Fuuuuußball! (Und anderes.)

IMAG0704

Einige wenige Dinge stehen in den letzten drei Schulwochen noch auf meiner ToDo-Liste:

Mit meiner Klasse steht noch der jährliche Mädchen-Junge-Tag an. Die Kinder freuen sich schon sehr drauf. Die Beobachtung zeigt, dass man den Jungs eigentlich nur einen nassen Schwamm in die Hand drücken muss, damit sie glücklich und einige Stunden beschäftigt sind – die Mädchen sind da schwieriger und anspruchsvoller. Außerdem hat sich die Klasse wieder ein gemeinsames Grillen mit den Eltern gewünscht.

An dieser Stelle wurde zu einer Blogparade eingeladen, über die Erfahrung mit digitalen Medien im Unterricht zu berichten. Dazu passt, dass ich zu einem Lehrerkongress eingeladen wurde, genau darüber zu referieren. Tatsächlich aber werden digitale Medien in meinem Unterricht nur marginal eingesetzt. Für guten Mathematikunterricht braucht man eigentlich nicht viel mehr als ein Blatt Papier, einen gut gespitzten Bleistift und etwas Fantasie. Vielleicht finde ich noch die Zeit, etwas ausführlicher zur Blogparade beizutragen. (Vor zwei Jahren habe ich mich mit einem Schüler einer solchen Laptopklasse unterhalten und das Gespräch hier transkribiert.)

Außerdem: Morgen abend geht es nach Köln zum Länderspiel der Nationalmannschaft gegen die USA.
Ich bin mir noch im Unklaren, ob es sich um eine schulische, oder eine private Veranstaltung handelt – vermutlich irgendwas dazwischen. In jedem Fall wird es lustig – außer, wir verpassen den Zug nach dem Spiel: Dann kommen wir erst gegen 5 Uhr morgens wieder zu Hause an. (Unnötig zu erwähnen, dass die halbe Klasse das großartig fände und schon angekündigt hat, es darauf anzulegen…)
Auf jeden Fall haben wir ein großes Transparent gemacht, um auf uns aufmerksam zu machen – ob man uns nun sieht, oder nicht: Spaß hat es gemacht.

IMAG0760

Wer also das Länderspiel im Fernsehen schaut – habt doch mal ein Auge, ob man uns auf den Rängen sieht Zwinkerndes Smiley

Siebtklässler und Auschwitz

[Ein Gastbeitrag meiner Co-Klassenlehrerin, Ramona Stock.]

IMG-20150519-WA0000Im Deutschunterricht der Klasse 7 werden an unserer Schule häufig Bücher gelesen, die die NS-Zeit thematisieren. Die Sekundärliteratur schlägt derartige Bücher aufgrund der mangelnden „psychologischen Reife und Empfänglichkeit für das Thema Holocaust“ der jüngeren Schüler meistens erst ab der 9., frühestens der 8. Klasse vor. Auch ich war äußerst skeptisch:

Ist die unfassbare Grausamkeit der nationalsozialistischen Effizienz und Menschenverachtung nicht zu viel für die noch kindlichen Gemüter unserer Siebtklässler? Und was ist mit unseren Glasknochenkindern, die in der damaligen Zeit als „unwertes Leben“ eingestuft worden wären? Kann ich sie (schon) damit konfrontieren, dass ihr Leben in einer anderen Zeit einfach ausgelöscht worden wäre? Und wie kann ich mit diesem Thema umgehen, ohne mit erhobenem Zeigefinger Betroffenheit und schlechtes Gewissen einzufordern (wie ich das in meiner Schulzeit empfunden habe)? Wie gehe ich überhaupt angemessen damit um?

Zur Wahl stellte ich den Schülern „Damals war es Friedrich“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und ein Buch mit völlig anderem Thema. Alle drei stellte ich vor, von allen dreien las ich das erste Kapitel vor. Die Abstimmung war verblüffend: Die Schüler stimmten fast einstimmig für den „Jungen im gestreiften Pyjama“.

Und es wird immer verblüffender: Die Schüler lesen das Buch tatsächlich. Und ihr Gesprächsbedarf darüber, was sie lesen, ist enorm! Wir haben im Klassenzimmer ein Plakat angebracht, auf dem die Schüler eintragen können, worüber sie gerne mehr erfahren möchten. Das bezieht sich auf Textstellen, die sie sich genauer angucken möchten, und auf historisches Hintergrundwissen. Die Schüler tragen tatsächlich Dinge darauf ein! Richtig gute Dinge, die den Unterrichtsverlauf strukturieren und die Lektüre des Buchs vertiefen. Für jedes kleine Nebenthema findet sich sofort jemand, der es recherchiert. Es ist eine der seltenen Unterrichtsreihen, in denen ich tatsächlich den Unterricht ganz schülerzentriert mit ihnen zusammen gestalten kann und es ist wunderbar! Und vor allem ganz unverkrampft!

Eines unserer Glasknochenmädchen erwähnte übrigens selber ganz selbstverständlich, dass auch Menschen mit Handicap damals deportiert wurden. Und einige Schüler fragten, wo denn eigentlich von Siegen aus das nächste KZ sei, das man heute noch besichtigen könnte. Darum kreisen unsere Gedanken jetzt: Ab welchem Alter kann man mit den Schülern ein KZ besuchen? Von Siegen aus, sind alle Wege weit. Sollte man dann nicht aufs Ganze gehen und nach Auschwitz fahren (wo übrigens auch unser Buch spielt)?  Was für Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Über Rückmeldungen wäre ich ganz dankbar!

Feuer fangen.

Seit einem Jahr arbeitet sich mein WP-Technikkurs durch mein Elektronik-Workbook. Wie immer geht es den einen viel zu langsam, während die anderen gerne wieder Praktisches machen wollen.

Weil ein Referendar nun in den Kurs einsteigt, haben wir genau das gemacht: Die Schüler sollen ein Radio bauen. Grundlage ist ein Opitec-Bausatz, der von jedem Schüler individuell modifiziert werden soll.

Hin und wieder lehnt man sich als Lehrer zurück und staunt und genießt einfach.

Ein Schüler möchte den Kippschalter durch einen selbstgebauten Touch-Schalter ersetzen. Ein anderer möchte das Radio beleuchten – die Lichtstärke soll mit dem Lautstärkeregler verbunden sein (“Das geht über den Trimmer, glaube ich!”). Hier möchte jemand ein Plexiglasfenster einsetzen und dort wird gegrübelt, ob man für die Touchkeys nicht eine bistabile Kippschaltung im Hintergrund benötigt.

An einer Gesamtschule kommen die unterschiedlichsten Kinder zusammen. Arme und reiche, solche mit Gymnasialempfehlung und solche mit Hauptschulempfehlung, welche mit fröhlichen Familien im Hintergrund und welche, die beim Nachbarn mal ins Brot beißen wollen. Aber in diesen Stunden gibt es keinen Unterschied.

Ein, zwei SchülerInnen bitten mich am Ende der Stunde, eine Handvoll Kondensatoren, Transistoren, Widerstände und Dioden mit nach Hause nehmen zu dürfen, um am Wochenende schon mal auszuprobieren, ob sich der Wechselblinker mit dem Senderegler sinnvoll verknüpfen lässt.

Abends landet via Facebook ein kurzes Video im Posteingang: Die bistabile Kippschaltung läuft nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit dem 22k-Ohm Widerstand.

 

In solchen Momenten bin ich einfach nur fröhlich. Was ich für großartige Schüler habe!

Sponsorenlauf (mit Glasknochen)

image_thumb9Schüler aus der Jahrgangsstufe 13 haben einen Sponsorenlauf für einen guten Zweck organisiert. Aufgrund verschiedener Umstände kann der nicht auf einem Sportplatz stattfinden, statt dessen wird um die Schule gerannt – das sind etwa 500 Meter Strecke. Bergauf, bergab. Auch eine Treppe ist dabei.

Weil wir eine recht große Schule mit etwa 900 Schülern sind, wird in Etappen nach Jahrgangsstufen gelaufen. Trotzdem ist die Aktion für meine Schülerinnen mit Glasknochen etwas heikel: 120 rennende Kinder auf schmalen Schulpfaden sind nicht ohne. Die Strecke ist für sie ziemlich und anstrengend. Dazu die Treppen.
Auf keinen Fall werden sie an die Rundenzahl der anderen Schüler heranreichen.

Im Vorfeld wird in Erwägung gezogen, den Zwillingen eine alternative, kleinere Runde auf dem Schulhof anzubieten. Das Stichwort lautet hier “Nachteilsausgleich”.
(In der Schule erhalten viele Schüler mit Behinderungen einen solchen Nachteilsausgleich: Wer unter einer Lese-Rechtschreibschwäche leidet, bekommt u.U. mehr Zeit bei Klassenarbeiten. Wer Asthma hat, muss keine 8000m im Sportunterricht laufen etc.) Für kleingewachsene Kinder im Rollstuhl wäre eine angepasste Runde bei einem Wettrennen unzweifelhaft vertretbar gewesen.

Trotzdem habe ich entschieden dagegen argumentiert.

Als Erwachsene verstehen wir den Zweck eines solchen Nachteilsausgleiches, aber den anderen Kindern erschließt sich das nicht. Sie empfinden ihn als unfair. (Ich habe hier ausführlicher über dieses Ungerechtigkeitsempfinden geschrieben)
Es mag sein, dass die beiden Kinder nur drei Runden schaffen, statt wie die anderen vielleicht neun – aber es sind richtige, große Runden und diese Leistung (behaupte ich) wird jedem Respekt abnötigen. Kein Schüler würde sich vor den Mädchen aufbauen und sagen: “Ätschibätsch – ihr habt nur drei Runden geschafft.”
Ich glaube aber, dass – umgekehrt – neun Runden in einem kleinen, angepassten Parcours bei den anderen Schülern eher Häme erzeugen würde: “Ja, toll, neun BABY-Runden! Das kann doch jeder!”

Am Ende haben wir es einfach gemacht.
Obwohl Gedränge und Geschrei anfangs groß waren, haben die beiden Mädchen sich durchgebissen. Obwohl die Strecke lang und anstrengend und die Treppen unüberwindbar waren, haben sie nicht aufgegeben. Die anderen Schüler haben aufgepasst und die Rollstühle die Treppen hochgetragen (“Looos! Schneller! Ihr kostet mich Zeit!”). Die Mädchen waren am Ende sehr stolz auf ihre Leistung (die mitlaufenden I-Helfer entsprechend erschöpft) und haben von ihren Mitschülern Anerkennung erhalten.

Dieser Tag war einmal mehr ein Beispiel dafür, dass man Inklusion vielleicht einfach wagen muss. Man kann nicht immer jede Eventualität vorausplanen und alles austarieren. Viele Probleme lösen sich von alleine, an anderer Stelle kann man spontan improvisieren – letztlich entscheidet oft der gesunde Menschenverstand.

Übrigens: Die Schüler haben rund 9000 Euro erlaufen. Herzlichen Glückwunsch.

Bestechung

Carolina schüttelt ihr Sparschwein, um 2 Euro Kakao-Geld zu bekommen. Es klimpert und 2,30 € fallen heraus. „Ach“, sagt sie, „das sind 30 Cent zu viel. Aber die schenke ich einfach meiner Klassenlehrerin.“ Sie meint das so. Sie hat keine konkrete Wertvorstellung von Geld und möchte ihrer Lehrerin einfach eine Freude machen.

Zur Geburt meiner zweiten Tochter macht meine Klasse meiner Frau und mir ein (verspätetes) kleines Geschenk.
Ich freue,bedanke mich für die Aufmerksamkeit und weiß das sehr zu schätzen. Als Klassenverbund wird man immer auch ein wenig “Familie”. Man bekommt die Geburt von Geschwisterkindern mit, den Tod von Großeltern, Scheidungen und was die Kinder auf Freizeiten so erleben.

Ich erzähle der Klasse von jener Berliner Lehrerin, die von ihrer Abschlussklasse ein Geschenk erhielt, wegen der Annahme des Geschenkes angezeigt wurde und anschließend eine Geldstrafe von 4000 Euro zahlen musste. (Das Geschenk meiner Klasse ist keine 198 Euro wert, wie jenes der Berliner Kollegin. Nicht mal annähernd.)

Meine Schüler zeigen sich erstaunt und können das Urteil nicht fassen.

Für ein paar Augenblicke lasse ich sie schimpfen. Dann erkläre ich ihnen, wieso ich das Urteil eigentlich richtig finde und es entwickelt sich ein Gespräch über Korruption. Ich verdeutliche, dass eine Bestechung nicht in nachts unter einer Brücke, in dunklen Mänteln und mit einem Geldkoffer abläuft. Sondern das Tills Vater mir einen “besonders guten” Preis für meine Winterreifen macht und ich im Gegenzug bei Tills Abschlussprüfung mal ein Auge zudrücke. Da gibt es keinen Vertrag. Es wird nichts abgesprochen. Gegenseitige Freundlichkeiten. Mehr nicht.
”Am Ende führt das dazu, dass die reichen Eltern euch zu guten Schulabschlüssen verhelfen – und wer zu Hause kein Geld hat, der hat leider Pech gehabt. Das darf nicht sein.”

Obwohl mir jetzt zwanzig Minuten meiner Mathematikstunde fehlen, sind das Stunden, wie ich sie liebe: Man hat eine Meinung, äußert sie lautstark und schimpft und zetert (“dämliches Gesetz” “Wozu soll das gut sein?”)– und nachdem man etwas nachgedacht hat und einen größeren, weiteren Blickwinkel erlangt, vertritt man genau die gegenteilige Meinung (“Gut, dass es solche Gesetz gibt!”).

Vor vielen Jahren schenkte mir meine damalige Klasse als ich die Schule verließ einen großartigen, singenden BVB-Toaster zum Abschied. Auch den hätte ich vermutlich nicht annehmen dürfen. (Die Schüler haben mir aber versichert, es wäre ein oller, gebrauchter Toaster für 9,99 € bei Ebay gewesen.)

Auch Carolina erklären wir, dass man seinen Lehrern kein Geld schenken darf. Auch sie versteht das – wenn sie es auch einfach schade findet, ihrer Klassenlehrerin keine Freude machen zu dürfen.

Schule… da lernt man dann doch Einiges fürs Leben Smiley.

Familienzoff.

clip_image001Okay, wir hatten da diesen Familienstreit.

Nichts ernstes. Aber schon absurde Engstirnigkeit auf der einen, überlegene Wissenschaft auf der anderen Seite. Abstruse Intuition gegen kühlen Sachverstand. Ich vermute, dass es diese Art Krach in allen Familien gibt – aber ich bin gekommen, um ihn zu beenden. Man könnte sagen, heute wird hier eine jahrhundertealte Frage der Menschheit beantwortet.

Es geht natürlich um die Frage, ob es sich lohnt, eine Flasche Sekt noch eine Stunde vor der Party in den Kühlschrank zu stellen. Aber da ich keinen Alkohol trinke, hieß es bei uns: Lohnt es sich, eine zimmertemperaturwarme Packung Milch eine Stunde vor dem Frühstück in den Kühlschrank zu stellen? Wird aus warmer Plörre binnen einer Stunde ein erfrischendes Glas Gesundheit?

Meine Brüder behaupten das. Und wenn wir uns mal uneinig sind, dann steigen wir in den Ambu Jitsu Ring und lassen die Fäuste sprechen. Aber danach folgt dann ernste Wissenschaft.

Also bewaffneten wir uns mit Milchtüten (Tetra-Pack vom Lidl, 1.5% Fett) und Thermometern, Papier und Stift. Uuuuund:

clip_image002

Der Kühlschrank ist auf eisige 7°C eingestellt – in der Tür (wo die Milch üblicherweise steht) herrschen kühle 10°C.
Die Messung ergab, dass ein Liter Milch ziemlich genau alle 30 Minuten ein Grad Celsius an Temperatur verlor. Um von Raumtemperatur 18°C auf köstliche 10°C zu kommen, benötigt die Milch entsprechend vier Stunden.

Vier.

Stunden.

Das ist länger, als ich im Ambu Jitsu Ring durchgehalten habe. Aber am Schluss dennoch triumphiert.

Das ist Wissenschaft! Dafür, Kinder, geht man zur Schule!

 

~~~~~~~~~

Ein paar Google-Schlagworte zum Schluss:

Wie lang braucht ein Liter Milch im Kühlschrank um abzukühlen? Lohnt es sich, eine Flasche Sekt kurz vor der Party in die Gefriertruhe zu stellen? Wie schnell kühlt eine Flüssigkeit im Kühlschrank ab?

Jungs-Mädchen-Tag (+Inklusion)

IMG_20141031_110615 (Medium)Nachdem der letzte Jungs-Mädchen-Tag von meiner Klasse sehr gut aufgenommen wurde, stand eine Wiederholung völlig außer Frage.

Kurz zum Hintergrund: Verschiedene Untersuchungen zeigen immer wieder, dass Mädchen und Jungen mit unterschiedlichen Leistungen aus der Schule kommen. Ausgehend von einer Mädchenförderung in den vergangenen Jahren sind es jedoch heute eher die Jungen, die einer Förderung bedürfen. Entsprechend plante ich mit meinen 16 Jungs einen Projekttag, während meine Co-Klassenlehrerin sich mit den 12 Mädchen zusammensetzte.

Ungeachtet aller Vor- und Nachteile von Inklusion, empfindet man sie hier als Belastung: Während (körperlich) gesunde Kinder zwischen Eislaufen, Klettern und Schwimmen wählen können, ist man bei einer Inklusionsklasse deutlich eingeschränkter. Und anders als bei einer Klassenfahrt, wo man mal sagen kann: “Das ist jetzt nix für dich, dafür gibt es nachher xy”,  gibt es beim Projekttag nur einen Tag. Fallen dann viele Optionen raus empfinden die anderen Kinder schnell Frust. “Nur wegen dem blinden Alex können wir nie ins Kino.” “Nur wegen der gelähmten Johanna können wir nicht reiten.”
Es erfordert unendlich viel Fingerspitzengefühl, hier die Außenseitersituation einiger Kinder nicht noch zu verschlimmern.

Was stand für mich auf dem Plan?

Continue reading

Lehrer-Evaluation

Heute abend stellte das ZDF in einer Dokumentation die Frage „Wie gut sind unsere Lehrer?„.

Über die Qualität solcher Dokumentationen kann man immer streiten. Ebenso darüber, ob man sich als Lehrer einen Gefallen tut, wenn man sich im Alltag filmen lässt. Eine 40-minütige Dokumentation kann einem einzigen Thema nicht gerecht werden – und das ZDF hat von Inklusion über Abitur bis zu Evaluation jedem Thema gefühlte 5 Minuten gewidmet.

Schwierig.

Einen Aspekt möchte ich gerne aufgreifen, weil er mich persönlich nervt: Evaluation. Continue reading

Grillen mit den Eltern

2014-07-03 18.49.39

Zum Ausklang des Schuljahres haben wir mit unseren Schülern und ihren Eltern zusammen gegrillt.
Es war ein nettes Beisammensein mit lustigen Gesprächen; die Kinder sind allesamt nach wenigen Minuten zwischen den Büschen und Bäumen verschwunden – empfinde ich immer als gutes Zeichen.

Morgen gibt es noch Zeugnisse. Außerdem haben sich die Schüler gewünscht, die “schriftliche Feedbackrunde” (unbedingt lesen!) zu wiederholen. Damit werden alle Kinder mit einem schönen, zweiten Zeugnis in die Ferien entlassen. Das wird gut.

Erste Hilfe

2014-06-12 14.37.37Nach einem Unfall samt gebrochenem Arm an unserer Schule sprachen mich zwei Schülerinnen an, ob wir als Klasse nicht mal einen 1. Hilfe Kurs machen könnten.
Sie, die Schüler, hätten gar nicht gewusst, wie man in der Situation richtig hätte reagieren können und sie fänden das wichtig, dass wir (gerade wir!) als Inklusionsklasse ein bisschen mehr Ahnung hätten.

Gesagt. Getan.

Freundlicherweise opferte ein ausgebildeter Kollege heute zwei Stunden seiner Zeit, um meiner Klasse eine Einführung in die 1. Hilfe zu bieten. Geübt wurde immer wieder und von jedem die stabile Seitenlage, das Unterschieben einer Decke und die Wundversorgung. Ausgelassen wurde (zum Bedauern der Jungs Zwinkerndes Smiley) die Wiederbelebung. Fröhlicher Abschluss war das Klassenfoto, auf dem alle Schüler in Verbände und Pflaster eingepackt in die Kamera winken.

2014-06-12 11.14.22-5Tatsächlich machen wir Lehrer (und Inklusionshelfer) uns im Bezug auf die Klassenfahrt intensiv Gedanken. Natürlich sind wir geschult. Und natürlich können wir eintreffende Ärzte im Notfall instruieren – gerade im Bezug auf meine Schüler mit Glasknochen. Und trotzdem ist es schön zu wissen, dass nun alle meine Schüler die Grundlagen der ersten Hilfe verinnerlicht haben. Solche Dinge stehen natürlich nicht im Lehrplan. Genau wie das Wechseln der Winterreifen sind sie nicht prüfungsrelevant und werden niemals im Abitur verlangt. Aber immer wieder muss Schule auch ein Ort sein, der mit dem echten Leben verknüpft ist.

Es ist ein Stück “erwachsenwerden”, auf dem wir Lehrer unsere Schüler begleiten dürfen, an dessen Ende das steht, was Frau Henner so treffend als “Tränenreichen Abschied” bezeichnet hat.

Günther Jauch.

Diesen Sonntag darf ich tatsächlich nach Berlin in die Talkshow von Günther Jauch reisen, um ein, zwei Gedanken zum Thema “Inklusion” zu verlieren.

image

Obwohl das Thema ein Ernstes ist, bedeutet diese Erfahrung für mich vor allem Aufregung und viel Spaß. Meine Kollegen gaben mir ein abstruses Codewort mit, dass ich sagen solle, um sie zu grüßen. Meine Frau kam auf die gleiche Idee (aber mit anderem Codewort). Meine Schüler ebenfalls.
Um mich abzulenken, reise ich schon Samstag nach Berlin – vielleicht komme ich noch in den Genuss des DFB-Pokalfinales. Je nachdem, wer gewinnt, werde ich dann Sonntagabend fröhlich oder missmutig in der Runde sitzen.
Tatsächlich werden die bestehenden Probleme um und mit Inklusion sicher nicht in dieser Talkshow gelöst. Ich denke, es geht vor allem darum, sich Gedanken zu machen. Zu sprechen. Zu denken. Immer wieder zu prüfen, was das Beste für die Kinder ist. Und dabei den ein oder anderen Zuschauer mitzunehmen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, wird meine Position diesbezüglich erahnen: Mit einer Klasse haben wir mit dem DFB zusammengearbeitet, mit einer anderen für ARTE in einer Doku mitgewirkt und mit noch anderen ein riesiges Modell unserer Schule gebaut, dabei immer wieder neue Lernformen und Methoden ausprobiert und hier vorgestellt, Filme in meinen Physikunterricht eingebunden, meinen Schülern in flüssigen Stickstoff getauchte Marshmallows zu essen gegeben und immer wieder schreibe ich über meine Inklusionsklasse und meine Erfahrungen damit. Als Lehrer darf man sich ausprobieren, darf wagen, experimentieren, forschen, spielen, entdecken, lernen1.
Ich blende die Schwierigkeiten gewiss nicht aus. Ich weiß, dass Inklusion an vielen Schulen katastrophal umgesetzt wird. Es ist ein schwieriger, langer Weg voller Fehler und Tragödien – aber auch mit viel guten Entwicklungen.

Ich liebe diesen Beruf. (Sagte ich das bereits?)

Am Telefon wies man mich übrigens ausdrücklich darauf hin, nichts Kleinkariertes zu tragen. Auch wenn das einen fernsehtechnischen Hintergrund hat: Alle Welt scheint zu glauben, wie Lehrer würden stets karierte Jackets mit Flicken auf den Ärmeln tragen.  Ich versicherte jedenfalls, mich angemessen zu kleiden. Ob mir das gelungen ist, dürft ihr selbst beurteilen. Zwinkerndes Smiley

1: Insbesondere die mitlesenden Lehramtsstudenten: Es ist großartig! Großartig!

“Inklusion” in den Medien

imageDienstag erschien ein Artikel von mir bei SPIEGEL Online unter der (etwas reißerischen) Überschrift “Ich fühle mich oft alleingelassen”.
Darin beschreibe ich die Herausforderung, eine Klassenfahrt für eine Inklusionsklasse zu gestalten, wenn ich allen Schülern gerecht werden möchte (an welcher Aktionen können alle Kinder teilnehmen? Wer bezahlt Extrakosten?).
Die Reaktionen fallen moderat aus, gehen aber oft in die gleiche Richtung: Im zugehörigen Forum (“Ein bisschen Phantasie wird der Lehrer ja wohl haben”) wird hier und da die Frage aufgeworfen, wo denn genau mein Problem sei und via Facebook wurde ich mehrfach angefragt, ob ich tatsächlich so hilflos und an meiner Schule völlig alleingelassen sei.

image

Mit einem Wort:

Nein.

Ich fühle mich ganz wunderprächtig und habe ein klares Ziel vor Augen. Ich erfahre alle Unterstützung von meiner Schule und meinen Kollegen. Es geht aber

nicht

        um

                mich.

Der Kollege aus dem Blog kreidefressen beschäftigt sich aktuell ebenso mit dem Thema Inklusion wie ich. Im Unterschied zu mir, muss er an seinem Gymnasium allerdings die Umsetzung des G8 zukünftig mit emotional-sozial förderbedürftigen Schülern verknüpfen. Zitat:

„Das Sitzen am Tisch müssen Sie mit den Kindern zum Teil erst einüben. Dafür wird einiges an Zeit draufgehen.“

Gestern erhielt ich eine vorsichtige (!) Anfrage der ARD, ob ich nicht am kommenden Sonntag mit Günther Jauch in seiner Sendung zum Thema Inklusion diskutieren wolle.

Ich fühle mich sehr geehrt.

…und sehe Probleme auf mich zukommen: Wie soll ich in der Kürze eines Interviews so antworten, dass ich niemandem auf den Schlips trete, gleichzeitig aber mehr als nur leere Phrasen von mir gebe…?!
Ein paar Beispiele.

“Fühlen Sie sich [mit dem Thema Inklusion] alleingelassen?”
Nein. Ich persönlich nicht. Die Schule gibt mir jede Unterstützung, die nur denkbar ist. Die eingesetzte Förderschullehrerin berät mich bei Formalia, Rechts- und Entwicklungsfragen. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist vorbildlich. Die Stadt Siegen baut einen Fahrstuhl, um unsere Schule ein Stück weit barrierefrei zu gestalten. Der Laden läuft.
Aber…
Wir müssen uns lösen von der Vorstellung, überall gäbe es heile Dorfschulen und die größte Herausforderung ist eine Türschwelle, bei der ein Rollstuhlfahrer womöglich einen kleinen Hopser nimmt. Es geht nicht wirklich um die Frage, ob Henri aufs Gymnasium darf. (Ich schreibe das, weil ein Leser, der bis hierher gelesen hat1, tendenziell eher gebildeter sein wird und ebenso tendenziell eher Erfahrungen mit dem Gymnasium als der Hauptschule gesammelt hat: Deutschlands Schulen sind nicht nur Bildungsanstalten.)
Sowohl Schulen als auch das Thema Inklusion sind so breit gefächert, dass kein einzelner Lehrer stellvertretend für alle anderen sprechen kann. Inklusion bedeutet auch, Kinder zu inkludieren, die aufgrund emotionaler Störungen bspw. ihre Mitschüler verprügeln. Oder Schüler, die sich unter dem Tisch entblößen, um die Lehrerin zu schockieren.
Und – ja, ich kenne eine Reihe von Kollegen (vornehmlich an Hauptschulen), die – ja! – alleine dastehen. Deren Aufgabe inzwischen mehrheitlich darin besteht, die Kinder zu betreuen. Smaland. “Wenn sich keiner verletzt, war es ein guter Tag.” An Unterricht ist nicht mehr zu denken. Ein großer Teil der Lehrer ist alleingelassen.

“Was kann man tun, um das Problem […] zu lösen?”
Ich bin kein Freund von großem Gejammer.
Lehrer sind Handwerker. Wir arbeiten mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Egal ob die Schule einen Computerraum hat, Inklusionshelfer, Förderkinder, große Klassen oder defekte Klimaanlagen – wir arbeiten mit dem, was wir vorfinden.
So lange wir keinen Fahrstuhl im Gebäude haben, müssen die Mitschüler eben den Rollstuhl das Treppenhaus hochtragen. Wenn es keine angepassten Arbeitstische im Physikraum gibt, wird eben improvisiert.
Lehrer sind Handwerker.
Die Frage ist, ob es besser geht.
Meine Förderschulkollegin macht eine tolle Arbeit. Aber in der achten Klasse in Chemie helfen? In der neunten Klasse Mathematik unterstützen? In der zehnten Klasse physikalische Sachverhalten erklären? Keine Chance. Wir brauchen mehr Fachlehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung.
Oder: Wie sollen Kinder im Rollstuhl am Chemieunterricht aktiv teilnehmen, wenn Tische und Anschlüsse an Strom, Gas und Wasser in unerreichbarer Höhe liegen? Wie erkläre ich dem zappeligen Jonathan, dass er für sein krummes Häuschen nur eine “4” bekommt, während ein Kind mit einer Behinderung im Rahmen seiner Möglichkeiten womöglich nur ein Brett zurechtsägt und dann eine “2” erhält?

All das kostet Geld. Viel Geld.
Und ohne dieses Geld werden wir weiter improvisieren wo es geht – aber viele Kinder und viele Kollegen werden darüber kaputt gehen.

imageSolche Antworten sind laaaaang und ausführlich und wenig sexy. Besser ist ein jammernder Lehrer mit spektakulären Statements (“Ohne mein Schnäpsken abends würde ich gar nicht mehr durchhalten!”).

Günther Jauch2 sagt bestimmt ab – aber wenn nicht:

Bitte nehmt mir meine kurzgefassten Aussagen nicht übel. Ich weiß, dass sie nicht allen Lehrerinnen und Lehrern und solchen Kollegen, die sich noch nicht für ein Geschlecht entschieden haben oder dies bewusst verweigern und allen Real-, Haupt-, Gesamt-, Spezial-, Förder-, Sekundar-, Waldorf-, Privat- und/oder Montessorischulen gerecht werden. Ich ahne, dass ich womöglich fiktive Namen benutze und entschuldige mich im Voraus bei allen Florian-Haukes und Khaleesis.

1: Und wer bis hierher gelesen hat, den grüße ich Sonntagabend, 21:45 aus der ARD.
2: Ob er sich erinnert, dass ich mal nicht-drangekommener-Telefonjoker in einer Sendung vor drei Jahren war? 😀
3: Ich bin jetzt schon so nervös, dass ich seit 3 Uhr auf den Beinen bin und zur Beruhigung lieber diesen Artikel schreibe, als mich im Bett zu wälzen. Bloggen hat eine therapeutische Funktion!

Geiz ist geil. Aber schmerzhaft.

mein FußEs ist 2:45 Uhr und ich liege mit Schmerzen wach im Bett.

Beim Umbau des Hauses gestern bin ich umgeknickt. Die Art von Umknicken, bei der man das Krachen der Bänder, Splittern der Knochen und rythmische Pulsieren der abgerissenen Arterien im Fuß zu hören meint.

Ins Krankenhaus bin ich trotzdem nicht gefahren.

Wie viele Lehrer bin auch ich privat versichert – das ist etwas günstiger, bringt aber im Krankheitsfalle auch organisatorischen Ärger mit sich.
Bei (vielen) Beamten läuft das so ab: Ein Arzt erstellt mir eine Rechnung. Diese Rechnung wird zu 50% von der Krankenkasse bezahlt und zu 50% vom Land, Beihilfe nennt man das. Bevor das Land aber auch nur einen Cent bezahlt, greift eine Art Selbstbeteiligung (wie bei einem Autoschaden): Die ersten 300 Euro muss ich selbst bezahlen. Das ist sozusagen die Praxisgebühr für Privatpatienten. Die Krankenkasse umgekehrt lockt mich mit folgendem Angebot: Hört sie im ganzen Jahr nichts von mir, zahlt sie mir ein Viertel aller Beiträge zurück – das sind in meinem Fall über 600 Euro.

Nun beginnt eine Rechnerei: Ab wie viel Euro lohnt es sich, eine Arztrechnung weiterzuschicken?

Gestern Nachmittag waren die Schmerzen zumindest keine 600 Euro wert.

Heute Nacht sehe ich das anders.

Meine Geschwister drängen mich, in die Notaufnahme zu fahren und den Fuß röntgen zu lassen. Sicher sei sicher. Insgeheim stelle ich mir vor, die die Ärzte eine massive Knochenabsplitterung feststellen und sich fragen, wie ich da so Captain Cool sitzen könne, bei den Schmerzen.
Tatsächlich aber sieht man auf den Röntgenbildern gar nichts. “Mehr als eine Bänderdehnung ist nicht drin, Herr Klinge”, tröstet mich die Ärztin und meint eigentlich “Sie sind ein Waschlappen, Herr Klinge!”.

Immerhin:
Für den Physikunterricht gibt man mir meine Röntgenbilder mit. So kann ich zumindest im Unterricht noch einmal dramatisch meine unmenschlichen Höllenqualen ausbreiten. Vielleicht erhalte ich da ja mehr Mitleid. Zwinkerndes Smiley

Lehrerblogs sind tot. Nein. Doch. Nein! (Diskussionsbeitrag)

Herr Larbig schreibt einen ausführlichen (und lesenswerten) Artikel darüber, dass Lehrerblogs letztlich belanglos, weil unbekannt sind. Bei 800.000 Lehrern in Deutschland gibt es etwa 100 aktive Lehrerblogs. Fragt man im Kollegium, ob irgendwer irgendwelche Lehrerblogs kennt, erntet man nur Achselzucken.

Das Lehrerblog, laut Larbig, ist nicht nur tot – es hat auch nie gelebt.
Das ist ein bisschen ein trauriges Urteil über mein Seite und es schmeckt zunächst bitter. Nicht nur Herr Larbig, auch andere propagieren ein Abwandern der Diskussion und der Inhalte auf soziale Netzwerke. Kürzere Inhalte, größere Bereitschaft des Kommentierens.

Ich halte dies für einen Trugschluss. Continue reading

Handymikroskope im Projekt (Gastbeitrag)

Vor einigen Wochen schrieb ich über ein billiges Selbstbau-Mikroskop und etwaigen Schuleinsatz. Ein Kollege von mir nahm dies zum Anlass, im Rahmen einer Projektwoche diese Mikroskope zu realisieren. Freundlicherweise hat er seine Erfahrung verschriftlicht und mir zur Verfügung gestellt, damit womöglich andere KollegInnen davon profitieren können.

Continue reading