gerne mehr erfahren möchten. Das bezieht sich auf Textstellen, die sie sich genauer angucken möchten, und auf historisches Hintergrundwissen. Die Schüler tragen tatsächlich Dinge darauf ein! Richtig gute Dinge, die den Unterrichtsverlauf strukturieren und die Lektüre des Buchs vertiefen. Für jedes kleine Nebenthema findet sich sofort jemand, der es recherchiert. Es ist eine der seltenen Unterrichtsreihen, in denen ich tatsächlich den Unterricht ganz schülerzentriert mit ihnen zusammen gestalten kann und es ist wunderbar! Und vor allem ganz unverkrampft!

Eines unserer Glasknochenmädchen erwähnte übrigens selber ganz selbstverständlich, dass auch Menschen mit Handicap damals deportiert wurden. Und einige Schüler fragten, wo denn eigentlich von Siegen aus das nächste KZ sei, das man heute noch besichtigen könnte. Darum kreisen unsere Gedanken jetzt: Ab welchem Alter kann man mit den Schülern ein KZ besuchen? Von Siegen aus, sind alle Wege weit. Sollte man dann nicht aufs Ganze gehen und nach Auschwitz fahren (wo übrigens auch unser Buch spielt)?  Was für Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Über Rückmeldungen wäre ich ganz dankbar!

Schule wie zu Großvaters Zeiten.

Aus Gründen unterrichte ich bis zum Sommer einmal wöchentlich einen Mittelstufen-Mathematik-Kurs mit knapp 50 Schülern.
Für mich (und die Kinder) ist das durchaus herausfordernd – läuft bisher aber völlig problemlos. Jeder bemüht sich, seinen eigenen Rede-Drang für 45 Minuten herunterzufahren, um den Lärmpegel erträglich zu halten.
Spannend finde ich die Vorstellung, dass solche Klassengrößen Anfang des letzten Jahrhunderts durchaus üblich waren, in China üblich ist.

Interessant dabei die öffentliche Diskussion, ob sich die Klassengröße auf die Leistung der Schüler auswirkt. Lehrer sagen ja, Studien behaupten (belegen?) das Gegenteil.

Die Lehrarbeit lebe ich oft genug als Beziehungsarbeit: Ich kommuniziere mit Schülern, klopfe Sprüche, spiele mit Antworten und weiß, wie ich einzelnen Schüler begegnen muss. Hier frage ich, wie es dem Pflegepferd geht, dort nach dem Wochenende.
In einem Kurs mit 50 Leuten fällt dieser Faktor völlig weg. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das Lehren, für individuelle Hilfestellungen (man könnte auch sagen: Rücksichtnahme auf den Einzelnen) gibt es keinen Platz mehr. Diese eine Stunde in der Woche erinnert eher an die Vorlesung an der Universität als an Schulunterricht.

Für eine Stunde in der Woche ist das ein Erlebnis und schon okay – aber so richtig Spaß macht das niemandem. Denn letztlich geht es in der Schule ja nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch um Erziehung und Mensch-Werdung.

“Dürfen wir Musik hören?”

IMG_20150305_100354Ich arbeite viel mit Lerntheken. Das bedeutet, die Schüler suchen sich Aufgaben eines wählbaren Schwierigkeitsgerades aus und bearbeiten sie alleine oder zu zweit. Nach mehreren Jahren und deutlichen Beispielen haben die meisten mittlerweile verstanden, dass sie umso besser lernen, je mehr sie selbst denken – vulgo je mehr sie alleine arbeiten. Ich selbst werde als Lehrer im Unterricht nur noch gebraucht, um Fragen zu beantworten und bei Problemen zu helfen. Ansonsten schaue ich zu.
In letzter Zeit fragen mich besonders die Mittelstufenschüler, ob sie nebenher Musik hören dürfen und stets bin ich unentschlossen.

Nein, weil man sich auf die Aufgabe konzentrieren und nicht nebenher seine Lieblingshits summen soll. Auch nicht im Geiste. Nein, weil am Ende doch Zeit damit verschwendet wird, das nächste Lied auszuwählen oder das letzte Lied nochmal oder das Album zu wechseln oder oder oder. Nein, weil ich beim Arbeiten absolute Ruhe brauche: Radio oder Musik oder Fernsehen nebenher geht gar nicht.

Ja, weil einige Schüler stiller und konzentrierter sind. Sie werden nicht mehr vom Nachbarn abgelenkt. Ja, weil es auch Menschen gibt, die wunderbar zuhören und nebenher kritzeln können. Bestimmt trifft das auf Musik auch zu. Ja, weil gar nicht alle (nicht einmal die Hälfte) Musik hören wollen, sondern nur ein kleiner Teil (übrigens fast ausschließlich Mädchen).

Wie bei vielem muss ich letztlich zugeben, dass ich nicht weiß, ob “Musik hören beim Arbeiten” irgendwelche Auswirkungen hat. Lernen die betreffenden Schüler dadurch besser? Schlechter? Macht es am Ende überhaupt einen Unterschied?

Wie seht ihr das?

Frust & Konsequenz in der Abschlussklasse

90 Minuten Physik. (Elektrische) Spannung. Stromstärke. Spannung. Stromstärke. Spannung. Stromstärke.

Ich springe von Tischen und Stühlen um die Spannung als Höhenunterschied zu verdeutlichen. Wir bilden Schülermodelle um den Strom plastisch zu spielen.

90 Minuten. Spannung. Stromstärke. Spannung. Stromstärke.

Ganz am Schluss die Frage: “Was versteht man nochmal unter elektrischer Spannung?”

Leere Gesichter. “Keine Ahnung.”

Manchmal ist der Beruf wirklich ätzend. Als würde ich mit einem IKEA-Button auf der Brust nur zur Belustigung der Kinder herumturnen.

“Och, keine Ahnung, was wir heute gemacht haben, aber der Herr Klinge ist lustig herumgesprungen.”

(den Konsequenzen-daraus-Teil habe ich wieder gelöscht.)

Montessori vs. Dorfschule

IMAG0127_1Ich möchte heute gerne etwas über die unterschiedlichen Schulen erzählen, die meine Tochter so besucht hat. Meine Sichtweise ist dabei total subjektiv und ist bei anderen Eltern, anderen Kindern, anderen Schulen mit Sicherheit ganz anders. Aber ich bin einige Male nach meiner Einschätzung gefragt worden – und was ist das Internet anderes, als eine riesiges schwarzes Brett? Womöglich hilft es dem ein oder anderen, Klarheit zu gewinnen – zumindest aber mir selbst, wenn ich meine Gedanken aufschreibe.

Die ersten drei Schuljahre war Carolina auf einer Montessori-Grundschule. Bestandteile waren jahrgangsstufenübergreifender Unterricht, Inklusionskinder mit emotionalem Förderbedarf (meist) zwei Lehrern im Klassenzimmer, ein Ganztagskonzept mit Hausaufgabenbetreuung und sehr individuellem, offenem Unterricht. Textzeugnisse. Etwa 25 Kinder in der Klasse.

Jetzt ist Carolina in einer kleinen Dorfschule. Nur 14 Kinder in der Klasse. Sehr strenge Bewertungsmaßstäbe. Sehr strukturierter Unterricht bis mittags. Nachmittags oft Lernen am Küchentisch.

Im Vorfeld haben wir uns ganz bewusst für die Montessori-Schule entschieden. Im Nachhinein wäre unsere Entscheidung nicht so klar ausgefallen.

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Vera & Graphen gehen

IMAG0217Die Vera 8-Prüfung liegt hinter meiner achten Klasse und ich bin mit dem Abschneiden zufrieden. Die diesjährige Mathematik-Vergleichsarbeit war gut zu bewältigen und hatte eigentlich keine blöden Aufgaben. Obwohl man über die Aussage solcher Diagnose-Tests streiten kann, empfinde ich sie als positiv: Die Schüler, die über ein breites Fachwissen verfügen und über die Jahre gelernt haben, selbstständig Probleme zu lösen und zu denken, kamen ziemlich gut klar. Jene, die eher der Strategie des Bulimie-Lernens folgen (vor der Arbeit alles in sich hineinstopfen und dann auskotzen) hatten größere Schwierigkeiten. Letztlich bestätigt das Ergebnis aber die Beobachtung, die ich im Schulalltag mache. Unter den Schülern herrscht weitgehend Zufriedenheit – die überwiegende Mehrheit hatte den Eindruck, gut klargekommen zu sein.

IMAG0218Die Doppelstunde heute morgen (mit dem gleichen Kurs) habe ich mit der Einführung in die linearen Funktionen verbracht. Dazu wurden zwei Mannschaften gebildet. Einer zog eine Karte (s.Bild) mit einem abgebildeten Graphen und musste diesen ablaufen. Der Rest der Klasse musste dann herausfinden, wie der passende Graph aussieht.
Das verläuft eigentlich immer lustig und am Ende gab es ein Unentschieden zwischen den AtomAmeisen (abgekürzt AA) und den Piesel-Piranha (abgekürzt Pipi). Schöne Aspekte sind der Transfer von Alltagsbeobachtungen in die mathematische Sprache und überhaupt, dass man sich mal bewegt. (Sinnvolles) Spielen im Unterricht ist sowieso immer gut.

Die Karten zum Spiel “Graphen gehen” gibt es übrigens hier zum Download.

Lehrerwechsel vs. Kontinuität?

20140827_130625Im Sommer werde ich meine Klasse schon drei Jahre leiten. Dann ist Halbzeit. Ein guter Augenblick, sich Gedanken zu machen, ob ich die Klasse behalten oder abgeben möchte.
An meiner Schule werden stets zwei Klassenlehrer eingesetzt und nachdem meine erste Co mich wegen ihrer Familienplanung verlassen hat, habe ich mit ihrer Nachfolgerin genauso viel Freude im Alltag. Als wir uns über die Zukunft unserer Klasse unterhalten wird uns beiden schnell klar: Egal was und wie – aber wir bleiben zusammen.

Wir nehmen uns Zeit, viel Zeit, um uns Gedanken zu machen. Zwei Aspekte stehen zentral im Vordergrund:

  • Was ist gut für die Klasse? und
  • Was wollen wir eigentlich?

Fortbildung: Erstellung von Unterrichtsmaterialien

LehrerfortbildungVor kurzem erhielt ich die Einladung zu einer Fortbildung Ende April. Es geht um die Erstellung von Material für das Fach NW (“Naturwissenschaft”). Solche Einladungen sind nichts besonderes – jeder Lehrer und jede Schule erhält Dutzende davon im Jahr. Diese Fortbildungen sind manchmal cool und manchmal… nunja, auf andere Lehrertypen zugeschnitten.

Da ich (wie üblich) von meinem eigenen Unterricht ganz begeistert bin, habe ich bei dieser Fortbildung gedacht, wie großartig mein selbst erstelltes NW-Workbook dazu passt. Also schrieb ich den Kollegen eine E-Mail, entschuldigte mich für die dreiste Einmischung – und hängte die Workbooks an.

Einige E-Mails später wurde ich herzlich eingeladen, doch bitteschön selbst an der Fortbildung teilzunehmen und – wenn möglich – auch ein bisschen was dazu zu erzählen. Also freue ich mich auf die Gelegenheit, im April etwas beisteuern zu können. Das wird bestimmt cool (und wenn nicht, dann ist es halt auf andere Lehrertypen zugeschnitten Zwinkerndes Smiley). Die Anmeldung erfolgt online hier – evtl. treffe ich ja den ein oder anderen Leser dieses Blogs dort.

Apropos großartiger Unterricht:
Eine liebe Kollegin kam letzte Woche auf mich zu, drückte ihren Unmut über ihre (und meine) Phantasielosigkeit im Unterricht aus und begann aus dem Stehgreif, eine Geometriemappe für das neue Thema “Dreieckskonstruktion” zu erstellen. Inhaltlich entspricht sie in großen Teilen der zugehörigen Lerntheke – der Aufbau ist allerdings geführter mit sehr viel Wert auf Sauberkeit und Ordnung (ich bin nicht so der große Hefte-Einsammler, da passt mir das hier ganz gut).

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Interessierten Kollegen schicke ich die Mappe gerne zu – sie ist aber auch an üblicher Stelle zu finden. Diesmal auch als veränderbare .pptx-Datei, damit ihr sie… öhm… “auf euren Lehrertypus anpassen” könnt. (Falls ihr das Workbook nicht cool findet, wie es ist..!?)

Meine 10er, Naina und die Bildungspolitik

Ich bin krankgeschrieben. Das erste Mal in meinem Leben überhaupt verpasse ich eine ganze Schulwoche. Zum Glück ist das Halbjahr fast geschafft, so dass mein Ausfall nicht zum kompletten Zusammenbruch des Systems führt, auch wenn ich das innerlich befürchte.

Meinen großartigen 10ern habe ich aufgetragen, sich die neue Lerntheke herunterzuladen und eigenständig damit zu arbeiten. Schließlich naht die Abschlussprüfung. Und die Zeit.. die Zeit! Als Vorbereitung auf die Oberstufe würden sie das auch alleine hinbekommen. Und weil sie so toll sind und so, habe ich totales Vertrauen.
Natürlich wusste ich, dass sich nicht alle daran halten würden. Höchstens die Hälfte. Vielleicht ein Drittel. Wenn es ganz schlecht läuft, nur eine Handvoll.

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Rückblick und Ausblick

2014-12-12_13.00.08Nachdem der Anfang des Schuljahres mit meiner Klasse sehr schön, aber auch wirklich anstrengend war, hat sich das Geschehen nach den Herbstferien deutlich entspannt. In der 7. Klasse ist die Spannweite zwischen hochgradig und noch nicht pubertierenden Kindern enorm groß. Die Synapsen der Kinder feuern in alle Richtungen und es erfordert ein gehöriges Maß an Geduld und Anstrengung, diese Horde im Griff zu behalten.
Einmal mehr – und immer wieder – möchte ich betonen, dass der entscheidende Punkt die Zusammenarbeit mit den Eltern ist. Wir wissen, dass wir uns immer melden können und Unterstützung erfahren würden. Selbst die größten Rabauken der Klasse sind – objektiv betrachtet – harmlose Lümmel (ein herrliches Wort), weil Eltern und Lehrer gemeinsam Grenzen setzen und die Richtung vorgeben. Das  ist wirklich toll und ich erwähne das, weil ich es auch anders kenne.

IMG_20141128_104804Im Technikunterricht haben wir uns das vergangene Halbjahr mit Papierbrücken beschäftigt. Nach einem ersten Experimentieren und Forschen habe ich die Klasse in 4 Gruppen geteilt (zwei Jungen- und zwei Mädchengruppen) um sich komplett auszutoben.
Der Arbeitsprozess war sehr spannend zu beobachten. Bei den Jungen herrschte eine Art Neandertaler-Politik: Es wurde so lange herumgekaspert und gezankt, bis ein Herrscher erkoren war. Ab da ging es gut voran. Die Mädchen dagegen waren sehr auf sozial orientiert. Sie wollten keine Anführerin und waren entsprechend weniger zielstrebig im Arbeiten. Mit jeweils 7 Leuten waren die Gruppen sehr, sehr groß – eigentlich ein Unding. Es war mir aber wichtig, dass die Kinder sich trotzdem arrangieren, alle Mitglieder einbinden und es schaffen, aufkommenden Frust abzubauen. Je weiter die Projekte voranschritten, desto besser gelang ihnen das. Herausfordernd ist allemal die Inklusion: Zwar haben meine zwei Schülerinnen im Rollstuhl einen extra niedrigeren Tisch – aber gemeinsames Arbeiten ist dann trotzdem umständlich. Immerhin lässt sich  mit Glasknochen Papier leichter verarbeiten, als Holz.

Mit den Endergebnissen sind jedenfalls alle zufrieden.

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Am letzten Schultag hatte die Klasse gefragt, ob wir Wichteln würden, aber ich habe das abgeschmettert (das klingt jetzt arg hartherzig..). Meiner Erfahrung nach sind Wichtelgeschenke vor allem Müll und selten wirklich toll – also haben wir statt dessen gefrühstückt und jeder hat selbstgebackene Kekse mitgebracht. Das war auch schön.
Außerdem haben ein paar Jungs Hammer und Nägel besorgt und wir haben unsere Bilderwand im Klassenraum mit ein paar aktuellen Fotos erweitert. Auf die Frage, ob wir die alten Bilder aus der 5. Klasse abnehmen oder bis zum bitteren Ende hängen lassen wollen, kam ein klares “uuunbedingt hängen lassen!”

20141219_105546Es handelt sich um die ganz billigen IKEA-Bilderrahmen und obwohl meine Schüler Jungs beim Toben alles zerlegen, was nicht niet- und nagelfest ist, wird auf die Fotowand sorgsam geachtet. Sie gibt dem Klassenraum etwas familiäres, was mir sehr gefällt.

Traditionell endet der letzte Schultag mit einem Bläserkonzert auf dem Schuldach. Dabei spielen die Bläser (Lehrer, Ehemalige und Schüler) nicht nur für die versammelte Schülerschaft, sondern für das ganze Dorf. Hinterher gibt es Dank-Anrufe im Sekretariat aus dem Ort.

Das ist alles ganz schön Idylle hier.

Im nächsten Jahr wird es natürlich aufregend: Unsere Schule wird endgültig auf 5 Züge erweitert – das zweite Gebäude ist aber 15 Fußminuten entfernt. Die Realisierung wird spannend.
In den Ferien steht eine Korrektur an, außerdem muss mein Elektronik-Workbook erweitert werden. In der zweiten Jahreshälfte steht in Technik das Oberthema “Energie” an – da möchte ich eine passende Stationenarbeit entwickeln. Aber nicht mehr vor Weihnachten.

SEfU oder: Die Crux mit dem Feedback

Ich habe eine Feedbackrunde in einer meiner Klassen durchgeführt und spannende Ergebnisse erhalten. Die Frage ist aber – was mache ich jetzt damit?

Vergangene Woche habe ich meinen 10er Mathematik-Kurs geben, meinen Unterricht auszuwerten. Dazu habe ich die SEfU-Webseite benutzt.

Die Abkürzung “SEfU” steht für “Schüler als Experten für Unterricht“. SEfU ist ein Instrument zur Selbstevaluation des eigenen Unterrichts, das speziell für die Unterstützung der individuellen Unterrichtsentwicklung von Lehrerinnen und Lehrern konzipiert wurde. Es bietet der bzw. dem Lehrenden die Möglichkeit, sich ein Bild über den eigenen Unterricht zu schaffen, und zwar aus Sicht derer, für die er gestaltet wird: die Schüler.

Der SEfU-Fragebogen wird seit Februar 2005 im Online-Verfahren von der Friedrich-Schiller-Universität Jena betreut, wissenschaftlich begleitet und fortlaufend weiterentwickelt.

Dort muss ich mich anmelden und meinen Kurs “registrieren”. Anschließend erhalte ich einen Haufen Zugangsschlüssel, die ich den Schülern aushändige. Der Vorteil: Sie müssen sich nicht registrieren oder irgendwelche Daten angeben – der Schlüssel führt direkt zum richtigen Bogen.

Das habe ich gemacht.
Zwei Aspekte haben die Ergebnisse maßgeblich beeinflusst: Erstens ist die Klasse mir sehr ans Herz gewachsen – wir haben eine Menge Unsinn miteinander getrieben und vor Jahren bspw. mit dem DFB zusammengearbeitet. Das verfärbt die Antworten zu meinen Gunsten.
Zweitens: Die Auswertung erfolgte direkt nach einer schweren Mathematikarbeit. Das sorgt wiederum eher für negative Rückmeldungen.

SEfU bietet eine wirklich tolle, fachspezifische Auswertung. Es beginnt mit einer allgemeinen Erhebung:

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Es ist erst einmal schön zu sehen, dass ein großer Teil der Schüler gern in die Schule geht – sich unabhängig davon aber alle in der Klasse sehr wohl fühlen. Dies hat natürlich Auswirkungen auf die Aussagekraft ihrer Antworten. Ein Kurs, indem sich niemand wohl fühlt und alle Schule als Zeitverschwendung empfinden, wird definitiv anders antworten.

Anschließend erfolgt eine detaillierte Auswertung der Schülerantworten:

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Über viele Antworten freue ich mich, aber natürlich gibt es immer ein, zwei Schüler die unzufrieden sind. Das ist schade, lässt sich aber kaum vermeiden, besonders nicht in den Hauptfächern.

Toll finde ich:

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Doof finde ich:

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Schließlich gibt es noch ein Feld für freie Antworten, im positiven (“Ich finde toll”) wie im negativen (“Ich wünsche mir von ihm..”). Ein kleiner Auszug:

  • Am liebsten hätte ich ihn für immer in mathe den er gibt mir den arschtritt den ich brauche

Bzw.

  • Mehr rote Stationen [also schwerere Aufgaben]
  • Manche Schuler könnten sich [Anm.: … durch meine flapsige Sprache] nicht wohl fühlen, dass ist zwar witzig für alle anderen, aber für den Betroffenen ist das ¨nicht schön und er fühlt sich dadurch evt. benachteilig und unwohl
  • Ich wurde gerne mal Hausaufgaben auf bekommen. […] Nach meiner Meinung beabeiten wir zu wenig im Buch und müssen viel zu sehr eigenständig arbeiten. Wir sollten auch zwei Stunden in der Woche an der Tafel Aufgaben bei denen Schüler schwierigkeiten haben zusammen besprechen

[sic!]

Und nun?
Seit einigen Tagen durchdenke ich diese Ergebnisse und vergleiche sie mit meinen eigenen Erfahrungen in der Universität, wo solche Auswertungen mittlerweile üblich sind. Der Ansatz von SEfU lautet “Schüler als Experten für Unterricht” – und schon da zweifle ich.
Beispiel oben: Klar wünschen sich die Genies der Klasse noch mehr “Rote Aufgaben”. Meine Erfahrung ist aber, dass sich auch sehr gute Schüler bisweilen in ihre Spezialaufgaben verrennen und schlussendlich die Basics aus den Augen verlieren. Es hat also seinen Sinn, dass auch die Leistungsstärksten die Grundlagen wiederholen müssen.
Oder: Klar ist der ein oder andere vom eigenständigen Arbeiten genervt – aber ich verfolge ja einen Zweck damit. Die SchülerInnen sollen auf die Oberstufe bzw. ein Berufsleben vorbereitet werden.

Letztlich kann ich die Kritikpunkte der Schüler komplett nachempfinden – ich werde sie aber nicht ändern, weil ich ja gute Gründe dafür habe. Das aber führt zu einem Problem: In der Uni hat mich seinerzeit sehr genervt, dass die Professoren zwar Auswertungsbögen herumgaben – letztlich aber gar nichts verändert haben. Bei mir bzw. den Studenten entstand Frust und die (berechtigte) Frage, wozu man da überhaupt irgendwas ankreuzen solle. Gleiches würden womöglich meine Schüler empfinden – darum würde (und werde) ich mit Feedbackbögen sehr vorsichtig umgehen.

Schüler als Experten für Unterricht? Schwierig.
(Um ein plakatives Beispiel zu bringen: Ich koche für meine Tochter. Trotzdem ist sie kein “Experte für Kochkünste”, denn ihre Kritik besteht stets aus “zu viel Gemüse” und “zu wenig Schokolade”. Die Aussagekraft ist aber eher marginal.)

Es bleibt trotzdem die Frage, welchen Nutzen ich aus diesen Daten ziehen soll.
Nach einigen Tagen des Grübelns und Durchdenkens, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich so eine Auswertung nicht wiederholen werde.
Ich kann (rede ich mir zumindest ein) sehr gut damit leben, wenn Schüler mit mir sprechen und Wünsche oder Kritik äußern. Beides ist in der Vergangenheit oft geschehen und ich habe mich auch schon bei Schülern für dieses oder jenes entschuldigt. Aber so anonymisierte Kritik (“Bitte mehr mit dem Buch arbeiten”) nervt mich eher – ich habe ja Gründe, das nicht zu tun und möchte das lieber erklären können. Und natürlich finden Sabine und Jeremy es womöglich nicht toll, dass ich ihnen permanent Druck mache (“in den Arsch trete“) und sie antreibe – trotzdem ist das nötig, damit sie einen Schulabschluss erreichen.

Am Ende bleibt von dieser Erhebung, dass die meisten zufrieden sind, Das wusste ich aber auch vorher schon.

Wie handhabt ihr das?
Nutzt ihr Feedbackbögen? Habt ihr schon Aspekte eures Unterrichts auf Basis solcher Erhebungen verändert?

Sprache und Erziehung

Im Kollegium unterhalten wir uns über Sprache. Wir Lehrer sind dazu angehalten, auf eine “geschlechtergerechte Sprache” zu achten. Dazu gibt es Fortbildungen. Erlasse. Sitzungen.
“Liebe Schüler, es brennt. Bitte verlasst das Gebäude!”
Sind damit nur die Jungen gemeint? Sollen die Mädchen verbrennen?
Liebe Leserinnen und Leser, natürlich nicht. Abseits aller Haarspalterei, die wir in Deutschland (und besonders in den Amtsstuben) betreiben gibt es natürlich auch ernstere Beispiele sprachlicher Unzulänglichkeiten:

“Weil du so ungezogen bist, muss der Papa dich jetzt schlagen und das macht den Papa sehr, sehr traurig!”

Ein wunderbares Beispiel “schwarzer Pädagogik” und doppelter, persönlicher Schuldzuweisung. Neulich las ich bei einer Kollegin folgende Aussage:

Ob das [gemeint ist ein verbaler Rüffel] besonders schlau war, glaube ich gar nicht, aber es war mucksmäuschenstill in der Klasse und Nico hat mich nicht einmal angeschaut. Solche Ansagen sind etwas Neues für ihn.

Darüber musste ich ein paar Tage nachdenken, denn ich gehöre zu den Menschen, die eher flapsig und überschwänglich formulieren: Schüler kriegen bei mir eher “den Arsch nicht hoch”, als dass sie sich “mehr mühen sollten”. Das warf in mir die Frage auf, inwieweit meine Sprache womöglich verletzt – ohne aber den Punkt außer acht zu lassen, dass es immer Leute gibt, die mit der einen oder anderen Art mehr oder weniger zurecht kommen.

Während ich so mit mir grübelte, las ich ein tolles Buch: “Singen können die alle – Handbuch für Negerfreunde.” (Empfehlung!)
Marius Jung beschäftigt sich darin ganz intensiv mit Alltagsrassismus und auch Sprach-Rassismus und entnimmt viele Beispiele seinen eigenen Erfahrungen als Schwarzer Mensch in Deutschland. Im 19. Kapitel führt er ein Zitat auf, welches er Pippi Langstrumpfs Negerkönig gegenüberstellt und welches letztlich den Bogen zurück zum Anfang schlägt: Wie spreche ich und was bewirkt meine Sprache?

Die kulturelle Fremdheit muslimischer Migranten könnte relativiert werden, wenn diese Migranten ein besonders qualifikatorisches oder intellektuelles Potenzial verhießen. Das ist aber nicht erkennbar. Anzeichen gibt es eher für das Gegenteil und es ist keineswegs ausgemacht, dass diese ausschließlich an der durchweg bildungsfernen Herkunft liegt. So spielen bei Migranten aus dem Nahen Osten auch genetische Belastungen – bedingt durch die dort übliche Heirat zwischen Verwandten – eine erhebliche Rolle und sorgen für einen überdurchschnittlich hohen Anteil an verschiedenen Erbkrankheiten.

Diese Passage aus Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” enthält kein einziges anstößiges Wort. Es gibt keine “Neger” (geschweige den Negerkönige) oder “Zigeuner” oder andere verpönte oder misstönende Begriffe. Also alles gut? Ein weiteres anschauliches Beispiel liefert der AFD-Vorsitzende Bernd Lucke, der sich unter Serdar Somuncus Vorwürfen der Ausländerfeindlichkeit mit Wortklaubereien herauswindet: “Dieses Wort steht nicht in unserem Programm.” [Klick zum Video]

Ich glaube, als Lehrer könnte ich ganz freundlich mit Schülern sprechen, ohne zweifelhafte Ausdrücke und jederzeit zitierfähig, ohne dass mir je irgendjemand einen Vorwurf machen könnte – und doch hintergründig ein ungerechter, ekelhafter Pädagoge sein.
Und umgekehrt ist es glaube ich möglich, sich zuweilen wie ein verbaler Holzfäller zu benehmen und doch jederzeit das Herz am rechten Fleck zu haben. Ich bin oft eher nicht zitierfähig (was womöglich meine Schwierigkeiten mit dem SPIEGEL begründet…) – aber alle meine Schüler wissen genau, woran sie sind.
Und das wiederum führt mich zu Kollegin Henners innerem Zwiespalt

Ob das besonders schlau war, glaube ich gar nicht…

Vielleicht doch.
Manchmal müssen wir Lehrer ausgewählten Schülern an den Kopf werfen dürfen, ob sie noch alle Latten am Zaun haben – ohne uns im Nachhinein über die langfristigen Spätfolgen geschlechtergerechter Sprache Gedanken machen zu müssen.

Insofern, liebe Frau Henner: Das war bestimmt schlau. Smiley

“Dienstliche Beurteilung”

Zu Beginn einer Lehrerkarriere wird man von der Schulleitung auf Tauglichkeit überprüft. “Revision” nennt sich das. Ähnlich wie ein Unterrichtsbesuch bei den Referendaren setzt sich mein Schulleiter in meinen Unterricht und verfasst eine “Dienstliche Beurteilung” über das, was ich da so tue.

Bei mir steht das Dienstag an.

Ich wurde von meinem Schulleiter darauf hingewiesen, keine Showstunde zu machen, sondern ganz normalen Unterricht. Aber natürlich überlegt man sich Stundeninhalt und –verlauf sehr genau und da ich meinen eigenen Unterricht oft genug ganz wunderbar finde (oft genug aber auch nicht), freue ich mich auch sehr auf Dienstag.

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Machtspiele – (Lehreralbtraum II)

Wir sprachen zuletzt über eine blöde Situation: Eine Schülerin weigerte sich standhaft, eine Anweisung zu befolgen. Die Situation war weniger ein “ich traue mich nicht”, als vielmehr ein “versuchen Sie doch mal, mich zu zwingen…!”

Ein Machtspiel.

Kollegin Henner beschreibt in den Kommentaren eine ähnliche Situation: Als Praktikantin musste sie sich mit einem Schüler auseinandersetzen, der zumindest ahnte, dass sie ihm nichts konnte. Dort fehlte nicht viel zu einer echten Rangelei. Ich behaupte, dass so etwas vor allem Praktikanten, Referendaren oder jungen Lehrern (und auch öfter Frauen als Männern) widerfährt.
Während Eva neulich über Disziplinprobleme schrieb und darüber, wie man solche Situationen von vorneherein verhindert – geht es heute um.. Kind –> Brunnen:
Heike kommt nicht an die Tafel. Kevin verlässt den Raum nicht. Tine liest ihre Hausaufgaben nicht vor. Und das alles mit einer “Sie können mir gar nichts”-Haltung.

Wie weiter?

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“Oh scheiße…” – ein Lehreralbtraum

2014-02-01 12.46.01 (Small)Meine KollegInnen am Tisch trugen mir auf, in meinem Blog doch endlich mal darüber zu schreiben, wenn etwas so richtig scheiße lief. Die Wahrheit eben.

Hier also ein – tatsächlich erlebter – Lehreralbtraum:

Vor einigen Jahren, direkt zu Beginn meines Referendariats bekam ich eine 10. Klasse Physik. Nebenfach. Randstunde. Einmal pro Woche. Thematisch behandelten wir die Elektrizitätslehre und es ist etwas mühsam, bei Schülern, die sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten, Begeisterung und/oder Interesse für Physik zu wecken.
Im Verlauf der Unterrichtseinheit bat ich einmal eine Schülerin, eine einfache Schaltung an der Tafel zu skizzieren. Jene Schülerin lehnte sich in ihrem Sitz zurück, schnaufte einmal durch und sagte: “Nö, das kann ich eh nicht.”

Ich wiederholte meine Aufforderung. Gleiches Ergebnis, sie etwas patziger im Ton.

Ein drittes Mal. “Versuche es doch einfach – wir werden dir schon helfen.”

“Nee – mach ich nicht.” Sie verschränkte die Arme und machte deutlich, dass sie heute gar nichts mehr tun würde.

Ich hatte mich da in eine richtig beschissene Situation manövriert. Ein Machtspielchen. Ich konnte sie schlecht zwingen, aber wenn ich sie – trotz mehrfacher Aufforderung – nicht irgendwie zur Tafel brächte, dann würde sich auch jeder andere weigern.  Diese Schülerin würde sich jedenfalls keinen Millimeter bewegen und die anderen fünfundzwanzig Kursteilnehmer beobachteten sehr genau, was jetzt geschehen würde. (Tatsächlich ist das ja eine typische Referendariats-Frage: Was mache ich, wenn der Schüler einfach nicht tut, was ich sage?)

An dieser Stelle möchte ich kurz unterbrechen und euch fragen: Wie hättet ihr reagiert? …bevor ich dann übermorgen berichte, was ich getan habe.