Inklusion im Kopf

imageGestern hatten wir einen Projekttag zur Gestaltung des Schulhofes. Den ganzen Tag über durfte meine Klasse Ideen sammeln, forschen und diskutieren, wie man unsere Schule (noch) schöner gestalten könne.
Bezeichnend waren zwei Szenen:
Als eins meiner Glasknochenmädels im Rollstuhl nach vorne fuhr, um einen Vorschlag an die Tafel zu schreiben, sprang der größte Chaot der Klasse auf, um ihr die Tafel nach unten zu ziehen und ein Stück Kreide zu reichen.
Und: Immer wieder wurden die erarbeiteten Vorschläge auf Barrierefreiheit abgeklopft und die Möglichkeit, ob man auch mit den beiden Rollis “in die Chill-Zone” könne.

Unabhängig von der tatsächlichen Umsetzung der Pläne kann man in der Klasse etwas beobachten, das schon die Mutter von Henry in der “Jauch”-Sendung kritisch anmerkte: Kaum jemand hat in seinem Alltag mit behinderten Menschen zu tun und erst, wenn sich das ändert, verändert sich der Blick auf die Umgebung.
Die größten Klassenkasper sind stets die ersten, die auch Tische tragen und Türen öffnen.

Aus meiner Perspektive ein ganz spannender Prozess, von dem ich mich selbst gar nicht ausnehmen will.

Vortrag der Uni Siegen

Kommenden Donnerstag (26.Juni) hält Professor Matthias Trautmann von der Universität Siegen um 20 Uhr einen Vortrag im Kulturhaus Lÿz zum Thema “Inklusion in Schule und Unterricht: Hoffnungen, Fallstricke, Herausforderungen”.

Da man “den Uni-Leuten” oft vorwirft, sie würden aus ihrem Glaspalast heraus über den Schulalltag urteilen (und dann passende Studien dazu erfinden), bin ich überaus gespannt, was mich erwartet. Tatsächlich habe ich von Herrn Trautmann aber viel Gutes gehört, so dass ich arg zuversichtlich bin. Besonders freue ich mich auf die Diskussion im Anschluss – Otternnasen, Lerchenzungen und Wolfzitzenchips sind eingepackt. :-)

Letztlich kann ich aber nur wiederholen, was ich eigentlich immer sage: Inklusion ist so kompliziert und von so vielen Einzelfällen geprägt, dass es sich kaum in einen kurzen Vortrag pressen lässt. Sowohl Inklusionsbefürworter wie auch –gegner können mit dramatischen Einzelschicksalen (in die eine oder andere Richtung) und passenden Studien (in die eine oder andere Richtung) dienen. Womöglich wird man einiges davon am Donnerstag zu Ohren bekommen.

Vielleicht sieht man sich ja Smiley

Warum ich #OER-Schulbücher für eine schlechte Idee halte

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Dieses Schuljahr unterrichte ich sieben verschiedene Kurse (Mathematik, Physik, NW und Technik) und in keinem einzigen habe ich aktiv mit dem Schulbuch gearbeitet. In fünf von sieben Kursen habe ich nicht mal ein Buch ausgeteilt. Wenig überraschend hat im Laufe des Schuljahres kein einziger Schüler je nach ihnen gefragt.

Ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, Schulbücher seien überflüssig – aber wenn sich eine wachsende Zahl von Lehrern schon Gedanken über freie Bildungsmaterialien (Stichwort: “OER”) macht, dann halte ich eine Entwicklung in Richtung Schulbüchern für falsch.

Zunächst also zwei Beispiele für OER-Projekte, bevor ich über Diagnose spreche und dann Krankheitsverlauf und dann Heilungschancen.

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Mediale Hexenverbrennung.

Zurück in Siegen habe ich ein paar Stunden Zeit gehabt, mir sowohl die Sendung gestern als auch die vielen Zeitungsartikel darüber und die vielen E-Mails im Anschluss daran durch den Kopf gehen zu lassen.
Die Sendung kann man noch einige Tage hier sehen. Als ungerecht empfinde ich dabei die sehr negativen Kommentare, die sich in erster Linie über Herrn Kraus, als auch Henris Mutter, Frau Ehrhardt ergossen.

Tragischerweise hat der SPIEGEL in seinem Artikel das Thema sowohl durchschaut, als auch missverstanden:

Es gibt Themen, die sich schlecht für eine Talkrunde eignen. Weil sie zu vielschichtig sind für kameragerechte Kurz-Statements. Weil die im Fernsehen erwünschte Emotionalisierung die Sache zusätzlich vernebelt. Oder weil dadurch Menschen ins Schlaglicht gelangen, denen diese Öffentlichkeit nicht unbedingt dient.

Ja – das Thema ist komplex. Es ist sogar so komplex, dass es auch nicht hilfreich ist, wenn (halbprominente) Menschen mit Behinderungen wie Raul Krauthausen beklagen, es würden nur “Nichtbehinderte über Behinderte” sprechen. Es gibt so viele unterschiedliche Ausprägungen des Downsyndroms, dass wir allein mit ihnen das Studio hätten füllen können. Wer könnte den stellvertretend für alle Behinderten sprechen? Mit welchem Recht habe ich stellvertretend für ‘die Lehrer’ gesprochen?
Umgekehrt muss so ein Thema aber in die Öffentlichkeit gezehrt werden. Und zwar nicht durch eine Dokumentation auf ARTE um 1 Uhr nachts, sondern so prominent, wie es nur geht.

Was mich zu Frau Ehrhardt führt.
Ja, ich bin nicht ihrer Meinung. Ich halte ihren Wunsch, den Jungen in ein Gymnasium zu stecken, für falsch. Und ich glaube, man sah ihr an, dass sie in den vergangenen Wochen viel Kritik hat einstecken müssen. Aber ihr gebührt ganz großer Respekt: Mein eigener Bruder hatte den Begriff “Inklusion” vorher noch nie gehört – Frau Ehrhardt hat es mit ihrem Beißen und Zanken und Kämpfen geschafft, dass in der A-Liga des Deutschen Fernsehens über das Thema gesprochen wird. Und bei allem (berechtigten?) Ärger von Eltern und Lehrern und Experten über ihren Weg – was sie tut ist eine großartige Leistung, die in jedem Fall der Sache dient.

Was mich zu Herrn Kraus führt.
Auch er hat eine Menge einstecken müssen. Und auch das – wie ich finde – zu unrecht. Obwohl ich ihm im Laufe der Sendung ordentlich vors Schienbein getreten habe (“..ich finde ganz furchtbar, was Sie hier sagen..”), nahm er mir meine Ansicht an keiner Stelle persönlich. Nach der Sendung haben wir noch fast eine Stunde zusammen über Schule und Inklusion ganz nett parliert. Ja, er hat an bestimmten Punkten eine Meinung, die ich nicht teile – aber das finde ich okay. Und noch mehr – im Sinne einer positiven Streitkultur möchte ich hier nochmal betonen, wie hilfreich jemand mit klaren Statements in so einer Sendung ist. Stellen wir uns vor, es wären 60 Minuten lang nur politisch korrekte Halbwahrheiten ausgetauscht worden…?!

Was mich zu mir führt.
Zufällig (?) ist heute mein 2. Beitrag zur SPIEGEL-Lehrer-Kolumne erschienen, indem ich schrieb, dass uns Lehrern oft das Vertrauen der Eltern fehlen würde. Woraufhin sich die Taliban des elitären, deutschsprachigen Internets (=SPIEGEL-ONLINE-Foristen) unter dem gemeinsamen Motto auf mich stürzten:

“Vertrauen kann man nicht fordern, dass muss man sich verdienen.”

Ähnlich wie bei Herrn Kraus gibt es sofort einen Beißreflex, wenn jemand eine Meinung äußert. “So könne man das nicht sagen”.

Doch. Tue ich.

Und zwar nicht jammernd, sondern in dem Bewusstsein, dass ich in meiner Klasse ein ganz großartiges Verhältnis zu “meinen” Eltern habe: Die haben auch Ängste und Sorgen und Fragen und Kritik. Sie sind auch nicht immer glücklich mit mir oder der Schule oder ihren Kindern. Aber sie reden mit mir. Immer wieder. Und sie lassen nie, niemals Zweifel daran aufkommen, dass wir das gleiche Ziel verfolgen. Deswegen funktioniert alles. Auch die Inklusion.

imagePS: Ein wirkliches Highlight des Abends war für mich übrigens, meiner Ministerpräsidentin Frau Dreyer begegnen zu dürfen. Ich wollte mich ihr gar nicht so an den Hals werfen, aber da ich doch seit einigen Tagen ein Landeskind bin, hat mich die Freude übermannt.  :-D

 

 

 

Die gesamte Sendung gibt es hier zu sehen.

Günther Jauch.

Diesen Sonntag darf ich tatsächlich nach Berlin in die Talkshow von Günther Jauch reisen, um ein, zwei Gedanken zum Thema “Inklusion” zu verlieren.

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Obwohl das Thema ein Ernstes ist, bedeutet diese Erfahrung für mich vor allem Aufregung und viel Spaß. Meine Kollegen gaben mir ein abstruses Codewort mit, dass ich sagen solle, um sie zu grüßen. Meine Frau kam auf die gleiche Idee (aber mit anderem Codewort). Meine Schüler ebenfalls.
Um mich abzulenken, reise ich schon Samstag nach Berlin – vielleicht komme ich noch in den Genuss des DFB-Pokalfinales. Je nachdem, wer gewinnt, werde ich dann Sonntagabend fröhlich oder missmutig in der Runde sitzen.
Tatsächlich werden die bestehenden Probleme um und mit Inklusion sicher nicht in dieser Talkshow gelöst. Ich denke, es geht vor allem darum, sich Gedanken zu machen. Zu sprechen. Zu denken. Immer wieder zu prüfen, was das Beste für die Kinder ist. Und dabei den ein oder anderen Zuschauer mitzunehmen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, wird meine Position diesbezüglich erahnen: Mit einer Klasse haben wir mit dem DFB zusammengearbeitet, mit einer anderen für ARTE in einer Doku mitgewirkt und mit noch anderen ein riesiges Modell unserer Schule gebaut, dabei immer wieder neue Lernformen und Methoden ausprobiert und hier vorgestellt, Filme in meinen Physikunterricht eingebunden, meinen Schülern in flüssigen Stickstoff getauchte Marshmallows zu essen gegeben und immer wieder schreibe ich über meine Inklusionsklasse und meine Erfahrungen damit. Als Lehrer darf man sich ausprobieren, darf wagen, experimentieren, forschen, spielen, entdecken, lernen1.
Ich blende die Schwierigkeiten gewiss nicht aus. Ich weiß, dass Inklusion an vielen Schulen katastrophal umgesetzt wird. Es ist ein schwieriger, langer Weg voller Fehler und Tragödien – aber auch mit viel guten Entwicklungen.

Ich liebe diesen Beruf. (Sagte ich das bereits?)

Am Telefon wies man mich übrigens ausdrücklich darauf hin, nichts Kleinkariertes zu tragen. Auch wenn das einen fernsehtechnischen Hintergrund hat: Alle Welt scheint zu glauben, wie Lehrer würden stets karierte Jackets mit Flicken auf den Ärmeln tragen.  Ich versicherte jedenfalls, mich angemessen zu kleiden. Ob mir das gelungen ist, dürft ihr selbst beurteilen. Zwinkerndes Smiley

1: Insbesondere die mitlesenden Lehramtsstudenten: Es ist großartig! Großartig!

“Inklusion” in den Medien

imageDienstag erschien ein Artikel von mir bei SPIEGEL Online unter der (etwas reißerischen) Überschrift “Ich fühle mich oft alleingelassen”.
Darin beschreibe ich die Herausforderung, eine Klassenfahrt für eine Inklusionsklasse zu gestalten, wenn ich allen Schülern gerecht werden möchte (an welcher Aktionen können alle Kinder teilnehmen? Wer bezahlt Extrakosten?).
Die Reaktionen fallen moderat aus, gehen aber oft in die gleiche Richtung: Im zugehörigen Forum (“Ein bisschen Phantasie wird der Lehrer ja wohl haben”) wird hier und da die Frage aufgeworfen, wo denn genau mein Problem sei und via Facebook wurde ich mehrfach angefragt, ob ich tatsächlich so hilflos und an meiner Schule völlig alleingelassen sei.

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Mit einem Wort:

Nein.

Ich fühle mich ganz wunderprächtig und habe ein klares Ziel vor Augen. Ich erfahre alle Unterstützung von meiner Schule und meinen Kollegen. Es geht aber

nicht

        um

                mich.

Der Kollege aus dem Blog kreidefressen beschäftigt sich aktuell ebenso mit dem Thema Inklusion wie ich. Im Unterschied zu mir, muss er an seinem Gymnasium allerdings die Umsetzung des G8 zukünftig mit emotional-sozial förderbedürftigen Schülern verknüpfen. Zitat:

„Das Sitzen am Tisch müssen Sie mit den Kindern zum Teil erst einüben. Dafür wird einiges an Zeit draufgehen.“

Gestern erhielt ich eine vorsichtige (!) Anfrage der ARD, ob ich nicht am kommenden Sonntag mit Günther Jauch in seiner Sendung zum Thema Inklusion diskutieren wolle.

Ich fühle mich sehr geehrt.

…und sehe Probleme auf mich zukommen: Wie soll ich in der Kürze eines Interviews so antworten, dass ich niemandem auf den Schlips trete, gleichzeitig aber mehr als nur leere Phrasen von mir gebe…?!
Ein paar Beispiele.

“Fühlen Sie sich [mit dem Thema Inklusion] alleingelassen?”
Nein. Ich persönlich nicht. Die Schule gibt mir jede Unterstützung, die nur denkbar ist. Die eingesetzte Förderschullehrerin berät mich bei Formalia, Rechts- und Entwicklungsfragen. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist vorbildlich. Die Stadt Siegen baut einen Fahrstuhl, um unsere Schule ein Stück weit barrierefrei zu gestalten. Der Laden läuft.
Aber…
Wir müssen uns lösen von der Vorstellung, überall gäbe es heile Dorfschulen und die größte Herausforderung ist eine Türschwelle, bei der ein Rollstuhlfahrer womöglich einen kleinen Hopser nimmt. Es geht nicht wirklich um die Frage, ob Henri aufs Gymnasium darf. (Ich schreibe das, weil ein Leser, der bis hierher gelesen hat1, tendenziell eher gebildeter sein wird und ebenso tendenziell eher Erfahrungen mit dem Gymnasium als der Hauptschule gesammelt hat: Deutschlands Schulen sind nicht nur Bildungsanstalten.)
Sowohl Schulen als auch das Thema Inklusion sind so breit gefächert, dass kein einzelner Lehrer stellvertretend für alle anderen sprechen kann. Inklusion bedeutet auch, Kinder zu inkludieren, die aufgrund emotionaler Störungen bspw. ihre Mitschüler verprügeln. Oder Schüler, die sich unter dem Tisch entblößen, um die Lehrerin zu schockieren.
Und – ja, ich kenne eine Reihe von Kollegen (vornehmlich an Hauptschulen), die – ja! – alleine dastehen. Deren Aufgabe inzwischen mehrheitlich darin besteht, die Kinder zu betreuen. Smaland. “Wenn sich keiner verletzt, war es ein guter Tag.” An Unterricht ist nicht mehr zu denken. Ein großer Teil der Lehrer ist alleingelassen.

“Was kann man tun, um das Problem […] zu lösen?”
Ich bin kein Freund von großem Gejammer.
Lehrer sind Handwerker. Wir arbeiten mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Egal ob die Schule einen Computerraum hat, Inklusionshelfer, Förderkinder, große Klassen oder defekte Klimaanlagen – wir arbeiten mit dem, was wir vorfinden.
So lange wir keinen Fahrstuhl im Gebäude haben, müssen die Mitschüler eben den Rollstuhl das Treppenhaus hochtragen. Wenn es keine angepassten Arbeitstische im Physikraum gibt, wird eben improvisiert.
Lehrer sind Handwerker.
Die Frage ist, ob es besser geht.
Meine Förderschulkollegin macht eine tolle Arbeit. Aber in der achten Klasse in Chemie helfen? In der neunten Klasse Mathematik unterstützen? In der zehnten Klasse physikalische Sachverhalten erklären? Keine Chance. Wir brauchen mehr Fachlehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung.
Oder: Wie sollen Kinder im Rollstuhl am Chemieunterricht aktiv teilnehmen, wenn Tische und Anschlüsse an Strom, Gas und Wasser in unerreichbarer Höhe liegen? Wie erkläre ich dem zappeligen Jonathan, dass er für sein krummes Häuschen nur eine “4” bekommt, während ein Kind mit einer Behinderung im Rahmen seiner Möglichkeiten womöglich nur ein Brett zurechtsägt und dann eine “2” erhält?

All das kostet Geld. Viel Geld.
Und ohne dieses Geld werden wir weiter improvisieren wo es geht – aber viele Kinder und viele Kollegen werden darüber kaputt gehen.

imageSolche Antworten sind laaaaang und ausführlich und wenig sexy. Besser ist ein jammernder Lehrer mit spektakulären Statements (“Ohne mein Schnäpsken abends würde ich gar nicht mehr durchhalten!”).

Günther Jauch2 sagt bestimmt ab – aber wenn nicht:

Bitte nehmt mir meine kurzgefassten Aussagen nicht übel. Ich weiß, dass sie nicht allen Lehrerinnen und Lehrern und solchen Kollegen, die sich noch nicht für ein Geschlecht entschieden haben oder dies bewusst verweigern und allen Real-, Haupt-, Gesamt-, Spezial-, Förder-, Sekundar-, Waldorf-, Privat- und/oder Montessorischulen gerecht werden. Ich ahne, dass ich womöglich fiktive Namen benutze und entschuldige mich im Voraus bei allen Florian-Haukes und Khaleesis.

1: Und wer bis hierher gelesen hat, den grüße ich Sonntagabend, 21:45 aus der ARD.
2: Ob er sich erinnert, dass ich mal nicht-drangekommener-Telefonjoker in einer Sendung vor drei Jahren war? :-D
3: Ich bin jetzt schon so nervös, dass ich seit 3 Uhr auf den Beinen bin und zur Beruhigung lieber diesen Artikel schreibe, als mich im Bett zu wälzen. Bloggen hat eine therapeutische Funktion!

Schulpolitik

IMG_20140312_155718Meine Tochter geht auf eine Ganztags-Grundschule in Siegen, die mit dem städtischen Familienzentrum kooperiert. Das bedeutet, vormittags herrscht normaler Unterricht in altersgemischten Klassen, nachmittags gibt es betreute Gruppen. Eine dieser Gruppen wird vom (Familienzentrum) Kindertreff Siegen gestaltet – dort existieren mehr Fachpersonal, mehr Mittel und mehr Möglichkeiten, mit den Kindern zu arbeiten, als in einer reinen “Betruungsgruppe”.
Nachmittags fährt meine Tochter schon mal ins Museum, der Vorlesehund kommt einmal die Woche und die Kinder kochen und backen gemeinsam. Mit “Kinder” meine ich “unterschiedliche Kinder” und mit “unterschiedliche Kinder” meine ich solche mit und ohne Behinderung, solche mit Migrationshintergrund und solche ohne, Bildungsschichten und soziale Randgruppen.
Geht man nachmittags durch die Räume, merkt man von den Unterschieden nichts – denn die Sozialarbeiter machen richtig gute Arbeit. Tatsächlich profitiert der Kindertreff sehr von der Einbindung in die Schule – und umgekehrt ist die Arbeit des Kindertreffs ein Aushängeschild der Grundschule.

Alles prima, könnte man meinen.

Denn bedauerlicherweise hat die Schulleitung dem Kindertreff die Mitarbeit zum kommenden Schuljahr gekündigt.

Nachfragen sind unerwünscht. Das “gehe die Eltern nichts an”.
Ich bin irritiert und erlebe die volle Breitseite schulpolitischen Frusts aus Elternperspektive: Die oberste Schulleitung hat weder vernünftige Gründe, diese Zusammenarbeit zu beenden noch ein Interesse daran, sich mit den verärgerten Eltern auseinanderzusetzen. Gnädigerweise wird ein Elternabend zur Information eingerichtet: Zwei Wochen vor den Sommerferien. Das ist ein schlauer Schachzug – empfinde ich aber als ziemliche Frechheit. Zu diesem Zeitpunkt ist alles entschieden. Ein Mitspracherecht haben wir (wir! die Eltern, deren Kinder betroffen sind!) nicht.

Natürlich wird meine Tochter das Ende dieser Sozialarbeit überstehen. Aber meine Tochter gehört zum Bildungsbürgertum. Sie hat Mama und Papa und Oma und Opa im Haus und wird sich zu beschäftigen wissen. Der Kindertreff ist aber gerade für jene Kinder ein Familienersatz, die es zu Hause deutlich schwerer haben. Die zu Hause alleine sind, weil die Mama bis abends arbeiten muss. Die Regeln brauchen. Und Orientierungspunkte. Die nicht einfach nur eine “Betreuung” benötigen, sondern Menschen, die ausgebildet sind, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein Lehrer ist verdammt nochmal kein Ersatz für einen Sozialarbeiter.
Die Leidtragenden solcher Entscheidungen sind die Kinder – das interessiert die Schulleitung offenbar nicht. Ein Armutszeugnis. Und gerade in Zeiten, da Schulen mit den Anmeldezahlen ringen, ist solch ein Verhalten dumm.

Was können wir als Eltern machen?

Nichts.

Zum kotzen.

Inklusion und Inklusionskinder

“Darf Henri aufs Gymnasium?” titelt der SPIEGEL an dieser Stelle.
Die Eltern eines Jungen mit Down-Syndrom möchten ihren Jungen am Gymnasium anmelden, damit er in seinem gewohnten, sozialen Umfeld (=Freundeskreis) bleibt. Sie wissen, dass Henri nicht zielgleich unterrichtet werden kann, aber er “könnte die Klasse bereichern”. Eine Petition wurde von 20.000 Menschen unterzeichnet.
Das Gymnasium sperrt sich dagegen. Lehrer (und andere Eltern) fürchten, dass ein geistig behindertes Kind den Unterricht aufhält und in dem “intellektuellen Hochleistungsbetrieb” untergeht. Die betreffende Schule hat bisher eine Menge körperbehinderter Kinder zum Abitur gebracht, diese wurden allerdings allesamt zielgleich unterrichtet.

Zum Glück darf ich in einem meinem Blog schreiben, was ich will und muss mich vor niemandem rechtfertigen.

Punkt 1: Ich bin für die Inklusion.
Das Aussondern von behinderten Kindern, von Ausländerkindern, von Kindern mit emotionalem Förderbedarf oder sonstigen “Abweichungen” kann ich mit meinem (christlichen) Menschenbild nicht vereinbaren. Aber…

Punkt 2: Die Umsetzung der Inklusion ist deutlich schwieriger, als man sich das auf dem Papier so vorstellt und nicht jedes Kind ist an einer “normalen1” Schule am richtigen Ort.

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Fußballturnier (mit Glasknochen)

Harlem Shake in unserer Schule.

Ein wirklich, wirklich langer Tag ist für mich zu Ende.

Meine (geliebte) Co-Klassenlehrerin Tamara geht in Mutterschutz und lässt mich im Stich mit meiner Klasse allein. Dadurch fehlt sie nicht nur als Person, sondern es müssen für Deutsch und Englisch sinnvolle Lösungen gefunden werden. Verabschiedet wurde sie mit einem Überraschungs-Harlem-Shake meiner Klasse. (ich sprang mit Blumen aus dem Klassenschrank, just in der Sekunde, da sie vor Wut über das Chaos explodieren wollte… :-D) und einem Frühstück in den ersten zwei Stunden.
Ich selbst bleibe mit Bauchschmerzen zurück. Ich bin gerade ein paar Monate Lehrer und soll allein eine Klasse führen? Und dann eine Inklusionsklasse? Gefühlt hat Tamara alles Wichtige erledigt und immer den Überblick über alles gehabt. Ich fühle mich wie ein Scharlatan.

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