Anekdoten aus dem Unterricht

In meiner Lieblings-9 sprechen mich Schüler auf den neuen Star Wars-Film an. Ob ich den gesehen hätte und wie ich ihn fände und so weiter. Als Trekkie kann ich meinen Skeptizismus nur mühsam verbergen. Ich erkläre den Kindern, dass richtige Star Wars Fans sich auch das “Holiday Special” ansehen würden.

Bei diesem Special handelt es sich um einen kompletten Weihnachtsfilm, der von Chewbacca und seiner Familie handelt. Chewbacca, dass war dieser zottelige Bigfoot, der immer nur “GRÖöögr” und “UHRÖÖG” gegrunzt hat. Die Gespräche in dem Film sind entsprechend. “GRÖöög”, ranzt Chewbacca, “Ührgööög” erwidert die Mutter und mit einem “Gföögröö” bringt der Kleine den Müll raus, während sich Opa Chewbacca mit einem “Gröögröö” ein Softporno-Hologramm (!) ansieht (“Ich bin dein Traum, also erforsche mich. Ich bin dein Vergnügen, also genieße mich.“)

90 Minuten lang läuft der Scheiß.

Man kann sich die Qualität vorstellen. George Lucas war der Mist so peinlich, dass er am liebsten alle Kopien zerstört hätte. Nunja, heute gibt es Youtube:

“Echte Fans”, seufzte ich bedeutungsschwanger, “echte Fans gucken sich den Streifen bis zum Ende an!”  Ich gluckse über meinen Scherz und bin gespannt, wer sich das antut.

Zwei Tage später fängt mich eine geschätzte, ältere Kollegin auf dem Flur ab. “Sag mal, Jan-Martin” druckst sie herum, offensichtlich belastet sie etwas. “Ich habe gestern mit den 9ern einen Film geguckt…”

(Oh nein! Bitte nicht!)

“Die Kinder haben gesagt, du habest den empfohlen.”

(Bitte, bitte nicht!)

“Und darauf habe ich dann vertraut. Aber bitte.. was war denn DAS?!”

Ich beiße mir auf die Lippen. Meine verdammten 9er. Die werden was erleben! Die Kollegin ist unterdessen in Fahrt gekommen und berichtet, sie habe nach einer halben Stunde abgebrochen, ja, abbrechen müssen. Dieses Gegrunze wäre ja unerträglich gewesen und wie ich auf die Idee käme, so etwas zu empfehlen…? Empfehlen! Die Schüler hätten außerdem behauptet, man müsse den Film “unbedingt zu Ende schauen” und sie habe sich ja Mühe gegeben, aber das wäre einfach nicht drin gewesen. Sie wäre von mir jetzt schon enttäuscht.

Witzige Klasse, diese 9er.

Morgen gibt es Ärger!

Brieffreundschaft & Ausblick

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Durch glückliche Umstände bin ich in die Gelegenheit gekommen, eine Brieffreundschaft mit einer Schule in Shanghai aufzubauen. Als ich in meiner Klasse nach Interesse fragte, meldeten sich alle. 29 Schüler aus Eiserfeld schreiben mit 29 Schülern aus Shanghai – das klingt (zumindest für uns Dorfmenschen) großes Abenteuer. Mit der Shanghaier Kollegin bin ich überein gekommen, zunächst echte Briefe schreiben zu lassen.

Dies mutet im 21. Jahrhundert vielleicht seltsam an, aber ich habe selbst schon einige Brieffreundschaften gepflegt – und zu Grabe getragen. E-Mails schreibt man schnell hin und her – aber nach wenigen Tagen ist das Interesse erlahmt. So viel gibt es dann doch nicht zu erzählen.

Wie aufregend ist dagegen ein echter Brief von der anderen Seite der Welt? Positiver Nebeneffekt: Als Lehrer haben wir die Kontrolle darüber, ob unsere Schüler wirklich schreiben. Geplant war außerdem: Die chinesische Kollegin könnte ein Thema vorgeben, ihre Schüler schreiben darüber (auf deutsch) und wir antworten (auch auf deutsch).

Aber erstens kommt es anders und zweitens wenn man denkt.

Tatsächlich haben sich meine Schüler wahnsinnig über die Briefe aus China gefreut. Sie wurden bestaunt und herumgereicht, jeder las jedem den Inhalt stolz vor. Die saubere Schrift wurde bewundert und sich im gleichen Atemzug für die eigene Sauklaue geschämt.

Aber: Die Briefe brauchen Ewigkeiten. Und zwar wirklich Ewigkeiten. Es vergehen Wochen, bis alle Briefe eingetroffen sind, dazu gehen hier und da einzelne verloren – sehr frustrierend. Also werden wir in den nächsten Wochen doch zur E-Mail wechseln. Für die Schüler wird das sicher spannend, z.T. haben sie sich schon bei Computerspielen im Internet getroffen und sind gemeinsam Monster jagen gegangen.

Mit der Kollegin aus Shanghai schreibe ich per Whatsapp. Ich hoffe, wir bekommen irgendwann ein skype-in-the-classroom hin: Von Klassenraum zu Klassenraum videotelefonieren, das wäre wunderbar.

Außerdem steht in den nächsten Wochen noch unser Sportfest an. Außerdem planen wir am Mädchen-Junge-Tag etwas ganz Besonderes und in der letzten Schulwoche fahren wir gemeinsam nach London. Da laufen alle Planungen schon auf Hochtouren und ich werde langsam nervös….

Independence Day 1 (Filmphysik)

Der neue Independence Day kommt in einem Monat in die Kinos. Und wer den Trailer verfolgt hat, weiß, dass die Aliens diesmal die Gravitation als Waffe einsetzen.

Aber.. wäre das nicht schon 1996 im ersten Teil gegangen? Es wird Zeit für ein neues Abenteuer in der Filmphysik. (Und sobald ich Teil 2 im Kino gesehen habe, wird es eine weitere Karte geben!)

 

Independence Day 1

Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute.

IMAG0133An unserer Schule existiert eine national preisgekrönte Theatergruppe. Und damit meine ich keine „och, was ein süßes Krippenspiel, die Kinder haben sich aber Mühe gegeben“-Theatergruppe, sondern eine „wtf sind das noch Laien…!?“-Theatergruppe.

Als ich meine Klasse fragte, ob sie auch in diesem Jahr Lust auf einen Theaterbesuch hätten, meldeten sich 29 von 29 Schülern. Das begeistert mich. Im vierten Jahr hintereinander durften wir jetzt das Ergebnis der Gruppe Gee Whiz bestaunen. In all den Jahren ist in meiner Klasse eine Wertschätzung für künstlerisches Tun entstanden – es wird nicht gequatscht, nicht gegessen und keiner spielt mit seinem Handy. Achtklässler, die Lust auf Kunst und Kultur haben empfinde ich nicht als selbstverständlich. Es ging auch nicht um eine „Alles ist besser als Unterricht“-Haltung sondern bewusstes Erleben. Wir nehmen das mit, es gehört zu unserem Schulleben wie selbstverständlich dazu, ins Theater zu gehen, ins Museum oder den Aachener Dom. Wer weiß, wozu man als Erwachsener noch Zeit hat?

Das Stück „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ spielt während des zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Buchenwald.

Ich habe lange Jahre im Ausland gelebt, habe eine internationale Familie. Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie ich mich 1940 positioniert hätte. Wäre ich mitmarschiert? Wäre ich aufgestanden? Die Ungewissheit erschrickt mich. Wäre aus mir ein guter Nazi geworden? Wäre ich laut grölend durch die Straßen gezogen? In diesen Momenten habe ich Angst vor mir selbst und ich empfinde solche Stücke immer auch als Frage an mich: „Was hättest du getan?“ und “Was tust du heute?”

Als wir die Aula betraten, war das Bühnenbild befremdlich – Koffer und alte Kleidungsstücke hingen an den Wänden und erinnern an die Kisten voller Brillen und Schuhe in Auschwitz. Wir, die Zuschauer, waren von der Bühne durch einen hohen Gitterzaun getrennt und auf jedem Zuschauerstuhl klebte ein Judenstern. Unangenehm fühlt sich das an, denn: Wir sind die Eingesperrten. Vor uns Gitter. Neben uns auch.

Das Stück von Jens Raschke handelt von den Tieren eines Zoos neben dem Konzentrationslager. Die Fabel spielt vor einem wahren Hintergrund: 1938 wurde unmittelbar an dem Zaun des Konzentrationslagers Buchenwald ein Zoo errichtet. Erbaut von den Häftlingen sollte er den Wärtern, ihren Familien und den Bewohnern der Stadt Weimar zur Zerstreuung dienen. Im Laufe des Stückes wird deutlich, dass die meisten Tiere dankbar für ihren Platz im Zoo sind. Keiner möchte auffallen, keiner schaut über den Zaun „zu den Gestreiften“. Zu uns. Zu mir. Nur eines der Tiere ist entsetzt, schaut hin, bemerkt uns, fragt, warum alle Vögel weggeflogen sind und verweigert sich, dem Amüsement “der Gestiefelten” zu dienen.

Teil des Bühnenbildes war ein großes Ofenrohr, aus dem immer wieder Rauch quoll. Der Schornstein des Krematoriums. Ich, wir.. hinter dem Zaun und vorne raucht der Schlot. Ich bin hier eingesperrt, ich werde womöglich in diesem verdammten Ofen enden – und die Leute auf der Bühne sehen zur Seite, wollen nicht auffallen. „Schaut hin!“, möchte ich ihnen zurufen, nein entgegenbrüllen. „Schaut doch verdammt nochmal hin!“

Am Ende des Stückes rebellieren manche Tiere, andere sterben und schließlich wird alles gut: „Die Vögel!“ Ja, sogar die Vögel kommen und werden fröhlich von den Überlebenden begrüßt, bis…

es um uns herum dunkel wird und…

lautes Getöse und explodierende Bomben zu hören sind und…

mir schlagartig klar wird, was gerade geschehen ist.

 

Das Stück ist zu Ende. Es kommt kein Rauch mehr aus dem Ofenrohr. Ich bleibe zutiefst entsetzt und berührt und beeindruckt zurück.

Ich kann mich nur tief verneigen vor der Leistung von Lutz Krämer und jedem einzelnen Darsteller von Gee Whiz und kann, möchte, will euch ermuntern, wieder ins Theater zu gehen. Schön, dass auch das Medienecho (hier und hier) überaus positiv ausfiel. Es lohnt sich.