Lehrerausflug

IMG_20160916_154943Zurück vom Lehrerausflug, der ganz wunderbar war. Kurze Eindrücke.

  • Wenn Lehrer und Sonderpädagogen und Referendare und Praktikanten, Kolleginnen im Mutterschutz und überhaupt alle, die an der Schule irgendwie arbeiten gemeinsam bei bester Laune und Albernheiten den Tag miteinander verbringen, dann ist das ein beneidenswertes Kollegium. Jeder quatscht mit jedem. Ich staune immer wieder.
  • Die Besichtigung des ehemaligen Regierungsbunkers in Ahrtal war fantastisch und unbedingt empfehlenswert. Amüsant die latente Frauenfeindlichkeit des Senioren-Führers (“Ich lasse viele technische Informationen weg, das interessiert die Damen sowieso nicht – die haben ja nur Stricken und Häkeln im Kopf.”), die man dieser Generation aber nur schwer vorwerfen kann. Eine perfekte Mischung aus Fakten und Anekdoten – die 90 Minuten vergingen wie im Flug.
  • Die Wanderung durch die Weinberge war ganz wunderbar. Die Gegend ist traumhaft schön – wäre gerne mehr gelaufen.
  • Ich besitze eine Fitbit-Armbanduhr, die meine Schritte zählt, meinen Herzschlag misst und aus mir einen richtigen Superman macht. Wunderbar ist, dass man sich mit anderen Fitbit-Leuten “befreunden” und zu Wettbewerben herausfordern kann: ‘Wer schafft mehr Schritte am Wochenende’ etc. Blöd ist, dass ich nicht besonders sportlich bin – eher Weihnachts- als Supermann. Eine Kollegin hat ebenfalls eine Fitbit und mich am Ende des Tages mit 23000 zu 13000 Schritten geschlagen. (Ich erkläre mir das damit, dass ich so groß bin und deshalb weniger Schritte mache…). Ich bin frustriert.
  • Ich habe eine Stalkerin. Erst habe ich mir nichts dabei gedacht (“Ich habe jeden deiner Artikel gelesen.”) aber im Verlaufe des Nachmittags (“Du hast ein schönes Haus.”) wurde die Sache immer gruseliger (“Aber eure Gartentür müsste mal gestrichen werden.”) und unheimlicher (“Du hast schon länger nichts mehr über das Hühnerhaus geschrieben. Warum?”). Die Kollegin machte sich einen Spaß daraus, wildfremden Leuten (“Ach, sie sind alle Lehrer?”“Ja, aber der Herr Klinge ist ganz berühmt, vielleicht kennen Sie ihn ja?!”) von meinem Blog zu berichten und mir den halben Nachmittag immer wieder betont unauffällig zuzuwinken – sehr zum Gelächter des restlichen Kollegiums. Ich habe Angst.

Demnächst stehen ganz aufregende Projekte an.
Mein Technik-Kurs zur Bautechnik entwickelt sich zum absoluten Glücksfall; mein 10er Mathematikkurs startet ein Projekt und die ersten Ergebnisse sind sehr ermutigend; in Zusammenarbeit mit der Firma Fischertechnik darf ich deren neuen 3d-Drucker ausprobieren und von HP bekomme ich einen ihrer Supercomputer  zum Spielen ausgeliehen – auf beides freue ich mich sehr. Und zu guter Letzt habe ich mir vor meinem bevorstehenden Island-Urlaub eine 360° Kamera gekauft und lote die Möglichkeiten aus, damit auch im Unterricht Unfug zu treiben.

Obwohl die Sommerferien in NRW schon lange her sind, war dies auch für mich die – gefühlt – erste richtige Arbeitswoche: Meine eigene Klasse ist aus ihrem zweiwöchigen Praktikum heimgekehrt. Aus meinen kleinen Babys sind Fast-Erwachsende geworden und das bekümmert mich etwas. Eine Mischung aus Stolz und Wehmut. Bald ist es vorbei mit uns. Hach.
Gestern fragten mich einige Jungs, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sich die ganze Klasse zur Abschlussfahrt die Haare blau färben würde – ganz so erwachsen sind sie also doch nicht. (“Nein, das ist doch lustig! Tatsächlich finde ich das so lustig, dass ich mitmachen würde!” – ich bin also auch noch nicht sooo erwachsen..)

Mathematik in der Willkommensklasse

Ich habe in unserer Willkommensklasse immer wieder zwischendurch Mathematik unterrichtet.

Mit schwer traumatisierten Kindern zu arbeiten zieht eine ganze Reihe von Folgen nach sich, die ich an dieser Stelle aussparen möchte – stattdessen will ich einige – für mich hilfreiche – Lehren weitergeben.

Die Kinder einer solchen Klasse sind extrem unterschiedlich geprägt. Es gibt Kinder, die einer Privatschule entstammen und über gute mathematische Kenntnisse verfügen und solche, die in ihrem Leben noch nie eine Schule besucht haben. Zusätzlich zu den sprachlichen Schwierigkeiten empfand ich die extreme Heterogenität der Gruppe als besonders herausfordernd.

Es erscheint mir unsinnig, die Prozentrechnung an der Tafel einzuführen, wenn ein Teil des Kurses nicht einmal das Konzept der Brüche verstanden hat, während andere damit völlig unterfordert wären. Ein solches Vorgehen führt zu Frust und damit einer Verweigerungshaltung und Unterrichtsstörungen.

Stattdessen habe ich mit PowerPoint eine Art Lerntheke erstellt, die ich mehrfach nutzte.

imageAusgehend von dem Buch “10 Minuten Mathe-Rep” vom Aulis Verlag habe ich haufenweise A5-Karten erstellt, sortiert jeweils nach den Klassenstufen 5/6 bzw. 7/8 bzw. 9/10 und den Schwierigkeitsgraden grün, gelb und rot.
Auf jeder Karte befinden sich 10 kleine Aufgaben, die man innerhalb von 10 Minuten ohne Taschenrechner zu lösen imstande sein sollte. Sie werden an unserer Schule inzwischen auch als Vertretungskonzept in allen Klassen benutzt.

Mit diesen Karten kann ich nun wunderbar differenzieren: Wer nie in Berührung mit Mathematik gekommen ist, bekommt grüne Karten aus 5/6 – Fortgeschrittene aus höheren Jahrgängen.
Weil die Karten einem Repetitorium entstammen, ist der sprachliche Anteil marginal, gleichzeitig werden Grundkenntnisse abgeprüft.

Das löst nicht alle Probleme und es bleibt weiterhin schwierig – aber einiges wird einfacher.

Lehrer-Ticks

Es klingelt.
Ich beende gut gelaunt eine Mathematikstunde und wünsche den Schülern einen schönen Nachmittag – aber niemand packt seine Sachen, niemand steht auf. Alle sehen mich nur mit großen Augen an.

“Haben wir irgendwas verbrochen, Herr Klinge?” fragt ein Schüler von hinten.

Ich bin völlig irritiert und frage mich blitzartig, ob ich an einer gespaltenen Persönlichkeit leide. Hat ein Teil von mir in der Stunde geschimpft und geflucht und ich erinnere mich gar nicht daran? Bin ich vielleicht zwei Lehrer? Ist mein anderes Ich vielleicht ein…

“Was denn?” frage ich schließlich.

“Normalerweise…”, belehrt ich eine Schülerin vorsichtig, “beenden Sie jede Stunde mit ‘Es war mir eine Freude!’. Aber heute haben Sie das nicht gesagt. Haben wir etwas falsch gemacht?”

Von allen Lehrerticks, die man so haben kann, ist dieser ein ganz wunderbarer. Es ehrt mich, dass das meinen Klassen wichtig ist. War mir vorher gar nicht so bewusst.

“Also! Es war mir eine Freude!”

Alle packen ein.

Und ihr? Welche Rituale/Ticks habt ihr so oder hatten eure Lehrer?

Mein Job, dein Job

IMG_20160908_165227Vor kurzem durfte ich einen Artikel für die Zeitschrift “Family” schreiben, der sich mit unserem familiären Alltag auseinandersetzt. Es geht um heute und jetzt und später und Job und Freizeit und Familie.

Heute wurde mir ein Exemplar zugeschickt und ich muss immer wieder verwundert den Kopf schütteln, dass aus mir doch noch etwas geworden ist.
Ohne sehr viel unverdientes Glück, ein Haufen Zufälle und eine geduldige Ehefrau würde ich heute sicher irgendwo Regale einräumen und von einem besseren Leben träumen, während ich nebenberuflich Pokémon jage und World of Warcraft zu Ende spiele.

Wie gern würde ich meinen ehemaligen Lehrern danken.