Berufsanforderungen (aus Sicht meiner Schüler)

Ein (komplexes) Schaubild aus aktuellem Anlass – jeder möge sich seine eigene Geschichte1 dazu denken. :-)

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“Ach Herr Klinge… das brauche ich später nie. Ich will doch nur xyz werden.”

1: Der “Maurer” ist völlig willkürlich gewählt und die Berufsbeschreibung von mir als Laien mit Sicherheit unvollständig. Sie sollte aber ihren Zweck erfüllen.

[Schule im Schaubild]

“Dürfen wir Musik hören?”

IMG_20150305_100354Ich arbeite viel mit Lerntheken. Das bedeutet, die Schüler suchen sich Aufgaben eines wählbaren Schwierigkeitsgerades aus und bearbeiten sie alleine oder zu zweit. Nach mehreren Jahren und deutlichen Beispielen haben die meisten mittlerweile verstanden, dass sie umso besser lernen, je mehr sie selbst denken – vulgo je mehr sie alleine arbeiten. Ich selbst werde als Lehrer im Unterricht nur noch gebraucht, um Fragen zu beantworten und bei Problemen zu helfen. Ansonsten schaue ich zu.
In letzter Zeit fragen mich besonders die Mittelstufenschüler, ob sie nebenher Musik hören dürfen und stets bin ich unentschlossen.

Nein, weil man sich auf die Aufgabe konzentrieren und nicht nebenher seine Lieblingshits summen soll. Auch nicht im Geiste. Nein, weil am Ende doch Zeit damit verschwendet wird, das nächste Lied auszuwählen oder das letzte Lied nochmal oder das Album zu wechseln oder oder oder. Nein, weil ich beim Arbeiten absolute Ruhe brauche: Radio oder Musik oder Fernsehen nebenher geht gar nicht.

Ja, weil einige Schüler stiller und konzentrierter sind. Sie werden nicht mehr vom Nachbarn abgelenkt. Ja, weil es auch Menschen gibt, die wunderbar zuhören und nebenher kritzeln können. Bestimmt trifft das auf Musik auch zu. Ja, weil gar nicht alle (nicht einmal die Hälfte) Musik hören wollen, sondern nur ein kleiner Teil (übrigens fast ausschließlich Mädchen).

Wie bei vielem muss ich letztlich zugeben, dass ich nicht weiß, ob “Musik hören beim Arbeiten” irgendwelche Auswirkungen hat. Lernen die betreffenden Schüler dadurch besser? Schlechter? Macht es am Ende überhaupt einen Unterschied?

Wie seht ihr das?

Die todsichere Abivorbereitung

Was Sie noch nie über Gesamtschulen wissen wollten, ich Ihnen aber aufdrängen werde: An Gesamtschulen unterrichtet nur etwa ein Drittel der Lehrer auch in der Oberstufe, die anderen sind in der Regel Realschullehrer oder (auch das gibt es, wie und warum weiß ich nicht) Grundschullehrer. Die Folge davon ist, dass diejenigen mit Sek-II-Fakultas immer und andauernd Abiturprüfungen abnehmen. An unserer Schule haben wir in der Oberstufe mehr als 200 Schüler, in jedem Jahrgang gibt es einen Deutschleistungskurs und 3 Deutschgrundkurse. Wir sind 6 Kollegen verteilt auf 12 Kurse – jeder hat zwei Oberstufenkurse. Nach dem Abitur ist vor dem Abitur.

Ich frage mich so gut wie jedes Jahr auf´s Neue, wie die perfekte Abivorbereitung aussieht. In diesem Jahr habe ich mal wieder die todsichere Methode gefunden und alle Schüler werden mich preisen und Einsen schreiben: Die Kinder lernen endlich zu tun, was man ihnen sagt, d.h.  die Aufgabenstellung sorgfältig zu lesen und dieser zu folgen. Mehr baucht es im Prinzip gar nicht.

Ich setze jetzt mal voraus, dass der Stoff sitzt, zumindest die Wikipediaseiten zu den Lektüren gelesen wurden (machen wir uns nichts vor….welche 18-Jährigen lesen “Tauben im Gras”?) und man schreiben kann.
Dann passiert in der Abiturprüfung Folgendes: Die Schüler bekommen in Deutsch 3 Vorschläge:
1. : Gedichtvergleich – weg damit.
2.: Herder – weg damit.
3: Irgendwas, was ich vom Namen her kenne, das nehme ich.
Und dann schreiben die Prüflinge eifrig drauf los. Das ist der Weg zur 4- oder 5.

Im letzten Jahr in Deutsch hatte ich mit den Schülern “Kabale und Liebe” anhand eines Textes von Safranski wiederholt. Unser Pech: Safranski kam auch in der Prüfung dran und fast alle Kinder stürzten sich drauf, weil das der vermeintlich sichere Weg war. Geschissen: 8-10 Operatoren machten es ihnen so gut wie unmöglich, die Klausur so zu schreiben, dass alle Anforderungen zufriedenstellend bearbeitet werden konnten. Oder Abitur in Geschichte 2013: Ein Text von Papen. Die meisten Kinder handelten gemäß dem Motto “Hitler geht immer” und merkten nicht, dass der Text es durchaus in sich hatte.

Auf Lücke lernen geht nicht. Selbst wenn das Lieblingsthema kommt, muss man immer auf die Anzahl der Operatoren achten, die Länge und Komplexität des Textes beachten und danach entscheiden.

Die sichere Methoden? Alle Abitrainer aus dem Fenster werfen und sich alte Abiturklausuren auf den Seiten des Ministeriums besorgen. Anhand derer und der Lösungen üben, eine stimmige Gliederung gemäß den Operatoren zu verfassen und diese in der Klausur abarbeiten. Dann ist weniger auch mehr.
Ach, ich sehe meine Schüler schon mit glänzenden Augen und geröteten Köpfen die Abiaufgaben lösen und Einsen schreiben. Was werden wir jubeln! Todsicher!

Wie ein Opa im Handyladen…

Ich bin im Fahrradgeschäft um mein Fahrrad aus dem Internetz justieren zu lassen: Die Bremsen sind oll.

Als die Verkäufer mein Rad sehen, verziehen sie das Gesicht. Lang und ausführlich erklären sie mir, weshalb mein Fahrrad Murks ist. Die Bremsen können nichts taugen und lassen sich bei so einem Baumarkt-Fahrrad auch nicht ersetzen. Die Gabel sei schlecht und das Fahrrad sei überdies auch viel zu klein für mich.

In allem haben sie recht.

Aber ich fühle mich, wie ein Opa im Handyladen: Ich bin mit meinem alten Nokia 3300 zufrieden und möchte bitte nur einen neuen Akku, während die Verkäufer versuchen, mir ein neues iPhone 6 anzudrehen.
Ja, das kann viel mehr. Ja, dass ist hübscher und schneller und toller.

Aber ich möchte nur telefonieren hin und wieder ein paar Kilometer Fahrrad fahren. Ich brauche kein 900 Euro Rad. Ich bin zufrieden. Eigentlich wollte ich nur (“..aber die Gabel!”) ein bisschen (“…viel zu klein!”) fahren und hätte gerne die (“da passen gar keine anderen drauf!”) die Bremsen eingestellt.

Naja.. zumindest bin ich Senioren gegenüber jetzt vorsichtiger Zwinkerndes Smiley