Siebtklässler und Auschwitz

[Ein Gastbeitrag meiner Co-Klassenlehrerin, Ramona Stock.]

IMG-20150519-WA0000Im Deutschunterricht der Klasse 7 werden an unserer Schule häufig Bücher gelesen, die die NS-Zeit thematisieren. Die Sekundärliteratur schlägt derartige Bücher aufgrund der mangelnden „psychologischen Reife und Empfänglichkeit für das Thema Holocaust“ der jüngeren Schüler meistens erst ab der 9., frühestens der 8. Klasse vor. Auch ich war äußerst skeptisch:

Ist die unfassbare Grausamkeit der nationalsozialistischen Effizienz und Menschenverachtung nicht zu viel für die noch kindlichen Gemüter unserer Siebtklässler? Und was ist mit unseren Glasknochenkindern, die in der damaligen Zeit als „unwertes Leben“ eingestuft worden wären? Kann ich sie (schon) damit konfrontieren, dass ihr Leben in einer anderen Zeit einfach ausgelöscht worden wäre? Und wie kann ich mit diesem Thema umgehen, ohne mit erhobenem Zeigefinger Betroffenheit und schlechtes Gewissen einzufordern (wie ich das in meiner Schulzeit empfunden habe)? Wie gehe ich überhaupt angemessen damit um?

Zur Wahl stellte ich den Schülern „Damals war es Friedrich“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und ein Buch mit völlig anderem Thema. Alle drei stellte ich vor, von allen dreien las ich das erste Kapitel vor. Die Abstimmung war verblüffend: Die Schüler stimmten fast einstimmig für den „Jungen im gestreiften Pyjama“.

Und es wird immer verblüffender: Die Schüler lesen das Buch tatsächlich. Und ihr Gesprächsbedarf darüber, was sie lesen, ist enorm! Wir haben im Klassenzimmer ein Plakat angebracht, auf dem die Schüler eintragen können, worüber sie gerne mehr erfahren möchten. Das bezieht sich auf Textstellen, die sie sich genauer angucken möchten, und auf historisches Hintergrundwissen. Die Schüler tragen tatsächlich Dinge darauf ein! Richtig gute Dinge, die den Unterrichtsverlauf strukturieren und die Lektüre des Buchs vertiefen. Für jedes kleine Nebenthema findet sich sofort jemand, der es recherchiert. Es ist eine der seltenen Unterrichtsreihen, in denen ich tatsächlich den Unterricht ganz schülerzentriert mit ihnen zusammen gestalten kann und es ist wunderbar! Und vor allem ganz unverkrampft!

Eines unserer Glasknochenmädchen erwähnte übrigens selber ganz selbstverständlich, dass auch Menschen mit Handicap damals deportiert wurden. Und einige Schüler fragten, wo denn eigentlich von Siegen aus das nächste KZ sei, das man heute noch besichtigen könnte. Darum kreisen unsere Gedanken jetzt: Ab welchem Alter kann man mit den Schülern ein KZ besuchen? Von Siegen aus, sind alle Wege weit. Sollte man dann nicht aufs Ganze gehen und nach Auschwitz fahren (wo übrigens auch unser Buch spielt)?  Was für Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Über Rückmeldungen wäre ich ganz dankbar!

Bestechung

Carolina schüttelt ihr Sparschwein, um 2 Euro Kakao-Geld zu bekommen. Es klimpert und 2,30 € fallen heraus. “Ach”, sagt sie, “das sind 30 Cent zu viel. Aber die schenke ich einfach meiner Klassenlehrerin.” Sie meint das so. Sie hat keine konkrete Wertvorstellung von Geld und möchte ihrer Lehrerin einfach eine Freude machen.

Zur Geburt meiner zweiten Tochter macht meine Klasse meiner Frau und mir ein (verspätetes) kleines Geschenk.
Ich freue,bedanke mich für die Aufmerksamkeit und weiß das sehr zu schätzen. Als Klassenverbund wird man immer auch ein wenig “Familie”. Man bekommt die Geburt von Geschwisterkindern mit, den Tod von Großeltern, Scheidungen und was die Kinder auf Freizeiten so erleben.

Ich erzähle der Klasse von jener Berliner Lehrerin, die von ihrer Abschlussklasse ein Geschenk erhielt, wegen der Annahme des Geschenkes angezeigt wurde und anschließend eine Geldstrafe von 4000 Euro zahlen musste. (Das Geschenk meiner Klasse ist keine 198 Euro wert, wie jenes der Berliner Kollegin. Nicht mal annähernd.)

Meine Schüler zeigen sich erstaunt und können das Urteil nicht fassen.

Für ein paar Augenblicke lasse ich sie schimpfen. Dann erkläre ich ihnen, wieso ich das Urteil eigentlich richtig finde und es entwickelt sich ein Gespräch über Korruption. Ich verdeutliche, dass eine Bestechung nicht in nachts unter einer Brücke, in dunklen Mänteln und mit einem Geldkoffer abläuft. Sondern das Tills Vater mir einen “besonders guten” Preis für meine Winterreifen macht und ich im Gegenzug bei Tills Abschlussprüfung mal ein Auge zudrücke. Da gibt es keinen Vertrag. Es wird nichts abgesprochen. Gegenseitige Freundlichkeiten. Mehr nicht.
”Am Ende führt das dazu, dass die reichen Eltern euch zu guten Schulabschlüssen verhelfen – und wer zu Hause kein Geld hat, der hat leider Pech gehabt. Das darf nicht sein.”

Obwohl mir jetzt zwanzig Minuten meiner Mathematikstunde fehlen, sind das Stunden, wie ich sie liebe: Man hat eine Meinung, äußert sie lautstark und schimpft und zetert (“dämliches Gesetz” “Wozu soll das gut sein?”)– und nachdem man etwas nachgedacht hat und einen größeren, weiteren Blickwinkel erlangt, vertritt man genau die gegenteilige Meinung (“Gut, dass es solche Gesetz gibt!”).

Vor vielen Jahren schenkte mir meine damalige Klasse als ich die Schule verließ einen großartigen, singenden BVB-Toaster zum Abschied. Auch den hätte ich vermutlich nicht annehmen dürfen. (Die Schüler haben mir aber versichert, es wäre ein oller, gebrauchter Toaster für 9,99 € bei Ebay gewesen.)

Auch Carolina erklären wir, dass man seinen Lehrern kein Geld schenken darf. Auch sie versteht das – wenn sie es auch einfach schade findet, ihrer Klassenlehrerin keine Freude machen zu dürfen.

Schule… da lernt man dann doch Einiges fürs Leben Smiley.

Lehrerwechsel vs. Kontinuität?

20140827_130625Im Sommer werde ich meine Klasse schon drei Jahre leiten. Dann ist Halbzeit. Ein guter Augenblick, sich Gedanken zu machen, ob ich die Klasse behalten oder abgeben möchte.
An meiner Schule werden stets zwei Klassenlehrer eingesetzt und nachdem meine erste Co mich wegen ihrer Familienplanung verlassen hat, habe ich mit ihrer Nachfolgerin genauso viel Freude im Alltag. Als wir uns über die Zukunft unserer Klasse unterhalten wird uns beiden schnell klar: Egal was und wie – aber wir bleiben zusammen.

Wir nehmen uns Zeit, viel Zeit, um uns Gedanken zu machen. Zwei Aspekte stehen zentral im Vordergrund:

  • Was ist gut für die Klasse? und
  • Was wollen wir eigentlich?

Notenschlüssel

IMAG0235_1Carolina ist in ihrem letzten Grundschuljahr.
Das Zeugnis, welches sie nächste Woche erhält ist (mehr oder weniger) entscheidend für den weiteren Verlauf ihrer Schulkarriere. Daher habe ich mir ihre Klassenarbeiten in den letzten Monaten etwas genauer angesehen und bin irritiert: Nicht, dass ihre Noten schlecht wären – aber oft reicht schon ein Fehler, um kein “sehr gut” mehr zu schaffen. Die Bewertung scheint mir auch an anderer Stelle oft hart.

Beim Schulentwicklungsgespräch frage ich die Klassenlehrerin nach dem Notenschlüssel der Schule. Ein solcher Schlüssel beschreibt, wie viel Prozent richtige Antworten welcher Note entspricht.

”Ab 98% gibt es ein ‘sehr gut’” erklärt mir die Kollegin. “Ab 88% ein ‘gut’, ab 75% eine ’Drei’ und für eine ‘Vier’ braucht man 50%.”

Eine Grundschulkollegin aus dem Bekanntenkreis bestätigt mir, dass sie ähnlich bewerten würde.
Ich bin erstaunt. Erst recht, wenn ich den Notenschlüssel mit dem meiner Schule vergleiche. Genau wie die Grundschule ist auch eine Gesamtschule eine Schule “für alle Kinder”. Anders als Hauptschule oder Gymnasium haben wir eine extrem unterschiedliche Schülerschaft. Unser Notenspiegel orientiert sich an den Vorgaben für die Zentralen Abschlussprüfungen bzw. für das Abitur in NRW. Alle Klassenarbeiten in allen Fächern werden bei uns nach dem gleichen Schlüssel bewertet:

100% – 87% Note 1
86% – 73% Note 2
72% – 59% Note 3
58% – 45% Note 4
44% – 18% Note 5
17% – 0% Note 6

Da ergibt sich ein anderes Bild.

Ich drücke meine Irritation im Gespräch auch aus. “Wenn ich erst ab 98% ein ‘sehr gut’ verteilen würde, dann wäre das für viele Kinder ein ziemlich trauriges Schulleben.” Die Grundschulkollegin stimmt mir zu, erwähnt aber auch, dass sie trotzdem von Seiten der Eltern oft unter Druck stünde, deutlich härter zu bewerten. “Manche haben Zweifel, wie die Kinder überhaupt das Gymnasium schaffen sollen, wenn sie von hier kommen.”

Platt gesagt: An der weiterführenden Schule wäre jede Arbeit meiner Tochter stets eine Note besser bewertet worden. Von einem bayrischen Gymnasium weiß ich, dass sie auch (mehr oder weniger) unseren Schlüssel benutzen. Ich will dabei die Grundschule gar nicht groß kritisieren: Die machen da eine ganz wunderbare Arbeit und Carolina freut sich jeden Tag auf die Schule.

Ich finde das Ganze eher schwer zu beurteilen – zunächst einmal, weil ich kein Grundschullehrer bin und überdies, weil mir die langjährige Erfahrung fehlt. Aber eliminiert man mit der Grundschulversion nicht de fakto die Note “sehr gut”? Ein Fehler im Diktat. Irgendwo einmal verrechnet. Führt das nicht womöglich dazu, dass die Eltern den Druck auf die Kinder erhöhen oder diese den Spaß an der Schule verlieren? Es ist ja auch nicht so, als wären die Noten bedeutungslos: Es geht um den weiteren Bildungsweg.

Wie seht ihr das?
Und wie sieht der Notenschlüssel bei euch an der Schule aus? (Und erwähnt dabei zur Orientierung bitte Schulform und Bundesland.) Ganz besonders interessieren mich die Erfahrungswerte von Grundschulkollegen.

Meine 10er, Naina und die Bildungspolitik

Ich bin krankgeschrieben. Das erste Mal in meinem Leben überhaupt verpasse ich eine ganze Schulwoche. Zum Glück ist das Halbjahr fast geschafft, so dass mein Ausfall nicht zum kompletten Zusammenbruch des Systems führt, auch wenn ich das innerlich befürchte.

Meinen großartigen 10ern habe ich aufgetragen, sich die neue Lerntheke herunterzuladen und eigenständig damit zu arbeiten. Schließlich naht die Abschlussprüfung. Und die Zeit.. die Zeit! Als Vorbereitung auf die Oberstufe würden sie das auch alleine hinbekommen. Und weil sie so toll sind und so, habe ich totales Vertrauen.
Natürlich wusste ich, dass sich nicht alle daran halten würden. Höchstens die Hälfte. Vielleicht ein Drittel. Wenn es ganz schlecht läuft, nur eine Handvoll.

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“Versagen des Bildungssystems”? *grml*

(Heute mal ein paar wütende Worte, neudeutsch “rant”.)
Schulforscher der Universitäten Dortmund und Jena haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung einen Chancenspiegel erstellt und unter anderem untersucht, welche Korrelation zwischen (sozialer) Herkunft und Schulerfolg besteht. Ergebnis laut Armin Himmelrath von SPIEGEL ONLINE:

Wer aus einem benachteiligten Umfeld kommt, braucht in deutschen Klassenzimmern nicht auf Fairness und Chancengerechtigkeit zu hoffen.

Fairness? Chancengerechtigkeit? Hoffen?

Damit behauptet Himmelrath, wir Lehrer würden unsere Schüler in der Masse unfair und ungerecht behandeln. Und es klingt, als würden sie auf deren Gnade hoffen müssen. Das empfinde ich als frech. Ziemlich frech sogar.

Wir können uns gerne über die Auswirkungen der sozialen Herkunft auf Verhalten, Vorwissen, Ausdrucksweise, Leistungsbereitschaft oder Frustrationsgrenze unterhalten. Wir können uns Gedanken machen, welchen Einfluss der Freundeskreis und deren Bildungsgrad und der der Eltern auf die Persönlichkeit und das Werteempfinden eines Kinders hat.
Natürlich hat Zahnarztkind Erik es in Englisch und Mathematik leichter, als der vom Krieg geflohene Anton, dessen Eltern kein Wort Deutsch sprechen. Und ein Kind, das mit Haus und Garten aufwächst, lernt womöglich eher Konfliktmanagement, als jemand, der in einer Hochhaussiedlung mit hoher Kriminalitätsrate groß wird.

Das hat aber, Entschuldigung, nichts mit unfairen Lehrern zu tun: Das verdammte Leben ist nicht fair. Es ist nicht fair, dass die einen Kinder mit liebevollen Eltern aufwachsen und die anderen totgeprügelt werden. Es ist nicht fair, dass sich manche Schüler teure Handys leisten können und andere nicht das Geld fürs Mittagessen haben. Es ist nicht fair, dass einige zu Hause vorgelesen bekommen und andere ihre Nachmittage vor Youtube verbringen, weil es kein einziges Buch in der Wohnung gibt.

Unser Bildungssystem versagt nicht, ganz im Gegenteil.
Der Grund für den hohen Einfluss der sozialen Herkunft auf den Schulerfolg ist eben genau dieser: Susann-Henriette schlägt ihre Nachmittage halt nicht mit fünf Stunden PlayStation und RTL2 tot, sondern mit Klavier und Hausaufgaben unter den strengen Blicken ihrer Eltern.
Die Schulen stemmen sich mit allem was möglich ist gegen diesen Trend und schieben auch die größte Schnarchnase noch irgendwie zu einem Abschluss – aber es nervt mich, dass SPIEGEL ONLINE einmal mehr auf die Schulen schimpft, statt die wirklich wichtigen Fragen zu stellen:

Wir müssen uns nicht über das Bildungssystem unterhalten1, sondern über Perspektiven und Ängste. Über familiäre Strukturen. Über die ekelhafte, unterschwellige Ausländerfeindlichkeit einiger Parteien und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Darüber, ob das “Betreuungsgeld” bildungsferne Kinder nicht noch weiter von der Kita abhält und damit den Einfluss der sozialen Herkunft noch verstärkt.

Das sind die entscheidenden Fragen hier.

1: Natürlich unbedingt trotzdem: Aber nicht vor dem Hintergrund, dass meine Schüler nicht auf “Fairness  hoffen brauchen”. Aber zum Beispiel darüber, ob die Milliarden Euro, die wir in den letzten Jahren für Schulbücher ausgegeben haben, nicht sinnvoller angelegt werden könnten – in #OER zum Beispiel.

Hurra! Oh weh! Die Schullandschaft.

Weil es immer weniger Kinder gibt, werden überall Schulen geschlossen. Das hat zur Folge, dass die Schulen um jeden Schüler kämpfen und auch bereitwilliger Schüler aufnehmen, als sie das vor zwanzig Jahren getan hätten. Und das hat zur Folge, dass speziell den Haupt- und Realschulen die Schüler davonlaufen.

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Sie werden geschlossen.

Eine, nach der anderen.

Ich unterrichte an einer größeren Gesamtschule mit etwa 1000 Schülern. Ich behaupte einfach mal, dass wir richtig gute Arbeit leisten – zumindest haben wir Jahr für Jahr weit mehr Bewerber, als Plätze und ein gutes Eltern-Lehrerverhältnis (für mich ein untrügliches Indiz für gute Arbeit). Mittlerweile platzt unsere Schule aus allen Nähten und im Zuge der Inklusion fehlen uns zahlreiche Räume für Inklusionshelfer, Förderprogramme oder Arbeitsräume (für Lehrer und Schüler). Allein die Oberstufe umfasst mittlerweile fast dreimal so viele Schüler, wie ursprünglich angedacht.

Vor knapp einem Jahr wurden wir darüber informiert, wie sich der Schulausschuss der Stadt Siegen die Zukunft vorstellt. Es wurde laut über eine weitere Gesamtschule nachgedacht und Zusammenschlüsse von Realschulen und Gymnasien zu einer weiteren Schulform (dem Realgymnasium?). Aber am Ende – so empfand ich es zumindest – kristallisierten sich zwei Optionen heraus:

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Schummeln und Spionieren mit Smartwatches

2014-08-20 19.37.11

Ohne auf das (für sich selbst sprechende) “Neuland”-Zitat unserer Kanzlerin anspielen zu wollen, ist die technische Entwicklung der vergangenen 10 Jahre atemberaubend.
Das Schule stark von der Politik bestimmt wird, bemerkt man (auch) daran, dass wir es kaum schaffen, mit dem technischen Fortschritt mitzukommen.
Während ich mich noch ohne Wikipedia zum Abitur geschummelt habe, führte die Klasse meines Bruders ein eigenes Forum und übersetze im Schwarm die Französisch-Lektüre.

Stets hängt die Schule hinterher.

2014-08-20 19.38.12Nach vielen Jahren Facebook gibt es nun unsinnige Diskussionen darüber, ob Lehrer mit Schülern befreundet sein dürfen, ob Lehrer einen Account besitzen dürfen und überhaupt. Erst im April durfte ich im ARD-Morgenmagazin dazu ein paar Worte sagen. Eine Diskussion über whatsapp steht uns noch bevor. Neuland halt.

Und während zu Beginn von Klausuren immer noch die Lehrer herumlaufen und verkünden “die Speicher der Taschenrechner müssen gelöscht sein!” rollt die nächste Welle technischer Errungenschaften über uns: Google Glass.   Elektronische Kontaktlinse.   Smartwatches.

Eine Smartwatch gibt es inzwischen kostenlos zum Handy dazu und abgesehen vom Uhr anzeigen ist sie vor allem eine Mischung aus Fotoalbum, PDF-Reder und Wikipedia. Damit zu pfuschen ist so unfassbar einfach, dass sich die Schulen (und Universitäten) ganz schnell Gedanken machen sollten.
Zwar müssen unsere Schüler vor Klausuren ihre Smartphones abgeben – das hindert sie jedoch nicht daran, auf dem Klo mit einem Zweithandy nach Antworten zu googlen. Eine Smartwatch wird den wenigsten Kollegen auffallen, hat bei einer Klausur aber den gleichen Effekt wie ein aufgeschlagenes Lehrbuch. Muss ich zukünftig alle Handys und Uhren einsammeln wie das in Belgien üblich ist?

Schulentwicklung ist da ein unglaublich spannendes Feld und ich bin wirklich gespannt, wie sich das Verhältnis ‘technische Aufrüstung’ vs. ‘Prüfung’ in den kommenden Jahren weiterentwickelt.

Und wie sieht es im Mutterland der Technologie aus? Südkorea? USA?
In der kleinen Stadt Dubuque in Iowa dürfen müssen die Schüler zukünftig Pulsuhren tragen, damit die Lehrer beim Sportunterricht nur noch denjenigen gute Noten geben, die sich auch wirklich anstrengen:

“It will be a large portion of their grade, because we want to grade them on what they’re actually doing in our class,” Dubuque Schools Athletic and Wellness Director Amy Hawkins told ABC News.

Der Hersteller der Uhren zeigt auf seiner Homepage fröhliche, gutaussehende Lehrer und begeisterte Kinder.
Spannend, wie in den USA Kinder unter dem Deckmantel der Pädagogik medizinisch ausspioniert werden, während wir hier diskutieren, ob ich dem Rüdiger via Facebook mitteilen darf, dass er morgen erst zur 2. kommen muss – oder ob ich damit gegen Dienstrecht verstoße.

Rememer, remember…

Amüsant übrigens, dass in verschiedenen Kommentarspalten empfohlen wird, heimlich zu masturbieren: Das würde schließlich Puls und Blutdruck nach oben treiben und am Ende seien alle glücklich: “So ein fleißiger Junge – der bekommt eine Eins!” Zwinkerndes Smiley


Politik & Ukraine & Blogs & Pressefreiheit & …

Während so manche Kollegin nun erst in die Ferien startet, komme ich so langsam wieder in Arbeitslaune. Dabei waren die vergangenen Wochen ganz spannend und ich möchte euch gerne auf eine kleine, politische Reise mitnehmen.
Angefangen hat alles mit dem Cover des 31. SPIEGEL-Magazines von Ende Juli. Da ich den SPIEGEL nicht abonniert habe, wurde mir erst später klar, dass auf dem Cover die Opfer des über der Ukraine abgeschossenen Passagierflugzeuges MH17 abgebildet sind.
Ich finde Opfergalerien ekelhaft. Das ist auch etwas, das ich eigentlich nur von der BILD-Zeitung kenne. Trotzdem – und dass muss ich zu meiner Schande gestehen – habe ich mir keine weiteren Gedanken über das Cover gemacht.

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Inklusion im Kopf

imageGestern hatten wir einen Projekttag zur Gestaltung des Schulhofes. Den ganzen Tag über durfte meine Klasse Ideen sammeln, forschen und diskutieren, wie man unsere Schule (noch) schöner gestalten könne.
Bezeichnend waren zwei Szenen:
Als eins meiner Glasknochenmädels im Rollstuhl nach vorne fuhr, um einen Vorschlag an die Tafel zu schreiben, sprang der größte Chaot der Klasse auf, um ihr die Tafel nach unten zu ziehen und ein Stück Kreide zu reichen.
Und: Immer wieder wurden die erarbeiteten Vorschläge auf Barrierefreiheit abgeklopft und die Möglichkeit, ob man auch mit den beiden Rollis “in die Chill-Zone” könne.

Unabhängig von der tatsächlichen Umsetzung der Pläne kann man in der Klasse etwas beobachten, das schon die Mutter von Henry in der “Jauch”-Sendung kritisch anmerkte: Kaum jemand hat in seinem Alltag mit behinderten Menschen zu tun und erst, wenn sich das ändert, verändert sich der Blick auf die Umgebung.
Die größten Klassenkasper sind stets die ersten, die auch Tische tragen und Türen öffnen.

Aus meiner Perspektive ein ganz spannender Prozess, von dem ich mich selbst gar nicht ausnehmen will.

Vortrag der Uni Siegen

Kommenden Donnerstag (26.Juni) hält Professor Matthias Trautmann von der Universität Siegen um 20 Uhr einen Vortrag im Kulturhaus Lÿz zum Thema “Inklusion in Schule und Unterricht: Hoffnungen, Fallstricke, Herausforderungen”.

Da man “den Uni-Leuten” oft vorwirft, sie würden aus ihrem Glaspalast heraus über den Schulalltag urteilen (und dann passende Studien dazu erfinden), bin ich überaus gespannt, was mich erwartet. Tatsächlich habe ich von Herrn Trautmann aber viel Gutes gehört, so dass ich arg zuversichtlich bin. Besonders freue ich mich auf die Diskussion im Anschluss – Otternnasen, Lerchenzungen und Wolfzitzenchips sind eingepackt. :-)

Letztlich kann ich aber nur wiederholen, was ich eigentlich immer sage: Inklusion ist so kompliziert und von so vielen Einzelfällen geprägt, dass es sich kaum in einen kurzen Vortrag pressen lässt. Sowohl Inklusionsbefürworter wie auch –gegner können mit dramatischen Einzelschicksalen (in die eine oder andere Richtung) und passenden Studien (in die eine oder andere Richtung) dienen. Womöglich wird man einiges davon am Donnerstag zu Ohren bekommen.

Vielleicht sieht man sich ja Smiley

Warum ich #OER-Schulbücher für eine schlechte Idee halte

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Dieses Schuljahr unterrichte ich sieben verschiedene Kurse (Mathematik, Physik, NW und Technik) und in keinem einzigen habe ich aktiv mit dem Schulbuch gearbeitet. In fünf von sieben Kursen habe ich nicht mal ein Buch ausgeteilt. Wenig überraschend hat im Laufe des Schuljahres kein einziger Schüler je nach ihnen gefragt.

Ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, Schulbücher seien überflüssig – aber wenn sich eine wachsende Zahl von Lehrern schon Gedanken über freie Bildungsmaterialien (Stichwort: “OER”) macht, dann halte ich eine Entwicklung in Richtung Schulbüchern für falsch.

Zunächst also zwei Beispiele für OER-Projekte, bevor ich über Diagnose spreche und dann Krankheitsverlauf und dann Heilungschancen.

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Mediale Hexenverbrennung.

Zurück in Siegen habe ich ein paar Stunden Zeit gehabt, mir sowohl die Sendung gestern als auch die vielen Zeitungsartikel darüber und die vielen E-Mails im Anschluss daran durch den Kopf gehen zu lassen.
Die Sendung kann man noch einige Tage hier sehen. Als ungerecht empfinde ich dabei die sehr negativen Kommentare, die sich in erster Linie über Herrn Kraus, als auch Henris Mutter, Frau Ehrhardt ergossen.

Tragischerweise hat der SPIEGEL in seinem Artikel das Thema sowohl durchschaut, als auch missverstanden:

Es gibt Themen, die sich schlecht für eine Talkrunde eignen. Weil sie zu vielschichtig sind für kameragerechte Kurz-Statements. Weil die im Fernsehen erwünschte Emotionalisierung die Sache zusätzlich vernebelt. Oder weil dadurch Menschen ins Schlaglicht gelangen, denen diese Öffentlichkeit nicht unbedingt dient.

Ja – das Thema ist komplex. Es ist sogar so komplex, dass es auch nicht hilfreich ist, wenn (halbprominente) Menschen mit Behinderungen wie Raul Krauthausen beklagen, es würden nur “Nichtbehinderte über Behinderte” sprechen. Es gibt so viele unterschiedliche Ausprägungen des Downsyndroms, dass wir allein mit ihnen das Studio hätten füllen können. Wer könnte den stellvertretend für alle Behinderten sprechen? Mit welchem Recht habe ich stellvertretend für ‘die Lehrer’ gesprochen?
Umgekehrt muss so ein Thema aber in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Und zwar nicht durch eine Dokumentation auf ARTE um 1 Uhr nachts, sondern so prominent, wie es nur geht.

Was mich zu Frau Ehrhardt führt.
Ja, ich bin nicht ihrer Meinung. Ich halte ihren Wunsch, den Jungen in ein Gymnasium zu stecken, für falsch. Und ich glaube, man sah ihr an, dass sie in den vergangenen Wochen viel Kritik hat einstecken müssen. Aber ihr gebührt ganz großer Respekt: Mein eigener Bruder hatte den Begriff “Inklusion” vorher noch nie gehört – Frau Ehrhardt hat es mit ihrem Beißen und Zanken und Kämpfen geschafft, dass in der A-Liga des Deutschen Fernsehens über das Thema gesprochen wird. Und bei allem (berechtigten?) Ärger von Eltern und Lehrern und Experten über ihren Weg – was sie tut ist eine großartige Leistung, die in jedem Fall der Sache dient.

Was mich zu Herrn Kraus führt.
Auch er hat eine Menge einstecken müssen. Und auch das – wie ich finde – zu unrecht. Obwohl ich ihm im Laufe der Sendung ordentlich vors Schienbein getreten habe (“..ich finde ganz furchtbar, was Sie hier sagen..”), nahm er mir meine Ansicht an keiner Stelle persönlich. Nach der Sendung haben wir noch fast eine Stunde zusammen über Schule und Inklusion ganz nett parliert. Ja, er hat an bestimmten Punkten eine Meinung, die ich nicht teile – aber das finde ich okay. Und noch mehr – im Sinne einer positiven Streitkultur möchte ich hier nochmal betonen, wie hilfreich jemand mit klaren Statements in so einer Sendung ist. Stellen wir uns vor, es wären 60 Minuten lang nur politisch korrekte Halbwahrheiten ausgetauscht worden…?!

Was mich zu mir führt.
Zufällig (?) ist heute mein 2. Beitrag zur SPIEGEL-Lehrer-Kolumne erschienen, indem ich schrieb, dass uns Lehrern oft das Vertrauen der Eltern fehlen würde. Woraufhin sich die Taliban des elitären, deutschsprachigen Internets (=SPIEGEL-ONLINE-Foristen) unter dem gemeinsamen Motto auf mich stürzten:

“Vertrauen kann man nicht fordern, dass muss man sich verdienen.”

Ähnlich wie bei Herrn Kraus gibt es sofort einen Beißreflex, wenn jemand eine Meinung äußert. “So könne man das nicht sagen”.

Doch. Tue ich.

Und zwar nicht jammernd, sondern in dem Bewusstsein, dass ich in meiner Klasse ein ganz großartiges Verhältnis zu “meinen” Eltern habe: Die haben auch Ängste und Sorgen und Fragen und Kritik. Sie sind auch nicht immer glücklich mit mir oder der Schule oder ihren Kindern. Aber sie reden mit mir. Immer wieder. Und sie lassen nie, niemals Zweifel daran aufkommen, dass wir das gleiche Ziel verfolgen. Deswegen funktioniert alles. Auch die Inklusion.

imagePS: Ein wirkliches Highlight des Abends war für mich übrigens, meiner Ministerpräsidentin Frau Dreyer begegnen zu dürfen. Ich wollte mich ihr gar nicht so an den Hals werfen, aber da ich doch seit einigen Tagen ein Landeskind bin, hat mich die Freude übermannt.  😀

 

 

 

Die gesamte Sendung gibt es hier zu sehen.

Günther Jauch.

Diesen Sonntag darf ich tatsächlich nach Berlin in die Talkshow von Günther Jauch reisen, um ein, zwei Gedanken zum Thema “Inklusion” zu verlieren.

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Obwohl das Thema ein Ernstes ist, bedeutet diese Erfahrung für mich vor allem Aufregung und viel Spaß. Meine Kollegen gaben mir ein abstruses Codewort mit, dass ich sagen solle, um sie zu grüßen. Meine Frau kam auf die gleiche Idee (aber mit anderem Codewort). Meine Schüler ebenfalls.
Um mich abzulenken, reise ich schon Samstag nach Berlin – vielleicht komme ich noch in den Genuss des DFB-Pokalfinales. Je nachdem, wer gewinnt, werde ich dann Sonntagabend fröhlich oder missmutig in der Runde sitzen.
Tatsächlich werden die bestehenden Probleme um und mit Inklusion sicher nicht in dieser Talkshow gelöst. Ich denke, es geht vor allem darum, sich Gedanken zu machen. Zu sprechen. Zu denken. Immer wieder zu prüfen, was das Beste für die Kinder ist. Und dabei den ein oder anderen Zuschauer mitzunehmen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, wird meine Position diesbezüglich erahnen: Mit einer Klasse haben wir mit dem DFB zusammengearbeitet, mit einer anderen für ARTE in einer Doku mitgewirkt und mit noch anderen ein riesiges Modell unserer Schule gebaut, dabei immer wieder neue Lernformen und Methoden ausprobiert und hier vorgestellt, Filme in meinen Physikunterricht eingebunden, meinen Schülern in flüssigen Stickstoff getauchte Marshmallows zu essen gegeben und immer wieder schreibe ich über meine Inklusionsklasse und meine Erfahrungen damit. Als Lehrer darf man sich ausprobieren, darf wagen, experimentieren, forschen, spielen, entdecken, lernen1.
Ich blende die Schwierigkeiten gewiss nicht aus. Ich weiß, dass Inklusion an vielen Schulen katastrophal umgesetzt wird. Es ist ein schwieriger, langer Weg voller Fehler und Tragödien – aber auch mit viel guten Entwicklungen.

Ich liebe diesen Beruf. (Sagte ich das bereits?)

Am Telefon wies man mich übrigens ausdrücklich darauf hin, nichts Kleinkariertes zu tragen. Auch wenn das einen fernsehtechnischen Hintergrund hat: Alle Welt scheint zu glauben, wie Lehrer würden stets karierte Jackets mit Flicken auf den Ärmeln tragen.  Ich versicherte jedenfalls, mich angemessen zu kleiden. Ob mir das gelungen ist, dürft ihr selbst beurteilen. Zwinkerndes Smiley

1: Insbesondere die mitlesenden Lehramtsstudenten: Es ist großartig! Großartig!

“Inklusion” in den Medien

imageDienstag erschien ein Artikel von mir bei SPIEGEL Online unter der (etwas reißerischen) Überschrift “Ich fühle mich oft alleingelassen”.
Darin beschreibe ich die Herausforderung, eine Klassenfahrt für eine Inklusionsklasse zu gestalten, wenn ich allen Schülern gerecht werden möchte (an welcher Aktionen können alle Kinder teilnehmen? Wer bezahlt Extrakosten?).
Die Reaktionen fallen moderat aus, gehen aber oft in die gleiche Richtung: Im zugehörigen Forum (“Ein bisschen Phantasie wird der Lehrer ja wohl haben”) wird hier und da die Frage aufgeworfen, wo denn genau mein Problem sei und via Facebook wurde ich mehrfach angefragt, ob ich tatsächlich so hilflos und an meiner Schule völlig alleingelassen sei.

image

Mit einem Wort:

Nein.

Ich fühle mich ganz wunderprächtig und habe ein klares Ziel vor Augen. Ich erfahre alle Unterstützung von meiner Schule und meinen Kollegen. Es geht aber

nicht

        um

                mich.

Der Kollege aus dem Blog kreidefressen beschäftigt sich aktuell ebenso mit dem Thema Inklusion wie ich. Im Unterschied zu mir, muss er an seinem Gymnasium allerdings die Umsetzung des G8 zukünftig mit emotional-sozial förderbedürftigen Schülern verknüpfen. Zitat:

„Das Sitzen am Tisch müssen Sie mit den Kindern zum Teil erst einüben. Dafür wird einiges an Zeit draufgehen.“

Gestern erhielt ich eine vorsichtige (!) Anfrage der ARD, ob ich nicht am kommenden Sonntag mit Günther Jauch in seiner Sendung zum Thema Inklusion diskutieren wolle.

Ich fühle mich sehr geehrt.

…und sehe Probleme auf mich zukommen: Wie soll ich in der Kürze eines Interviews so antworten, dass ich niemandem auf den Schlips trete, gleichzeitig aber mehr als nur leere Phrasen von mir gebe…?!
Ein paar Beispiele.

“Fühlen Sie sich [mit dem Thema Inklusion] alleingelassen?”
Nein. Ich persönlich nicht. Die Schule gibt mir jede Unterstützung, die nur denkbar ist. Die eingesetzte Förderschullehrerin berät mich bei Formalia, Rechts- und Entwicklungsfragen. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist vorbildlich. Die Stadt Siegen baut einen Fahrstuhl, um unsere Schule ein Stück weit barrierefrei zu gestalten. Der Laden läuft.
Aber…
Wir müssen uns lösen von der Vorstellung, überall gäbe es heile Dorfschulen und die größte Herausforderung ist eine Türschwelle, bei der ein Rollstuhlfahrer womöglich einen kleinen Hopser nimmt. Es geht nicht wirklich um die Frage, ob Henri aufs Gymnasium darf. (Ich schreibe das, weil ein Leser, der bis hierher gelesen hat1, tendenziell eher gebildeter sein wird und ebenso tendenziell eher Erfahrungen mit dem Gymnasium als der Hauptschule gesammelt hat: Deutschlands Schulen sind nicht nur Bildungsanstalten.)
Sowohl Schulen als auch das Thema Inklusion sind so breit gefächert, dass kein einzelner Lehrer stellvertretend für alle anderen sprechen kann. Inklusion bedeutet auch, Kinder zu inkludieren, die aufgrund emotionaler Störungen bspw. ihre Mitschüler verprügeln. Oder Schüler, die sich unter dem Tisch entblößen, um die Lehrerin zu schockieren.
Und – ja, ich kenne eine Reihe von Kollegen (vornehmlich an Hauptschulen), die – ja! – alleine dastehen. Deren Aufgabe inzwischen mehrheitlich darin besteht, die Kinder zu betreuen. Smaland. “Wenn sich keiner verletzt, war es ein guter Tag.” An Unterricht ist nicht mehr zu denken. Ein großer Teil der Lehrer ist alleingelassen.

“Was kann man tun, um das Problem […] zu lösen?”
Ich bin kein Freund von großem Gejammer.
Lehrer sind Handwerker. Wir arbeiten mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Egal ob die Schule einen Computerraum hat, Inklusionshelfer, Förderkinder, große Klassen oder defekte Klimaanlagen – wir arbeiten mit dem, was wir vorfinden.
So lange wir keinen Fahrstuhl im Gebäude haben, müssen die Mitschüler eben den Rollstuhl das Treppenhaus hochtragen. Wenn es keine angepassten Arbeitstische im Physikraum gibt, wird eben improvisiert.
Lehrer sind Handwerker.
Die Frage ist, ob es besser geht.
Meine Förderschulkollegin macht eine tolle Arbeit. Aber in der achten Klasse in Chemie helfen? In der neunten Klasse Mathematik unterstützen? In der zehnten Klasse physikalische Sachverhalten erklären? Keine Chance. Wir brauchen mehr Fachlehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung.
Oder: Wie sollen Kinder im Rollstuhl am Chemieunterricht aktiv teilnehmen, wenn Tische und Anschlüsse an Strom, Gas und Wasser in unerreichbarer Höhe liegen? Wie erkläre ich dem zappeligen Jonathan, dass er für sein krummes Häuschen nur eine “4” bekommt, während ein Kind mit einer Behinderung im Rahmen seiner Möglichkeiten womöglich nur ein Brett zurechtsägt und dann eine “2” erhält?

All das kostet Geld. Viel Geld.
Und ohne dieses Geld werden wir weiter improvisieren wo es geht – aber viele Kinder und viele Kollegen werden darüber kaputt gehen.

imageSolche Antworten sind laaaaang und ausführlich und wenig sexy. Besser ist ein jammernder Lehrer mit spektakulären Statements (“Ohne mein Schnäpsken abends würde ich gar nicht mehr durchhalten!”).

Günther Jauch2 sagt bestimmt ab – aber wenn nicht:

Bitte nehmt mir meine kurzgefassten Aussagen nicht übel. Ich weiß, dass sie nicht allen Lehrerinnen und Lehrern und solchen Kollegen, die sich noch nicht für ein Geschlecht entschieden haben oder dies bewusst verweigern und allen Real-, Haupt-, Gesamt-, Spezial-, Förder-, Sekundar-, Waldorf-, Privat- und/oder Montessorischulen gerecht werden. Ich ahne, dass ich womöglich fiktive Namen benutze und entschuldige mich im Voraus bei allen Florian-Haukes und Khaleesis.

1: Und wer bis hierher gelesen hat, den grüße ich Sonntagabend, 21:45 aus der ARD.
2: Ob er sich erinnert, dass ich mal nicht-drangekommener-Telefonjoker in einer Sendung vor drei Jahren war? 😀
3: Ich bin jetzt schon so nervös, dass ich seit 3 Uhr auf den Beinen bin und zur Beruhigung lieber diesen Artikel schreibe, als mich im Bett zu wälzen. Bloggen hat eine therapeutische Funktion!