Schülerstreiche

2014-02-06 14.48.27

Neulich schrieb eine Kollegin etwas an die Tafel und als sie sich wider umdrehte, saßen alle 28 Kinder der Klasse stumm da, hatten sich ihre Scheren wie Schnurbärte unter die Nasen gehängt und strahlten die Lehrerin an.

Weil meine Rabauken-Klasse in der Mittagspause so wild tobt, dass der Klassenraum darunter zu leiden hat, wird der Raum seit Wochen in der Pause abgeschlossen.

Niemand darf hinein.

Sehr zum Protest der Schüler, die immer wieder versichern, sie könnten ja gar nicht beweisen, dass sie sich gebessert hätten, solange sie nicht in den Raum dürften. Aber sie wissen genauso gut wie ich, dass das nicht stimmt.
Ein paar der Jungs haben nun die Türklinke abmontiert und versetzt wieder angebracht – mit dem Ergebnis…

…das man die Tür nicht mehr abschließen kann.

Flirten - Mann

Dem Mist hinterherzuräumen, den Kinder den ganzen Tag anstellen ist anstrengend. Sehr. Aber es gibt eine Form von intelligenten Scherzen, über die ich durchaus schmunzeln kann. Eine lustige Klasse zu haben ist ein Geschenk. :-)

Wuff.

2014-02-19 14.59.38Gerade ist anstrengend. Sehr.
Seit einer Woche haben wir einen kleinen Hund und.. ja – ich habe ausgeblendet, wie anstrengend das damals war. Vermutlich ist das wie mit der Kindererziehung – im Nachhinein ist das alles irgendwie problemlos gelaufen, aber daran, dass man alle zwei Stunden aufstehen musste, erinnert sich niemand mehr.
Gerade verbringe ich die Nächte auf der Couch – alle zwei Stunden mit dem Hund raus. Das schlaucht etwas. Nach vier Tagen hört sie einigermaßen auf “Komm”, “Aus” und “raus?”
Für meine Tochter ist Hundeerziehung eine frustrierende Erfahrung: In den buntesten Farben hat sie sich ihr Leben mit Hund vorgestellt – aber Strenge kam darin nicht vor. Und Konsequenz auch nicht.

Als besonders anstrengend empfinde ich jedoch die Leute, die es gut meinen mit mir. “Oh, ein Australian Sheperd – da habt ihr euch ja was angetan.” “Oh, ein Aussie braucht aber seeeehr viel Bewegung”. “Ein Australian Sheperd? Wann findest du denn Zeit für den? Der muss doch ständig…” “Geht ihr nicht in eine Welpenschule?”

Und so weiter.

Ich habe schon Aussies großgezogen. Meinem ersten habe ich beigebracht, die Tür hinter sich zuzumachen und die entflohenen Hühner einzufangen. Alle haben sie gerne Fußball gespielt und getobt und gekuschelt und überhaupt. Aber noch lieber haben die sich faul die Sonne auf den Pelz braten lassen. Und die Kombination von Schlafmangel & guten Ratschlägen ist gerade anstrengend. Aus diesem Grunde liegt der Blog auch etwas brach.

Nicht, dass es nichts zu erzählen gäbe – aber ich komme gerade nicht dazu. Besonders bedrückend: Ich stelle frappierende Ähnlichkeit zwischen meinen tobenden Sechstklässlern und jungen Hunden fest.

Klingt fies?

Also gut. Zwei Beispiele.
Neulich wurde im Flur miteinander gerangelt. Ziel des Spiels war es, dem anderen die Beine wegzuziehen, damit er auf den Allerwertesten knallt. Es war laut, es wurde gejapst und gelacht und ständig fiel jemand auf den Boden. Rede ich hier von Hunden oder Kindern?
Weil meinen Jungs in der Pause langweilig ist, bilden sie Räuberleitern und schauen durch kleine Lichtfenster im Treppenhaus ins Gebäude um mir zuzuwinken. Wie eine Sammlung junger Hunde vor einer Glastür stehen sie da, schauen die Aufsicht mit großen Kulleräuglein an und freuen sich einfach über das Leben.

Manchmal denke ich.. Oh! Der Hund muss raus. Hund

#3: Fisch

…In seinen Tagen kam Pul, der König von Assur, in das Land…

…zog Tiglat-Pileser, der König von Assur, heran… und verschleppte ihre Bewohner…

…zog Salmanassar, der König von Assur, gegen Samaria und belagerte es…

aus 2. Könige 15 und 18

Angegriffen.

Verschleppt.

Belagert.

Die Assyrer waren niederträchtig. Schreckliche, gewalttätige, aggressive Leute, die das Leben für die Israeliten zur Hölle gemacht haben. Jahr um Jahr um Jahr.

Nicht, dass wir heute wesentlich weiter entwickelt wären. Anfang des Jahres erklärte die CSU recht deutlich, welches Bild sie von den Rumänen habe. In Dafur metzeln sich verschiedene Volksstämme gegenseitig nieder. In Nigeria töten sich radikale Christen und fanatische Muslime gegenseitig. Eine elende Zeit, ohne Hoffnung auf Besserung.

Zu solch einer Zeit entstand die Geschichte um einen Mann namens Jona. Jona war ein Israelit. Und in dieser Geschichte trägt Gott Jona auf, eine Botschaft in die große Stadt Ninive zu bringen.

Ninive aber war in Assyrien.

Assyrien? Unser schlimmster Feind? Die verhassten Ungläubigen, die das Leben für unser Volk immer und immer und immer wieder zur Hölle machen? Gott will, dass ich in das Zentrum des Wahnsinns und des Bösen laufe und ihnen eine gute Botschaft überbringe? Im Ernst?

Jonah will nichts davon und so rennt er zum nächsten Hafen, springt auf ein Schiff und segelt in die entgegengesetzte Richtung.

Natürlich tut er das.

Ich würde auch in ein Boot springen.

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Der Vorleser.

2014-02-05 14.16.08Durch Herrn Rau bin ich auf das Buch “Tom’s Midnight Garden” aufmerksam geworden (nebenbei bemerkt ein weiterer Grund dafür, einen Blog zu führen und möglichst viele zu lesen). Die Beschreibung klang ganz wunderprächtig und erinnert tatsächlich an “Die Frau des Zeitreisenden”. Als treuer Greys Anatomy-Gucker habe ich auch bei diesem schnulzigen romantisch-sehnsüchtigen Roman mehr als einmal schlucken müssen.

Ohne das Buch genauer zu kennen, habe ich es als neue Vorlese-Lektüre (dazu mehr hier) für meine Klasse ausersehen, eine gebrauchte Ausgabe bei Amazon gefunden und begonnen, es meinen Schülern vorzulesen.

Durch verschiedene Umstände musste eine Kollegin (Deutsch) in meiner Klasse vertreten und in Ermangelung einer Alternative bot ich ihr das Buch zum Vorlesen an. Die Klasse kannte es nicht. Ich kannte es nicht. Aber sie würde das bestimmt prima hinbekommen.
Die Kollegin freute sich, forschte schnell nach ein paar Informationen zur Autorin Philippa Pearce und druckte das Deckblatt der englischen Ausgabe des Buches aus. In der Klasse sprach sie mit den Kindern über die unterschiedlichen Titelbilder und es wurden Mutmaßungen angestellt, worum es in dem Buch gehen könnte.
Anschließend wurden die ersten Seiten vorgelesen, bis die Kollegin stoppte und die Schüler bat, in Stichworten den möglichen weiteren Verlauf des Buches schriftlich zu skizzieren. Einzelne Ideen wurden an der Tafel gesammelt; und dabei zeigte sich, dass die Jungen eher auf Gespenster, Angst und Grusel hofften, während die Mädchen ihren Fokus auf den Garten und das Klettern auf Bäumen legten.

2014-02-05 13.19.20

Aus der Genderperspektive ist das natürlich ganz spannend zu betrachten.

Ich jedenfalls komme mir reichlich dämlich vor. Wieder einmal.
Da freue ich mich monatelang, mit dem Vorlesen von Büchern ein wunderbares Ritual gefunden zu haben – und dann schüttelt eine Deutschkollegin mal eben unvorbereitet eine komplette Stunde aus dem Ärmel, die weit, weit über das hinausgeht, was ich (als Naturwissenschaftler) so mit dem Lesen von Büchern verbinde.

Ich hoffe, dass das bleibt: Dieses sich-dämlich-fühlen. Das Staunen über die Einblicke und Arbeitsweisen anderer.

#2: Flut

Wie angekündigt, will ich heute über die Flut sprechen. Nicht, weil es eventuell zu dem gleichnamigen Blockbuster passt, der bald ins Kino kommt. Sondern weil unsere Ahnen es taten. Die Sumerer erzählten Hochwassergeschichten. Die Mesopotamier berichteten von der Flut. Und die Babylonier. Geschichten über Wasser und seine zerstörerische Kraft, Dörfer, Städte und ganze Landstriche zu verwüsten waren in der antiken Welt nicht unüblich.

Es gab sogar Geschichten über Menschen, die Boote bauten, um die Fluten zu überleben.

In all diesen Flutgeschichten ist das Wasser als eine Art göttliches Urteil betrachtet worden, als Strafe für die Menschen, bei denen vieles schief lief. Die Götter seien zornig, so glaubte man, und die Flut war der Weg, die Welt von allem Unrat zu reinigen.

Die Flut kam vierzig Tage lang über die Erde…
[Gen 7]

Wenn uns zu Beginn der Bibel also eine Geschichte über die Flut begegnet, ist das gar nicht so ungewöhnlich. Die Geschichte unterscheidet sich nicht einmal besonders von den anderen Geschichten der Sumerer, Mesopotamier oder Babylonier, weil sich dieser Gott nicht von denen der Sumerer, Mesopotamier und Babylonier unterscheidet – genervt von der Boshaftigkeit der Menschen, drückt er seinen göttlichen Zorn in Form einer Flut aus.

Aber dann passiert etwas ungewöhnliches in der Geschichte. Sie endet mit dem göttlichen Versprechen, dass so etwas nie wieder passieren werde:

Gott erschafft einen Regenbogen und schenkt uns ein Versprechen und einen Bund.

Bitte was?

Einen Bund. Eine Vereinbarung. Ein Schwur. Eine familiäre Bindung zwischen zwei Menschen, die zueinander gehören.

Das Ende dieser Flutgeschichte unterscheidet sich massiv von denen der anderen. Bei den anderen sind die Götter zornig und jeder stirbt und die Götter sind befriedigt. Ende der Geschichte.

Aber der Gott in dieser Geschichte ist anders. Er verpflichtet sich, mit den Menschen einen neuen Weg zu beschreiten, einen Weg, in dem das Leben erhalten und geachtet wird.

Warum wurde diese besondere Geschichte erzählt?

Warum hat diese Geschichte Bedeutung?

Warum hat sie Bestand?

Einige Gründe.

Erstens: Stellen wir uns vor, wir hätten keine NASA-Bilder als Desktophintergrund, keine Wetterberichte und auch kein Goggle-Maps. Stellen wir uns vor, wir hätten uns nie weiter als ein paar Kilometer von unserem Geburtsort entfernt. Nichts als die fünf, sechs Dörfer um uns herum.

Okay?

Und dann stellen wir uns vor, wie eine gewaltige, massive, wirbelnde und furchterregende Wand aus Wasser heranrast, aus heiterem Himmel und uns unser ganzes Leben nimmt. Wir erinnern uns an die Bilder aus Japan. Fukushima.

Was hätte das für Folgen in unserem Kopf?

Wir würde vermutlich tun, was man immer tut, wenn es einem schlecht geht – wir suchen nach Gründen. Und in der Antike war völlig klar, dass diese Art von Kräften, diese Dinge nur den Göttern möglich waren. Und diese Götter waren der Menschen offensichtlich überdrüssig geworden mit ihren Verleumdungen und dem Chaos und hatten wohl beschlossen, sie auszulöschen.

So sahen die Menschen (seinerzeit) die Welt.

Die Götter waren ziemlich sauer und genauso verstand man sie auch.

Aber diese Geschichte handelt von einem Gott, der eine Beziehung aufbauen will.

Ein Gott, der erretten will.

Ein Gott, der in einem Bund leben will.

Diese Geschichte handelt von einer neuen Sicht auf Gott und von Gott.

Keiner, der die Menschheit austilgen, sondern in Beziehung leben will.

Natürlich ist es eine einfache, primitive Geschichte. Natürlich. Es ist ja auch eine sehr, sehr alte Geschichte. Aber sie erzählt uns etwas darüber, wie die Menschen seinerzeit die Welt verstanden haben und was um sie herum geschah.

Diese Geschichte aber nur als alt und primitiv abzustempeln und wegzulegen, wird ihr nicht gerecht, denn als sie zum ersten Mal erzählt wurde, offenbarte sie ein atemberaubendes, neues Konzept über einen besseren, freundlicheren, friedvolleren Gott, der die besten Absichten für die Menschheit hatte.

Sie ist primitiv und gleichzeitig extrem progressiv.

Noch ein Gedanke. Über Einhörner.
(Wie großartig ist diese Überleitung?)

Wenn jemand (wir?) Geschichten aus der Bibel hören, dann oft mit rollenden Augen, die ein unterschwelliges “kannst du glauben, dass heutzutage noch jemand diesen Kram glaubt?” suggerieren.

Diese Form von Zynismus entsteht, denke ich, durch die Art und Weise, wie (oft sehr religiöse) Menschen versuchen zu beweisen, dass dort wirklich zwei Tiere jeder Art in der Arche standen und

Ja, das Schiff war groß genug!

Und

Natürlich hatte Gott einen Plan, was mit dem Elefanten-Pupsi-Mupsi geschehen sollte.

Etwas in der Art.
Bei dem Versuch, diese Texte in ihrer Wörtlichkeit zu begreifen, schießt man oft am Ziel vorbei – man begreift die wirkliche Aussage der Geschichte nicht. Denn diese Noah-Erzählung ist ein krasser Schritt nach vorne in der Geschichte der Menschheit gewesen, ein Durchbruch in dem Verständnis, wie die Menschen Gott betrachtet haben und ein weiterer Schritt hin zu einem weniger gewalttätigen, rationaleren Gott.

Sie beginnt wie die anderen Geschichten über die Flut,

aber dann geschieht etwas anderes,

etwas Neues.

Etwas Besseres.

Grund genug, von der Flut hin zu einem Fisch zu kommen.

Genauer gesagt, zu einem Fisch, der Leute verschluckt und sie nach drei Tagen wieder ausspuckt.

Dank geht an Rob Bell.