Produkttester

2013-08-23 15.33.16Vor einigen Wochen wurden wir angefragt, ob wir nicht einen neuen experimentellen Taschenrechner testen wollten, der noch nicht auf dem Markt sei.
Das klang aufregend. In der Anfrage wurde versichert, es handle sich nicht um Werbung und wir sollten uns nicht bedrängt fühlen, irgend etwas Journalistisches zu verfassen – eine kleine Rückmeldung wäre aber nett.

Was hatten wir zu verlieren? (Darauf komme ich später nochmal zurück!)

Wir bekamen also mit der Post den HP Prime Graphing Calculator, laut Werbebroschüre ein “fleißiger Helfer für alle Schüler und Studenten, Lehrer und Technikbegeisterte”, voraussichtlich ab Ende September 2013 für lächerliche 159 €uro verfügbar.

Ein ganz schön beeindruckendes Gerät hielten wir da in der Hand. Von unseren Erfahrungen wollen wir – entsprechend unseren Anforderungen – zweigeteilt berichten: Ich habe mich auf den möglichen Einsatz in der Schule konzentriert – Nils hat den Taschenrechner mit in die Universität genommen und geschaut, ob er giftigen Dämpfen und ätzender Säure widersteht.

Sommerferien: Rückblick & Ausblick

2013-07-20 14.46.47Die Sommerferien haben nun auch in NRW begonnen – die letzte Woche war mit dem Jungs-Mädchen-Tag, Schülerlauf, Schul-Sportfest, Klassen-Frühstück und Zeugnisausgabe noch mal arg bunt. Aber so richtig Unterricht kann man auch nicht mehr machen.

Im Augenblick möchte ich am liebsten Tag für Tag schlafen – und nichts anderes tun als schlafen und essen.
Wenn ich auf das Jahr (und 155 Blogeinträge) zurückblicke, bin ich

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Der Physiker & die Wahrsagerin

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Vergangenes Wochenende gab es hier in der Nähe ein großes Mittelalterfest. Mit Rittern und Burgfräuleins, Minnesang und Schwertkampf und für zwei €uro Silberstücke konnte man sich sogar zum Ritter schlagen lassen. Und natürlich mit Kartenlegern und Handlesern. Sozusagen die mittelalterliche Entsprechung der Aktienanalysten heute. Und als Physiker, Naturwissenschaftler, Lehrer oder einfach nur als aufgeklärter Mensch wollte ich es wissen. Wirklich wissen!

Ist da was dran?

Tim und Struppi

Freitags ist bei uns zu Hause Kino-Tag.
Da gibt es Popcorn und Cola und irgendeinen spannenden Film. Neulich sahen Carolina und ich “Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn”. Ein spannender, schön animierter Film mit zahlreichen Schauplätzen. An einer Stelle jedoch bin ich aus der Geschichte gefallen.

In der MItte des Films – und ohne zuviel verraten zu wollen – erzählt Kapitän Haddock Tim von der Geschichte der Einhorn und berichtet von einem heißblütigen Kampf zwischen seinem Vorfahren und einem fremden Piratenkapitän. Ziel des Piraten war natürlich ein Goldschatz auf der Einhorn. Der Kampf wird sehr eindrucksvoll in Szene gesetzt und schließlich findet der Pirat unter Deck den Schatz: Vom Bug bis zum Heck ist alles voller Goldmünzen und Schmuck und Kapitän Haddock raunt zu den Bildern geheimnisvoll, dass die Einhorn vier Zentner Gold geladen habe.

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Moment mal. Vier Zentner? Das sind zweihundert Kilogramm.

Auf den Bildern aber ist das Schiff so voll wie Dagobert Ducks Geldspeicher. Ich hatte mich schon auf einen tollen Blogeintrag gefreut – eine prima Umsetzung im Unterricht, bei der ich die Schüler mit der Dichte und Masse von Gold hantieren und rechnen müssten.
Aber schlußendlich hat mir eine Google-Bildersuche den Spaß verdorben – denn im Goldmuseum Jinguashi in Taipei (Taiwan) war (zumindest bis 2005) der größte Goldbarren der Welt ausgestellt. Immerhin 220 kg brachte er auf die Waage:

Irgendwie nicht so dolle… Smiley

Bildungspanik – Ein Kommentar

Der folgende Kommentar bezieht sich auf den Artikel “Disziplinlose Schüler überfordern deutsche Lehrer” von welt.de.

Es ist mal wieder soweit – eine Studie macht uns mal wieder klar, wie entsetzlich die Jugend und überfordert die Lehrer dieses Landes sind. Die Studie mit dem Titel „Lehre(r) in Zeiten der Bildungspanik: Eine Studie zum Prestige des Lehrerberufs und zur Situation an den Schulen in Deutschland“, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland durchgeführt hat, erzählt uns das. ‘Die Welt’ liefert uns entsetzliche Bilder zur Fragestellung: “Gab es in Ihrem Berufsleben schon einmal Situationen, in denen Sie die Belastungen, die Ihr Beruf mit sich bringt, nahezu unerträglich gefunden haben, oder war es noch nie so schlimm?”

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Als Mathematiker machen mich Statistiken ja regelmäßig wütend neugierig. (Kurzer Zwischengedanke: Wenn die oben genannte Frage Ärzten gestellt würde, wie würden die ihre Arbeitsbedingungen beschreiben? Und Polizisten? Oder Bäcker unter dem Druck der Billig-Bäckereiketten?). Es ist doch völlig klar, dass man durch die Art der Frage bestimmte Ergebnisse forcieren kann. “Haben Sie mehr Angst vor Islamistischem Terror oder Arbeitslosigkeit?”

Es bringt natürlich nicht so viele Leser, aber in der Studie stehen noch andere, durchaus interessante Zahlen: Bei 70% aller Lehrern überwiegt die Freude im Beruf.

70%. Sonne

Deutlich frustriert sind überhaupt nur 4% der Befragten. Das ist ja nicht soviel, oder?
Auch hier gilt – diese Werte sind gar nichts wert, wenn man sie nicht vergleichen kann. Ist der Prozentsatz der frustrierten Polizisten geringer? Oder der Krankenschwestern? Ich wage es zu bezweifeln. (Kurzer Gedanke: Ein erhöhtes Suizidrisiko weisen Berufe wie Mediziner (besonders Zahnärzte), Manager, Metzger, Dachdecker, Maler und Land- und Forstwirte auf. Lehrer eher nicht.)

Als wirklich ärgerlich empfinde ich überdies die Verklärung der Vergangenheit:

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Ohne jede Frage stehen wir als Lehrer vor neuen Herausforderungen in Bezug auf Disziplin und Motivation der Schüler. Aber ich kenne eine ganze Menge sensationeller Geschichten “von früher”, die heute völlig undenkbar wären. Und zwar nicht nur von Schülern – auch von Lehrern. Früher war immer alles besser und einfacher. Aber das gilt doch für jede Berufsgruppe, oder nicht? Sehr beeindruckend fand ich den Kommentar von Christoph Biermann im Spiegel über den “modernen Fußball”:

“Bei meinem zweiten Besuch im Stadion in der Castroper Straße in Bochum sah ich, wie ein paar Bochumer einen Düsseldorfer über die Ränge jagten. Als er stürzte sprangen sie auf ihm herum als sei er ein Trampolin.
[…]
Auch wurden Geschmacklosigkeiten gesungen: “Gib Gas, gib Gas, wenn Hitler mit den Schalkern in die Gaskammer rast.” Oder: “Schlagt die Kölner tot!” Das war nicht nur Maulheldentum. Im Oktober 1982 wurde der 16-jährige Glaserlehrling Adrian Maleika, ein Fan von Werder Bremen, auf dem Weg ins Hamburger Volksparkstadion von einem Stein tödlich am Kopf getroffen.”

Nicht alles war früher besser.

Und ja, auch die Arbeit mit den Eltern ist sicher schwieriger geworden. Positiv könnte man formulieren, dass viele Eltern selbstbewusster sind als früher, sie mischen sich mehr ein. Natürlich ist es leichter, wenn ich als Lehrer einfach mit der “Fünf” drohen kann, um mir als “Autoritätsperson” jede überengagierte Mutter vom Leib zu halten – und es soll mir keiner erzählen, dass dies “früher” nicht geschehen sei.

Ja, dieser Beruf ist anstrengend. Mindestens so anstrengend wie besserwissende engagierte Väter und dreißig Fünftklässler sind aber die Verwaltungs- und Organisationsaufgaben. Das sind Dinge, die nicht nur keinen Spaß machen, sondern z.T. völlig überflüssig sind und Zeit und Energie kosten. Beispiel gefällig? Die Kollegen in Sachsen sollen eine Liste erstellen, welche Dokumente sie wann wie oft an wen kopiert haben (Und wenn da irgendwann steht: “Mein Kampf”, Seite 48-52, 30x kopiert” , wird dann der Verfassungsschutz aktiv?). Ja, auch damit verbringen Lehrer ihre Nachmittage. Und mit dem Zählen von Fehlstunden. Und..und..und..

Schade, dass sich die Studie nicht auch damit befasst hat.

Die gesamte Studie findet man übrigens hier. (Und an dieser Stelle ein freundlicher Gruß an die Journalisten der ‘Welt’ – es wäre wirklich toll, wenn man sich nicht umständlich und mühsam und zeitaufwändig (trotz meines Halbtagsjobs…) solche Studien selbst ergooglen müsste. Ein Link tut nicht weh Smiley.

Physik als Abenteuer (1)

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Etwa um die Weihnachtszeit schlug mir der Amazon-Suchalgorithmus ein Buch vor: “Physik als Abenteuer” von Martin Kramer.
Ich stehe Didaktik-Büchern im Allgemeinen eher skeptisch gegenüber. Zum einen, weil ich zu faul zum Lesen einer Anleitung bin (egal ob es um den Videorekorder, mein Handy oder eben Unterricht geht) und zum anderen, weil mir bisher nur sehr, sehr wenige wirklich nützliche didaktisch orientierte Bücher begegnet sind. Um Kalenderweisheiten oder pädagogische Grundsätze zu erfahren, fehlt mir schlicht die Zeit. Und als ich las, dass Martin Kramer im Unterricht ein Figurentheater nutzt, lief es mir schon kalt den Rücken herunter. Ich sah mich schon mit einer sprechenden Handpuppe und verstellter Stimme entsetzten Zehntklässlern die Gefahren der Gammastrahlung erklären.

Naja. Ich habe es mir trotzdem gekauft.

Und bin begeistert.

Begeistert!

Grundgedanke des Buches ist folgendes Zitat:

Das brauche ich nicht zu lernen, das habe ich erlebt.”

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert – im ersten beschreibt Kramer die Grundsätze seines Unterrichts. Einige Dinge finde ich ziemlich gut, andere teile ich nicht. Krämer lässt Schülerkleingruppen über viele Monate, z.T. Jahre zusammenarbeiten. Ich hingegen wechsle alle sechs Wochen die Sitzordnung. Krämer will, dass die Schüler ihre Arbeitsabläufe optimieren – ich möchte, dass sie lernen, immer wieder mit den wechselnden, unterschiedlichen Leuten zusammenarbeiten zu können.
Überrascht hat mich das Kapitel über – grusel – das Figurentheater. Doch statt Handpuppen und verstellter Stimme geht es mehr um ein Maskottchen. Eines, das für die dämlichen Fragen zuständig ist und in Form einer Geschichte auch für die Experimente verantwortlich sein kann. Bemerkenswert sind die Details, die Krämer erwähnt: So weist er bspw. darauf hin, der Figur keinen Mädchennamen zu geben – die (scheinbar) dämlichen Fragen des Maskottchens würden zu "typisch Mädchen”-Sprüchen im Physikunterricht verleiten.

Insgesamt ist Krämer, als Theaterpädagoge, sehr vom enaktiven Anteil des Unterrichts besessen. Vieles kann nachgespielt und von den Schülern selbst erfahren werden. Bis hierhin, dachte ich, sind ein paar schöne Ideen darunter (ich habe seitdem den Problembären Bruno mit magnetischen Händen).

Der zweite Teil des Buches ist aber dann tatsächlich großartig:
Thema für Thema arbeitet Krämer die Physik durch und gibt konkrete Ideen, Anleitungen und Möglichkeiten preis, wie man Physik erlebbar machen kann. In vieles werde ich mich noch monatelang hineindenken müssen. Anderes ist sofort offensichtlich. Besonders schön: Es gibt nicht nur “Physik als Abenteuer” sondern auch “Mathematik als Abenteuer”.

Das ein oder andere habe ich schon umgesetzt.
Zur Einführung der Symmetrie in meiner sechsten Klasse habe ich die SchülerInnen den Klassenraum entlang einer Linie aus Krepband symmetrisch umgestalten lassen. Spannend war, wie zunächst grob die Tische und Stühle halbwegs richtig standen – zum Ende der Stunde ging es dann aber um Details: “Der Stift auf diesem Tisch liegt mit der Spitze nach außen auf der linken Seite des Buches – auf dem Spiegeltisch liegt er aber…”
Die Klasse bekam ein Auge für die Details. Dafür, was Symmetrie ist.

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SCHOCK-UNTERRICHT. BLUT. TOD. SCHLACHTUNG. KANINCHEN. (Update)

In etwa so dramatisch ist das mediale Echo, dass von Seiten der Lübecker Nachrichten, etwas zurückhaltender vom SPIEGEL präsentiert wird.

Was war geschehen?

Im Rahmen einer Projektwoche “Steinzeit” wurde an der Cesar-Klein-Schule in Ratekau (Schleswig-Holstein) ein Kaninchen geschlachtet, gebraten und anschließend verzehrt. Durchgeführt wurde der Mord das Massaker das Blutbad die Schlachtung von einem Landwirt und ausgebildeten Sozialpädagogen. (Ich vermute, dass er in seiner Freizeit Counter-Strike spielt und Tagebuch schreibt!!1eins1!elf!!).
Das Geschrei ist groß. Bei einigen Eltern. Und vor allem bei den Zeitungen. Zumidnest ist uns der trendy Live-Ticker direkt aus der Schule erspart geblieben. Ich ahne, dass die BILD-Zeitung morgen berichtet und die Sache weiter aufbauscht. Visionen von blutigen Titelbildern habe ich schon, wetten? Zwinkerndes Smiley

Zwei Dinge kommen mir in den Sinn: Ja, man hätte die Eltern von Anfang an informieren sollen müssen. Das ist ein dämlicher Fehler, der bei der Menge an eingebundenen Kollegen nicht hätte passieren dürfen. Und dass es Eltern gibt, die dann direkt zur Presse laufen, statt den Direktor anzurufen… naja. So Leute gibt’s halt.
[Nachtrag: Die Eltern wurden anscheinend doch vorher informiert...]
Zweitens: Eltern, die sich in Zeiten von Youporn und isharegossip darüber entsetzen, ihre Kinder wären seelisch dem Tod eines Kaninchens nicht gewachsen, leben in einer merkwürdigen Parallelwelt (…sind das vielleicht die neuen Nerds?) Neulich erst begegneten mir Eltern, die alle Kuscheltiere zwei- bis dreimal kaufen, falls eines mal verloren geht. Nichtmal an dieser Stelle darf Verlust stattfinden.
Es ist ja nicht so, als wäre der Landwirt mit der blutigen Axt durch die Schule gerannt. Nein! Die Kinder konnten sich von dem Tier verabschieden, hatten Zeit, das Kaninchen in den Kontext der Ernährung in der Steinzeit einzubinden und waren weder gezwungen, bei der Schlachtung, noch bei dem Braten dabeizusein. Das Problem scheint tatsächlich eher auf Seiten der Eltern zu liegen: “Jetzt habe ich noch mehr Probleme, wie ich meinen Kind erklären soll, wo das Fleisch herkommt.”
Irritiert grinst mich die Gesichter-Wurst aus dem Kühlschrank an. Ja, freut die Wurst sich denn am Ende gar nicht?

Ich selbst durfte/sollte/musste im zerbrechlichen Alter von ~15 unsere eigenen Hühner schlachten, ausbluten lassen, ausnehmen und einlagern. Zusammen mit meinen jüngeren Geschwistern. Das war eine gute Erfahrung – die mich dazu bewog, Vegetarier zu werden. Was im Sinne meiner Gesundheit, des Klimaschutzes und des globalen Miteinanders eine vernünftige Entscheidung ist. Meine Geschwister ernähren sich ebenfalls vegarisch. Bewusst. Nicht als Folge eines Schocks.

Ich finde die Aktion sehr gut: So soll Schule sein: Den Kindern etwas fürs Leben mitgeben und den Wert unserer Ressourcen deutlich machen. (Aber die Eltern darf man schon einbeziehen Zwinkerndes Smiley)

Update:
Trotzdem kann ich kritische Argumente nachvollziehen und dem auch zustimmen. Überspitzt formuliert käme nach “Wie kommt das Fleisch auf den Teller” womöglich die nächste Unterrichtseinheit: “Wie kommt die Oma in die Urne?”. Unterrichtsbeginn um zehn Uhr am Krematorium. Soweit muss es natürlich nicht kommen. Nicht alles, was man im Alltag findet, muss in der Schule entsprechend aufbereitet werden. Smiley

Schülerfeedback

Ein Bekannter von mir sagte neulich, sein Problem mit Ärzten und Lehrern sei, dass beide über sehr viel Macht verfügten und nie im Leben Feedback erhielten. Öhm..

Naja”, erklärte er, “als Patient kann ich nur abnicken, was der Arzt mir vorschreibt – als Schüler genauso. Und im Grunde haben weder Ärzte noch Lehrer sich je zu rechtfertigen, sitzen immer am längeren Hebel. Dreißig Jahre lang gucken alle nur zu ihnen hoch und tun, was sie sagen. Darum will niemand Chirurgen oder Lehrer als Freunde. Das sind meist rechthaberische Menschen, die kein Feedback vertragen.”

Ich schaute betroffen. “Du bist natürlich die Ausnahme.”

imageJaja. Schon klar.

Aber ein bisschen was Wahres ist wohl dran. Nichtsdestotrotz möchte ich mich gerne hinterfragen und verbessern. Aus diesem Grunde werde ich in den nächsten Tagen, zum Ende des Halbjahres, einen Feedbackbogen zu meinem Unterricht rausgeben. Schülerfeedback – “Die heimliche Angst der Lehrer” titelte die Frankfurter Rundschau einst. Ich bin ein großer Verfechter von Transparenz und denke, dass Schüler damit vernünftig umgehen können.

Meinen Feedback-Bogen habe ich von hier – mal sehen, ob meine Transparenz soweit reicht, dass ich die Ergebnisse hier veröffentliche Smiley mit geöffnetem Mund

Ukobach und Ribesehl

Ich bin ein Hörspiel-Fanatiker.

Ganz im Sinne Pavlovs bin ich seit frühester Kindheit darauf abgerichtet konditioniert, beim Klang eines Hörbuchs einzuschlafen. Und sehr zum Bedauern meiner Frau funktioniert das auch sehr gut. Kaum geht die Geschichte los, bin ich auch schon eingeschlafen – was zur Folge hat, dass ich am nächsten Abend alles nochmal hören muss. “Die Stelle hatten wir doch schon fünfmal”, stöhnt meine Frau regelmäßig.

IMG_0211Aus der Masse an Hörbüchern und Hörspielen stechen nur ganz wenige so sehr heraus, dass ich sie wieder und wieder höre. Eines davon ist “RUMO & Die Wunder im Dunkeln”. Obwohl ich eigentlich kein Fan von Dirk Bach bin, möchte ich ihm für die Lesung der Zamonien-Hörbücher die Füße küssen. Zamonien ist ein fiktiver, von Walter Moers erdachter Kontinent, der von einer Vielzahl aus der Weltliteratur entliehener Geschöpfe und eigener Fabelwesen bevölkert wird.

Und obwohl ich einen eReader besitze und eine Techniknutte begeisterter Anhänger digitaler Medien bin, habe ich mir dieses Buch und die anderen Zamonien-Bücher in der Hardcover-Version gekauft. Einfach so. Weil sie gut sind.

Rumo sticht als “Abenteuerroman” dabei besonders heraus, weil die Geschichte mittendrin und zwischendurch und am Ende aufgreift, was am Anfang mal irgendwo erwähnt wurde.  Weil es einen silbernen roten Faden gibt, dem man immer weiter folgen möchte und natürlich wegen des Humors. Besonders liebe ich Ukobach und Ribesehl, zwei kindliche (und feige) Einwohner von Untenwelt. Der eine Adlessproß, der andere Leibeigener und Sklave, die sich beide mit der gräßlichen Stadt Hel nicht anfreunden mögen.

Nach außen hin hielten sie den Anschein des Herren-Diener-Verhältnisses sorgfältig aufrecht, denn eine Freundschaft zwischen einem Helling und einem Homunkel war eines der größten Tabus von Hel, und deren Aufdeckung hätte Ribesehl den Kopf gekostet.

Wenn sie unter sich waren, wurden aus den beiden Freunden gefährliche staatsfeindliche Revolutionäre. Sie zweifelten an der Allmächtigkeit und Unfehlbarkeit der Gaunabs; sie schätzten die Vorgänge im Theater der Schönen Tode nicht als Kunst, sondern als Barbarei ein […]. Ukobach malte heimlich kleine Bilder, auf denen Hel lichterloh brannte, und Ribesehl verfaßte subversive Gedichte, in denen der König verspottet wurde. Stolz tauschten sie ihre Wekte aus, um sie danach ängstlich zu verstecken. Sie waren also nicht nur Rebellen, sondern auch Künstler und Philosophen, Freidenker und Visionäre.

Ich liebe diese Mischung aus Fantasy und moderner Sprache. “Subversive Gedichte”. Smiley mit geöffnetem Mund Noch deutlicher wird dies in der Geschichte über die Entstehung der Wolpertinger.

“Eines Tages aber kam Prinzessin Silbermilch an diesen Ort. Sie war ein junges Reh, das bereits einschlägige Erfahrungen mit bösartigen Daseinsformen hatte, denn sie war ursprünglich ein Menschenkind, das von einer heimtückischen Haselhexe in ein Reh verwandelt und am Saum des großen Waldes ausgesetzt worden war.”

Die Mädchen im Klassenraum seufzten. Die Jungs grinsten. Dieses Reh würde bald in Schwierigkeiten geraten.

“Prinzessin Silbermilch wußte nichts von der Mume mit den hundert Fingern, von dem Immerhungrigen Allesfresser, dem Mann ohne Gesicht, dem Bösen, Bösen Wolf oder der Waldspinnenhexe, also lief sie nichtsahnend in das schwarze Gehölz.”

[…]

“Die betagte Dame freute sich über den unerwarteten Besuch und bot dem Gast ein köstliches Gulalsch an, das über dem Kaminfeuer in einem Topf brodelte. Prinzessin Silbermilch lehnte dankend ab, weil sie seit ihrer Verwandlung Vegetarier war, aber sie nahm gerne Platz am wärmenden Feuer. Kein Problem, sagte die Großmutter, sie könne im Handumdrehen ein paar leckere Gemüsefrikadellen zubereiten, und machte sich gleich an den Herd.”

Vegetarier! Gemüsefrikadellen! Dazu Andeutungen wie die Leidener Männlein, kleine seelenlose Tonmännchen, die zu alchemistischen Zwecken in einer Nährlösung in kleinen Flaschen treiben und stets von innen an das Glas klopfen. Ich liebe die Wortschöpfungen von Walter Moers. Frostfratte. Fünkelzwerge. Roggenmume.
Dabei ist RUMO & Die Wunder im Dunkeln kein Kinderbuch – dazu ist es zu blutig. Da werden Arme abgehauen und Schädel gespalten, eine Menge Charaktere sterben im Verlauf der Geschichte.

Und trotzdem (oder gerade deswegen) ist RUMO eines der besten Bücher, die ich je gelesen/gehört habe. Großartig und ein tolles Buch zum Genießen über die Ferien.

(Wer es friedliebender mag dem sei “Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär” empfohlen und allen Deutschlehrern, Literaturkritikern und Universalgelehrten sei unbedingt “Die Stadt der Träumenden Bücher” ans Herz gelegt – eine Liebeserklärung an die Literatur!)